An Widerständen wachsen

Sprüche 3, 1 – 12

Mein Sohn, vergiss meine Weisung nicht, und dein Herz behalte meine Gebote, 2 denn sie werden dir langes Leben bringen und gute Jahre und Frieden; 3 Gnade und Treue sollen dich nicht verlassen

Einprägen soll der Angesprochen sich alles, was er bisher als Weisung empfangen hat, es nicht vergessen. Im Herzen behalten. Ein früher Vorläufer für Maria, von der es heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,19) Die geradezu zärtliche Anrede „mein Sohn“, be rückt einmal mehr ins Blickfeld: Ermahnungen, Ermutigungen brauchen den Mutterboden der Beziehung, Es ist eine Entfaltung nach zwei Seiten hin – in den „materiellen Bereich“ und in die geistliche Sphäre. Langes Leben, gute Jahre und Frieden – das kann man sehen, sogar zählen, bewerten und erzählen. Gnade und Treue dagegen sind Erfahrungen in einer anderen Weise. Erfahrungen, die auf Gottes Weise hinweisen.

Hänge meine Gebote an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, 4 so wirst du Freundlichkeit und Klugheit erlangen, die Gott und den Menschen gefallen. 5 Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, 6 sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen.

             Der Verfasser, der so mahnt und ermutigt, ist selbst einer, der behalten hat und nicht vergessen. Greift er doch deutlich erkennbar zurück auf die Wort aus Mose. Da heißt es von diesen Worten, den Geboten: „Du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“(5. Mose 6,8)

Und noch einmal, unmittelbar zuvor im gleichen Buch: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen.“(5. Mose 6,4-6) Es liegt für mich auf der Hand: Die Weisheit schöpft aus dem Denken der Schriften, die Theologen das deuteronomistische Geschichtswerk nennen. Ihr Einfluss reicht offensichtlich bis hin zu den späteren Schriften der Weisheit. 

Die Tafeln des Herzens freilich könnten auch eine andere „Quelle“ haben, einen der wichtigsten Hoffnungstexte Israels: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Jeremia 31,33)

Es ist bemerkenswert, wie die Weisheit die Hochachtung der Erkenntnis, der Einsicht, der Weisheit verbindet mit einer tiefen Skepsis  gegen den eigenen Verstand, so dass sie vor ihm warnen kann wie vor der fremden Frau (2,16): verlass dich nicht auf deinen Verstand. Es geht im Positiven immer um den Verstand, die Vernunft, die Weisheit, die aus der Bindung an Gott lebt. So etwas wie eine autonome Vernunft ist dem Lehrer der Weisheit nicht vorstellbar. Seine Vorstellung ist die gebundene Vernunft, die die Stimme Gottes vernimmt und sich von ihr leiten lässt.

7 Dünke dich nicht, weise zu sein, sondern fürchte den HERRN und weiche vom Bösen.

            Hier scheint der Apostel Paulus seine Vorlage gefunden zu haben: „Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“ (Römer 12, 16) Wo einer den HERRN fürchtet, sich vor Gott fürchtet, da wächst der Abstand zum Bösen. Fast wie von selbst. Es steht auf einem anderen Blatt, dass dieser Abstand geistige Klarheit und nüchterne Entscheidungen verlangt.

8 Das wird deinem Leibe heilsam sein und deine Gebeine erquicken. 9 Ehre den HERRN mit deinem Gut und mit den Erstlingen all deines Einkommens, 10 so werden deine Scheunen voll werden und deine Kelter von Wein überlaufen.

Einmal mehr folgt der Hinweis: Frömmigkeit lohnt sich. In der Spur der Gottesfurcht zu leben ist ein guter Weg. Es tut dem Leib gut, fördert das körperliche Wohlbefinden. Schlicht: wer mit sich innerlich einig ist, der spürt das auch an seinem Leib.

Daneben steht eine Einladung zum Opfer, einmalig im ganzen Buch. Ich lese es so, dass diese Einladung anknüpft an die Dankbarkeit, die aus dem eigenen Wohlergehen, der Ausgeglichenheit erwachsen kann. Sie sucht Ausdrucksformen – die Ausdrucksform der Zeit damals ist unter anderem das Dankopfer. Merkwürdig genug: das Opfer lässt die Scheunen und Keller überlaufen, übervoll werden. Sehr fromm formuliert; das Geheimnis, wie es zum Haben und Empfangen kommt, ist: Weggeben und Teilen. Und eben nicht: Raffen und Geizen. „Geiz ist geil“ verträgt sich nicht mit der Weisheit Israels.

11 Mein Sohn, verwirf die Zucht des HERRN nicht und sei nicht ungeduldig, wenn er dich zurechtweist; 12 denn wen der HERR liebt, den weist er zurecht, und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn.

Trotz der so überaus optimistischen Sicht auf den Segen der Weisheit: Es gibt auch die anderen Erfahrungen: dass der HERR zurechtweist. In meiner Luther-Bibel von 1912 heißt es noch: „Sei nicht ungeduldig über seine Strafe. Denn welchen der HERR liebt, den straft er,   und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn.“ Ich mag nicht wirklich darüber nachdenken, wie viel unheilvolle Folgen diese Übersetzung in deutschen Häusern und Wohnungen gehabt hat. Erst trec ht in der Verbindung mit dem anderen Satz aus den Sprüchen: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ (13,24) Wir nennen das heute schwarze Pädagogik.

Und es mutet mir einiges zu, wenn ich lese: „Zur Gottesfurcht gehört auch die geduldige Hinnahme des Leidens aus der Hand Gottes, denn das Leiden hat eine erzieherische Funktion und zeugt letzten Ende von der väterlichen Liebe Gottes“ (H.Ringgren, aaO. S.21) Für mich ist der Wahrheitserweis solcher Sätze ein Anwendungs-Test: Kann ich sie auch dem sagen, an dessen Krankenbett ich sitze? Dem Krebskraken jungen Mann? Oder der Mutter, die ein Kind verloren hat? Von mir weiß ich: Ich bekomme dies mit der erzieherischen Funktion dann nicht über die Lippen. Es wäre mir zu obszön. Wort von oben, ohne Empathie und Mitgefühl.

Darum mag ich die entschärfte neuere Luther-Übersetzung. Sie redet eher davon, dass wir an Widerständen wachsen. Dass es wohl eine Illusion ist, sich leid-freies Leben von der Wiege bis zur Bahre vorzustellen. Dass es die harten Erfahrungen der schweren Wege gibt, die unsere Geduld bis an die Grenzen und manchmal darüber hinaus fordern können.

Aber das dann immer noch gilt: Auch wer auf solchen harten Wegen unterwegs ist, vom dem gilt noch: Der HERR hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn. Was mich fasziniert: welches Licht von diesem Wort aus den Sprüchen her auf das Wort bei der Taufe Jesu fällt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“(Matthäus 3, 17) Erst recht in der Form der Zusage, wie sie sich bei Lukas und Markus findet: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“(Lukas 3,22; Markus 1,11) Von den Sprüchen her liest sich das wie eine Vorbereitung auf das Leiden auf dem Weg, den Gott diesen Täufling führen wird!

 

Mein Gott, „Soll’s uns hart ergehn, lass uns fest bestehen“. Wie oft habe ich das gesungen. Wie oft aber auch habe ich darum ringen müssen zu bestehen im Glauben auf den Glauben, in Ängsten, verzweifelt. Manchmal wütend auf Dich und die Welt.

Es ist oft genug ein Kampf, diese Zustimmung zu Deinen Wegen und es ist lange vorbei, dass ich singe: Gottes Wege sind immer gut.

Aber darauf traue ich, dass Du auch mit den harten Wegen Dein Ziel mit uns nicht verlierst, uns an Dein Ziel bringen wirst. Und dass immer Dein Wohlgefallen auf uns liegt, wie hart auch der Weg gerade sein mag. Amen