Lebensgewinn durch die Weisheit

Sprüche 2, 1 – 22

1 Mein Sohn, wenn du meine Rede annimmst und meine Gebote behältst, 2 sodass dein Ohr auf Weisheit Acht hat, und du dein Herz der Einsicht zuneigst, 3 ja, wenn du nach Vernunft rufst und deine Stimme nach Einsicht erhebst, 4 wenn du sie suchst wie Silber und nach ihr forschst wie nach Schätzen:

Was ist der Lebensgewinn, der durch die Weisheit entstehen, durch das Hören auf ihre Weisungen? Das ist eine durch und durch moderne Frage und zugleich schon die Frage zu allen Zeiten: Was habe ich davon, dass ich Gottes Wege gehen? Als Antwort „wird nun positiv der „Segen der Weisheit“ entfaltet. (W. Dietrich, aaO, S.45)

Wobei zunächst im Vordergrund steht, wie der Weg zur Weisheit aussieht: Es sind durch und durch Vokabeln, die einen Lernweg beschreiben. Annehmen, Behalten, Achthaben, – es geht um eine große Leidenschaft zu suchen  und zu fragen. Wissbegier, Lerneifer. Offenheit. Alles, um Weisheit zu gewinnen.

5 dann wirst du die Furcht des HERRN verstehen und die Erkenntnis Gottes finden.

Wo einer, eine sich so öffnet, so sucht und fragt, da kommt es zum Verstehen und Erkennen. Da wird das Herz erfüllt von der Furcht des Herrn. Da öffnet sich dem Auge das Geheimnis der Welt – und durch alles Sichtbaren hindurch kommt es zur Erkenntnis Gottes. In meiner Sprache: Die Wirklichkeit der Welt wird transparent auf die Wirklichkeit Gottes hin.

6 Denn der HERR gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Einsicht.

               Man kann von den vorhergehenden Sätzen her fragen: Kennt das Buch der Sprüche so etwas wie eine „lernbare Gotteserkenntnis“? Spätestens dieser Satz hier korrigiert die Frage: Es geht nicht um lernbare und lehrbare Religion, nicht um gelernte oder zu lernende Sätze. Aber wo sich ein Mensch Gott offen, fragend, suchend, bittend hinhält, da gibt der HERR Weisheit. Es ist sein Geben, nicht das Erarbeiten der Menschen. Es ist sein Reden. Wenn Gott schweigt, gibt es keine Erkenntnis und Einsicht.

Steil gesagt: Wir können die Welt erforschen vom Mikrokosmos bis in die entferntesten Galaxien. Wenn Gott sich nicht zu Wort meldet, werden wir immer nur uns selbst in diesem Forschen begegnen. Wenn er schweigt, bleiben wir an den Grenzen unserer Vernunft hängen. Es braucht sein Reden, damit wir mehr vernehmen. „Weisheit ist in der Tat nichts, was der Mensch selbst ergründet, sondern ein Geschenk Gottes.“ (H.Ringgren, aaO. S.18)

Damit ist aber Suchen und Fragen nicht überflüssig. Es ist die Überzeugung in diesen Worten: „Wer nach Weisheit und Einsicht sucht, wird auch die wahre Gottesfurcht und die rechte Gotteserkenntnis, in anderen Worten den Sinn der Religion, finden.“(H.Ringgren, ebda.) Auf der Seite des Menschen also suchen und fragen, auf der Seite Gottes: Geben.

7 Er lässt es den Aufrichtigen gelingen und beschirmt die Frommen. 8 Er behütet, die recht tun, und bewahrt den Weg seiner Frommen. 9 Dann wirst du verstehen Gerechtigkeit und Recht und Frömmigkeit und jeden guten Weg.

            Aus der Furcht Gottes und seiner Erkenntnis erwächst ein gutes Leben. Es gibt die  Erfahrungen von Erfolg und Schutz, von behütet Werden und bewahrt Werden.  Vielleicht sind die Psalmworte wie ein Reflex auf diese Aussagen zu lesen, wie ein Gebet, das aus der gleichen Überzeugung und Erfahrung genährt ist:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.                                                           Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.            Er erquicket meine Seele.                                                                                                             Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.                                      Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;                      denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.            Psalm 23, 1 – 4

             Hier taucht als leitendes Bildwort der Weg auf. Die Weisheit verhilft dazu, den richtigen, den guten Weg für das Leben zu gehen. Sie nimmt nicht die Mühe des Gehens ab, aber sie zeigt die Richtung und die guten Schritte.  Weisheit ist nicht die Klärung von theoretischen Fragen, sondern die lebenspraktische Hilfe zu einem frommen, Gott entsprechenden und den Menschen wohltuenden Leben.

 10 Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein, 11 Besonnenheit wird dich bewahren und Einsicht dich behüten,

Es ist das Bild eines Lebens, das nicht von außen bestimmt wird, sondern von innen geleitet. Die Weisheit wirkt auf Herz und Seele ein, auf die willens- und die Gemütskräfte. Sie hilft auch zum Abstand, zur Distanz, die man braucht, um richtige Entscheidungen zu fällen. Es ist ein durch und durch positives Bild, das hier gemalt wird, in dem „der sittliche Optimismus der Weisheitslehre zum Ausdruck“ (H.Ringgren, aaO. S.18) kommt. Diesem verlockenden Ausblick folgt ein ganz anders klingender Einschub in den Satz.

 – 12 dass du nicht gerätst auf den Weg der Bösen noch unter Leute, die Falsches reden, 13 die da verlassen die rechte Bahn und gehen finstere Wege, 14 die sich freuen, Böses zu tun, und sind fröhlich über böse Ränke, 15 die krumme Wege gehen und auf Abwege kommen, – 16 dass du nicht gerätst an die Frau eines andern, an eine Fremde, die glatte Worte gibt 17 und verlässt den Gefährten ihrer Jugend und vergisst den Bund ihres Gottes; 18 denn ihr Haus neigt sich zum Tode und ihre Wege zum Ort der Toten; 19 alle, die zu ihr eingehen, kommen nicht wieder und erreichen den Weg des Lebens nicht,

Es sind Warnungen. Der innengeleitete Mensch ist nicht wo von selbst gefeit vor dem, was von außen an ihn herangetragen wird.  Es gibt Abwege. Es gibt Menschen, die finstere Wege kennen und gehenb, die für die illegale Abkürzung zum Erfolg werben, die Böses tun und sich daran freuen, dass andere ihnen folgen. Es gibt eine anziehende Kumpanei des Bösen. Tief eingefahren Spuren, aus denen man nicht so leicht herauskommt, wenn man einmal hineingeraten ist. Wer erst einmal auf der schiefen Bahn ist, gerät leicht immer rascher in Stürzen.

Dann kommt das Bild von der fremden Frau, an die man geraten kann. „Fremdgehen“ sagt der Volksmund für das Ausbrechen aus der Ehe und weiß nicht, woher er das hat. Hier klingt es ein bisschen, als sei der Mann allemal Opfer der Verführung, der glatten Worte. Die Frau wird gezeichnet als die, die ihrerseits den Gefährten der Jugend verlässt. Sie sucht also nur den, der wie sie selbst  den geraden Weg verlässt: sie macht ihn zum Komplizen der eigenen Schuld. Auch wenn hier nur vom Ehebruch die Rede ist: es ist klar, dass dieser Lehrer der Weisheit das aufs Schärfst missbilligt und verwirft.

Es gibt die Überlegung, dass diese Rede vom Ehebruch „nur“ ein Bild sei – für die religiöse Untreue. Für ein Nachlaufen hinter anderen Göttern als dem HERRN. Was dafür spricht, ist die Beobachtung bei den Propheten. Hosea verwendet dieses Bild für die Untreue Israels. (Hosea 2) Und nicht nur er.  Auch das ist zu bedenken: „Der Abfall von Jahwe wird auch in Jeremia 3,4 als Untreue gegen den Jugendfreund bezeichnet.“(H.Ringgren, aaO. S.18)

So reizvoll im wahrsten Sinn des Wortes der Weg mit und zu der fremden Frau auch sein mag – sein Reiz ist trügerisch. Er führt in das Haus des Todes. Er ist ein Weg ohne Wiederkehr. Eine Sackgasse. Das größere Leben, das dieser Weg verspricht, die größere Freiheit erweisen sich als Lug und Trug. Die diesen Weg wählen, finden, erreichen den Weg des Lebens nicht.

Wir haben es demnach mit einer doppelte Warnung zu tun: Einmal mit der Warnung vor dem tatsächlichen Ehebruch, dem Fremdgehen. Dann aber auch mit der Warnung, hinter fremden Göttern herzulaufen, in Tempeln zu opfern, die nicht dem HERRN zugehören. Es ist kein Zeichen von Weisheit, wenn einer alles in Sachen Glauben gleich gelten lässt. Ein deutliche Anfrage an unsere Konzepte von Toleranz und interreligiösem Dialog. Sie müssen diesen Fragen standhalten können und dürfen sie nicht gleich-gültig überspringen.

20 dass du wandelst auf dem Wege der Guten und bleibst auf der Bahn der Gerechten; 21 denn die Gerechten werden im Lande wohnen und die Frommen darin bleiben, 22 aber die Gottlosen werden aus dem Land ausgerottet und die Treulosen daraus vertilgt.

Jetzt kommt das Lied zu seiner positiven Spur zurück. Das ist das Ziel von Besonnenheit und Einsicht, Weisheit und Erkenntnis: Auf der guten Bahn bleiben. Das Gute tun. Im Land wohnen – die uralte Hoffnung Israels wird hier angedeutet. Es ist ein dynamischer Vorgang, der hier beschrieben wird, wir würden wohl auch sagen: ein Prozess. Jedenfalls geht es nicht nur um einen mehr oder weniger frommen Standpunkt, der verteidigt wird. Sondern um Gehen, Um Handeln, wohl auch um Fortschritte auf dem guten Weg.

Zwei Parallel-Texte gehen mir durch den Sinn, die gedanklich nahe dran sind:. Einmal, wie so oft, ein Psalm. Es scheint mir insgesamt bemerkenswert, wie stark das Denken der Psalmen Eingang findet in die  anderen Gattungen  der Schrift, nicht nur der Hebräischen Bibel.

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;                                                                    prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.                                                                          Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,                                                                                 und leite mich auf ewigem Wege.       Psalm 139, 23-24

Genauso könnte, nach meinem Eindruck, auch die Weisheit lehren zu bitten. Daneben steht das Kirchenlied, über zweitausend Jahre später geschrieben, in dem einer die Selbstbestimmung über den eigenen Weg gleichfalls aus der Hand gibt.

Jesu, geh vor an auf der Lebensbahn!                                                                                 Und wir wollen nicht verweilen, Dir getreulich nachzueilen.                                       Führ‘ uns an der Hand bis ins Vaterland.     N. L. von Zinzendorf 1753, EG 391

Es scheint so, als sei das der Gipfel der Weisheit: die autonome Selbstbestimmung über das eigene Leben einzutauschen in der Gottesfurcht, im Hören auf Gott, im Gehorchen. Das eigene Leben zu einem Nachlaufen hinter Jesus werden zu lassen. Oder, wie es ein langjähriger Weggefährte singt:

Ich stolp’re Jesus hinterher.“                                                                                              C. Bittlinger, CD Sei behütet, Stuttgart 2005

 

Mein Herr Jesus, Dir vertraue ich mein Leben an, wieder und wieder, weil ich Dich kennengelernt habe als den, der mich liebt, der mich nicht ins Irre laufen lässt, der mich leitet durch seinen Geist, wenn ich mich nur leiten lasse.

Darum übe ich es wieder und wieder, mich Dir hinzuhalten, mein Herz Dir zu öffnen, mein Leben fragend vor Dir auszubreiten, damit Du Einfluss gewinnst auf meine Entscheidungen.

Gib, dass dieses Offenheit zu Dir zur guten Gewohnheit wird, damit Dein Geist in mir Wohnung nehmen kann. Amen