Höre ich, wenn die Weisheit ruft?

Sprüche 1, 20 – 33

20 Die Weisheit ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen. 21 Sie ruft im lautesten Getümmel, am Eingang der Tore, sie redet ihre Worte in der Stadt:

Wie eine Person ist die Weisheit hier vorgestellt. Weil die Weisheit im Deutschen, wie im Griechischen σοφα, Sophia (so übersetzt die Septuaginta), vom Geschlecht des Worte her weiblich ist, taucht vor dem inneren Auge – bei mir – die Gestalt einer Frau auf. Sie steht im treiben der Gassen einer Stadt und ruft. Lässt ihre Stimme hören. Sie ist laut nicht leise. Deshalb muss sie noch lange nicht gleich schrill sein. Aber sie mischt sich ein. Bezieht Stellung und macht ihr Sicht deutlich. Nennt die Dinge beim Namen.

Es gibt auch das andere Bild in der Hebräischen Bibel: „Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jesaja 42,1-3) Darf die Weisheit sich kräftig  zu Wort melden, so wird der Knecht Gottes es anders, auf seine Weise tun. Gut, dass es beide Weisen gibt.

22 Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig sein und ihr Spötter Lust zu Spötterei haben und ihr Toren die Erkenntnis hassen? 23 Kehrt euch zu meiner Zurechtweisung! Siehe, ich will über euch strömen lassen meinen Geist und euch meine Worte kundtun.

Es ist ein Ruf zur Umkehr. Er richtet sich an Leute, die schon lange anders unterwegs sind. Auch die Unverständigen, Spötter und Toren, lange verfestigt in ihrer Geisteshaltung, werden nicht als hoffnungslose Fälle aufgegeben. Irgendwann müssen sie doch ihren Weg Leid werden. Die Weisheit setzt darauf, dass sie vielleicht doch hören werden. Keiner muss so bleiben wie er ist. Kehrt euch um. Da steht eines der Hauptworte der Schrift insgesamt: šûb. Es kann Abkehr, Umkehr und Hinkehr bedeuten, je nachdem, wie es der Zusammenhang erweist. Aber es ist eine der zentralen Einsichten schon in Israel: Es gibt das Vertrauen auf Gott, die Bindung an Gott, den Glauben, immer nur in der Weise, dass wir uns abkehren von falschen Wegen und hinkehren zum Weg Gottes.

Auf dieser Umkehr liegt Verheißung: Die so neu hören, werden den Geist der Weisheit und ihre Worte empfangen. So, dass sie hörenden und gehorchende Leute werden. Einen neuen Weg für sich entdecken. Die Sprüche können an Prophetenworte anknüpfen: „Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“(Jesaja 44,3) Josua wird vom „Geist der Weisheit“ (Josua 1,9) geführt. Und dieser Geist kennzeichnet dem der aus der Wurzel Jesu stammt: „Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“(Jesaja 11,2) Wenn die Weisheit hier also ihren Geist als Gabe an die Umkehrenden verspricht, so ist das keine geringe Gabe!

24 Wenn ich aber rufe und ihr euch weigert, wenn ich meine Hand ausstrecke und niemand darauf achtet, 25 wenn ihr fahren lasst all meinen Rat und meine Zurechtweisung nicht wollt: 26 dann will ich auch lachen bei eurem Unglück und euer spotten, wenn da kommt, was ihr fürchtet; 27 wenn über euch kommt wie ein Sturm, was ihr fürchtet, und euer Unglück wie ein Wetter; wenn über euch Angst und Not kommt.

Wenn aber der Ruf ins Leere geht? Dann wird er zum Gerichtswort werden. Dann werden alle Ängste keine tröstende Antwort mehr finden, alle Furcht wird sich bewahrheiten. Es ist ein hartes Gericht: Das, wovor man sich auf eigene Faust und nach eigenem Gutdünken schützen zu können meinte, das wird sich als stärker erweisen.

 28 Dann werden sie nach mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich suchen und nicht finden. 29 Weil sie die Erkenntnis hassten und die Furcht des HERRN nicht erwählten, 30 meinen Rat nicht wollten und all meine Zurechtweisung verschmähten, 31 darum sollen sie essen von den Früchten ihres Wandels und satt werden an ihren Ratschlägen.

            „Es gibt eine unerbittliche Logik im Geschehen.“ (H.Ringgren, aaO. S.16) Ängste und Sorgen und Befürchtungen erweisen sich als nur zu berechtigt. Aber der Zeitpunkt, sich Hilfe zu suchen, ist versäumt und nicht mehr zurück zu holen. Israel hat das mehr als einmal erlebt, dass der Ruf zur Umkehr ohne Antwort blieb und dann ist alles Rufe ein Rufen ins Leere.

Es gibt, so sagt die Weisheit, den verpassten Augenblick, Dinge zu ändern. Sie werden mich suchen und nicht finden. Diese Worte sind nahe bei Worten des Propheten Amos: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören; dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des HERRN Wort suchen und doch nicht finden werden.“(Amos 8,11-12) Das legt mir nahe Darüber nachzudenken, dass die Weisheit auch durch Gedanken der prophetische Überlieferung gespeist sein kann. Sind doch die Propheten „Meister“ der pointierten Rede.

Auch die Verkündigung Jesu kennt solch ein Rufen ins Leere, ein zu spät Kommen: „Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.“(Matthäus 25,12) und korrespondierend:  „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“(Matthäus 7,21)

            Es gibt also ein Suchen, das blind bleibt, ein Rufen ohne Echo. Umso bemerkenswerter und hart neben diesem Wort die andere Botschaft Jesu, auch sie im Matthäus-Evangelium: „Suchet, so werdet ihr finden.“ (Matthäus 7,7) Es bleibt bei Jesus nicht bei dem Gerichtswort. Er ruft neu und lädt seine Hörer, wie gott-vergessen sie auch sein mögen, zu neuem Suchen ein.

Es ist wichtig, in diesen harten Worten nicht eine beleidigte Stimme zu hören: Gott reagiert nicht beleidigt. Eine mahnende Stimme aber wohl, die davor warnt, die Umkehr zu versäumen, die Worte der Warnung auf die leichte Schulter zu nehmen. Es ist ernst mit diesem Rufen. Todernst.

Hinter diesen Worten steht das, was Theologen den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ nennen: Das Tun eines Menschen hat immer Folgen für ihn selbst. Positive Folgen oder eben auch negative. Aus dem Bösen erwächst neues Böses, das auf den Täter zurückfällt, so wie die guten Taten denen nachfolgen, die sie tun. Dieser Zusammenhang funktioniert und gilt nicht immer und überall – dafür ist das Hiob-Buch ein deutliches Dokument. Aber er prägt weithin das Denken weisheitlicher Schriften, so auch hier.

 32 Denn den Unverständigen bringt ihre Abkehr den Tod, und die Toren bringt ihre Sorglosigkeit um; 33 wer aber mir gehorcht, wird sicher wohnen und ohne Sorge sein und kein Unglück fürchten.

Noch einmal: Zwei Wege. Und die diese Worte hören und lesen, haben die Wahl: Leben oder Tod. Abkehr und Sorglosigkeit nach Menschenmaß oder Leben im Gehorsam. Wer sich auf den Weg des Gehorsams gegen die Worte der Weisheit rufen lässt, der erfährt, dass das ein gesegnet weg ist: Er wird sicher wohnen und ohne Sorge sein und kein Unglück fürchten.

Ist das moralisch überhöhte Schwarz-Weiß-Malerei? Gibt es nicht auch Grautöne? Muss es immer entweder-oder sein? Wenn ein Haus brennt, gibt es nur einen Weg und keine Wahl: Raus aus dem Feuer. Wir kennen aus dem eigenen Leben genügend Situationen, in denen es mit dem sowohl-als auch vorbei ist. In denen Entscheidungen fallen und gefällt werden müssen. Es gibt keine friedliche Koexistenz zwischen dem Guten und dem Bösen.

Das Drängen der Weisheit ist ein Drängen um des Menschen willen. Halbherzig und mit gespaltenem Herzen lässt sich der Weg Gottes nicht gehen. Es braucht die ganz Hingabe an gott, so wie er sich ganz an uns und für uns gegeben hat.

 

Mein Gott, Du hörst nie auf, nach Deinen Menschen zu rufen, unsere Umkehr zu suchen. Du rufst durch Deine Weisheit wieder und wieder, im Lärm des Lebens.

Öffne Du uns die Ohren und das Herz, dass wir Dein Rufen hören, dass wir es zu Herzen nehmen, dass wir uns hinkehren zu Dir, auch wenn uns das ein Abkehren abverlangt von vielem, was uns einmal das Leben zu versprechen schien.

Höre Du nicht auf zu rufen und lass uns nicht aufhören,Dich und Deine Weisheit zu suchen und ihr zu folgen. Amen