Sich nicht verlocken lassen

Sprüche 1, 8 – 19

8 Mein Sohn, gehorche der Zucht deines Vaters und verlass nicht das Gebot deiner Mutter; 9 denn das ist ein schöner Schmuck für dein Haupt und eine Kette an deinem Halse.

Es ist eine freundliche, zugewandte Anrede, die sich im Folgenden noch oft wiederholen wird: Mein Sohn. Sie wirbt um gehorchen, zuerst also um schlichtes Hören auf die Worte. Gehorchen fängt mit Hören an. Mit vertrauensvollen Hören. Daraus kann dann auch gehorchen werden als ein Zustimmen zu dem Gehörten. Freiwillig, innerlich gewonnen zustimmen.

Unterweisung, Hinführung zur Weisheit, überhaupt alle Pädagogik geht nicht nur in der sachlichen Distanz, die braucht die Nähe, die Freundlichkeit, die positive Beziehung. Wer sich nur als Vermittler von Sach- und Fachwissen sieht, wird niemandem das Leben öffnen, sondern allenfalls den Kopf füllen. Mit Fakten. Kaum mit Weisheit.

Die Zucht des Vaters und die Gebote der Mutter gehören zusammen. Für das Gebot steht hier das Wort torah, das sonst vor allem die Weisungen Gottes, das Gesetz bezeichnet.  So hätte das Wort der Mutter eine Nähe zu den guten Weisungen Gottes und damit gewinnt wohl auch das Wort Zucht einen anderen Klang. Es ist kaum gemeint, dass der Vater den Sohn züchtigen soll, womöglich schlagen: Er soll ihn an Regeln gewöhnen, ihm die Grenzen deutlich machen, die es gibt. Mir gefällt: „Laut dem Talmud ist mit „Vater“ Gott und mit „Mutter“ die Gemeinde gemeint.“ (H.Ringgren, aaO. S.14) Ich sehe darin eine Nähe zu dem afrikanischen Sprichwort: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es eine ganzes Dorf.“ Einmütigkeit in Fragen von Erziehungsstil und Erziehungsziel aller Beteiligten.

Es ist ein positives Bild: Das Produkt einer solchen gemeinsamen Erziehung ist keine Schlinge um den Hals, kein gebeugter und gebrochener Mensch. Es ist einer, eine, der oder die den Kopf hoch tragen kann, ohne hochmütig zu sein, Rückgrat hat. Ein Mensch, der Hören gelernt hast, Ratschläge nicht verwirft oder einfach ablehnt, der auf andere hören kann, ist ein Mensch mit positiver Ausstrahlung. Ein schöner Schmuck. Einer, den man gerne sieht und ansieht.

 10 Mein Sohn, wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht. 11 Wenn sie sagen: »Geh mit uns! Wir wollen auf Blut lauern und den Unschuldigen nachstellen ohne Grund; 12 wir wollen sie verschlingen wie das Totenreich die Lebendigen, und die Frommen sollen sein wie die, welche hinunter in die Grube fahren; 13 wir wollen kostbares Gut finden, wir wollen unsre Häuser mit Raub füllen; 14 wage es mit uns! “Einen” Beutel nur soll es für uns alle geben«:

            Es folgt eine ausgesprochen plastische Darstellung der Verlockungen, denen ein junger Mann, aber auch eine junge Frau, ausgesetzt ist – nicht nur damals. Er, sie, wird angeworben für eine Gemeinschaft – mit Versprechungen, mit der Zusage von Gemeinschaft: Wir brauchen dich. Wir schätzen dich. Wir haben große Ziele. Wir teilen alles mit dir. Es sind auch Sprüche, die auf eine Ablösung von den alten, „eingefahrenen“ Wegen der Väter und Mütter zielen: Nur keine Skrupel. Worauf es ankommt, ist allein dies: wir wollen kostbares Gut finden, wir wollen unsre Häuser mit Raub füllen.

            Das schnelle Geld, die Ehre, dabei zu sein. Die Erfahrung der gemeinsamen Aktion – das alles versprechen die bösen Buben. Die „Szene“ erinnert an die Werbemaßnahmen, die bis heute funktionieren, um Kämpfer zu rekrutieren, um in eine Clique hineinzuziehen. Und bis heute finden solche Versprechungen offene Ohren. Vor allem bei denen, die es nicht erfahren haben, wie Vater und Mutter sich ihnen liebevoll und sorgsam zugewendet haben. Die sich nicht wertgeschätzt wissen. Sie fallen auf solche Botschaften von Wertschätzung leicht herein.

 15 mein Sohn, wandle den Weg nicht mit ihnen, halte deinen Fuß fern von ihrem Pfad; 16 denn ihre Füße laufen zum Bösen und eilen, Blut zu vergießen.

Wie dagegen halten? „Der Lehrer hat ja nicht die Möglichkeit des materiellen Anreizes.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S.34) Er kann nur an die bessere Einsicht appellieren. Warnen: Halte dich fern. Geh nicht auf diesen Wegen. Mach nicht mit bei diesen Exzessen. Lass dich nicht verführen. Gewalt ist keine Option. Wie attraktiv dese Warnungen oder Mahnungen sind, hängt wohl daran, wie gut die Beziehung der Hörenden zu den Warnenden ist. Ob sie hinter dem Warnen die Sorge hören, die Wertschätzung  und Liebe spüren.

Einmal mehr fällt mir das Netzwerk biblischer Worte auf:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                                                     noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                         Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,                                                                 aber der Gottlosen Weg vergeht.                  Psalm 1,1.6

17 Man spannt das Netz vor den Augen der Vögel, doch lassen sie sich nicht warnen;18 so lauern jene auf ihr eigenes Blut und trachten sich selbst nach dem Leben. 19 So geht es allen, die nach unrechtem Gewinn trachten; er nimmt ihnen das Leben.

            Es sind unbelehrbare Menschen. Sie sehen nicht, was offenkundig ist,. So wie Vögel das Netz, in dem sie gefangen werden sollen, nicht sehen. Sie verstehen nicht, dass ihr Weg eine Sackgasse ist. Vielleicht darf man sagen: Sie denken nur im Augenblick und nicht vom Ende her. Das Ende aber dieser Wege ist vergiftet. Der unrechte Gewinn nimmt das Leben, rafft es dahin.  Tausendmal erzählt im Buch und im Film, wo die Gemeinschaft der Bösen in dem Moment zerbricht, wo das „Ding“ gedreht ist, der „Bruch“ gelungen und es gilt, die Beute zu teilen.

„Quidquid agis prudenter agas et respice finem.“ Das mussten wir als Schüler vor über fünfzig Jahren auswendig lernen, als eine Weisung für das Leben: „Was du auch tust, handle sorgsam, bedacht, und bedenke das Ende.“

 

Mein Gott, es gibt so vieles, was einen verlocken kann, nicht nur junge Leute. Es gibt so vieles, was plausibel erscheint, wenn es darum geht, das eigene Schäfchen ins Trockene z bringen. Da scheinen Skrupel nur hinderlich.

Gib Du, dass ich mich nicht verlocken lassen, nicht vom Weg der Redlichkeit abweiche, nicht mit faulen Tricks Erfolg einfahren will, nicht zu Lügen und Betrügen greife, weil es angeblich alle tun und es ja auch keiner merkt.

Lehre Du mich in der Spur der Wahrheit zu bleiben, Deine Gebote zu achten, alltäglich und nicht nur im Reden. Amen