Von der Furcht des Herrn

Sprüche 1, 1 – 7

1 Dies sind die Sprüche Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel,

Schon diese ersten Worte weisen auf Vielfalt hin. „Mischle“ (hebr.), Sprüche werden angekündigt und damit eine Vielfalt von Formen. Es können Kurze Sinnsprüche sein, Sprichworte, die umlaufen, aber auch längere Texteinheiten. Sprüche entstehen als Reaktion auf Ereignisse, bei Zusammensein von Menschen, im Gespräch, als Spottverse.

Was im Folgenden zu lesen sein wird, wird größtenteils auf Salomo zurückgeführ. Aber er ist nicht der einzige Spruch-Produzent. Agur (30,1) und Lemuel (31,1) werden gleichfalls als Verfasser von Sprüchen genannt.  Aber dennoch hängt das Buch An dem König, dessen Weisheit schon in früher Zeit, zu seinen Lebzeiten sprichwörtlich geworden ist.

2 um zu lernen Weisheit und Zucht und zu verstehen verständige Rede, 3 dass man annehme Zucht, die da klug macht, Gerechtigkeit, Recht und Redlichkeit; 4 dass die Unverständigen klug werden und die Jünglinge vernünftig und besonnen.

Es folgen die Ziele, die mit dieser Sammlung verfolgt werden. Weisheit lernen, verstehen lernen, Einüben von  Gerechtigkeit, Recht und Redlichkeit. Schon diese wenigen Worte genügen, um zu verstehen: es geht nicht um Ausbildung, nicht um intellektuelle Förderung. „Die Weisheit ist keine Einsicht um ihrer selbst willen.“ (H.Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S.13) Sie zielt auf die Lebensführung. Es geht um so etwas wie Lebensweisheit. Es geht um das, was wir gerne „soziale Kompetenz“ nennen. Weisheit will das „gute Leben“, das bestehen kann vor Gott und den Menschen.  

Ob sich die Sprüche in besonderer Weise an junge Leute richten? Darauf könnte hindeuten, dass als ein Ziel genannt wird, dass die Jünglinge vernünftig und besonnen werden. Aber wenn unmittelbar davor von den Unverständigen die Rede ist, so verbietet sich diese Erwartung: nur für junge Leute. Unverständige gibt es schließlich in jedem Lebensalter. Vom Umgenhen mit diesen Worten werden alle Altersgruppen, alle sozialen Gruppen, beide Geschlechter Lebensgewinn haben. Selbst wenn sie dadurch nicht klüger werden.

5 Wer weise ist, der höre zu und wachse an Weisheit, und wer verständig ist, der lasse sich raten, 6 dass er verstehe Sprüche und Gleichnisse, die Worte der Weisen und ihre Rätsel.

Auch diese Worte wehren einer Engführung auf das Verständnis der Sprüche als Lehrbuch für die Jugend, die Erwartung ist vielmehr: gerade, wer schon vom  Leben berührt ist und versteht, dass Weisheit wichtiger ist als Intellektualität, Herzensbildung wichtiger als Fertigkeiten und Ausbildung, der wird hier mit Gewinn lesen. „Der Weise wird durch die Einsicht der anderen nicht nur bereichert, sondern sie ist ihm lebensnotwendig, denn sie verhindert, dass er einseitig wird.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S.27) Die Sprüche tragen dazu bei, dass Weisheit wächst, gefördert wird. Lebenskunst und Lenkungskunst – das ist das Programm dieser Sammlung.

7 Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.

Mit diesem Satz wird das Verständnis des ganzen Buches unter ein Leitmotiv gestellt: Wenn von so etwas wie Weisheit überhaupt sinnvoll die Rede sein kann, dann nur im Gegenüber zu Gott. Gottesfurcht ist der Anfang aller Weisheit, aller Erkenntnis. Das ist ein Gegenschlag gegen die Überlegungen, die auch in der Welt sind: „Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.“(1. Mose 3, 5-6) Es gibt die Verführung zu einer Welterkenntnis und einem Weltverständnis, dass sich nicht vor Gott sieht, sich nicht vor ihm rechtfertigt, verantwortet, sich nicht von ihm leiten lässt.

Dem stellt die Weisheit, von der hier die Rede ist, ihre Einsicht entgegen: Alles wirkliche Erkennen, das dem Leben dient, wächst aus der Ehrfurcht vor Gott, vertieft diese Ehrfurcht. Alle Weisheit ist an Gott gebunden. „Im Dienst des Gottes seiner Väter lehrt und lebt der Weise  – und völlig abhängig von seinem Gott.“ Es ist die Furcht des HERRN, die ihn leitet und die er vermehren will. Kein Zufall, dass hier der Gottesname steht, den unsere Bibel meistens mit HWERR wiedergeben.

Wer glaubt, auf anderen Wegen die Weisheit zu erlangen, die das Leben verstehen lässt, die sich einfügt in den Weg Gottes mit der Welt, die auch Schweres tragen kann und darin nicht irre wird an Gott, der gleicht für den Weisen, der hier das Wort hat, einem Toren. Auch das ist von Anfang an eine eindringlicher Hinweis: Weisheit ist mit Zucht verbunden. Mit Mäßigung, mit Anerkennen von Grenzen. Mit dem Abschied von Allmachtsphantasien.

Wir heute mögen dieses altertümliche Wort Zucht nicht mehr so sehr. Es klingt nach Prügeln und Züchtigen. Aber es gab Zeiten, das galt es als eine Tugend, sein „Maß zu kennen“, „maßvoll  von sich selbst zu halten.“(Römer 12,3) Das ist ganz nahe bei dem, was hier „Zucht“ meint. Tatsächlich ist es ja auch vor aller Augen, wie Zuchtlosigkeit und Maßlosigkeit, moralisch auch intellektuell, ausgesprochen ruinös sein kann. Die Zeitungen und Nachrichten sind täglich voll von entsprechenden Meldungen.

Weisheit ist kein Frage des Bildungs-Niveaus und der intellektuellen Fähigkeiten. Sondern sie „wird“ im Leben mit Gott, vor Gott, in der Bindung an Gott.

 

Mein Gott, ich habe die Warnung im Ohr. Haltet euch nicht selbst für klug. Ich weiß auch, wie es schmeicheln kann, wenn andere einen für einen weisen Menschen halten, Wert auf die eigene Meinung legen, um Rat fragen.

Mein Gott, ich brauche die Freiheit von solchen Eitelkeiten. Darum hilf mir  zu der Erinnerung, dass alle Weisheit nichts ist ohne die Ehrfurcht vor Dir, ohne die Bereitschaft, alles Denken und Fühlen, alles Wollen und Planen, Dir hin zuhalten, Dein Reden zu erbitten, zu versuchen, auf Deine leise Stimme zu hören. Das eigene Wollen und Denken an Deinem Wort zu prüfen.

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte. Amen