Gesandt

Römer 15, 14 – 21

14 Ich weiß aber selbst sehr wohl von euch, liebe Brüder, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, sodass ihr euch untereinander ermahnen könnt.

Es wirkt wie „eine Verbeugung“ (P. Stuhlmacher, aaO. S.209) vor der Gemeinde in Rom: Was ich euch schreibe, wisst ihr gewiss alles schon.  Ihr seid erfüllt mit aller Erkenntnis. Aber es ist die Grundüberzeugung des Apostels: der Heilige Geist macht klug, wissend in dem, was die Gemeinde hat und braucht. Sie würden wohl auch gar nicht verstehen, was er schreibt, wenn sie nicht mit ähnlichen Gedanken und Überzeugungen schon unterwegs wären. Weil sie selbst solche Einsichten hat, kann Paulus darauf hoffen, dass ihr plausibel, vernünftig erscheint, was er schreibt. Es geht in dem Brief nach Rom von der ersten bis zur letzten Zeile für Paulus um einen Verständigungsprozess mit der Gemeinde in Rom über den  gemeinsamen Glauben.

 15 Ich habe es aber dennoch gewagt und euch manches geschrieben, um euch zu erinnern kraft der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 damit ich ein Diener Christi Jesu unter den Heiden sei, um das Evangelium Gottes priesterlich auszurichten, damit die Heiden ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den Heiligen Geist. 17 Darum kann ich mich rühmen in Christus Jesus vor Gott.

Was er schreibt, ist reichlich kühn – so für ich habe gewagt. Vielleicht könnte man sagen: ungewöhnlich. So noch nicht so oft in der ersten Gemeinde formuliert und auf den Punkt gebracht. Paulus weiß sehr wohl, dass andere in der Christenheit seine Worte kritisch betrachten. Wenn er dennoch schreibt, so hat das Gründe. Einen dieser Gründe nennt Paulus: Es ist sein Auftrag. Die Gnade, die ihm von Gott gegeben ist. Er ist, in Person, der Brückenkopf zu den Heiden. Man könnte auch sagen, der die Brücke zu den Heiden schlägt. Pontifex – Brückenbauer.

Das ist seine Berufung, dass er das Evangelium zu den Heiden trägt, in ihre Lebenswelt hinein übersetzt. Paulus verzichtet darauf, als den Ort dieser Beauftragung das Apostelkonzil (Apostelgeschichte 15) zu benennen, so wie er es an anderer Stelle tut: „Da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten,“(Galater 2, 9) Lukas wird in seiner Erzählung diese Berufung mit dem Wort des erhöhten Christus an Paulus verbinden: „Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.“(Apostelgeschichte 26, 17-18)  Hier schlicht: Gnade.

Diese Gnade aber wird wirksam darin, dass Heiden ihr Leben wandeln, zum Glauben finden, den Weg Gottes gehen, ein Leben führen, das geheiligt durch den Geist wohlgefällig vor Gott ist.  Auf engstem Raum benennt Paulus so seine Sicht des Glaubens: Lebenswende, die zu einem Leben, im Denken, Fühlen, Reden und Handeln unter der Leitung des Geistes führt. Zu dem Leben, das immer schon so von Gott gewollt war. Darum Opfer. Opfer ist das, was Gott immer schon zusteht. Dass er daran mitwirken darf, das ist sein Ruhm.

18 Denn ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, 19 in der Kraft von Zeichen und Wundern und in der Kraft des Geistes Gottes.

Darum stellt Paulus noch einmal klar: alles, was er tun konnte, ist in Wahrheit das Werk Christi. Er handelt durch Paulus. Paulus ist nur Werkzeug, Kanal, Handlanger.  Wort und Werk, Zeichen und Wunder, die Kraft des Geistes – alles trägt die Signatur Christi. Das ist nicht frömmelnde Bescheidenheit. So sieht Paulus sich: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20) Es ist Christus selbst, der durch Paulus wirkt. Darum gehört aller Ruhm auch Christus.

So habe ich von Jerusalem aus ringsumher bis nach Illyrien das Evangelium von Christus voll ausgerichtet.

            An diesem Satz kann man spüren, dass Paulus nicht in Bescheidenheit erstarrt, sich nicht klein macht, auch wenn er Paulus, „der Kleine“ heißt. Er nennt den weiten Raum, in dem er unterwegs gewesen ist für das Evangelium. Mit dem Evangelium. Voll ausgerichtet kann kaum heißen: Flächendeckend. Aber in diesen Raum ist er für das Evangelium aktiv geworden.  Ohne sich seiner zu schämen (1,16), also unverschämt und kühn (15,15) und ohne etwas am Evangelium zu verschweigen, es etwas anzupassen, damit es gefälliger wird.

 20 Dabei habe ich meine Ehre darein gesetzt, das Evangelium zu predigen, wo Christi Name noch nicht bekannt war, damit ich nicht auf einen fremden Grund baute, 21 sondern ich habe getan, wie geschrieben steht (Jesaja 52,15): »Denen nichts von ihm verkündigt worden ist, die sollen sehen, und die nichts gehört haben, sollen verstehen.«

Einen weiteren Grundsatz seiner Arbeit benennt er hier, vielleicht gerade deshalb, weil sein Brief nach Rom ja an eine Gemeinde geht, die er nicht gegründet hat.  Er hat darauf geachtet, dass er als „Pioniermissionar“ (K.Haacker; aaO. S. 309) unterwegs ist. Dorthin, geht, wo noch kein anderer Bote des Evangeliums war und gewirkt hat. Vielleicht auch deshalb, damit man ihm nicht vorwerfen kann, dass er sich einmischt in die Arbeit anderer, erntet, wo er nicht gesät hat, hinter anderen her kommt und alles besser weiß. Es ging, wie wir aus anderen Briefen des Paulus wissen, durchaus nicht immer einmütig unter den urchristlichen Missionaren zu.

Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Arbeitsweise durch sein Zitat aus Jesaja begründet. Paulus liest demnach die Hebräischen Bibel nicht nur so, dass er darin die Hinweise auf Christus und sein Verständnis von Werk und Wesen Christi findet, sondern er liest es zugleich als einen Wegweiser für den eigenen Lebensweg, eigene Entscheidungen und Wegweisungen. Das wirft noch einmal ein helles Licht auf seinen früheren Satz: „Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“(15,4)  Die Bibel als großes Zeugnis für Christus und zugleich als Wegweisung für das eigene Leben zu lesen, schließt sich nicht gegenseitig aus. Ich denke: Es gehört vielmehr zusammen und befruchtet sich wechselseitig. Glauben hat immer mit Christus und mit dem eigenen Leben zu tun.

 

Herr Jesus, Du sendest Deine Boten, wohin Du willst, die einen zu denen, die schon lange hören und dazu gehören, damit sie erinnert werden an das Geschenk ihres Glaubens. Andere zu denen, die nichts kennen außer Gerüchten, vielleicht Vorurteile, vielleicht merkwürdigen Geschichten, die aber doch Sehnsucht haben nach dem Leben, das bleibt.

Gib Du allen Deinen Boten die richtigen Worte, die Herzen erreichen, trösten und ermutigen, den Weg weisen zu Dir. Amen