Starke Schultern

Römer 15, 1 – 6

 1 Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.

            Paulus zeigt, wo er sich selbst sieht: bei denen, die stark sind, die die Freiheit haben, die keine Furcht mehr davor haben, durch irgend ein Fehlverhalten beim Essen oder Trinken aus der Gnade Gottes zu fallen. Vielleicht erklärt das auch, warum er die Starken stärker zum Verzicht, zur Rücksichtnahme fordert als die Schwachen. Er hatte ja auch sagn können: Lernt, nicht so eng zu sein.

Die Luther-Übersetzung formuliert mit ihrem wir sollen tragen zu schwach. Das griechische Wort φελομεν (vgl 13,8) legt eine andere Übersetzung nahe: Wir sind verpflichtet. „Wir sind es schuldig, dass….“  Aus den vorangegangenen Bitten des Paulus wird jetzt eine klare Weisung, die bindend ist. Die Rücksichtnahme der Starken ist keine Ermessensangelegenheit. Er unterstellt: Die Starken „haben die Kraft und die innere Weite, auch die Enge und Ängstlichkeit der anderen zu verstehen und mitzutragen.“(W. Klaiber, aaO. S. 257) Paulus fordert das ein, vielleicht ein wenig leichter, weil er sich selbst auch unter dieser Forderung sieht. Nicht an irgend-wen, sondern an sich selbst richtet Paulus seine Forderung: „Die starken Schultern müssen mehr tragen als die Schwachen.“

Aber es ist schon bemerkenswert: Er nennt die Hindernisse und Blockaden, die die Schwachen sehen, „Unvermögen“, „Schwächen“. Er sieht bei ihnen ein Defizit. Sie könnten stärker sein. Der Glaube hat eine größere Freiheit für sie bereit, als sie es selbst bis jetzt für sich annehmen.  

 2 Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.

            Mit diesem Satz wendet sich Paulus einmal mehr an beide Seiten, an Jeden: Alle sollen in ihrer Lebenspraxis üben, den Anderen, den Nächsten zum Maßstab des Handelns zu machen. Nicht  Gefälligkeiten erwartet Paulus, wohl aber, dass man so lebt, dass der Nächste dadurch ermutigt wird, Gutes erfährt, stabil wird in seinem Glauben und Leben. Das ist eine Art Gemeinderegel, die er hier ausspricht. Im Grunde greift er zurück auf seine Sätze von kurz zuvor: unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Ein Leben, das sich selbst genug ist, ohne Rücksicht auf den Nächsten, passt nicht zu dem, wie Paulus Christsein sieht und wie er Gemeinde sieht.

 3 Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht (Psalm 69,10): »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.«

            Wie schon wiederholt zuvor, wird auch hier Christus als Beispiel angeführt: Er hat nicht sich selbst zu Gefallen gelebt. Er hat nicht das eigene Glück, die eigene Vollkommenheit gesucht. Christus – so könnten wir heute sagen – hat sich nicht selbst verwirklicht. Er hat vielmehr danach getrachtet, sich für die Anderen einzusetzen. Vor allem aber hat er es auf sich genommen, um Gottes willen Schmach zu tragen. Schmach von denen, die Gott schmähen. Im Psalm heißt es unmittelbar vor dem Wort, das Paulus zitiert:

Ich bin fremd geworden meinen Brüdern                                                                       und unbekannt den Kindern meiner Mutter;                                                                denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen.             Psalm 69, 9-10a

Auch auf das „Liedgut“ in der Christenheit greift Paulus an anderer Stelle zurück, um diese Haltung Christi zu beschreiben:

Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:                                                                                                      Er, der in göttlicher Gestalt war,                                                                                    hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,                                                  sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,                                   ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“                                         Philipper 2, 4 – 7

             Nicht nur, aber doch auch aus dem Beispiel Christi leitet Paulus die Vorstellungen ab, wie die Christen zu leben haben.  Das Beispiel ist das eine, der Leib Christ als der Lebensraum des Einzelnen das andere. Und der Geist als die leitende und tragende Kraft das Dritte.

4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.

Hier finden wir etwas wieder vom Schriftverständnis des Apostels. Die Schriften des Alten Testaments – auf die Hebräische Bibel bezieht sich ja dieser Satz – ist nicht einfach Dokument der Vergangenheit. Auch nicht nur die Bibel Israel. „Die Schrift zielt  über den historischen Abstand und zwischen Abfassung und Leseakt hinweg – auf uns.“(K. Haacker; aaO. S. 294) Sie ist Botschaft in die Gegenwart, an die Christen, die sie jetzt, heute lesen.

Gewiss ein Lehrbuch, Aber eines, das nicht Belehrung über Sachverhalte als seine Hauptintention hat, sondern Geduld, Trost und Hoffnung. Wenn man so will: eine personale Botschaft. Es gibt kein Interesse für die Lehre an sich, für eine Gotteslehre, die abstrakt im Himmel schwebt. Es gibt immer nur das Interesse an der Lehre, die den Rücken stärkt, auf dem Weg hält, zum Durchhalten hilft und den langen Atem verleiht.

Man könnte auch sagen: es geht immer um die Lehre, die zu einem getrosten, getröseten Leben und Sterben hilft.

5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, 6 damit ihr einmütig mit „einem“ Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

            „Geduld wie Trost sind Gaben Gottes“(U. Wilckens, aaO. S. 102) Aus diesen Gaben zu leben ist die Aufgabe der Christen. Dazu braucht es die Orientierung an Christus genauso wie das Mühen um das  einträchtig gesinnt sein. Es geht im Leben als Christen nicht im Alleingang, auch nicht im gleichgültigen Nebeneinander, schon gar nicht im Gegeneinander. Es geht nur im Miteinander.

Es ist kein Zufall, dass Paulus hier die Sprachform wechselt. Nicht mehr Lehre, nicht mehr Erklärung, sondern Segenswort. Was am Ende übrig bleibt, ist die Bitte darum, dass Gott seine Gemeinde zu dem Leben segnet, bekräftigt, befähigt, das ihm entspricht. Dass sie nicht ein-tönig wird, wohl aber einmütig. Dass sie das Lob Gottes, des Vater unseres Herrn Jesus Christus in den eigenen Lobgesängen anstimmt, aber genauso im gemeinsamen Leben zu diesem einmütigen Lob findet. „Das gemeinsame Lob „mit Herzen, Mund und Händen“ ist die Erfüllung jeder Gemeinschaft vor Gott.“(W. Klaiber, aaO. S. 260) 

            Das, was Paulus hier segnend der Gemeinde wünscht, ist die Vorwegnahme des einmütigen Lobes der vollendeten Gemeinde in der himmlischen Wirklichkeit. „Sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen.“(Offenbarung 5,9) Es ist nicht das einzige Lied, das der Sehr Johannes im Himmel  schon angestimmt hört. Vielleicht ist es gut, Gemeinden, die in ihrem Singen ein wenig ermüden und nicht so fröhlich wirken, daran zu erinnern: Alles Singen der Gemeinde zieht die Zukunft der himmlischen Herrlichkeit schon in die Gegenwart hinein.

 

Heiliger barmherziger Gott, ich danke Dir für Dein Wort, dass uns Deine Güte zeigt, Deine Treue, Deine Geduld mit Deinem Volk, das uns Wegweisung ist, Rückenwind gibt.

Ich danke Dir für das Bild Jesu Christi, das uns Dein Wort immer neu vor Augen stellt. Zum Trost. Damit wir in ihm unseren Halt finden, Zuflucht in allen Ängsten, aber auch an ihm ermutigt werden zu Schritten, über unsere engen Grenzen hinaus. Zu Schritten, die wir selbstvergessen tun, hingegeben an ihn, Deinen Christus. Amen