Vom Zutrauen Gottes

Römer 12, 9 – 21

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

Paulus bleibt bei seinem Blick auf die Gemeinde. Hat er sie eben in ihrer Vielfalt beschreiben, so betont er jetzt, was sie zusammenhält, was ihr Miteinander bestimmt: Die Liebe. Sie  unterscheidet. Sie ist nicht blind für das Böse, sondern parteiisch für das Gute. Aber sie ist vor allem anderen herzlich. Nicht nur formal, nicht geheuchelt, nicht nur in Worten, sondern von innen heraus, aus dem Herzen. In der Liebe zu den Brüdern und Schwestern spiegelt sich die empfangene  Liebe Christi und die Liebe zu Christus. Das alles zeigt sich im Umgang miteinander, in der Ehrfurcht und der Ehrerbietung. Wir würden heute sagen: in der wechselseitigen Wertschätzung.  In dem Signal an den Anderen, die Andere: Schön, dass Du da bist.

Daran liegt Paulus: „Keine Strohfeuer.“(U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/3, Neukirchen 1982. S.21) Kein Nachlassen. Nicht nur in der Intensität, sondern auch in der Dauer, im Durchhalten dran bleiben. Es gibt Aufgaben, die fordern und bei denen die Gefahr besteht, dass sie ermüden, träge machen, zur bloßen Routine werden. „Die Gemeinde bedarf des Geistes und des Elans der ersten Zeugen nicht nur am Anfang, sondern auch durch die Jahre gemeinsamer Zeugenschaft hindurch.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 175) Es ist die härteste Kritik an einer Gemeinde, wenn es heißt: „Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.“(Offenbarung 2,4) Dem wehrt Paulus durch sein: Seid brennend im Geist. Ich übersetze für mich: Macht nicht schlapp.  Nicht mit dem Glauben und nicht mit der Liebe.    

            Dient dem Herrn. Das steht ein bisschen überraschend und fremdartig im Gedankengang. Es gibt eine Text-Variante, die mir an dieser Stelle sofort einleuchtet. Statt τῷ κυρίῳ dem Herrn,  gibt es die Lesart τῷ καιρῳder  Zeit, dem Augenblick. Dient der Zeit, in der ihr jetzt seid. Der gegenwärtigen Situation in eurer Gemeinde – das leuchtet mir im Zusammenhang hier sofort ein. Es ist die Aufforderung, sich nicht imn eine bessere Welt, eine andere Zeit, eine perfekte Gemeinde zu träumen, sondern hier und jetzt zu leben. Im Umgang mit den Menschen, die da sind, die Liebe zu bewähren.

Dazu passt auch der Satz nahtlos, der sich anschließt. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Es geht um ein Durchhalten des Glaubens, alltäglich, ohne große Höhepunkt. Wir heute könnten sagen: Ohne die begeisternden Events. Sie können ja keine Dauereinrichtung sein, weil sie sich darin auch abnützen. Gefragt ist das zähe Festhalten, die Treue im Kleinen, im Unauffälligen und Unaufgeregten. Auch dann, wenn es eng wird. Schmerzlich. Verluste mich sich bringt. Das alles steckt mit in dem Wort Trübsal. Θλψις. Eines der Worte, die ungemein oft im Neuen Testament auftauchen. Weil es die Wirklichkeit einer bedrängten Gemeinde und bedrängter Christen spiegelt. Für mich steht außer Frage. Genau darin zeigt sich das Brennen im Geist.

Schließlich, noch einmal überaus konkret: Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Neben das Beten stellt Paulus die Fürsorge. Oder ist es sogar so: Beten öffnet die Augen für die, die Hilfe nötig haben. Und öffnet dann auch die Hände und bringt die Füße in Bewegung. Sich die Not der anderen aneignen, heißt es wörtlich. Der Heiligen. Der Christen. Auch das gehört dazu: Gastfreundschaft. Wörtlich: Fremdenliebe. Eine Übung, die in der ganzen Umwelt hoch geschätzt wird, die auch in den Schriften des NT immer wieder eingefordert wird. Ohne die Praxis der Gastfreundschaft wären „durchreisende Mitchristen und Missionare in den antiken Städten schwierig dran.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S. 176) Ohne die Gastfreundschaft bleibt jeder allein in seiner Behausung, die dadurch leicht enger wird als sie sein muss. In der Gastfreundschaft aber weitet sich das Herz und weiten sich auch die Räume – die Lebensräume und die Gedankenwelten. Durch Gäste, die wir aufnehmen werden, werden wir selbst bereichert.

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Von der Fremdenliebe kommt Paulus, ein wenig assoziativ, zur Feindesliebe. Es ist wohl als Jesus-Wort schon früh in der Gemeinde überliefert: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“(Lukas 6,27-28) Daran knüpft Paulus an. Und wird den Gedanken gleich wieder aufgreifen.

Zuerst aber wird er noch einmal „allgemein“. Es sind einfache Regeln für ein gutes Miteinander. Übt Menschlichkeit. Gewährt Nähe. Seid nahe bei den Menschen. Mitfreude und Mitleiden sind elementare Verhaltensweisen, die in der Christenheit in hohem Ansehen stehen. Nicht zuletzt, weil sie ja im eigenen Leben wiederholen, was Gott in Christus getan hat: Sich einlassen auf das Mitleiden und Mitfreuen: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“(Philipper 2,6-7)  Es geht um Einüben von Anteilnahme, von Eintracht im wahrsten Sinn des Wortes. Dass sich der andere wiederfinden kann in meinem Empfinden, meinem Mittragen, meinem bei ihm, bei ihr bleiben.

Genau in dieser Bewegung der „Erniedrigung“ lese ich auch die folgenden Sätze: Verzicht auf eigene Machtpositionen, auf „oben, auf Ansehen, auf die herausgehobene Position. Demut. Bescheidenheit. Keine Imagepflege. Sondern einfach Da-Sein und Mit-Sein. Beistehen.

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

             Es folgen Ermutigungen zum Verhalten in schwierigen Situationen. Gegenüber Angriffen von außen.  Wenn jemand einem Böses zufügt. Wenn es Feindseligkeiten gibt. Wenn es Übergriffe gibt, die das eigene Leben beeinträchtigen. Dass jemand in der Gemeinde einem anderen Gemeindeglied Böses antun könnte, ist sicherlich nicht im Blick. Darum beziehen sich alle Ratschläge auf den Umgang mit Menschen „von außen“, die nicht zur Gemeinde gehören. Also mit der Mehrheit.

             Wir vergessen das leicht: Die Gemeinde in Rom ist ein winziges Häufchen in der Welthauptstadt. Eine Gruppe unter Sektenverdacht. Misstrauisch beäugt von Juden und kaum weniger misstrauisch von Römern, die keine Christen sind, sondern den alten Göttern Roms zugetan. Ihnen allen gegenüber gilt der die Friedenspflicht, soweit es eben geht. Gilt der Verzicht auf das Zurückschlagen, auf die Rache.

             Einmal mehr ist Paulus nahe an dem, was auch von Jesus gesagt wird: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“(Matthäus 5,38-39) Es geht um ein Verhalten, das sich nicht durch Feindseligkeiten das eigene Verhalten diktieren lässt. Um das Bewahren der Freiheit, die sich nicht in ein bloßes Echo-Verhalten verliert.

Letztlich geht es um einen Verhalten, das die Art Gottes abbildet: Hat sich doch Gott den Gottlosen gegenüber auch nicht in eine „reaktionäres“ Verhalten zwingen lassen, sondern die Freiheit der Liebe durchgehalten. Mit dem Risiko, dass sein Wille zur Versöhnung und Vergebung missverstanden wird, missbraucht wird. Genau das traut Paulus den Christen zu, dass sie in dieser gleichen Weise – geleitet, getrieben durch den Geist (8,14) – die Freiheit gegenüber dem Bösen bewahren und bewähren. Es ist ein Wort, das in die Freiheit ruft: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Kein Gesetz, das Christen zu erfüllen hätten.

Mit diesem Verhalten ist gleichzeitig gegeben, dass die Christen nicht Gottes Gericht im Weg stehen. Sich selbst rächen, sich selbst Recht verschaffen – das alles fällt auch den Gericht Gottes in den Arm. Der Verzicht auf die eigene Durchsetzung macht ernst damit, das Leben und Wohlergehen Gott anheim zu stellen. So hat es der frühere Pharisäer (Philipper 3,6)  ja als Schüler gelernt:

Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn,                                        er wird’s wohlmachen                        Psalm 37,5

             Zu solchem Vertrauen ruft er auch mit diesen Aufforderungen zum Frieden und zum Verzicht auf Rache und eigenes Recht.

 

Gott, Du traust mir zu, dass ich frei bin und  mich nicht bestimmen lasse durch das, wie mir andere begegnen, dass ich nur reagiere. Du traust mir zu, dass ich nicht  zurückschlage mit Worten und Taten, wenn ich angegriffen worden bin, dass ich mich dem Bösen verweigere, wenn es mich dazu bringen will, selbst böse zu sein.

Du traust mir zu, Deine Güte zu suchen und anderen zuzuwenden, Deiner Liebe zu trauen und in ihr anderen zu begegnen. Du traust mir die königliche Freiheit zu, aus der Du selbst das Böse mit Deiner Liebe überwindest. Präge Du mir das Bild Jesu tief in die Seele ein, damit es mich von innen her verwandelt und  ich Deinem Zutrauen entspreche, so wie Du es in mir wirkst. Amen