Alles da

Römer 12, 3 – 8

 3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

             Der Satz fängt eher defensiv an: durch die Gnade, die mir gegeben ist. Paulus weiß nicht alles. Es ist eine merkwürdiger Gedanke: Von dem großen Ganzen der Gnade hat Paulus einen Teil, seinen Teil. Paulus hat nicht alle Gaben Gottes und auch die, an die er schreibt,  haben nicht die Ganze Gnade, sondern jeder hat seinen Anteil. Paulus wirbt auf Grund dessen, was er empfangen hat, aufgrund seiner Einsichten, die er doch der Gnade verdankt, um maßvolle Selbsteinschätzung, σωφρονεν. „Das Stichwort „Besonnenheit“ hat damals hohen ethischen Stellenwert. Für die Philosophen der Zeit gehört die Besonnenheit zu den (vier) Haupttugenden, deren sich ein vernünftiger Mensch befleißigen soll.“ (P. Stuhlmacher, aaO, S. 172) 

Dahinter steht das Bild, das Paulus anschließend entfaltet. Keiner kann alles. Keiner hat alle Gaben. Sondern  jeder hat den Glauben nach einem bestimmten Maß. So wie es ihm entspricht, für ihn stimmig und nötig ist. Es ist eben nicht so: Alle haben das gleiche Maß des Glaubens. Sondern manche haben mehr, manche anderes, manche überhaupt nichts, was auffällig wäre. Wichtig ist: Hier spricht Paulus nicht von dem Glauben an Christus. Nicht von dem Glauben, mit dem Gott die Christen sich selbst recht macht. Da gibt es nur ein Maß – dass wir uns die Liebe Gottes gefallen lassen. Wohl aber gibt es ein unterschiedliches Maß in den Aufträgen, Aufgaben und Herausforderungen, vor die der Glauben stellt.

 4 Denn wie wir an “einem” Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele “ein” Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

             Es ist das Bild einer vielfältigen und nicht einer uniformen Gemeinschaft, das Paulus hier entwirft. Alle gehören zu dem einen Leib, aber sie sind deshalb nicht alle gleich, sondern verschieden. So wie der Leib unterschiedliche Gliedmaßen hat, so auch die Gemeinde. Menschen sind unterschiedlich begabt, mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet. Dass die Christen “ein” Leib in Christus sind, macht sie nicht alle gleich, was ihre Gaben und Begabungen angeht. Mit diesen Worten „widersetzt sich Paulus der verführerischen Kraft des Gleichheitsideals.“(A. Schlatter, aaO. S.336) Stattdessen sieht Paulus eine beglückende Vielfalt. Eine Vielfalt, die bereichert, weil sie die Gemeinde zu einem Lebensraum macht, in dem jede und jeder seine Gaben, das was die Gnade ihm zugeteilt hat, auch wirklich einbringen kann.

             Der Mainzer Anglistik-Professor Manfred Siebald hat zu diesen Gedanken vor langen Jahren schon ein Lied geschrieben, das wie eine Auslegung dieser Gedanken des Paulus ist.  In Auszügen:

 Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander sehn.                        Sorgen, Freude, Kräfte teilen und auf einem Wege gehn.                                     Gut, dass wir nicht uns nur haben,                                                                                   dass der Kreis sich niemals schließt                                                                                 und dass Gott, von dem wir reden, hier in unsrer Mitte ist

 Keiner, der nur immer redet; keiner, der nur immer hört.                                     Jedes Schweigen, jedes Hören, jedes Wort hat seinen Wert.                              Keiner widerspricht nur immer; keiner paßt sich immer an.                               Und wir lernen, wir man streiten und sich dennoch lieben kann.

Keiner, der nur immer jubelt; Keiner, der nur immer weint.                                  Oft schon hat uns Gott in unsrer Freude, unsrem Schmerz vereint.               Keiner trägt nur immer andre; keiner ist nur immer Last.                                     Jedem wurde schon geholfen; Jeder hat schon angefaßt.

Keiner ist nur immer schwach, und keiner hat für alles Kraft.                           Jeder kann mit Gottes Gaben das tun, was kein andrer schafft.                         Keiner, der noch alles braucht, und keiner, der schon alles hat.                                 Jeder lebt von allen andern; Jeder macht die andern satt.                                                Manfred Siebald, CD Worte wie Brot 1994

            Es kommt nicht von ungefähr, dass dieses Lied die Hymne unzähliger Hauskreise ist.

Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. 8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.

Ein paar dieser unterschiedlichen Gaben und Begabungen zählt Paulus auf. Es gibt Leute, die prophetische Einsichten weitergeben können, Wegweisung, weil sie Eindrücke von Gott her empfangen. Es gibt Menschen, die andere aufrichten können durch ihre Zuwendung, die die besondere Gabe des Dienens, in der Luther-Übersetzung: Amt haben. Die einen Blick für das haben, was nötig ist und es auch organisieren können. Das alles schwingt in dem Wort διακονία mit, das ja ohne Übersetzung in unsere Sprache eingegangen ist: Diakonie.

Es gibt Lehrer, die das gedankliche Gebäude des Glaubens erklären könne, auf den Punkt bringen können. Ich denke, hier sieht sich auch Paulus selbst mit seiner Gabe. Es gibt Leute, die ermahnen, ermutigen, trösten. Es gibt Leute in der Gemeinde, die Leitungsbegabungen haben, die einen Blick haben für die Richtung, in die sich eine Gemeinde entwickeln kann. Und es gibt die, die ein Herz für andere haben, nicht nur für Kinder, sondern für alle, die bedürftig sind, die Einsamen, die Verlassenen, die Verwitweten, die oft gescheitert sind, die sich nicht recht behaupten können.Es sind so viele, die auf πλτης, auf Barmherzigkeit angewiesen sind, die von Herzen kommt.

Das charakterisiert diese ganze Darstellung des Paulus: Er stellt sich Menschen vor, die ihre Fähigkeiten, ihren Anteil an den guten Gaben Gottes, gerne einsetzen, nicht aus Pflicht, sondern aus der Freude der Beschenkten heraus. Gern. Von Herzen. Sie haben mit ihrer Gnadengabe ja Anteil an der großen Gnade. Mit ihrem Charisma, χαρσμα das ist die Gnadengabe im eigentlichen Wortsinn, an der Charis, χαρς, der Gnade.

Weil das so ist, können sie auch auf Gleichmacherei verzichten. Und prägen sich den folgenden Satz als gute Wegweisung ein: „Versuche niemals, jemanden so zu machen, wie du selbst bist. Du weißt – und Gott weiß es auch, dass einer von deiner Sorte genug ist.“ (R.W. Emerson, zit nach: Das Wycliff-Magazin 1/2015, S. 6)

Es ist schon eine völlig andere Sicht als sie heutzutage mit den Worten verbunden wird. Die χαρσματα, Charismata sind für die Gemeinde da und nicht, damit der Einzelne toll da steht. Der „charismatische“ Mensch, wie ihn Paulus vor Augen hat, ist einer, der zuerst, zuletzt und vor allem für andere da ist. Und nicht am eigenen Heiligenschein und der eigenen Profilierung arbeitet.

Es ist ein Bild von Gemeinde, das hier angedeutet wird, das wenig gemeinsam hat mit den Bildern von Betreuungskirche, in der eine oder einer für alle glaubt, hofft, betet, dient, seelsorgt. Es ist das anziehende Bild einer dynamischen Kirche, in der jeder und jede gebraucht wird, ihren und seinen Platz findet, so wie wir es wohl manchmal singen, aber viel zu selten leben. Alltäglich leben.

Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein,
sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.
Ein jeder stehe, wo er steht, und tue seine Pflicht;
wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht.
Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammen schweißt
in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.      M. G.Schneider 1963

            Vielleicht, so denke ich, auch ein wenig selbstkritisch, singt sich, was Paulus hier schreibt und als Wirklichkeit der Gemeinde will, leichter als es sich lebt.

 

Heiliger Gott. Ich danke Dir, dass Du Deiner Gemeinde alles schenkst, was sie braucht um der Welt zu dienen: Menschen, Begabungen, Kraft und Zuversicht, Trost und Beständigkeit.

Gib Du uns doch, dass wir uns freuen an der Vielfalt der Gaben, daran, dass wir unterschiedlich sind im Denken und Reden, Singen und Beten und Handeln, dass wir diesen Reichtum schätzen lernen, weil wir darin die Fülle Deiner Gnade erfahren. Amen