Ganzhingabe

Römer 12, 1 – 2

 1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Nach dem überschwänglichen Lobpreis wird es wieder ausgesprochen nüchtern. Es geht um das Leben in der Welt, um Hingabe, um Opfer, um Einsatz, würden wir wohl heute sagen. Es geht darum, so denke ich, dass Paulus jetzt Konsequenzen zieht aus seinem langen Anlauf, den er genommen hat. Was in den folgenden Kapiteln gesagt wird, ist kein ethischer Anhang, sondern es ist Weitersagen und Weiter-buchstabieren des Evangeliums in das konkreten Handeln hinein. Es geht „um die praktischen Konsequenzen der Lehre, die Paulus in Kapitel 1 – 11 entfaltet hat.“ (K. Haacker; aaO. S. 252)

Das wird schon durch diese Wendung deutlich: durch die Barmherzigkeit Gottes. Sie ist die Grundlage, auf der Paulus ermahnt, ermutigt, herzlich bittet. Dem Erbarmen Gottes verdanken die die Christen unter den Römern, dass sie zu Christus gehören, dass sie freien Zugfang zu Gott haben. Dem Erbarmen Gottes verdankt es Paulus, dass er aus dem Christenverfolger zum Apostel gewandelt worden ist. Das ist die Autorität, die hier den Worten des Paulus steht: das Erbarmen Gottes. Was er sagt, sagt er nicht begründet durch seine Autorität als Apostel, auch nicht durch seine menschliche Authentizität, sondern durch das Erbarmen Gottes. Ihm ist das Erbarmen Gottes Grundlage für sein Reden und es bestimmt gleichzeitig die Art und Weise, wie er versucht, mit Menschen zu reden und umzugehen. Eine andere Autorität als dieses Erbarmen Gottes kennt Paulus nicht.

Es versteht sich von daher fast wie von selbst, dass sein Ermahnen nicht der erhobene Zeigefinger ist, nicht eine tadelnde oder gar züchtigende Ermahnung. Παρακαλ kann sowohl für gebieterisches Aufrufen als auch für tröstliches Zureden gebraucht werden. Es ist dringlich, wesentlich, was Paulus sagt, nicht nebensächlich. Ermutigung, Zuspruch und ernsthafte, hoffnungsvolle Erwartung.

Opfer sagt Paulus. Hingabe höre ich, Hinwendung zu Gott. Seine Leser kennen Opfer zur Genüge. Manche aufgeklärten Leute halten auch damals schon die blutigen Opfer in den Tempeln für unvernünftig, unangemessen. Stattdessen fragen sie nach vernünftigen Opfer und vernünftigen Gottesdiensten. Dieser Gottesdienst nimmt den ganzen Menschen in Beschlag. Deshalb: Leib. σώμα, Ich lese Leib nicht als altes Wort für Körper, sondern als ein anderes Wort für mich selbst. Gebt euch „ganz Gott zur Verfügung“ (W. Klaiber, aaO. S. 203) ganz ihm hin, mit Leib und Seele. Mit allen Kräften und von ganzem Gemüt.      

            Es ist kein Opfer mehr, um Gott gnädig zu stimmen, um sich mit ihm ins Reine zu bringe. Sondern es ist Opfer als Hingabe, die der Hingabe Gottes antwortet. Der Gabe des Sohnes an uns soll unsere Hingabe an Gott entsprechen. Die Hingabe der befreiten Sünder, der gerechtfertigten Gottlosen. Gott wird sich das gefallen lassen. Darauf hofft Paulus.

Diese Hingabe sieht Paulus lebendig, heilig und Gott wohlgefällig. Sie ist Gottesdienst. Das ist eine Entschränkung, dessen, was damals und wohl auch heute noch die Meisten hören, wenn das Stichwort Gottesdienst fällt. Gottesdienst ist nicht nur und  nicht zuerst die Kult-Veranstaltung am Sonntag oder sonst einem Tag. Gottesdienst ist zuallererst das Leben im Alltag, das Gottes Willen sucht, das an ihm seine Form findet, seine Ziele, sein Maß. Das dem Dienst Gottes an uns, seiner Rechtfertigung, unserer Versöhnung mit dem eigenen Dienen Antwort zu geben versucht. Das aus der Zugehörigkeit zu Gott, aus dem Vertrauen ihn seine Richtung hat.

Man darf aus diesen Worten gewiss keine Polemik gegen den Gottesdienst als Feier ableiten. Das liegt Paulus ferne. Aber man muss schon lesen: Der Gottesdienst als Kult, als Feier bleibt folgenlos, wenn er nicht in die Alltagspraxis des Lebens hinein fortgesetzt wird, im frommen, d. h. nützlichen und not-wendigen Tun, im Tun, das „frommt“.  Das ist ja die Ursprungsbedeutung des Wortes fromm: Es nützt, es hilft, es fördert das Leben, so wie Gott es will. Wir haben ein ziemlich verkümmertes und verkürztes Bild von Frömmigkeit, wenn wir nur gefaltete Hände, Schweige-Übungen und andächtige Worte damit verbinden.

2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Um das tun zu können, braucht es andere Verhaltensmuster als sie üblich sind. Christen dürfen nicht dem Schema der Welt folgen. Das meint das Wort συσχηματζεσθε sehr präzise. Es geht um Handlungsalternativen, die aus einer anderen Gesinnung kommen, Aus derνακαινσις, was viel mehr beinhaltet als nur anders Denken. Es ist „Neuschöpfung oder Neuordnung in Christus“ (K. Haacker; aaO. S. 254)

            Dass es zu solcher Umgestaltung des Denkens, Wollens und Handelns kommt, ist ein aktiver und zugleich passiver Vorgang. Man könnte, näher an der griechischen Grammatik auch übersetzen: Lasst euch nicht gleichschalten, lasst euch neu gestalten….. „Paulus verwendet… den Imperativ des Passiv, eine Redeweise, die das Deutsche gar nicht kennt. Einerseits wird damit deutlich gemacht: Hier geht es um den Einfluss von Machtverhältnissen, die die Entscheidung der einzelnen übergreifen. Andererseits sind die Christen solchen Einflüssen nicht ohnmächtig ausgeliefert, sondern sind gefragt, welche Kräfte sie auf ihr Leben wirken lassen.“(W. Klaiber, aaO. S. 204)

Es geht also um so etwas wie Widerstandskraft gegen den Sog. Gegen das „man“. Gegen den Zeitgeist. Gegen die Logik, die die Welt beherrscht. Gegen das, was „in“ ist. Esa geht damit auch um eine kritische Auseinandersetzung. Paulus traut den Christen in Rom zu, dass sie prüfen können, beurteilen, sich richtig entscheiden. Dass sie wissen, „wessen Geistes Kinder sie sind.“(Lukas 9,55)

            Die Christen werden nicht in Passiv gesetzt. Paulus sieht sie entscheidungsfreudig und entscheidungsfähig. Mit klaren Maßstäben, die er auch benennt. Sie wissen, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Das klingt nach Aufnahme von ethischen Leitworten, die nicht völlig außerhalb des Denkhorizonts seiner Zeit liegen. Vom Guten, Wohlgefälligen und Vollkommenen könnten auch römische Philosophen reden. Der Unterschied zu ihnen liegt darin: Für Paulus ist das  nicht durch die Sicht von Menschen zu bestimmen, sondern es ist durch den Willen Gottes schön längst bestimmt.

So stehen Christen immer wieder schlicht vor der Frage: Was entspricht Gott in dieser oder jener Situation, in der ich gerade stehe? Oder anders, fast ein wenig naiv klingend, gesagt: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Wer versucht, das zu leben, merkt, dass es alles andere als naiv ist, sondern höchst anspruchsvoll, mutet es mir doch zu, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen und nicht durch die Brillen, die mir andere aufsetzen oder die ich der Kultur, der Erziehung, meinem Wesen verdanke.

 

Herr Jesus, Du hast Dich ganz für uns gegeben, nichts zurück behalten, nicht die Menschlichkeit und nicht die Göttlichkeit. Ungeteilt für uns, so lebst Du, stirbst Du. So durchbrichst Du den Tod.

Darum suchst Du auch unsere ungeteilte Hingabe, das einfältige Herz, die Liebe von ganzem Gemüte, den Gottesdienst unseres Alltages, der unser Leben prägt.

Gib, dass ich Dir ganz gehöre, mich Dir anvertraue, Dir diene von ganzem Herzen und mit aller meiner Kraft. Amen