Üb immer Treu und Redlichkeit…

Sprüche 4, 10 – 19

10 Höre, mein Sohn, und nimm an meine Rede, so werden deine Jahre viel werden. 11 Ich will dich den Weg der Weisheit führen; ich will dich auf rechter Bahn leiten, 12 dass, wenn du gehst, dein Gang dir nicht sauer werde, und wenn du läufst, du nicht strauchelst. 13 Bleibe in der Unterweisung, lass nicht ab davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben.

            Dieser Lehrer der Weisheit kann sich gar nicht genug tun mit dem Preisen der Weisheit. Dem Lob eines Lebens in der Spur, die durch die Weisheit und die Gottesfurcht gelegt wird. Es sind vollmundige Versprechen, die er hier gibt. Immer mit der einen Absicht, zu zeigen, dass das Leben auf dem Weg der Weisheit sich lohnt, dass es gelingt, das es ein gutes Leben ist. Wer diesen Weg geht, der kann sichere Schritte tun, der geht auf rechter Bahn.

In einem Land, in dem es mühsam sein kann, Wege zu finden, in dem es zur Aufgabe des Lebens gehört, sich die richtigen Wege zu suchen und nicht in der Wüste in die Irre zu gehen, gewinnen solche Versprechen ein anderes Gewicht als in dem Land, wo Wege als Infrastruktur-Maßnahmen von staatlicher Seite gebahnt werden. Wer einmal in der Wüste unterwegs war, bekommt eine Ahnung davon, dass diese Worte nicht nur schöne Bilder sind. Sie haben einen handfesten Hintergrund im Alltagsleben. Es gibt Wege, die in der Wüste verenden und deshalb auch verenden lassen.  „Üb immer Treu und Redlichkeit…“ weiterlesen

Schlüpfriger Boden

Sprüche 3, 27 – 35

27 Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag. 28 Sprich nicht zu deinem Nächsten: Geh hin und komm wieder; morgen will ich dir geben -, wenn du es doch hast.

Mahnungen, die zu einem sorgfältigen und gerechten Umgang mit dem Nächsten mahnen. „Der Nächste (hebr. rēa‘) ist ursprünglich der Stammes- oder Volksgenosse, der Freund und Bruder; das Wort bekommt aber in der Weisheitsliteratur oft eine weitere Bedeutung.“ (H.Ringgren, aaO.S.23) Weisheit ist kein Konzept erbaulicher Innerlichkeit, sondern sie will das gute Miteinander.

Sie ist damit nahe an prophetischer Botschaft: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7) Nicht bis zur Selbstaufgabe, nicht bis man selbst bedürftig ist, aber wie und wenn deine Hand es vermag. Weisheit kennt auch keinen Aufschub des Guten. Heute gilt es zu helfen und nicht zu vertrösten auf morgen.

 29 Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt. 30 Geh nicht mutwillig mit jemand vor Gericht, wenn er dir kein Leid getan hat.

            Rechtliches Denken wehrt schon den falschen und bösen Gedanken. Unrecht – das weiß die Sprachsammlung – fängt in den Gedanken an und wird dann zur Tat. Darum soll man sich hüten vor den böse Gedanken, Genauso vor der Heimtücke gegen den Nächsten. Auch das verträgt sich nicht mit der Weisheit und der Gottesfurcht, dass man jemand mit falschen Anschuldigungen vor Gericht zerrt. Nicht der Weg vor das Gericht, in das Tor als solcher wird verboten. Man darf sein Recht suchen. Aber nicht, wenn es keinen Grund zur Klage gibt. „Schlüpfriger Boden“ weiterlesen

Die Ordnung der Welt – Weisheit

Sprüche 3, 13 – 26

13 Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt, und dem Menschen, der Einsicht gewinnt! 14 Denn es ist besser, “sie” zu erwerben, als Silber, und ihr Ertrag ist besser als Gold. 15 Sie ist edler als Perlen, und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. 16 Langes Leben ist in ihrer rechten Hand, in ihrer Linken ist Reichtum und Ehre. 17 Ihre Wege sind liebliche Wege, und alle ihre Steige sind Frieden. 18 Sie ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen, und glücklich sind, die sie festhalten.

Eine Seligpreisung. Mit nichts ist der Lebens-Gewinn aufzuwiegen, der mit der Weisheit verbunden ist. Selbst Gold und Silber oder Perlen, edler Schmuck oder Wertmetalle können mit ihr nicht mithalten. Formal ist das Gesagte ein „komparativer Parallelismus.“(W. Dietrich, aaO. S. 56) Das Gute wird überboten durch das unvergleichlich Bessere. Die Lebensweisheit, die es auch gibt: „Das Gute ist der Feind des Besseren“, wird angesichts der Weisheit außer Kraft gesetzt.

Das wird sofort deutlich in den Folgen der Weisheit: Langes Leben. Reichtum und ehre, liebliche Wege und Frieden. Die Auswirkungen der Weisheit bringen ein Leben mit sich, das im schalom seine Fülle finden. Es atmet diesen Frieden Gottes und strahlt ihn zugleich aus.

Die Weisheit ist ein Baum des Lebens. Der Verfasser kennt  schon die alten Schriften: „Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war..“ (1. Mose 3,22-23) Wenn er es dennoch wagt, die Weisheit  Baum des Lebens zu nennen, dann wohl deshalb, weil er in ihr eine Paradies-Gabe sieht. „Die Ordnung der Welt – Weisheit“ weiterlesen

An Widerständen wachsen

Sprüche 3, 1 – 12

Mein Sohn, vergiss meine Weisung nicht, und dein Herz behalte meine Gebote, 2 denn sie werden dir langes Leben bringen und gute Jahre und Frieden; 3 Gnade und Treue sollen dich nicht verlassen

Einprägen soll der Angesprochen sich alles, was er bisher als Weisung empfangen hat, es nicht vergessen. Im Herzen behalten. Ein früher Vorläufer für Maria, von der es heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,19) Die geradezu zärtliche Anrede „mein Sohn“, be rückt einmal mehr ins Blickfeld: Ermahnungen, Ermutigungen brauchen den Mutterboden der Beziehung, Es ist eine Entfaltung nach zwei Seiten hin – in den „materiellen Bereich“ und in die geistliche Sphäre. Langes Leben, gute Jahre und Frieden – das kann man sehen, sogar zählen, bewerten und erzählen. Gnade und Treue dagegen sind Erfahrungen in einer anderen Weise. Erfahrungen, die auf Gottes Weise hinweisen.

Hänge meine Gebote an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, 4 so wirst du Freundlichkeit und Klugheit erlangen, die Gott und den Menschen gefallen. 5 Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, 6 sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen.

             Der Verfasser, der so mahnt und ermutigt, ist selbst einer, der behalten hat und nicht vergessen. Greift er doch deutlich erkennbar zurück auf die Wort aus Mose. Da heißt es von diesen Worten, den Geboten: „Du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“(5. Mose 6,8)

Und noch einmal, unmittelbar zuvor im gleichen Buch: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen.“(5. Mose 6,4-6) Es liegt für mich auf der Hand: Die Weisheit schöpft aus dem Denken der Schriften, die Theologen das deuteronomistische Geschichtswerk nennen. Ihr Einfluss reicht offensichtlich bis hin zu den späteren Schriften der Weisheit.  „An Widerständen wachsen“ weiterlesen

Lebensgewinn durch die Weisheit

Sprüche 2, 1 – 22

1 Mein Sohn, wenn du meine Rede annimmst und meine Gebote behältst, 2 sodass dein Ohr auf Weisheit Acht hat, und du dein Herz der Einsicht zuneigst, 3 ja, wenn du nach Vernunft rufst und deine Stimme nach Einsicht erhebst, 4 wenn du sie suchst wie Silber und nach ihr forschst wie nach Schätzen:

Was ist der Lebensgewinn, der durch die Weisheit entstehen, durch das Hören auf ihre Weisungen? Das ist eine durch und durch moderne Frage und zugleich schon die Frage zu allen Zeiten: Was habe ich davon, dass ich Gottes Wege gehen? Als Antwort „wird nun positiv der „Segen der Weisheit“ entfaltet. (W. Dietrich, aaO, S.45)

Wobei zunächst im Vordergrund steht, wie der Weg zur Weisheit aussieht: Es sind durch und durch Vokabeln, die einen Lernweg beschreiben. Annehmen, Behalten, Achthaben, – es geht um eine große Leidenschaft zu suchen  und zu fragen. Wissbegier, Lerneifer. Offenheit. Alles, um Weisheit zu gewinnen.

5 dann wirst du die Furcht des HERRN verstehen und die Erkenntnis Gottes finden.

Wo einer, eine sich so öffnet, so sucht und fragt, da kommt es zum Verstehen und Erkennen. Da wird das Herz erfüllt von der Furcht des Herrn. Da öffnet sich dem Auge das Geheimnis der Welt – und durch alles Sichtbaren hindurch kommt es zur Erkenntnis Gottes. In meiner Sprache: Die Wirklichkeit der Welt wird transparent auf die Wirklichkeit Gottes hin.

6 Denn der HERR gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Einsicht.

               Man kann von den vorhergehenden Sätzen her fragen: Kennt das Buch der Sprüche so etwas wie eine „lernbare Gotteserkenntnis“? Spätestens dieser Satz hier korrigiert die Frage: Es geht nicht um lernbare und lehrbare Religion, nicht um gelernte oder zu lernende Sätze. Aber wo sich ein Mensch Gott offen, fragend, suchend, bittend hinhält, da gibt der HERR Weisheit. Es ist sein Geben, nicht das Erarbeiten der Menschen. Es ist sein Reden. Wenn Gott schweigt, gibt es keine Erkenntnis und Einsicht.

Steil gesagt: Wir können die Welt erforschen vom Mikrokosmos bis in die entferntesten Galaxien. Wenn Gott sich nicht zu Wort meldet, werden wir immer nur uns selbst in diesem Forschen begegnen. Wenn er schweigt, bleiben wir an den Grenzen unserer Vernunft hängen. Es braucht sein Reden, damit wir mehr vernehmen. „Weisheit ist in der Tat nichts, was der Mensch selbst ergründet, sondern ein Geschenk Gottes.“ (H.Ringgren, aaO. S.18) „Lebensgewinn durch die Weisheit“ weiterlesen