Gemeinschaft erfahren

Matthäus 26, 17- 30

17 Aber am ersten Tage der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? 18 Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passa feiern mit meinen Jüngern.

Es steht für die Jünger außer Zweifel: Jesus wird das Passalamm essen wollen, wie es jeder ordentliche Jude tut. Darum fragen sie ihn nach seinen Absichten. Wo willst du, das ist die Erwartung, dass er einen Plan hat, vielleicht schon einen Ort im Sinn hat. Jesus antwortet, indem er sie los schickt. In die Stadt. Aber wohl nicht aufs Geradewohl. Zu einem,  ό δεῖναkönnten wir übersetzen mit Herrn Sowieso oder Dingsda (Volxbibel S. 996) Es ist jemand, den Jesus kennt, der seinerseits auch Jesus kennt, worauf die Worte Jesu Der Meister lässt dir sagen,  hinweisen. Aber sein Name spielt keine Rolle. Er muss nicht versteckt werden. Es geht auch nicht um einen konspirativen Treffpunkt. Es ist einfach nicht wichtig, wer der ist, der sein Haus zur Verfügung stellt.

Die ganze Aufmerksamkeit wird auf Jesus gerichtet. Der Zeitpunkt ist nahe gerückt. Da steht das Wort καιρός, das nicht einfach nur eine Uhrzeit meint, sondern die Qualität eines Zeitpunktes anklingen lässt. Jetzt ist erfüllte Zeit. Meine Zeit –  sagt Jesus und „spricht als derjenige, der die Zeit kennt, ja, der Herr über die Zeit ist und der den Plan Gottes, der in ihr zur Erfüllung kommt, nicht nur leidend, sondern auch handelnd mitgestaltet.“ (U. Luz, aaO.; S.82) Zu dieser erfüllten, nahen Zeit gehört auch das Passa. Die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern. 

19 Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm. 20 Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen.

            Der Tag vergeht, die Jünger bereiten alles vor. Sie tun, was Jesus sie geheißen hat. In diesem schlichten Gehorsam sind sie vorbildlich. Es ist der erste Tag der Ungesäuerten Brote, also der Donnerstag unserer Wochenzählung. Der Abend, bevor die Passalämmer geschlachtet werden. Am Abend setzen sich dann alle –  er mit den Zwölfen –  an den Tisch.

Unsere sehr vertrauten Bilder wie das Abendmahl von Da Vinci stimmen nicht. Die Jünger und Jesus sitzen nicht – sie liegen zu Tisch. So das griechische Wort ἀνέκειτο. Ob das nicht die schlichte  Weise ist, wie man damals seine Mahlzeiten einnimmt oder ob hier eine „liturgisch“ vorgeschriebene Haltung bezeichnet wird, vermag ich nicht zu beurteilen.

21 Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich’s? 23 Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24 Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.

            Während der Mahlzeit kommt es zum Gespräch. Vielleicht ist es besser zu sagen: Jesus bringt zur Sprache – das, was alle erschüttern muss: Einer unter euch wird mich verraten. Mich ausliefern. Überliefern. So wörtlich im Griechischen. Auch wenn das den moralischen Beiklang von verraten vermeidet – der Sachverhalt ist der gleiche: Einer ebnet den Weg, auf dem Jesus in die Hände der Menschen fallen wird.

Die Erzählung folgt der Erschütterung der Jünger. Es ist ein banges Fragen: Herr, bin ichs? Ein Fragen aber auch, das sichtbar macht: Keiner kann sich sicher sein, dass er nicht auf Abstand zu Jesus gehen wird, wenn es eng wird, wenn es Kosten mit sich bringt, wenn es gar das Leben kosten könnte. Fast nebenhin folgt die Antwort: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht. Die Verbform deutet auf ein bereits erfolgtes Eintauchen hin – jetzt gerade, soeben. Durchaus unauffällig bei einem Mahl, bei dem alle aus einer Schüssel nehmen. Darum klärt auch diese Antwort Jesu nicht wirklich, wer es ist, schon gar nicht für die Fragenden.

Aber Jesus geht noch weiter mit seiner Antwort. Er lässt keinen Zweifel: das ist der Weg, den er gehen soll, wie von ihm geschrieben steht. Seine Leidensansagen hatten ja schon darauf hingedeutet, dass er diesen Weg kennt und weiß und annimmt. Aber das ändert nichts daran. Der, der ihn verrät, nimmt damit ein böses Schicksal, eine schwere Last auf sich.

Was ich heute sehe, früher wohl so nicht bedacht habe:  Das Wehe-Wort Jesu, sein Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. ist keine Verwerfung. Schon gar kein Urteil für die Ewigkeit. Es ist nur: Was für eine schreckliche Last lädt sich da einer auf, der doch nur meint, das Richtige zu tun.

25 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich’s, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.

            Unter den vielen, die fragen, wird Judas besonders hervorgehoben – und der Evangelist weiß es ja schon: er ist der, der ihn verriet. Man kann diese Frage als infame Verschleierung der eigenen Absichten lesen. Als Täuschungsmanöver, weil die Absprachen doch längst getroffen sind. Ich weiß nicht so recht. Es ist sicherlich erzählerische Absicht, dass Matthäus hier Judas Jesus als Rabbi anreden lässt, nicht als Herr ῥαββί, nicht κύριος. Steckt in der Verweigerung der Anrede Herr schon die Distanzierung? Die feindseligen Juden reden Jesus immer nur als Rabbi an – es scheint, als schlüge Judas sich auf ihre Seite.

Aber er bleibt da. Es wird nichts erzählt von einem Fortgehen des Judas vor dem folgenden Mahl. Obwohl, so scheint es doch, die Antwort Jesu auf seine Frage eindeutig ist: Du sagst es. Der Graben reißt auf.

26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

Das ist so unendlich vertraut, aus unzähligen Mahlfeiern auf dem Weg durch das Leben. So eindrücklich, so eingeprägt. Es sind Worte geworden, die in der Gemeinde wiederholt werden, in der Gemeinde des Matthäus und danach in der Gemeinde aller Zeiten. Nehmt. Esst. Trinkt. Mein Leib. Mein Blut. Es ist der Gestus der Selbst-Mitteilung, der hier alles bestimmt. In diesem Austeilen und Weitergeben von Brot und Kelch teilt Jesus sich selbst aus.

            Darin  liegt das Neue: Ein Bund wird besiegelt, ein Weg aufgetan. Ein neuer Bund, ein neuer Weg. Wohl wahr: Für alle, die im Gefängnis ihrer Sünde eingesperrt sind, geht eine Tür auf.  Was hier geschieht, geschieht zur Vergebung der Sünden. Was im Sterben Jesu geschehen wird – das deutet er ja an mit seiner Gleichsetzung von Brot und Wein mit Leib und Blut, das geschieht zur Vergebung der Sünden. „Die Vergebung der Sünden ist für Matthäus das Zentrum der Sendung Jesu.“ (U. Luz, aaO.; S.116) In der Feier des Herrenmahles geschieht das – nicht nur an diesem ersten Abend, sondern immer neu.  

Für mich ist es so, dass alle dogmatischen Abendmahlsstreitigkeiten an der Oberfläche bleiben, weil sie in Worte, Definitionen, Dogmen fassen wollen, was doch nur im Vollzug zu fassen ist, weil und wenn wir davon ergriffen werden, berührt werden. Schmecken und Fühlen.

29 Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.

            Das sind Worte, die an einem dunklen Abend, vor einer dunklen Nacht den Horizont weiten und erhellen. Es sind Worte einer tiefen inneren Gewissheit: es ist nicht das letzte Mal, dieses Mal, dieses Mahl. Jesus geht in eine Fastenzeit hinein, in eine Zeit des Wartens. Bis sich dieses Mahl wiederholt im Reich Gottes. Es fällt ja auf – bevor Jesus in den Machtbereich der weltlichen Mächte geht, ausgeliefert wird an einen Ablauf, in dem er wie gefangen erscheint und ohnmächtig, erinnert er noch einmal an die große Perspektive.  Es geht dem Reich des Vaters entgegen. Ganz gewiss. Auch auf dem Weg, der jetzt in die Nacht führt.

 30 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Es ist alles gesagt – mit dem Lobgesang. Ὑμνήσαντες. Wörtlich: Als gesungen Habende gehen sie hinaus.  Auf einem Weg, den sie kennen und doch nicht kennen. An den Ölberg.

 

Mein Jesus, Danke für das Geschenk, das Du uns gemacht hast, die Mahlgemeinschaft mit Dir. Brot und Wein, Zeichen Deiner Liebe, Gaben der Versöhnung, Vorgeschmack des Festes.

Ich danke Dir, dass ich Dein Vergeben schmecken darf, Deine Freude trinken, Deinen Tod mir so zugute sein lassen darf.

Danke, dass wir einmal das Mahl neu feiern werden. Im Vaterhaus. Mit Dir und den Vielen an einem Tisch. Amen