Staunen und Anbeten

Römer 11, 33 – 36

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

            Das macht mir Paulus regelrecht sympathisch. Er gerät über diesem langen Gedankenweg, den er mit seinen Leserinnen und Lesern zurückgelegt hat, regelrecht ins Schleudern. In ein Schleudern, das Staunen ist und Lobpreis. In ein Staunen, das um die Begrenztheit der eigenen Einsichten und Weisheiten weiß. Es ist ja doch so, dass Paulus nur allenfalls an der Oberfläche gekratzt hat. Er weiß, dass er auch mit all diesen Worten und Gedanken nicht zum Geheimrat Gottes aufgestiegen ist.

Es ist schon wichtig: Paulus staunt nicht über die eigene Weisheit und Erkenntnis. Sondern über die Weisheit und Erkenntnis Gottes! Über sein Wählen und Berufen, sein Erbarmen und Lieben. Also über die Weisheit, in der Gott handelt, über sein Erkennen, das treu ist und beständig.

Dieses Staunen des Paulus hat einen langen Vorlauf in der Frömmigkeit im Volk Israel.

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,                                                                         und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.                                                            Ein Tag sagt’s dem andern,                                                                                                und eine Nacht tut’s kund der andern,                                                                           ohne Sprache und ohne Worte;                                                                                     unhörbar ist ihre Stimme.                  Psalm 19, 2 – 4

             Und, gleichfalls Worte eines Psalmbeters:

 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!                                             Wie ist ihre Summe so groß!                                                                                             Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:                                           Am Ende bin ich noch immer bei dir.            Psalm 139, 17 – 18

             Oder, aus dem Mund des Propheten: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übrig geblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!“(Micha 7,18) 

Oder, aus dem Mund eines großen Königs: „HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;“(1. Könige 8,22)

Dieses Staunen findet seine Fortsetzung in Liedern der Christenheit.

Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still,
Er betet an, und er ermißt, dass Gottes Lieb unendlich ist.                                                       C. Fürchtegott Gellert 1757  EG 42

             Ich denke, dass Staunen so etwas wie die Grundhaltung des Glaubens ist. So wie ein Kind darüber staunt, sich freut, dass es geliebt wird, dass es da ist, so staunt und freut sich der Glauben über die Güte und Gnade, die er bei seinem Gott und in seinen Gaben sieht. Alles, was wir über Gott erkennen, was wir von ihm erfahren, kann nur dies eine bewirken, das Staunen, das sagt: Am Ende bin ich noch immer bei Dir. Das ist die Fülle der Gotteserfahrung: Bei ihm sein. Das ist zugleich auch die Erfüllung des Lebens. Und der Grund aller Freude.

 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3)

Wenn Paulus, wie früher gesagt, das Geheimnis Gottes (11,25) enthüllt, den verborgenen Plan entschlüsselt, dann ist das keine Anmaßung. Auch kein unzulässiger Geheimnis-Verrat. Und schon gar nicht ist es so, dass Paulus mit seinen Worten den Weg Gottes vor- oder festschreiben würde. Aber Paulus glaubt, dass er mit seinen Worten den Weg Gottes nach-gedacht hat, weil er sich ja vom Geist Gottes geleitet weiß. Schon einmal hatte er in einem anderen Brief Jesaja zitiert – auch da voller demütigem Selbstbewusstsein: „Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.“ (1. Korinther 2,16)

36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Was bleibt, ist Anbetung. Doxologie. Leben, das Gott lobt. Worte, die Gott die Ehre geben. Worte, Lobgesänge, die vorweg nehmen, was einmal im Himmel sein wird. Das ist ja das Wesen des Lobgesanges. Er stimmt hier schon einmal ein in das Leben, das jetzt schon im Himmel verankert ist und in die Lieder, die im Himmel jetzt schon gesungen werden und die nur noch auf unsere Stimmen warten. „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11) Jetzt ist die Zeit, diese himmlischen Lobgesänge, irdisch noch, schon einzuüben, auch unter Bedrängnis und Leid.

             In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.              C. Schneegaß 1598    EG 398

 

Mein Gott, ich will Dich anbeten, will mich vor Dir beugen, will Dich rühmen in Deiner Größe und Güte. Ich will es tun mit meinen Worten, die doch nie ausreichen, mit meinem Empfinden, das Dich doch niemals fassen kann, mit meiner Liebe, die sich an Dir entzündet.

Lass es Dir gefallen, dass ich Dich lobe und preise, anbete und rühme aus den Tiefen meines Lebens, aus der Tiefe der Welt. Amen