Aufgepfropft

Römer 11, 17 – 24

 17 Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, 18 so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen.

Das ist jetzt direkte Anrede an die aus den Völkern(11,13). So wenig Israeliten einen Anlass haben, sich als Besitzer des Gesetzes zu rühmen, an dem sie doch scheitern, so wenig haben sie einen Anlass, sich zu rühmen, dass sie in den Ölbaum eingeproft worden sind. Man kann und darf aus der empfangenen Gnade nie ein Verdienst machen.  Nie auch ein Argument gegen die anderen, in diesem Fall gegen Israeliten und Israel.

Die Bildsprache ist eindeutig, biblisch gefärbt. Israel als der Ölbaum. „Der HERR nannte dich einen grünen, schönen, fruchtbaren Ölbaum.“ (Jeremia 11,16) Bei Jeremia ist deutlich, dass Gott an diesem Ölbaum auch richtend handeln kann. Aber er bleibt auch in allen Gerichten der Ölbaum Gottes.

Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. 19 Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. 20 Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! 21 Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen.

            Sind es nur gedachte Sätze, mit denen Paulus sich auseinandersetzt? Oder sind es Sätze, die er auch schon gehört hat, die ihm entgegen gehalten worden sind, der so an Israels Erwählung festhält? Jedenfalls wehrt er sie ab, weil sie alles gefährden, obendrein noch die Gefahr des Hochmutes in sich tragen: Gott hat für uns Platz geschaffen. Gottes Wahl ist weiter gegangen, von Israel zu uns in den Völkern. So mögen manche gedacht und gesagt haben.

Nicht zuletzt ermutigt durch Gleichnisse, die man sich in der Gemeinde erzählt hat, die man auf Jesus zurück führt und von denen eines, das von den bösen Weingärtnern, so endet: „Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.“(Matthäus 21, 39-41)

Enterbung Israels, weil es seine Berufung verfehlt hat. Das ist lange auch in der christlichen Theologie eine feste Grundfigur gewesen. So warnt Luther: „Brauche Gottes Wort und Gnade, weil es da ist. Es ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte es nach Griechenland, aber hin ist hin, nun haben sie den Türken. Rom und Italien haben es auch gehabt; hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr es ewig haben werdet, denn der Undank und die Verachtung wird es nicht ewig lassen bleiben.“ (M. Luther,  Fastenpostille 1525, WA 17/II, S. 179)

An der Warnung Luthers an seine lieben Deutschen ist nichts zu tadeln, ganz im Gegenteil. Ich wünschte von Herzen, sie würde helfen, aus falschen Sicherheiten aufzuwachen Aber an seiner Voraussetzung: „die Juden haben nun nichts“ – ist alles zu tadeln. Hätte er doch ernst genommen, was Paulus geschrieben hat: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Es ist ein Grundschaden der Christenheit, dass sie das vergessen hat.

Dieser Grundschaden macht sich bis heute bemerkbar: Vor gerade einmal 80 Jahren in dem rüden Angriff auf dieses Buch mit „seiner jüdischen Lehrmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten“ (Dr. R. Krause 13. Nov. 1933, Sportpalast Berlin). Aber auch in erschreckenden Urteilen über „den Gott des Alten Testamentes“, und in der leicht irritierten Frage von durchaus christlich gesinnten Menschen, wofür wir als Christen das Alte Testament überhaupt noch brauchen. So hart wie die ausgewiesenen Antisemiten der 30er Jahren formuliert heute keiner mehr, aber der Geist ist noch in der Welt, der da gespuckt hat.

Stattdessen gilt es, sich von Paulus korrigieren zu lassen. „Glaube ist kein Besitz, den man stolz gegen „Un-Gläubigen“ heraus streichen kann und schon gar nicht gegen Israel. Glaube ist Geschenk und aus dem Glauben zu leben bedeutet, sich immer bewusst zu machen, dass wir von  Gottes Güte leben.“(W. Klaiber, aaO. S.192) 

22 Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden.

            Es ist eine ernste Mahnung, die ihren berechtigten Platz hat. Paulus will aller Selbst-Sicherheit, aller Selbstgerechtigkeit der Erwählten wehren, ob sie nun aus den Völkern oder aus dem Volk stammen. Das Geschick Israels, dass ihnen der Zugang zum Glauben jetzt versperrt ist, muss denen aus den Völkern zur Warnung dienen und sie zur tiefen Dankbarkeit führen. Wenn sie aus der Gnade ihr Besitztum machen wollten, hätten sie das Geschenk schon verspielt.

Ich kann nur tief beunruhigt fragen, ob wir Christen nicht viel zu häufig als solche Leute aufgetreten sind, die den Glauben wie einen Besitz vor sich her getragen haben, den sie sich erworben, womöglich sogar verdient haben. Vielleicht sind die Erschütterungen, durch die unsere Kirchen heute in Deutschland gehen, in ihrem Ansehen, aber auch in ihrer geistlichen Ausrichtung ein notwendiger Weckruf, falsche Sicherheiten aufzugeben – finanziell, strukturell, organisatorisch und auch in der theologischen Lehre.

23 Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen. 24 Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.

Es bleibt bei dem zähen Festhalten an Israel: Wenn fremde Zweige eingepropft werden können, dann doch erst recht die Zweige, die ursprünglich zum Ölbaum gehören. Was Gott an den Heiden tun kann, kann er doch allemal auch Israeliten tun, an denen, die seine erste Liebe sind. Wobei deutlich ist: Diese Hoffnung ist nicht sozusagen naturgegeben. Sie macht sich an der Art Gottes fest, der Erbarmen ist und Treue über alle Untreue hinaus.

 

Mein Gott und Herr, bewahre uns davor, den Glauben für unseren Besitz zu halten. Bewahre uns davor, anderen so zu begegnen, als wäre unser Glauben unser Verdienst, als hätten wir ihn uns selbst gegeben und erworben. Bewahre uns vor dem Stolz auf unser Christsein, vor dem vermeintlichen Besser-sein, vor dem Gefühl der moralischen Überlegenheit.

Senke es uns tief ins Herz hinein: Alles, was wir sind, sind wir durch Deine Gnade, Deine Güte, Deine Liebe und Dein Erbarmen. Lehre uns die Bescheidenheit, die sich freut an Deiner Gnade und Deinen Geschenken, mit denen Du unsere leeren Hände füllst, unser armes Herz fest machst in Dir. Amen