Gottes Umweg

Römer 11, 11 – 16

11 So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne!

            Verblendet mag Israel sein. Wohl auch ins Straucheln gekommen. Aber nicht für immer gefallen. Nicht verstoßen. Was mit Israel im Augenblick geschieht, ist kein Entscheid für immer.  Denn das würde ja bedeuten, dass Gott seine Wahl widerruft, seinen Bund kündigt. Hier ist vom Weg Israels in der Zeit die Rede, aber nicht von seinem Weg in Ewigkeit. Von Entscheidungen in der Zeit, aber nicht von Entscheidungen für die Ewigkeit.

Sondern durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte. 12 Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird.

            Das ist, in den Augen des Paulus, der „Plan“, die Absicht Gottes: Als erstes hat der verweigerte Glauben Israels den Weg zu den Heiden frei gemacht. Weil die Jünger nicht schweigen konnten von dem, was sie in Jesus und mit Jesus erfahren haben, was sie „gesehen und gehört haben“(Apostelgeschichte 4,20), hat sie ihr Weg zu den Heiden geführt. In der Darstellung der Apostelgeschichte spiegelt sich diese Sicht des Paulus: Es ist die Verfolgung der ersten Gemeinde in Jerusalem, die dazu führt, dass die Jünger die Stadt verlassen und sich ins Umland wenden, auf die Straßen Samarias, nach Damaskus, Cäsarea und Antiochia (vgl Apostelgeschichte 9 – 14). So bedient sich Gott der Verfolgung, um das Evangelium über die Grenzen Israels hinaus zu bringen.

Daneben tritt das andere Motiv: Wenn  Israel sieht, dass den Heiden das Heil widerfährt, werden sie dann nicht selbst neu danach fragen und auch den Weg der Heiden zum Heil, den Glauben, neu suchen? „Haben wir nicht doch etwas verpasst? Haben die Heiden empfangen, was eigentlich uns Juden zusteht?“ (W. Klaiber, aaO. S.189) Solche Fragen, die aus der Eifersucht entstehen, will Gott bei den Heiden auslösen. Sagt Paulus und sieht damit Eifersucht als eine positive Reaktion. Sie führt zu einem Nacheifern, das den Weg des Heils annimmt, wie ihn Gott geht.

            Es ist um Ecken gedacht, aber nicht unlogisch, sondern hat die Logik, die im Denken Israels oft zu beobachten ist, vom Leichteren zum Schwereren. Wenn aus der Verweigerung, dem Fall  Israels, schon Gutes entsteht für die Heiden, wie viel mehr wird Gutes werden, wenn Israel sich nicht mehr vom Heil entfremdet, wenn es nicht nur ein kleiner Rest ist, der glaubt, sondern alle Israeliten. Ganz konsequent hält Paulus hier in seinen Formulierungen durch: Es ist das Handeln Gottes, das Israel jetzt auf Distanz hält und das einmal umgekehrt die Zahl voll werden lassen wird. Wie sollte er auch, der im Blick auf das Heil alles vom Tun Gottes abhängig sieht, hier anders reden können.

Wenn es dazu kommt, so wird die Welt voller Glück und Heil und Frieden sein. „An Gottes Weg mit Israel hängt die Erlösung der ganzen Welt.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S.152) Das ist ein so steiler und zugleich missbrauchbarer Satz, wenn er politisch gewendet zur Zustimmungspflicht zu allem wird, was der Staat Israel bewerkstelligt. Wir haben es als Christen wohl noch zu lernen, wie wir mit dieser Hoffnung des Paulus umgehen, theologisch, geistlich und in den praktischen Alltagsbezügen.

13 Euch Heiden aber sage ich: Weil ich Apostel der Heiden bin, preise ich mein Amt, 14 ob ich vielleicht meine Stammverwandten zum Nacheifern reizen und einige von ihnen retten könnte.

Jetzt wiederholt Paulus seinen Gedanken, aber diesmal in direkter Anrede. Euch Heiden sagt  er – euch aus den Völkern kann und sollte man heute wohl, ganz nahe am griechischen Wortlaut μν τος θνεσιν übersetzen, weil dem Wort „Heiden“ ein negativer Klang anhaftet, der bei Paulus nicht gemeint ist. Wir Christen heute sind ja solche Leute aus den Völkern, selbst wenn „das Christentum“ schon seit Jahrhundert bei uns heimisch ist, so sehr, dass manche Leute es für die einheimische Religion halten und vergessen, dass es durch Missionare zu uns gekommen ist.

Das ist sein Auftrag, sein Amt: Apostel der Heiden. Dieses Amt erfüllt ihn mit Freude, lässt es ihn preisen, rühmen. Nicht nur, aber auch deshalb, weil er damit die Hoffnung verbindet, dass die Botschaft von der freien Gnade Gottes auch seine Stammverwandten erreichen und verwandeln könnte, sie auf den Weg der Heiden locken, die sich die Gnade gefallen lassen. Wieder gebraucht er das Wort nacheifern, in dem er die Eifersucht zur positiven Antriebskraft aufwertet.

„So will ich auch werden.“ sagt der, der ein Vorbild gefunden hat und eifert ihm nach. Nicht um es zu kopieren, wohl aber, um an ihm den eigenen Weg zu lernen und zu finden. Wenn es zu solchem Nacheifern wirklich kommt, so sind das Schritte zum gerettet Werden. Für jüdische Ohren ist, was Paulus hier sagt, eine ungeheure Zumutung: Die Heiden zum Vorbild zu nehmen für den Weg zu Gott. Das erwählte Volk Gottes soll von den Heiden lernen?

Es gibt, einmal mehr, in Evangelien zumindest Nähen zu den Gedanken des Paulus:  „Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ (Matthäus 8, 10) Der Glaube, das Vertrauen eines römischen Hauptmanns übertrifft alles, was Jesus in Israel an Vertrauen gefunden hat. Und ist so eine Herausforderung an die jüdischen Hörer und Leser zu dem größeren Glauben, dem tieferen Vertrauen.

An dieser Stelle wechselt Paulus aus den Passiv-Formulierungen ins Aktiv: ob ich einige retten könnte. Das betont seinen Part bei diesem Retten, seine Mitarbeit im Werk Gottes. Seine Verkündigen, Reden, Bezeugen ist sein Beitrag. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“(1. Korinther 3,6) Paulus weiß auch sonst um seine Beteiligung, um die Würde seiner Mitarbeit.

15 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten! 16 Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig; und wenn die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig.

            Es ist, zwischen den Zeilen gelesen, ein regelrechter Jubelruf. Versöhnung der Welt! Leben aus den Toten! Das alles steckt hinter dem Weg Gottes. Das bringt dieser Weg Gottes zustande. Paulus verliert über all seinen Schwierigkeiten, seinen manchmal aufgeregten und umständlichen theologischen Erörterungen diese große Perspektive nie aus den Augen. Das ist Gottes Weg, von Anfang an.

Einmal mehr argumentiert der „Jude“ Paulus: Der ausgesonderte Teil, die Erstlingsgabe, steht für das Ganze. Das Opfer für das Größere. Die Wurzel für alles,  was aus ihr wächst. „Der Tatbestand, der den Vorblick in die Zukunft bestimmt, ist, dass Israel Gottes Werk und sein Eigentum ist.“ (A. Schlatter, aaO. S.324) Das findet Paulus bestätigt in der Erstlingsgabe und der Wurzel. Diesen Anfang wird Gott nicht fahren lassen.

 

Wir sind auf dem Weg zur Freude. Auf Deinem Weg, mein Gott, wird es wahr werden: Versöhnung der Welt. Auferstehung der Toten. Vergebung der Sünden. Auf unseren selbst gesuchten Wegen treiben wir immer weiter weg vom Ziel.

Rufe Du uns zurück, immer wieder, dass wir auf Deinem Weg bleiben, ans Ziel gelangen, in Deine schöne Ewigkeit. Amen