Noch unterwegs

Römer 11, 1 – 10

1 So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!

Paulus hangelt sich durch die Fragen, die ihm zu schaffen machen, ihm zusetzen. „Ist an die Stelle der ausgebreiteten Hände womöglich die geballte Faust getreten, mit der Gott sein Volk mit Schimpf und Schande von sich jagt?“ (K. Haacker; aaO. S.219) Verstoßen ist ja kein harmloses Wort – es würde das Ende Israels als erwähltes Gottesvolk bedeuten. Wieder ist Paulus eindeutig: Keinesfalls. Das sei ferne. Nie und nimmer.

Ich frage, auch mich selbst: Warum haben die christlichen Kirchen so lange über dieses μ γνοιτο· hinweg gelesen. Warum konnte in die Theologie der Gedanke einer Enterbung Israels Einzug gewinnen, Macht gewinnen, so sehr, dass es keinen entschiedenen und konsequenten Widerstand gegen den Antisemitismus in den Reihen der Kirche gab?

Denn ich bin auch ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.

            Sich selbst nimmt Paulus als erstes Zeugnis und ersten Zeugen für die bleibende Erwählung Israels, ist er doch selbst ein Israelit, aus dem Stamm Benjamin. Er als Einzelner ist so ein Zeichen dafür, das die Geschichte Gottes mit Israel eben nicht am Ende ist. Nicht aufgekündigt von Gott, auch wenn es dem Volk und im Volk oft genug an Treue und Glauben gefehlt hat.

 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.

Noch einmal wiederholt Paulus, aber jetzt nicht mehr als Frage, sondern als feststehende Aussage, als Tatbestand. Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Der Grund: Er hat es doch zuvor erwählt. Diese Wahl Gottes ist nirgendwo widerrufen. Sondern vielmehr gibt es die Erzählungen, in denen ein Widerruf abgelehnt wird – etwa in der Fürbitte des Mose, als das Volk sich mit dem Goldenen Kalb verirrt hatte. (2. Mose  32, 7 – 14) Und noch einmal und erneut die Fürbitte des Mose auslösend, als die Kundschafter aus Kanaan zurückkehren und das Volk sich fürchtet (4. Mose 14,10 – 20) Die Wahl Gottes steht fest.

Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er vor Gott tritt gegen Israel und spricht (1. Könige 19,10): 3 »Herr, sie haben deine Propheten getötet und haben deine Altäre zerbrochen, und ich bin allein übrig geblieben und sie trachten mir nach dem Leben«? 4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? (1. Könige 19,18): »Ich habe mir übrig gelassen siebentausend Mann, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor dem Baal.« 5 So geht es auch jetzt zu dieser Zeit, dass einige übrig geblieben sind nach der Wahl der Gnade. 6 Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aus Verdienst der Werke; sonst wäre Gnade nicht Gnade.

Paulus greift zu anderen Beispielen. Gott hat sich schon immer Israeliten übrig gelassen, einen heiligen Rest (Jesaja 11,16; Jeremia 31,7), um mit ihnen seinen Weg weiter zugehen. Siebentausend Mann, als sich Elia allein wähnt. Das nährt die Hoffnung des Paulus. Auch jetzt werden es mehr sein, als er sehen kann. Aber, Paulus kann nicht anders: Sie bleiben übrig nach der Wahl der Gnade. Es ist manchmal fast ermüdend, mit welcher Hartnäckigkeit Paulus wieder und wieder sein zentrales Stichwort aufnimmt: Die Wahl Gottes ist Gnade. Die Gerechtigkeit ist Geschenk. Das neue Leben kommt aus dem Geben Gottes und nicht aus Verdienst der Werke.

            Ich habe den Eindruck, dass es drei Themen gibt, die Paulus um geradezu jeden Preis durchhalten will: die Rechtfertigung der Gottlosen, die Gnade ohne jedes Verdienst; die bleibende Erwählung Israels; die Freiheit Gottes, allem menschlichen Fehlverhalten zum Trotz und unabhängig von allem menschlichen Wohlverhalten.

 7 Wie nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; die Auserwählten aber haben es erlangt.

Noch einmal sichtet Paulus die Lage. Israel ist in seiner Suche in die Irre gegangen. Es hat das Ziel der eigenen Gerechtigkeit durch das Gesetz verfehlt. Aber einige haben es erlangt. Es  – das ist die Gerechtigkeit, die aus der Gnade kommt. Diese nennt Paulus die Auserwählten. Damit wird er Judenchristen wie sich selbst im Blick haben.

Die andern sind verstockt, 8 wie geschrieben steht (Jesaja 29,10): »Gott hat ihnen einen Geist der Betäubung gegeben, Augen, dass sie nicht sehen, und Ohren, dass sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag.« 9 Und David spricht (Psalm 69,23-24): »Lass ihren Tisch zur Falle werden und zu einer Schlinge und ihnen zum Anstoß und zur Vergeltung. 10 Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht sehen, und ihren Rücken beuge allezeit.«

             Dem stehen die anderen gegenüber. Die Mehrheit. Die sich dem Glauben verweigern – so würde jemand anklagend sagen, der den Glauben für eine Möglichkeit hält, die Menschen von sich aus offen steht, die sie realisieren können. So aber sagt Paulus es nicht. Sondern er sieht in dem Nicht-Glauben der Mehrheit Gott am Werk. Sie sind nicht verstockt, sondern verstockt worden. πωρθησαν ist eine Passivform, die auf das Handeln Gottes hinweist! Auch die Zitate, die Paulus anführt, gehen in die gleiche Richtung.  Dass Israel nicht, noch nicht glaubt, ist nicht das Ergebnis menschlicher Bosheit, moralisch zu verurteilender Verstocktheit, sondern Ergebnis eines geheimnisvollen Handelns Gottes.

Nehme ich diese Worte des Paulus ganz ernst, so stellt er fest: Israel kann noch nicht glauben, selbst wenn es wollte. „Israels Unglaube wird zur Tat des Deus absonditus, der seine Treue zu seinem Volk hinter dem Anschein böswilliger Feindseligkeit versteckt.“ (K. Haacker; aaO. S.224) Paulus ahnt, so könnte ich sagen, einen Plan, ein Weg Gottes, der diesem seltsamen Handeln Gottes zugrunde liegt. Wer es fassen kann, der fasse es.

 

Mein Gott, Deine Wege sind anders als ich sie wählen würde. Deine Pläne folgen anderen Einsichten als sie mir gleich einleuchten. Du aber gehst Deinen Weg mit mir, mit unserer Kirche, mit Deinem Volk Israel, mit Deiner Welt, auch dann, wenn wir nichts davon sehen, Dich selbst nicht mehr sehen im Dunkel der Welt.

Bringe Du uns an Dein Ziel, Du – Licht der Welt. Amen