Entschränkte Liebe – keiner ist ausgeschlossen

Römer 9, 14 – 29

14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!

            Hier hat Paulus festen Boden unter den Füßen. Gott ist nicht ungerecht. Er kann es nicht sein, weil sein Wesen Gerechtigkeit ist. Einmal mehr entschärft er einen Einwand mit seiner geliebten Wendung. μ γνοιτο· Das sei ferne! Aber Paulus weiß: Die bloße Zurückweisung wird nicht reichen. Es müssen Argumente folgen.

15 Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (2.Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« 18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.

            Paulus ist ein theologischer Lehrer, der sich auf die Schrift beruft. Seine Argumente kommen nicht aus dem, was der gesunde Menschenverstand lehrt. Er schöpft sie aus der Schrift. Da ist das Wort Gottes an Mose: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« Es ist die Antwort Gottes auf die Bitte des Mose, sein Angesicht zu sehen, ihn also erkennen zu können, wie er ist, sein innerstes Wesen. Dann wäre das innerste Wesen Gottes seine Freiheit, die durch nichts limitiert, begrenzt ist, außer eben durch seine Gerechtigkeit.

             Diese Freiheit und Gerechtigkeit Gottes wird auch nicht gelenkt, geleitet, kanalisiert durch unser Wohlverhalten. Was wir tun, auch was wir lassen, hat keinen Einfluss auf Gottes Handeln.  „Gottes Gerechtigkeit kann nur in dieser absoluten Freiheit seines Handelns sein, da ein von Menschen abhängiger Gott nicht Gott und darum eine von Menschen abhängige Gerechtigkeit nicht Gottes Gerechtigkeit wäre.“(U.Wilckens, aaO. S.200) Sein Handeln wird in seinem Erwählen einzig und alleine bestimmt durch sein Erbarmen. In meinen Worten: Wir können uns den Himmel nicht erkämpfen und verdienen, nicht erringen, durch unseren Willen erzwingen oder erlaufen – nach dem Motto: `Für dich gehe ich meilenweit, durch dick und dünn’. Sondern wir empfangen ihn als Geschenk, das wir uns gefallen lassen oder gehen leer aus.  

             Neben dieses Wort stellt Paulus das Wort an den Pharao, ein Drohwort, das den Pharao in seine Schranken verweisen soll. Pharao soll wissen, dass Gott in seiner Macht die Macht des Pharao begrenzt und, wenn es sein muss, zerbricht. Der Pharao ist in dieser Weise Demonstrations-Objekt, an dem Gott seine Macht erweist.

             Aus diesen beiden Schrift-Zitaten zieht Paulus dann die Folgerung: So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will. Gott ist frei in seinem Wählen und Zurücksetzen, seinem Erbarmen und Verwerfen. Er ist nicht gebunden an unsere Vorstellungen, wie er zu sein hat. Aber: Er ist sich selbst treu.

19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen?

Spürt Paulus, dass noch nicht alles gesagt ist? Wenn Gott so ist, wie es Paulus sagt – wo bleibt denn dann ein sinnvolles Reden von Verantwortung? Wenn wir sind, wie es über uns verhängt ist, dann kann doch keiner aus seiner Haut. Ich höre, wie sich hier die höchst modernen Debatten um den freien Willen zu Wort melden. In ihnen geht es ja genau um diese Frage: Gibt es denn eine Verantwortung, wenn uns biochemische Reaktionen im Gehirn festlegen und nur tun lassen, was sie steuern?

20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?

„Paulus spricht dem Einwand brüsk die Kompetenz ab.“(U. Wilckens, aaO. S.201) Nicht unbedingt ein Zeichen von Stärke. Redet Paulus hier auch mit sich selbst? Er, der unter den Gebrechen seines Körpers so zu leiden hat, der in seinem Tatendrang oft ausgebremst wird durch seine Krankheit? Verbietet er sich selbst so das Hadern, Rechten mit seinem Gott? Wenn das so wäre, macht es mir den Gedanken erträglicher. Sonst empfinde ich ihn auch als schräg, wenn nicht als unangemessen. Ich bin kein Klumpen Ton. Und Gott ist, trotz des Schöpfungs-Berichtes, nicht der Töpfer, der mit seinem Ton verfährt, wie er will. Aus dem einen Klumpen einen Kelch macht und aus dem anderen einen Nachttopf. Ich halte den Vergleich für unglücklich, unangemessen, auch wenn Paulus sich mit diesen Gedanken ja auf den Spuren des Propheten Jeremia bewegt:

             „Dies ist das Wort, das geschah vom HERRN zu Jeremia: Mach dich auf und geh hinab in des Töpfers Haus; dort will ich dich meine Worte hören lassen. Und ich ging hinab in des Töpfers Haus, und siehe, er arbeitete eben auf der Scheibe. Und der Topf, den er aus dem Ton machte, missriet ihm unter den Händen. Da machte er einen andern Topf daraus, wie es ihm gefiel. Da geschah des HERRN Wort zu mir: Kann ich nicht ebenso mit euch umgehen, ihr vom Hause Israel, wie dieser Töpfer?, spricht der HERR. Siehe, wie der Ton in des Töpfers Hand, so seid auch ihr vom Hause Israel in meiner Hand.“ (Jeremia 18, 1 – 6)

Auch wenn ich verstehe, dass es hier, wie bei Paulus, um die Freiheit Gottes geht und um  Abwehr aller Ansprüche auf eine Gerechtigkeit Gottes nach dem Maß unseres Urteilens – ich bin innerlich mit diesen Worten auf Kriegsfuß. Es widerstrebt mir, Menschen so als „Material“ zu sehen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich diese Rede vom „Material“ vielfach als inhuman empfinde – ob es dabei um das Patienten-Material, das Spieler-Material, das Käufer-Material geht. Es ist in meinen Augen das falsche Bild für die, die doch den Odem Gottes eingehaucht (1.Mose 2,7) bekommen haben.

22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. 24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.

Das ist der Zielpunkt der Argumentation des Paulus: Gott will von Anbeginn an den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtun an den Gefäßen der Barmherzigkeit. Darauf zielt die ganze Weltgeschichte ab. Darauf zielt sein Heilshandeln ab. Alles andere ist „nur“ die dunkle Folie dieser Zielstellung.  Soviel stellt Paulus klar: Das Ziel der Wege Gottes ist nicht das Verderben, nicht der Zorn. Hoffentlich nur eine Durchgangsstation. Sondern Gottes Ziel ist Erbarmen, das zurecht bringt. So wie es in Jesus schon sichtbar geworden ist.

Weiter liegt Paulus daran viel: Dieses Erbarmen, diese Bereitung zur Herrlichkeit gilt nicht allein denen aus den Juden, sondern auch denen aus den Heiden. Allen, die sich rufen lassen. Die gleiche Freiheit und das gleiche Erbarmen, die Gott erwählen lassen, lassen ihn auch über die Grenzen Israels hinaus die Heiden rufen.

 25 Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hosea 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« 26 »Und es soll geschehen: Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: “Ihr seid nicht mein Volk”, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.« 27 Jesaja aber ruft aus über Israel (Jesaja 10,22-23): »Wenn die Zahl der Israeliten wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur ein Rest gerettet werden; 28 denn der Herr wird sein Wort, indem er vollendet und scheidet, ausrichten auf Erden.« 29 Und wie Jesaja vorausgesagt hat (Jesaja 1,9): »Wenn uns nicht der Herr Zebaoth Nachkommen übrig gelassen hätte, so wären wir wie Sodom geworden und wie Gomorra.«

             Das ist das Gefälle in den Worten des Paulus: Es geht um den grenzenlosen Ruf, um die entschränkte Liebe Gottes, die aus denen sein Volk macht, die es zuvor nicht waren. Wieder könnte Paulus bei sich selbst anknüpfen: es geht um den Gott, der ins Leben ruft, wo nichts ist, der Gerechtigkeit schenkt, wo die Sünde herrscht. Der den Rest bewahrt, wo der völlige Untergang doch nur gerecht wäre. Es ist immer das Bild von Gott, das er am Weg Jesus gewinnt, das Paulus so reden lässt. Es ist seine Erfahrung, dass Gott den ruft, der ihm feind ist, der ihn hier von dem alle Grenzen überschreitenden Gott reden lässt.

 

Mir hilft, dass ich in diesen Worten, die mir auch zu schaffen machen, nicht mehr sehen muss als den Versuch des Paulus, zu verstehen, was er vor Augen hat: Dass es Heiden gibt, die den Ruf zum Glauben hören und dass es Israeliten gibt, die ihn nicht hören. In diesem Verstehen wollen geht es für ihn nur um einen Haltepunkt: Es ist der Gott, der sein Erbarmen frei schenkt, der hinter diesem so unterschiedlichen Verhalten steht. „Zu einer Spekulation, die zu erfassen sucht, wie Gott in seiner Ewigkeit seinen Willen formt, ließ sich Paulus nicht verleiten.“ (A. Schlatter, aaO. S.306) Aber darauf vertraut Paulus: dass Gott an sein Ziel kommt – mit der Gemeinde in Rom, mit Heiden und Juden.

 

Mein Gott, daran glaube ich, dass Du von aller Ewigkeit her uns willst, unser Leben, unseren Glauben, unsere Liebe, Beziehung zu uns, die nie vergeht.

Dazu hast Du uns bestimmt. Dazu rufst Du uns -und klammerst keinen aus. Es gibt keinen Menschen, den Du nicht suchen würdest mit Deiner Liebe, dem Du nicht nachgehen würdest in Deiner Treue, dem Du nicht zurecht helfen möchtest durch Dein Erbarmen.

Gib Du uns doch, dass wir das Rufen Deiner Liebe hören, uns bergen in Dein Erbarmen, dass wir Deiner Treue unser Leben anvertrauen. Amen