Wie damit zurecht kommen: Das Leben ist nicht fair

Römer 9, 6 – 13

6 Aber ich sage damit nicht, dass Gottes Wort sei hinfällig geworden.

            Wenn das so ist, wie es Paulus sagt, wenn Israel all diese Gaben Gottes empfangen hat, dann wird die Frage umso drängender: Warum glauben sie nicht an den Messias Jesus, an den Christus? Ist das Wort Gottes hinfällig? Kraftlos? Schwach? Leer? Das griechische Wort κπίπτειν kann auch „herausfallen“, „abgeschafft werden“ bedeuten. In der Apostelgeschichte wird durch das Wort das Stranden des Schiffes bezeichnet, mit dem Paulus unterwegs nach Rom ist.

Es ist für Paulus eine gänzlich unmögliche Vorstellung: Gottes Wort verliert seine Kraft. Schon deshalb, weil er es doch weiß und gelernt hat: Das Wort Gottes „wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55, 11) Deshalb muss Paulus eine andere Begründung für den fehlenden Glauben mancher in Israel finden – und findet sie auch.

Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; 7 auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern nur »was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden« (1.Mose 21,12),

Ein Blick in die Bibel reicht: Der Name Israeliten steht nicht allen zu, die, ich ergänze aus früheren Sätzen „dem Fleisch nach“(9,3) – von Israel stammen. So wie ja auch nicht Ismael, der erstgeborene Sohn Abrahams und der Hagar, der Sohn Abrahams ist, auf den die Israeliten sich berufen. Nur wer aus der Isaak-Linie stammt, darf sich auch auf Abraham berufen.

8 das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt. 9 Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht (1.Mose 18,10): »Um diese Zeit will ich kommen und Sara soll einen Sohn haben.«

                  Und selbst da, in der Abrahams-Sippe gilt: Es ist nicht die leibliche Abstammung, die zu einem „wahren Israeliten“(Johannes 1,47) macht. Es ist die Verheißung. Auf sie kommt es an und sie macht den Unterschied. Ich könnte auch sagen: Es ist der Geist, der die Kindschaft (9,4) bewirkt – und hätte Paulus auf meiner Seite: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“(8,14)

Paulus kennt sich in der differenzierten Erzählweise seiner Bibel gut aus. „Und Abraham sprach zu Gott: Ach dass Ismael möchte leben bleiben vor dir! Da sprach Gott: Nein, Sara, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären, den sollst du Isaak nennen, und mit ihm will ich meinen ewigen Bund aufrichten und mit seinem Geschlecht nach ihm. Und für Ismael habe ich dich auch erhört. Siehe, ich habe ihn gesegnet und will ihn fruchtbar machen und über alle Maßen mehren. Zwölf Fürsten wird er zeugen und ich will ihn zum großen Volk machen. Aber meinen Bund will ich aufrichten mit Isaak, den dir Sara gebären soll um diese Zeit im nächsten Jahr.“(1. Mose 17, 18-21) Es ist der erwählende Gott, den er da am Werk sieht. Der die Freiheit hat zu rufen und zu wählen, wie er will.  Wenn ich es zuspitze: Es ist der Ruf Gottes, der zu Israeliten macht und nicht die körperliche Abstammung.

Im Grunde ist die ganze Argumentation des Paulus nichts andere als eine Variation dessen, was er zuvor schon über die Beschneidung (4, 9 – 13) gesagt hat. So wenig die Beschneidung als solche, als pure Operation schon den Zugang zum Heil sichert, so wenig sichert die Abstammung aus Israel, dass einer auch ein Israelit ist. In Wort und Wesen, Tun und Lassen.

Wenn ich diese Argumentation des Paulus weiterführe: Es ist nicht die Mitgliedschaft in einer Kirche, die den Christen macht. Es ist auch nicht die Taufe als bloßer Vollzug, die Christen macht oder die Konfirmation als nachgeholte Bestätigung. Es ist immer und im jeden Fall die Gnade, die die Christen macht und die ihr Echo findet im Leben, das sich dem Geist Gottes öffnet. In Wort und Wesen, Tun und Lassen.

10 Aber nicht allein hier ist es so, sondern auch bei Rebekka, die von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger wurde. 11 Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, damit der Ratschluss Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl – 12 nicht aus Verdienst der Werke, sondern durch die Gnade des Berufenden -, zu ihr gesagt: »Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren« (1.Mose 25,23), 13 wie geschrieben steht (Maleachi 1,2-3): »Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.«

            Noch einmal treibt er seinen Gedanken weiter, diesmal mit Rebekka und ihrer Zwillingsgeburt. Zwei Söhne, Kinder aus einem Zeugungsakt, aber wie unterschiedlich werde ihre Wege sein. Schon das vorgeburtliche Orakel hat es „festgelegt“, vorher gesagt: »Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren«. Es gibt keine Notwendigkeit dafür. Es ist ein Wort, das nicht aus unterschiedlichem Charakter, mit unterschiedlichen Fähigkeiten begründet wird.  Die Wahl Gottes, so stellt Paulus klar, hängt nicht am Leistungsvermögen, sie hängt auch nicht daran, dass diese beiden Kinder schon im Mutterleib entweder Gutes oder Böses getan hatten. Es ist ausschließlich Gottes freie Wahl. Sie aber führt zu unterschiedlichen Lebenswegen. Gott führt nicht alle auf den gleichen Weg.

In der Lutherübersetzung klingt es furchtbar hart: »Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.« Ich bin dankbar, dass ich den folgenden Hinweis finde: Wie 5. Mose 21 15 – 17 „an einer vergleichbaren Konstellation zeigt, kann im Hebräischen der Gegensatz `lieben/hassen’ auch `vorziehen/Zurücksetzen’ bedeuten, was an unserer Stelle (und an manchen anderen Stellen im Neuen Testament) die richtige Übersetzung ist.“ (W. Klaiber, aaO. S.169)

Damit ist der Satz zwar sprachlich ein wenig entschärft und abgemildert, aber in der Sache bleibt es hart: Gott zieht den Einen dem Anderen vor. Und wir – heute – glauben doch, dass vor Gott alle Leute gleich sind. Also gerade keine Bevorzugung, weder religiös noch sonst wie durch Glück im Leben. Das macht diese Stelle für uns schwierig – theologisch: „Paulus steuert hier also auf eine doppelte Prädestination zu…., um die völlige, absolute Freiheit herauszustellen, in der Gott innerhalb der Geschichte der Welt die Geschichte seines erwählten Volkes konstituiert und voranführt.“ (U. Wilckens, aaO. S.195f.) Zugleich ist die Stelle auch emotional schwierig, weil wir uns gegen solches Vorziehen, γάπησα, und Zurücksetzen,μίσησα. innerlich sträuben. Wir geraten hier an eine Grenze unseres Verstehens, womöglich aber auch an eine Grenze unseres Verstehenwollens.

Alles nur Theorie? Nur Theologen-Kram? Nur religiöse Spinnerei? Ich habe Menschen vor Augen, die darunter jarzehntelang leiden, dass Entscheidungen der Eltern ihren ganzen Lebensweg bestimmt haben. „Du bist ein Mädchen, Du heiratest doch sowieso und braucht deshalb kein Abitur.“ Die Brüder durften Abitur machen. Vorgezogen aus dem einen Grund, weil sie Jungen waren. Mancher Junge erlebt es heute umgekehrt: weil er ein Junge ist, werden seine Fähigkeiten und Verhaltensweisen nicht in der gleichen Weise schulisch anerkannt,   gefördert, wie die von Mädchen. Nur deshalb, weil die überwältigende Mehrzahl der Lehrerinnen im Grundschul-Bereich Frauen sind und die Mädchen ihnen mit ihrem Verhalten mehr liegen. „Vorziehen“ und „Zurücksetzen“ sind Erfahrungen des Alltags und belasten schwer – vor allem, wenn man zu denen gehört, die zurückgesetzt werden. Durch Geschlecht, Abstammung, soziale Schicht, Milieu. Prädestination – nicht durch Gott, sondern durch die Lebensumstände. Das ist die Alltagsgestalt unseres „theologischen Problems.“

Ich habe es auch deshalb schwer mit diesen Worten, weil ich Menschen vor Augen habe, denen diese Lehre von der doppelten Prädestination eingetrichtert worden ist. Als Drohung: Du gehst verloren und hast keine Chance, wenn Gott es so über dich verhängt hat. Sieh also zu, dass du gut bist, dass Dein Leben gelingt, damit Du sicher sein kannst, dass du auf der richtigen Seite unterwegs bist. Es ist quälend zu sehen, wie solche theologischen Lehrsätze das Bild Gottes verdunkeln und ein Leben lang als Last über Menschen liegen.

Wenn ich es mit meinen Worten sagen soll: Das Leben ist nicht immer fair. Das sagt sich als Erfahrungssatz noch relativ leicht. Aber es ist eine der härtesten Lektionen überhaupt sehen zu lernen, dass der Satz auch heißen kann: Wir sehen nicht, dass Gott immer fair wäre. Vielleicht gehört es zum Glauben dazu, sich das einzugestehen: Manchmal kommt mir Gott unfair vor. Ich verstehe ihn in seiner Gerechtigkeit und seinem Vorziehen und Zurücksetzen nicht.

 

Heiliger Gott, damit habe ich bis heute zu kämpfen, ohne dass ich wirklich damit klar komme, dass Du manchen einen harten Weg zumutest, während anderen alles zufliegt, dass die einen sich mühen und plagen, oft genug ohne einen Erfolg zu sehen, während andere von Erfolg zu Erfolg schweben.

Hast Du wirklich die einen lieb, während die anderen Dir gleichgültig sind? Sieht Du nur die einen mit Wohlgefallen? Bei den anderen aber siehst Du weg?

Darauf hoffe ich, gegen alle Vernunft und alle Erfahrung, dass Deine Liebe allen gleich gilt, wie verschieden auch die Wege des Lebens sein mögen, ob im Dunkel und der Angst, oder im hellen Licht und der Freude, ob mühsam oder leichtfüßig.

Deine Liebe sucht doch gerade die, die im Dunkel sind. Amen