So weit würde Paulus gehen

Römer 9, 1 – 5

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.

            Unmittelbar zuvor hat Paulus eindrücklich seine Hoffnung beschreiben, wenn man so will, sein persönliches Bekenntnis formuliert. An dieses persönliche Bekennen schließen sich diese Worte jetzt an, reden sie doch von dem Schmerz und der Traurigkeit, die Paulus empfindet, die ihm zu schaffen machen. Wobei die Versicherung Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, ein Hinweis darauf ist, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht. „Der Apostel fühlt sich von außen angegriffen und von innen angefochten.“ (W. Klaiber, aaO. S.165) Vielleicht hat er Sätze im Ohr, die ihm Verrat an Israel vorwerfen, ihn für abgefallenen vom Glauben der Väter erklären.

               So geht es im Folgenden nicht um etwas, das man auch einmal diskutieren kann, auch nicht nur um Lehrsätze. Es geht um Sachverhalte, die Paulus im Innersten schmerzen, die ihm schwer zu setzen, weil damit seine eigene Existenz als Jude mit auf dem Spiel steht. Wir dürfen das nicht vergessen: Die Worte, die Paulus schreiben wird, sind die Worte eines „Juden“, der in Jesus Christus seine Gerechtigkeit erfahren hat. Es sind nicht die Worte eines Griechen, der zum Glauben  an den Christus gekommen ist.

„Der Schmerz, der ihn Israels wegen peinigt, setzt nie aus.“ (A. Schlatter, aaO. S.293) Dass es in diesem Schmerz um Israel geht, erfahren wir erst in den nachfolgenden Worten. Dann aber ist es der Größe des Schmerzes geschuldet, dass es Paulus einen langen Atem, viele Worte kostet, um seinen Schmerz und den Weg zu einer Lösung zu beschreiben.

 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch,

            Ein Satz zum Erschrecken. Wenn er die Wahl hätte, würde Paulus das eigene Heil preisgeben, wenn er dadurch seinen Brüdern und Schwestern den Weg zu Christus öffnen könnte. So weit würde Paulus in seiner Liebe zu seinen Brüdern gehen, dass er seine Seligkeit drangeben würde. Nie ist Paulus näher an Christus und seiner Liebe, als in diesen Worten. Christus hat sein Leben auch nicht geschont, für sich selbst behalten. Er hat es hingegeben für das Leben der Welt. Das jedenfalls will Paulus nicht: Auf Kosten der Juden gerettet sein. Sondern das wünscht er, dass seine eigene Hingabe ein Weg zum Heil Israels sein könnte. 

Es ist ein Wunsch, von dem Paulus weiß, dass er unerfüllbar ist. „Ηὐχόμην drückt eine unerfüllte, unerfüllbare Bitte aus.“ (U. Wilckens, aaO. S.187) Er, Paulus, kann nicht die Stelle Christi einnehmen. Er kann nicht den Weg zum Heil für Israel öffnen. Dieser Weg ist allein offen durch das Kreuz, durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Diese Haltung des Paulus lässt mich fragen: Wie steht es bei uns, bei mir, mit dem Schmerz darüber, dass es viel Gleichgültigkeit dem Glauben gegenüber gibt, abgebrochene Glaubenswege, ins Leere gelaufenes Rufen zum Glauben? Kenne ich diesen Schmerz wie Paulus? Oder beantworten wir, ich, Gleichgültigkeit dem Glauben gegenüber durch Gleichgültigkeit denen gegenüber, die nicht glauben? Fragen über Fragen. Und ich spüre Unbehagen, die offene Wunde, die dieses Fragen hinterlässt.

4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

             Es fällt auf – Paulus redet von seinen Stammverwandten nach dem Fleisch, die Israeliten sind. Diese Stammverwandten sind, so kann ich verstehen, „nur“ der eine Teil seiner Brüder. Denn Paulus hat ja auch noch die Brüder, die nicht aus Israel kommen, die aus den Heiden stammen. Er nennt diese Stammverwandten, mit denen ihn die gemeinsamen Herkunft verbindet, Israeliten, nicht Juden. Das ist die Erinnerung an den alten Würdenamen Israel, den Gotteskämpfer. Das Wort Juden vermeidet er in dem gesamten Abschnitt 9 – 11. Vielleicht, weil es im Umfeld Roms einen negativen Klang hat?

Aber dann zählt Paulus auf, was die Würde Israels ausmacht: die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, das Gesetz, der Gottesdienst, die Verheißungen, die Väter. Nicht als Vergangenheit, sondern als Gegenwart. Das sind ihre Gaben bis heute. Es gilt, weil es von Gott her unverbrüchlich zugesagt und zugeeignet ist: Kindschaft, υοθεσα und Herrlichkeit δόξα. Das sind nicht Eigenschaften Israels, wohl aber bleibende Gaben Gottes an Israel. So hält Paulus daran fest, dass Israel anders ist, ausgezeichnet durch die Wahl Gottes. Und schließlich und endlich: Aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Es macht die unverlierbare Würde Israels aus, dass Jesus Jude ist, dass der Christus aus Israel kommt. „Das Heil kommt von den Juden.“ (Johannes 4,22) ist eine diesen Sätzen verwandte Aussage.

Der Satz über die Gaben Israels schließt mit: der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. Eine Doxologie, ein Lobpreis Gottes. Das gibt es bei Paulus öfters, dass er in seinen Gedankengang so einen Lobruf einstreut. Diese Lobrufe sind immer immer auf Gott bezogen. Damit ergibt sich die Frage: Wie ist das hier? Nennt Paulus hier den Christus nach dem Fleisch Gott? Das würde völlig herausfallen aus dem, wie Paulus sonst redet. Darum ist die Mehrzahl der Exegeten für eine andere Leseweise. Sie lesen die Doxologie als eigenständigen Satz, der Gott lobt: „Gott, der über allem ist, sei gepriesen in Ewigkeit“ (U. Wilckens, aaO. S.186) Ähnlich Stuhlmacher; Klaiber, u.a.

            Anders ist es bei den Bibelübersetzungen! Sie folgen, mit Ausnahme der Gute-Nachricht-Bibel, der Lutherübersetzung, nach der Christus als der Gott über alles gelobt ist. So redet Paulus sonst nicht von Gott, dass er sagt: Christus sei über allen Gott. Nur hier? Warum? „Der, an dem Gott geschaut wird, wird für die, denen sich Gott in ihm offenbart, zum Gott.“ (A. Schlatter, aaO. S.295) Mir leuchtet das ein.

 

Manchmal, mein Gott, frage ich mich: Wie weit würdest Du gehen für andere? Wie viel darf es kosten, dass es ihnen gut geht, dass sie den Weg des Lebens finden? Wie viel ist mir ihre Seligkeit wert?

Solange das mit Geld abzugelten ist, mit dem Einsatz von Kraft und Zeit, mag es ja noch hingehen. Was aber, wenn es das Leben kosten könnte.

Ich weiß es nicht, mein Gott, wie weit ich gehen würde. Ich bin froh, dass Du über allen Grenzen hinaus gegangen bist in Deiner Liebe , um uns zu gewinnen, für immer. Amen