Nichts – nur: Gott ist für uns

Römer 8, 31 – 39

31 Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

Jetzt holt Paulus Luft. Weil er nun zusammenfassen wird, was er bislang gesagt hat. Er beginnt mit einer Frage, die zwar wie eine Frage klingt, aber in Wahrheit keine ist. Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Beide Teile des Satzes kennt Paulus. Gott ist für uns – das hat er seit dem Beginn des Briefes unermüdlich wiederholt. Für uns, die keine tollen Leute sind. Für uns, die wir auf seine Gnade angewiesen sind. Für uns, die er gerecht macht, weil wir selbst das in keiner Weise können.

Paulus weiß, dass auch das stimmt: Es gibt eine Menge Menschen, die gegen uns sind. Heiden halten uns Christen für Atheisten, weil wir nicht im Tempel opfern. Juden halten uns für Spinner, weil wir nicht mehr auf den kommenden Messias warten, sondern sagen: er ist gekommen. Städtische Behörden halten uns für Unruhestifter, weil es öfters einmal zu Tumulten kommt, da, wo wir predigen. Und manchen sind wir einfach unheimlich, weil wir so rigoros unseren Vorstellungen folgen.

Aber das alles fällt nicht ins Gewicht gegenüber dieser alles überragenden Gewissheit: Gott ist für uns.

 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

             Das ist der Grund der Gewissheit des Paulus: Gott hat sich so für uns sehr engagiert, dass er den eigenen Sohn nicht verschont hat. Er ist bis zum Äußersten gegangen. So wie es Jesus im Gleichnis erzählt: „Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.“(Markus 12,6) Nur, dass hier der Ausgangspunkt ein anderer ist: Es geht nicht um den letzten Versuch, doch noch zur Umkehr zu bewegen. Sondern es ist in den Augen des Paulus die endgültige Übernahme aller Menschenschuld – durch den Sohn. Er ist dahingegeben, damit wir frei kommen, ausgelöst werden aus unserer Gottesferne. Wahrscheinlich „steht dem Apostel hier Jesaja 53,12 vor Augen: Gott hat seinen Sohn zum leidenden Gottesknecht gemacht, der stellvertretend für die Vielen in den Tod gegangen ist.(P. Stuhlmacher, aaO. S.127) In ihm ist uns alles geschenkt.

Alles – das ist die Liebe Gottes. Das ist die Vergebung Gottes. Das ist Freispruch von allen Anklagen. Das ist die Zukunft in Gottes Herrlichkeit. „Auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja.“(2. Korinther 1,20) Was immer Gott versprochen, verheißen hat – in Jesus schenkt er es in die Gegenwart hinein und erfüllt es in seiner Zukunft. Paulus geht immer aufs Ganze. Deshalb liebt er das Wort Alle, Alles. Πάντα. Es fällt ja auf, wie oft dieses Wort in diesem Abschnitt steht. Weil Paulus hier wirklich eine Summe seiner vorherige Gedanken zieht, den ganzen Weg auf einen Punkt bringt. Und der besagt eben: Es geht Gott um alle, um Alles, um das Ganze der Welt.

 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

             Hier – darauf liegt der Ton. Jetzt und hier. Hier – auf unserer Seite – Gott als der, der gerecht macht, Christus als der, der für uns eintritt. Uns als „Anwalt“, als Fürsprecher vertritt. Was Paulus beschreibt, ist Gegenwart, nicht nur Vergangenheit und auch nicht bloße Zukunftsmusik. Hier und heute, hier, bei euch in Rom, bei mir, der ich diesen Brief schreibe. Vielleicht darf man es so sagen: Paulus „sieht“ Gott nicht nur im Himmel, weit weg. Er „sieht“ ihn im eigenen Leben präsent. Er weiß sich und die Gemeinde umhüllt von der Gegenwart des gerecht machenden Gottes.

Nicht billig: Gott ist auf unserer Seite. So wie es Bob Dylan einmal bitterböse karikierend singt:

 Oh my name it is nothin’
My age it means less
The country I come from
Is called the Midwest
I’s taught and brought up there
The laws to abide
And the land that I live in
Has God on its side.                 
B.Dylan, CD The Times They Are A-Changin’

Es ist die Parole der Koppelschlösser, die Dylan karikiert: „Gott mit uns.“ Wir vergessen es bei aller Aufgeregtheit über die, die „Allah Akbar“ rufen und so ihre Brutalitäten überhöhen und zu begründen suchen, so leicht. Das ist noch nicht lange her, dass wir in Europa sicher waren: Wie immer es auch um uns stehen mag, um die Rechtmäßigkeit unserer Kriegsgründe – Gott ist auf unserer Seite.

                           Aber wenn Gott auf unserer Seite ist, weil er auf unserer Seite ist, dann so, dass es Leben verändern kann, dass eine neue Perspektive sich öffnet, neue Schritte möglich werden: Gott tritt auf die Seite der Sünder, damit sie, damit wir frei werden aus dieser tödlichen Gefangenschaft unter die Sünde.

  35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.«

             Aber, könnte einer sagen, Paulus, Dein Himmel auf Erden sieht seltsam aus: Verfolgung, Anfeindung, Mühsal. Vielleicht hat es Paulus auch manchmal so gehört, wenn er von der Gegenwart Christi, vom gegenwärtigen Heil geredet hat: Du hebst ab. Schau dich doch um.

             Paulus macht die Augen nicht vor der Wirklichkeit zu. Es geht den Christen so, wie es dem Volk Gottes schon immer gegangen ist, darum das Psalmzitat, das die Erfahrungen der Christen mit den Erfahrungen Israels verbindet. „Bedrängnis von außen und innen, Verfolgung, Hunger, Beraubung der Kleider, Gefahr für Leib und Leben” (U. Wilckens, aaO. S.175) – das ganze Programm. Das haben Juden immer wieder erfahren, auch durch Christen. Sie, die Juden sind die Schlachtschafe der Welt. Erst danach, wenn sie das sehen und sagen, dürfen Christen dieses Wort auch auf sich beziehen.

Es ist hart, aber so sieht Paulus das: Die Gegnerschaft der Welt, das Leiden um Gotteswillen ist das Normalprogramm der Leute Gottes. Uns in der Bundesrepublik ist das seit vielen Jahren fremd. Wir müssen in die Kirchengeschichte schauen, um Ähnliches zu sehen oder in die Geschichte der Nazi-Diktatur und auch in manche Zeiten der DDR. Christen in anderen Regionen der Welt aber kennen das, auch heute noch.   

37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.

            „Christen leiden mit Christus, um so mit Christus auch verherrlicht zu werden.“(U. Wilckens, aaO. S.175) Der Weg mit Christus  erspart der Gemeinde, den Christen nicht das Leiden. Es ist auch kein Triumphmarsch, auf dem sie kein irdisches Leid berühren kann. Aber es ist ein Weg, der nicht im Leiden endet. Das Ziel ist „überwinden“. Auch wenn die Vokabel im Griechischen nicht genau übereinstimmt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Johannes 16,33)  Die Worte berühren sich. Die Christen stehen auf der Seite dessen, der die Welt überwunden hat, νενκηκα. Darum können sie auch überwinden. περνικμεν.

38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“(8,1) hat Paulus am Anfang dieses Abschnittes gesagt. Genau da landet er auch am Ende: Nichts, wirklich nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Und dann schreitet er in Gedanken die Welt ab – Tod und Leben, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Hohes und  Tiefes. Die ganze Welt, aber sie kann uns nicht von Gott trennen. Sie ist ja Gottes Welt. Und dann weitet er den Blick über die Welt vor Augen hinaus: Engel und Mächte und Gewalten – auch da kann uns nichts Gott entreißen. „Paulus will das Ganze der natürlichen und vor allem der übernatürlichen Wirklichkeit umreißen, um keinen Raum für irgendetwas zu lassen, das die Liebe Gottes verdunkeln und der Angst das Wort reden könnte.“ (K. Haacker; aaO. S.178)

Weil diese Liebe in die tiefsten Tiefen gegangen ist, bis in die Hölle der Gottesferne, hat sie den Weg in den Himmel geöffnet und niemand kann ihn mehr zuschließen. Das sieht Paulus, wenn er auf Jesus sieht. Das sieht er, wenn er sich den Gekreuzigten vor Augen stellt. Darum malt er seinen Gemeinden auch nichts anderes als Jesus den gekreuzigten und auferstandenen Christus vor Augen.

Muss man es eigentlich noch sagen? „Paulus unterscheidet nicht zwischen der Liebe Christi und der Liebe Gottes!“ (W. Klaiber, aaO. S.162) Mit ihm ist das nicht zu machen: Hier der nette, sanfte, freundliche, liebe Herr Jesus des Neuen Testaments, da der zornige, blutrünstige, rachsüchtige Gott des Alten Testaments. In der Liebe Jesu wird keine andere Liebe geschaut und erkannt als die Liebe des Schöpfers und des Gottes, der Israel erwählt und berufen und geführt hat. Und umgekehrt: Jesus ist kein neuer Gott, jetzt endlich der liebe Gott, neben diesem alten Gott.

Was Paulus hier schreibt, ist die Gewissheit des Glaubens, nicht als ungefährdeter Besitz, wohl aber als Wort, das ich mir vor-sagen darf, dass ich mir einreden darf, das ich mir von anderen immer neu zusagen lassen darf, weil meine Seele es braucht, diese Worte als Worte von außen zu hören: Darauf darfst du doch verlassen.

 

Jesus, ich kann es gar nicht oft genug hören: Nichts kann dich scheiden von der Liebe Gottes. Ich kann es mir nicht oft genug vorsagen: weder Tod noch Leben. Mir nicht tief genug ins Herz einprägen: weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges.

Daran halte ich mich, dass Deine Liebe hält. Darauf vertraue ist, dass ich Dir anvertraut bin, Du mich durchbringst, alle Zugriffsrechte auf mich abwehrst, weil ich Dein bin und nichts und niemand Dir nehmen darf, wen Du Dir gewonnen hast in Deiner Liebe, in Deiner Hingabe. Amen