Aa, lieber Vater

Römer 8, 12 – 17

12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.

            Wir können anders leben. Alternativ. Das heißt ja: Von neuem, von oben geboren. Aus einer anderen, neuen Wirklichkeit. Einmal mehr sehe ich eine große Nähe von Paulus-Formulierung zu Worten, die Johannes in seinem Evangelium gebrauchen wird. „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“(Johannes 3,6) Für Christen ist das Leben in seinen Möglichkeiten geöffnet hin zur Wirklichkeit, die Gott uns eröffnet. Nicht mehr alternativ-los κατ σρκα, nach dem Fleisch.  

 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.

Es ist eine schroffe Gegenüberstellung: Nach dem Fleisch – durch den Geist. Schroff auch darin, dass es nur ein Entweder-oder gibt. Keinen dritten Weg. So wenig, wie frau ein bisschen schwanger sein kann oder auch nicht, so wenig kann man leben im „sowohl-als auch“ – ein bisschen nach dem Fleisch und ein bisschen durch den Geist. Da herrscht nach Paulus Unverträglichkeit.

Der Weg zum Leben ist ein Kampfgeschehen. Der Kampf besteht im Töten der Taten des Fleisches. So erklärt Luther im Zusammenhang seiner Taufunterweisungen: „Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ (M. Luther, Kleiner Katechismus, 4. Hauptstück, 1529) Diese Worte machen es deutlich, dass das eine bleibende Aufgabe ist, kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist, perfekt. Den „perfekten“ Christen, der alle Kämpfe durchgestanden, hinter sich hat, abgeschlossen hat, gibt es nicht.

 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

            Wohl aber gibt es die, die der Geist Gottes treibt. Die er unruhig macht, auch umtriebig. Die er nicht in Ruhe lässt.γειν heißt „treiben, führen, leiten“ (Gemoll, aaO. S.8) Das kennzeichnet die Christen, dass sie vom Geist geleitet werden, dass sie sich nicht selbst leiten, dass sie Leute sind, die auf das Hören ausgerichtet sind, auf die Weisungen Gottes. Weil sie wissen: Wir sind seine Kinder – er ist unser Vater.

Es ist ein kühner Schritt, den Paulus hier geht. Von Leuten, die er zuvor als Gottlose gekennzeichnet hat, als die, die keine eigene Gerechtigkeit zustande bringen und vorweisen können, von diesen Leuten zu sagen: Sie sind Gottes Kinder. υο θεο könnte man auch übersetzen: Söhne Gottes. Und weil stimmt, dass die maskuline Form die feminine einschließen kann, auch: Töchter Gottes.

Ob nun Kinder Gottes oder Söhne und Töchter Gottes, jedenfalls gilt: „Der Christi wird nicht zur Marionette Gottes, der mit dieser macht, was er will. Er ist gefragt, sich für das Wirken des Geistes offen zu halten.“ (W. Klaiber, aaO. S.143) Der Geist schafft ein Vertrauensverhältnis, eine Beziehung, in der man sich dem Leiten des Geistes anvertrauen kann.

 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

            Wunderbar finde ich das hier Angedeutete ausgesagt in den Worten Jesu: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(Lukas 15, 31) Das ist der Geist, den Gott uns schenken will, der aus dem Vertrauen auf den Vater umgehen kann mit den Gaben der Welt. Das meint Abba, lieber Vater! Ich darf diese Welt nehmen aus den Händen des Vaters. In der Verantwortung vor ihm und in der Freiheit, die er mir zutraut. Wer Gott gegenüber nie aus der Gesinnung eines Knechtes, aus dem Geist der Pflichterfüllung heraus findet, der lebt unter den Möglichkeiten, die Gott ihm zutraut. Unter dem Stand, in den er uns versetzt hat.

Wir sind nicht mehr Knechte, sondern Söhne und Töchter Gottes. Beschenkt mit dem Geist der Kindschaft, so wörtlich im Griechischen. Eine Wendung, die auf die Adoption anspielt, nicht so sehr auf das ebenfalls denkbare Bild der Neugeburt. Also Söhne und Töchter, und wie der eine, eingeborene Sohn immer im Gespräch mit dem Vater: „Dein Wille geschehe.“(Matthäus 6,10) Und: „doch nicht, was ich will, sondern was du willst!.“(Markus 14,36) 

Ich denke, dass Paulus hier sehr bewusst das Wort υἱοὶ θεοῦ wählt. Er hat keine Angst, die dadurch zu der Nähe mit dem einen, dem eingeborenen Sohn Gottes entsteht. Sondern er will diese Nähe bewusst, weil gerade so deutlich wird, was geschehen ist: Wir werden mit Jesus Christus durch die gemeinsame Sohnschaft, υοθεσα, Kindschaft untrennbar verbunden. Der Unterschied zwischen uns und Christus wird nicht aufgehoben, aber betont wird die Zugehörigkeit, die uns Anteil gibt an seinem Sohn-Sein. Den gleichen Sachverhalt kann Paulus auch so ausdrücken: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“(Galater 2,20)

16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.

            Woran aber erkennen wir, dass wir Gottes Kinder sind? Wie wird aus dem Satz, der in unsren Ohren erst einmal nur eine Behauptung ist, ein Satz, der unsere Erfahrung durchdringt?

Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seyst
Und dass Gott der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glükke speist.
Die Folgezeit verändert viel und setzet Jeglichem sein Ziel.                                                                  G. Neumark 1641, EG 369

            Es sind nicht die Attribute eines erfolgreichen, von Gelingen geprägten Lebens, die uns gewiss machen in der Gotteskindschaft. Das ist die Erfahrung des Lieder-Dichters, dass wir das  gerne hätte, uns festmachen zu können im Gelingen, dass Gott uns als seine geliebten Kinder sieht.

Paulus sagt: Es ist der Geist, der uns Zeugnis gibt. Es ist der Geist, der uns rufen lässt:  Abba, lieber Vater! Für mich ist gut vorstellbar, dass es hier auch um Erfahrungen im Gottesdienst geht. Dass es eine Gewissheit des Glaubens ist, die durch den gemeinsamem Gebetsruf gestützt, stabilisiert wird. „Paulus stellt hier neben den Glaubensakt den inspirativen Vorgang. Er weist ihm die zweite Stelle zu; die erste hat der durch die Botschaft Jesu begründete Glaube.“(A. Schlatter, aaO. S.266) Das Wort von außen und das innere Zeugnis wirken so zusammen. Gehört und geglaubt. Später wird Paulus sagen, dass das Glauben aus dem Hören kommt. (10,14.17)

17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

            Der Blick öffnet sich. Der Horizont wird weit. Was Paulus bis hierher gesagt hat, gilt jetzt. Aber es eröffnet zugleich Zukunft, über den morgigen Tag hinaus. Zukunft in der Herrlichkeit Gottes. Gottes Erben und Miterben Christi – so sieht Paulus die Christen. Christsein erschöpft sich nicht im Mitleiden. Sondern es hat seine Perspektive im mit erhoben werden. Diese Perspektive gilt allen, denen in Bedrängnis damals und denen in Bedrängnis heute. So sieht Paulus die Gemeinden. Das kleine Häuflein in Rom. Die Hauskirchen in Korinth und Philippi, die Gemeinde in Jerusalem. Die Kirche aller Zeiten. Das ist das Versprechen: Der Geist ist die Verheißung, der Vorgeschmack der größeren Zukunft.

 

Mein Gott, manchmal treiben mich andere Geister. Ängste, Sorgengeister,Widerspruchsgeister, der Geist der Anpassung. Es fällt mir schwer, diese Geister abzuschütteln, sie los zu werden, sie in ihre Schranken zu verweisen.

Darum brauche ich das Treiben Deines Geistes, das die Schatten vertreibt, die Luft reinigt, mir die Furcht nimmt, mich füllt mit der Zuversicht, die mich rufen lässt: Abba, lieber Vater. Amen