Auf festem Grund

Römer 8, 1 – 11

1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Weil das alles so ist, ist eine neue Wirklichkeit in Kraft. Für die, die in Christus Jesus sind. Und zwar jetzt und in Zukunft. ρα νν, so nun wirkt auf den ersten Augenblick wie bloß rhetorischer Anschluss: daraus folgt. Aber es ist mehr. Es ist die Konsequenz aus allem, was Paulus bisher über die Gerechtigkeit Gottes, über sein Rechtfertigen der Gottlosen gesagt hat. Weil das alles gilt – keine Angst mehr vor Verdammnis. Nicht vor der Gegenwärtigen und nicht vor der Zukünftigen.  Ihr seid als Christen im Schutzraum Christi. In diesem Schutzraum, der ein Raum des Lebens ist, sind die Christen,  seit ihrer Taufe und durch ihre Taufe, durch die sie „in einem neuen Leben wandeln.“(6,4)

2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

            Dieser Schutzraum ist gekennzeichnet durch das Gesetz des Geistes, der lebendig macht. Man kann auch, näher am griechischen Text übersetzen: Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus. Das macht die Gegenüberstellung deutlicher: Hier das Gesetz des Lebens – da das Gesetz der Sünde und des Todes.  Das ist die Zusage an die Christen – es fällt auf, dass Paulus hier auf einmal in der Anrede formuliert: Du bist frei gemacht. Du kannst anders leben – in diesem Bereich der Freiheit, die der Geist des Lebens eröffnet. „Der Geist macht den Menschen zum Wollenden; ein Anspruch wird an ihn gerichtet, ein Ziel ihm gezeigt, eine Norm in ihm befestigt.“ (A. Schlatter, aaO. S.254) Das also gilt es: sich vom Geist leiten zu lassen, ihm zu folgen. Das Gesetz ist dem gegenüber, so könnte man sagen, nur noch ein Relikt aus deiner alten Welt.

3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, 4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.

            Das Gesetz konnte seine Aufgabe, zum Leben zu leiten, nicht erfüllen. Es ist den Menschen zum Fallstrick geworden, weil sie selbst es geschwächt, ich würde sagen: missbraucht und missverstanden haben. Missbraucht in der Übertretung, missverstanden in der Weise, dass sie es als  eine Leiter zum Himmel begriffen haben, die sie emporsteigen müssen und nicht als einen Schutzraum zum Leben auf der Erde. Die Missachtung im Brechen der Gebote und die Missdeutung als Aufstiegshilfe haben beide dem Gesetz seine Kraft genommen.

             Deshalb – das macht schon deutlich: Es ist ein neuer Weg, der jetzt benannt wird, – hat Gott gehandelt. Er sandte seinen Sohn. Das ist Bekenntnis der Christen, wie es sich öfters findet: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“(Galater 4,4) „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“(1. Johannes 4,9) Das ist die Antwort Gottes auf die Verlorenheit unter dem Gesetz, auf die ausweglose Gefangenschaft. Er gibt den Sohn in die wirkliche Welt – so verstehe ich: in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen. Jesus Christus kommt in eine schuld-beladene und schuld-verfallene Welt. So wie wir das Weihnachten singen, ohne uns wirklich klar zu machen, was wir da singen:

 Welt ging verloren. Christ ist geboren.                                                                          Freue, freue dich, o Christenheit!     J.D.Falk 1819  EG 44

Paulus in Kurzfassung.  „Anstatt die sündigen Menschen zu verdammen, hat Gott die Sünde (als über-persönliche Macht vorgestellt) verdammt.“ (K. Haacker; aaO. S. 152) Man könnte auch sagen: Die Sünde hat ihre Zugriffsmöglichkeiten auf die Christen verloren. Die stehen jetzt unter neuem Kommando: Unter der ihnen geschenkten Gerechtigkeit im Geist.

5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht. 8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.

Das ist nichts nur Äußerliches. Es geht um eine Wesenswandlung. Wenn man so will: um Transformation. Aus fleischlichen Leuten werden geistliche Leute. Verkürzt gesagt: Fleischlich ist „die Beschränkung auf die eigenen Möglichkeiten und Gefährdungen.“ (W. Klaiber, aaO. S.137) Der fleischliche Mensch ist zurück geworfen allein auf sich selbst. Das kann, heroisch, tapfer, dann so klingen:

Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.                     Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!                                                                       Eugène Pottiers  1871, Die Internationale

            Die dem gegenüber ihr Leben aus den Geist führen, die geistlich gesinnt sind, schöpfen aus der Kraft Gottes, leben aus dem Geschenk seiner Gerechtigkeit, bergen sich in seinen Frieden. Sie müssen sich auch nicht mehr fürchten vor Gott und können damit alle innere Feindschaft gegen Gott lassen.

9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. 10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

Jetzt wird Paulus zum Prediger, zu einem, der den Christen in Rom, die er doch gar nicht wirklich kennt, das Heil zuspricht. Ihr aber seid geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Das denn, επερ markiert keinen Vorbehalt den Leserinnen und Lesern gegenüber, wohl aber eine Voraussetzung, ohne die die Zusage hinfällig wäre. Es könnte aber auch eine Verstärkung sein: „wenn ja wirklich, so gewiss“ (Gemoll, aaO. S.246) Das ist die feste Glaubensgewissheit des Paulus – als Erfahrung und als theologische Lehre: Es ist der Geist Gottes, der aus fleischlichen Leuten geistliche macht.

Gleichzeitig legt hier ein Satz den anderen aus: Wenn denn Gottes Geist in euch wohnt wird einige Worte später so ausgesagt: Wenn aber Christus in euch ist. Im Geist wohnt Christus in den Menschen. Für Paulus ist es nicht möglich, den Geist von Christus abzulösen, auch nicht Christus vom Geist. „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1. Korinther 12,3) Umso wichtiger ist Paulus, dass er das seinen Leuten in Rom zusagen kann, Sie, die Christen, „sind nicht nur von seiner Kraft berührt, nicht nur von seinem Wirken erfasst, sondern ihr personhaftes Wesen wird der Ort seiner Gegenwart.“ (A. Schlatter, aaO. S.261)

Aber umgekehrt gilt auch: Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Das ist eine harte, aber zugleich klärende Aussage. „Sollte jemand nicht vom Geist Christ erfüllt sein, würde er nicht zu Christus gehören. Man kann nicht nur dem Namen nach Christ sein. Wer wirklich zu Christus gehört, dessen Leben wird auch von seinem Geist bestimmt und geleitet.“ (W. Klaiber, aaO.S.139f. ) 

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

            Jetzt wird der Gedankengang gewissermaßen trinitarisch erweitert: Die Rede ist jetzt vom Vater, von Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Das hatte Paulus ja schon zuvor, in seiner Auslegung Abrahams gesagt:  „Was Gott verheißt, das kann er auch tun…. Wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten.“ (4, 21.24) Es ist sein Geist, der in euch wohnt. Der Geist des drei-einigen Gottes.

            Weil dieser Geist aber leben-schaffend ist, gar nicht anders kann, als Leben wirken, auch da, wo der Tod am Werk ist, darum werden auch die sterblichen Leiber der Christen lebendig gemacht werden. Deshalb nennt sie Paulus auch geistlich. Die gegenwärtige geistliche Existenz ist, so gesehen, die Vorwegnahme der kommenden Existenz, der kommenden Herrlichkeit,. Des Lebens jenseits allen Todes. Dieses Leben ist im Geist schon im Anbruch. Und darum eben nicht nur Zukunftsmusik.

 

Jesus, es ist gut, dass der Glaube nicht nur Erwägungen kennt, dass es nicht immer beim Nachdenken bleibt. Es ist gut, dass es dieses andere Reden gibt, die Zusagen, die Verheißungen, diese Worte, die mir sagen: Das ist der Boden auf dem du stehst, fest, unverrückbar, unerschütterlich. weil er seinen Grund in Gott hat.In Deiner Auferstehung, Jesus, ist dieser Grund gelegt über alle Todesmächte hinaus. Amen