Im Leben herrschen

Römer 6, 12 – 23

 12 So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, und leistet seinen Begierden keinen Gehorsam. 13 Auch gebt nicht der Sünde eure Glieder hin als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin als solche, die tot waren und nun lebendig sind, und eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit.

Nach den vielen Grundgedanken kommt jetzt eine erste Aufforderung, wohl begründet: So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe. Lasst euch auch nicht instrumentalisieren für irgendwelche Ungerechtigkeiten. Das ist die Konsequenz aus der Freiheit, aus der Gerechtigkeit, aus der Gnade, die ihnen zugeeignet ist: Die Christen können anders leben. Sie müssen nicht mehr zwangsläufig sündigen.

So erklärt der Tübinger Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein in einem Artikel über „Sündigen auf Lateinisch“: „Wohl wird sie (die Sünde) auch die Glaubenden immer wieder zu Verfehlungen verleiten, sie kann sie aber nicht mehr grundsätzlich und bleibend von der Liebe und dem Anspruch Christi trennen. Wenn dies aber stimmt, dann gilt für die an Christus Glaubenden nicht nur das posse peccare (sündigen können) der Geschöpfe und nicht mehr nur das non posse non peccare (nicht nicht sündigen können) der Sünder, sondern in Christus und in Gemeinschaft mit ihm das posse non peccare (nicht sündigen müssen) der Erlösten. Denn durch die Erlösung in Christus haben die Glaubenden bereits die Freiheit und das Vermögen, nicht zu sündigen”. Der Zwang zur Sünde ist aufgebrochen. Ihre Herrschaft ist am Ende. Sie führt im Leben der Christen allenfalls noch aussichtslose Nachhut-Gefechte.

14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

            Das liegt daran, dass die Christen gewissermaßen in einen neuen Lebensraum hinein versetzt sind, in eine neue Lebenswirklichkeit. In die Lebenswirklichkeit der Gnade. Unter der Gnade leben ist mehr als ab und zu erfahren, dass jemand gnädig ist. Die ganze Existenz wird davon bestimmt. Im Empfangen und im Weitergeben.

15 Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! 16 Wisst ihr nicht: wem ihr euch zu Knechten macht, um ihm zu gehorchen, dessen Knechte seid ihr und müsst ihm gehorsam sein, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?

            Einmal mehr ergreift Paulus als Seelsorger das Wort. Warnt vor Leichtsinn, vor Missverständnis. Dann ist ja alles nur noch halb so schlimm. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ Nein, wer sich mit der Sünde einlässt, der riskiert Infizierung. Er unterwirft sich ihr, diesmal nicht mehr gezwungen, sondern freiwillig. Der macht sich selbst zum „Knecht der Sünde.“

            In meinen Worten: Die Sünde gewinnt eine Macht über mich, der ich mich nicht mehr entziehen kann. Mir hilft zum Verstehen, wenn ich ähnliche Mechanismen beobachte, zum Beispiel im Suchtverhalten. Es ist nichts schlimm am Bier, am Wein, auch nichts schlimm am ersten Rausch. Aber er kann der Anfang eines Lebensstiles werden, an dessen Ende die Krankheit Alkoholismus steht. Die Gefangenschaft unter „König Alkohol“ (Jack London).

Oder: Da sagt einer an einer Stelle nicht die Wahrheit. Das ist oft die Auslösung einer Lügenkette. Um die erste Lüge zu verschleiern, muss die nächste folgen. Am Ende ist man verstrickt in ein Netz von Lügen.

Die Alternative zu diesen Kettenreaktionen ist Einüben eines Lebens im Gehorsam zur Gerechtigkeit. Im Hören auf das, was gerecht ist. Im Sehen auf das, was gerecht ist und natürlich: im Tun des Gerechten. „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.” (D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1951; S. 15“) Das schreibt Bonhoeffer in einer Meditation zum Tauftag von D.W.R. im Mai 1944. Es geht ihm dabei – wie Paulus – um die Einweisung in eine Lebenspraxis, die der Zugehörigkeit zu Christus entspricht.

17 Gott sei aber gedankt, dass ihr Knechte der Sünde “gewesen” seid, aber nun von Herzen gehorsam geworden der Gestalt der Lehre, der ihr ergeben seid. 18 Denn indem ihr nun frei geworden seid von der Sünde, seid ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit.

Es ist eine merkwürdige Gegenüberstellung: die Christen bleiben Knechte. Waren sie früher Knechte der Sünde, so sind sie jetzt Knechte der Gerechtigkeit geworden. Δοῦλοι Knechte, kann auch mit Sklaven übersetzt werden. Es ist gut sich zu erinnern: so bezeichnet sich Paulus ja auch selbst – als Sklave Jesu Christi. Die Wahl, so Paulus, ist nicht, ob ich ganz frei, nur mir selbst gehörend, autonom leben kann, sondern ob ich der Sünde oder der Gerechtigkeit gehöre, dem Tod oder dem Leben, welcher Macht auch immer oder Christus, dem Auferstandenen. Wir können uns frei fühlen, auch sagen: Ich bin so frei. Aber die Wahrheit ist eine andere:

 

You may be an ambassador to England or France
You may like to gamble, you might like to dance
You may be the heavyweight champion of the world
You may be a socialite with a long string of pearls.

But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed
You’re gonna have to serve somebody,
It may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody.                                                                        B.
Dylan, CD Slow train is coming 1979

                     Es ist eine unheimliche Wirklichkeit, die Paulus hier sieht. Wo mein Ich auf dem Thron meines Lebens sitzt, bin ich in Wahrheit in der Knechtschaft der Sünde. Ich merke es nur nicht, weil das thronende ich nicht unmoralisch sein muss, nicht lasterhaft und kriminell. Es kann hoch kulturell und  sozial engagiert auftreten. Es nur eben vermeintlich autonom, auf Abstand von Gott. Sich selbst alleiniges Gesetz.

             Es ist die gefährliche Gleichsetzung von Sünde mit Unmoral, die uns blind macht für die Wirklichkeit der Sünde. Die Sünde hält uns Gott fern. Sie hält uns bei uns selbst fest. Sie sagt uns vor: „Du bist Du nur so, dass Du Dir allein gehörst. Niemandem sonst. Schon gar keinem Gott.“ Und lügt uns Autonomie vor, während wir gefangen sind, gefangen in uns selbst in unserem Ich. Und in dieser Gefangenschaft eben Knechte der Sünde.  

19 Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen: Wie ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden.

            Noch einmal mit einer anderen Wendung: aus dem Tun entsteht Gewohnheit, mehr noch: Abhängigkeit. Es gibt schlechte Gewohnheiten, die einen nach unten ziehen. Seltsamerweise gibt es auch gute Gewohnheiten, die erheben können. Die einem helfen, den Weg der Gerechtigkeit zu gehen, im Dienst der Gerechtigkeit zu dienen. Es klingt ein bisschen hölzern und altbacken: „Ohne alle Sorge vor christlicher `Werkgerechtigkeit’ mutet Paulus den getauften Christen einen gerechten Lebenswandel zu und bezeichnet als seinen Zweck die Heiligung.“ (P. Stuhlmacher, aaO. S.89) Heilig werden sollen die Christen. Gott entsprechen in ihrem Tun. Denn Gott ist ja auch heilig.

Gleich zweimal kommt die gleiche Wendung ες γιασμν. Zur Heiligung. In V. 19 und im V. 22. Die Gerechtigkeit führt dazu, dass Menschen Gott entsprechend werden und das Leben der Christen hat dies als Ziel und Konsequenz, dass sie Gott entsprechend werden. Gott entsprechen in den Worten, im Tun und im Wesen. In meinen Augen ist das Wort Heiligung nur eine neue Vokabel für das, was in der Schöpfungsgeschichte so gesagt wird: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“(1. Mose 1, 27)

Der Unterschied: Die Heiligung ist streng bezogen auf die Neuschöpfung, die durch Christus geschieht, auf die Transformation des alten Menschen in den neuen Menschen. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Korinther 5,17)

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Da ist das Wort „Gutmensch“ zu einem sublim gebrauchten Schimpfwort geworden. Aber Gutmenschen, gute Menschen sind doch solche, bei denen gut sein ist. Die auf die Beine helfen, die sich engagieren, auch wenn keine Fernseh-Kamera läuft. die der Wahrheit zum Recht verhelfen, die den Armen stützen, die nicht auf raschen Beifall aus sind. Ich bin tausendmal lieber mit guten Menschen zusammen, selbst wenn sie ein wenig das Odium des Gutmenschen haben, als mit bösen Menschen.

20 Denn als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit.21 Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod.

Alles hat Folgen. Alles Leben bringt Früchte. Aber manche Früchte sind regelrecht vergiftet. Es sind Blumen des Bösen. Gepaart mit dem Moderduft des Todes. Früchte, vor denen man fliehen möchte, vor denen es einem ekeln kann. Krimis leben davon, dass sie von solchen Früchten erzählen. Und weil Krimi-Autoren oft realitätsnahe Moralisten sind, lassen sie keinen Zweifel an ihrem Ekel über solche Früchte.

 22 Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben. 23 Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.

            Ihr aber – so redet Paulus jetzt die Christen in Rom freundlich an – ihr habt diese andere, wunderbare Lebensmöglichkeit, eröffnet durch die Gnade: dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben. Heilig schon hier. Aber das ist eben noch nicht alles. Ewiges Leben.

Das ist der Gegensatz, den Paulus sieht: „Der Satz spricht nicht von dem durch die Natur bereiteten Sterben, sondern sagt der Christenheit, was ihr geschieht, wenn sie aus ihrem Glauben nicht den Gehorsam des Glaubens macht, sondern der Unlust gehorcht, die vor dem Handeln erschrickt und die Freiheit vom Sündigen preisgibt. Dann wird sie nicht nur jenen Tod sterben, den uns die Natur bereitet, sondern jenen Tod, der der Verlust des ewigen Leben ist.“ (A. Schlatter,  aaO. S.223)

            Weniger kompliziert: Sünde ist immer tödlich. Sie trennt von dem Gott, der das Leben ist. Gott aber will, dass wir leben. Seine Gabe ist Leben, das durch den Tod hindurch nie vergeht, das in der Gemeinschaft mit ihm seine Erfüllung findet.  Das ist ewiges Leben – erfüllt mit der Gegenwart Gottes und aufgehoben in ihr, für Zeit und Ewigkeit.

 

Mein Gott und Herr, gib mir das ungeteilte Herz, dass ich mich Dir vertraue, Deinen Weg suche, Deiner Gnade Raum gebe in meinem Denken und Tun.

Gib mir den einfältigen Gehorsam, der Deinen Willen sucht, sich in Dein Wort birgt, so dass es mich leitet, mich unterscheiden lehrt, mich auch dann das Gute suchen lässt, wenn es sich nicht lohnt und rechnet in Erfolg und Zustimmung der Vielen.

Gib mir, dass ich gerne Dein Knecht bin, weil Du mir das Herz abgewonnen hast und Deine Liebe mich trägt. Amen