Durch den Einen wird alles anders

Römer 5,12 – 21

12 Deshalb, wie durch “einen” Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. 13 Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet. 14 Dennoch herrschte der Tod von Adam an bis Mose auch über die, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte.

Ich gestehe mir ein: Das ist schon im Ansatz weit weg von dem, wie ich denke. Aber es ist der Versuch, die Bedeutung des Todes Jesu auszusagen – als eine grundsätzliche Wende: Durch den einen Menschen – gemeint ist Adam – ist die Sünde in die Welt gekommen und mit ihr der Tod. Das ist nicht spezifisch christlich gedacht – diese Gedanken gibt es auch in der jüdischen Tradition: Alle, die nach Adam leben, sind von dieser Sünde Adams und ihren Wirkungen infiziert. „Es gibt für Paulus zwar keine `Erbsünde’, wohl aber eine `Ursünde’, in der sich alle Menschen vorfinden. Ihre Macht behält sie dadurch, dass alle durch ihr Sündigen diese Macht bestätigen.“ (W. Klaiber,  aaO. S.93) In diesem Denken bleibt der einzelne Mensch verantwortlich für sein Tun und ist nicht nur hilfloses Opfer der Sünde Adams in grauer Vorzeit.

Eine Nebenbemerkung fällt auch noch ab: Die Sünde ist älter als das Gesetz. Es gibt schon Sünde, als es noch kein Gesetz gab, noch nicht die Gebote und die Weisungen der Tora. Diese Einsicht ist schlicht der Reihenfolge der biblischen Texte in den ersten beiden Büchern Mose abgewonnen. Die Sünde ist vor dem Gesetz da, das heißt auch: Sie wird nicht durch das Gesetz gemacht, produziert. Aber sie wird erst durch das Gesetz angerechnet. „Registriert.“ (K. Haacker;  aaO. S.119) Dennoch wirkt sie sich schon aus in die Lebenswirklichkeit.

Bleibt der rätselhafte Satz über Adam: welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Wessen Bild ist Adam? Das Bild Christi? Als Sünder? Oder muss man so reduzieren: Als der eine Mensch, der das Geschick der Menschheit beeinflusst, wendet? Aber wie unterschiedlich der Einfluss  Adams und der Einfluss Christ sind, das wird sich ja im Folgenden zeigen.

 15 Aber nicht verhält sich’s mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn durch die Sünde des Einen die Vielen gestorben sind, um wie viel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den Vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus. 16 Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist. Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt, die Gnade aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. 17 Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wie viel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. 18 Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. 19 Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.

Jetzt folgt eine vielfach variierte Gegenüberstellung: Hier Adam, dort Christus. Auch wenn die beiden Namen nicht ständig wiederholend genannt werden. Durch die Sünde des Einen kommt das Sterben der Vielen, die Verdammnis. Er reißt sozusagen alle mit – unter die Herrschaft des Todes. Dem steht Christus gegenüber – er reißt alle heraus aus diesem Herrschaftsbereich und stellt sie in den Wirkungsbereich der Gnade. Die wird allen zuteil als Rechtfertigung, als Weg, der zum Leben führt.

            So wird es von Paulus auf den Punkt gebracht: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten. „Auf die Sünde folgt der Tod für alle; aus der Gerechtigkeit das Leben für alle.“(A. Schlatter, aaO. S.185) Von hier aus erklärt sich mir, was Paulus am Anfang des Briefes schreibt. Sein Auftrag ist: Gehorsam des Glaubens aufzurichten (1,5). Also hineinzurufen in das Leben, das sich aus dem Gehorsam des Einen speist. Der Ruf zu Christus ist ein Ruf heraus aus dem Ungehorsam Adams und hinein in den Gehorsam Christi. An Christus glauben ist so Teilhaben, Anteil gewinnen an seinem Gehorsam. Gehorsam in seiner Spur. Hören, wie ein Jünger hört. (Jesaja 50,4) Wie Christus hören und auf Christus hören – beides ineinander.

                Was das heißen könnte, deutet Paulus hier nur mit einer kurzen Wendung an: im Leben herrschen durch den Einen. Das Wort „herrschen“- βασιλεσουσιν heißt wörtlich: sie werden Könige sein, die Königsherrschaft ausüben taucht in diesem Abschnitt  ja vielfach auf. Die Sünde hat geherrscht, jetzt soll die Gerechtigkeit herrschen, die Freiheit in Christus und eben durch Gerechtigkeit und Freiheit die Christen. Sie sollen wieder – in Christus geborgen – Herren im eigenen Leben sein. Es geht Paulus um Lebenskonsequenzen und nicht in erster Linie um theologische Lehrsätze, die lebensmäßig zu Leersätzen werden können. Später wird Paulus diese Lebenskonsequenzen in der neuen Menschheit, die mit Christus ihren Anfang nimmt, ausführlich in den Kapiteln 12 – 16 behandeln. Sie sind bei weitem nicht nur ein lästiger Anhang an den ersten Teil, sondern die notwendige Folge aus ihm.

 20 Das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden, 21 damit, wie die Sünde geherrscht hat zum Tode, so auch die Gnade herrsche durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn.

            Wieder wirkt es auf mich wie eine Randnotiz, wenn Paulus hier vom Gesetz sagt, es sei dazwischen hineingekommen. Im Galaterbrief weiß Paulus von einer Zeit ohne Gesetz nach der Verheißung an Abraham, 430 Jahre (Galater 3,17) Nur eine Wirkung gesteht er dem Gesetz zu: dass es die Macht der Sünde unterstreicht und dadurch steigert. Aber wichtiger als dies ist ihm, dass  die Gnade noch viel mächtiger geworden ist.

Man könnte es schlicht so sagen: Die Sünde ist „nur“ wirksam für die paar Jahre, die wir hier leben. Die Gnade aber ist wirksam schon in der Zeit des Lebens, dann aber weit darüber hinaus, als die Gerechtigkeit zum ewigen Leben.  Damit ist deutlich, dass die Gnade, die uns durch Jesus Christus, unseren Herrn zuteilwird, unvergleichlich größer ist als alle Sünde.

Wenn ich mir diese Gegenüberstellung vor Augen halte, möchte ich eigentlich nicht mehr von einer Adam-Christus-Typologie reden. Denn im Grund ist Adam nicht das Bild (5,12), so das griechische Wort τπος, der Typos Christi. Eher eine dunkle Folie, auf der das Bild Christi umso heller leuchtet.

Daran freilich liegt diesem Vergleich, so denke ich, schon: Wie Adam der Anfang der Menschheit ist, die von Sünde und Tod gekennzeichnet wird, so ist Christus der Anfang der neuen Menschheit, die durch seinen Gehorsam, seine Gnade, seine Gerechtigkeit gekennzeichnet ist. So wie es Paulus nach Korinth ja auch schreibt: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch “einen” Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch “einen” Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.“(1.Korinther 15, 20-22)

Darum allerdings geht es Paulus dann folgerichtig, dass diese neue Menschheit, zu der auch die Christinnen und Christen in Rom gehören, ihm, Christus, entspricht in Wort und Wesen.

 

Mein Gott, wie gut, dass Du nicht antwortest wie wir antworten, nicht vergiltst wie wir vergelten, dass Du nicht das Echo unsere Taten bist. Du eröffnest neue Wege  aus dem, was wir schuldig geblieben sind, was uns verklagt, gegen uns spricht. Du gibst uns in Christus Deine Gnade, Deine Liebe, Dein Erbarmen, damit wir ihm gleich-gestaltet werden durch Deinen Geist. Amen