Gottlob

Römer 5, 6 – 11

6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.

            Dieser Satz ist für mich Evangelium in Rein-Kultur. Christus ist seinen Weg ins Sterben für die gegangen, die gott-los waren. Ob sie es sind aus freier Wahl, aus Trotz, aus Missverständnis, spielt keine Rolle. Er geht seinen Weg für die, die auf Abstand sind. Und Paulus scheut sich nicht, sich selbst mit diesen Gottlosen in eins zu setzen: für uns Gottlose. Der gleiche Paulus, der sich einmal so sicher war, dass er ganz genau weiß, wie Gott ist. So sicher, dass er alle verfolgt hat, die anders glaubten als er.  Der gleiche Paulus, der jetzt mit letzter Hingabe das Evangelium unter die Leute bringt. Es bleibt für ihn dabei: Ich weiß um mein Gottlos-sein. Nicht nur als Vergangenheit. Sondern auch als eine Wirklichkeit meines Lebens, die ich, Paulus, nicht von mir aus aufbrechen kann.

Dem entspricht ja auch: als wir noch schwach waren. Das kennt Paulus aus seinem Leben, dieses ängstliche Schauen darauf, ja alles richtig zu machen, nichts Falsches zu essen, keinen Fehltritt zu tun, keine Grenze Gottes auch nur unbewusst zu überschreiten. Das spielt im Römerbrief auch später eine wichtige Rolle: „Die Schwachen, das sind nach Römer 14 Christen, deren Glaube bestimmte Konsequenzen christlicher Freiheit noch nicht mittragen kann.“ (W. Klaiber, aaO.S. 87) Davon ist hier aber nicht die Rede. Sondern hier werden die Gottlosen als schwach gesehen: „Sie sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurande kommen, hilflos der Macht der Sünde ausgeliefert sind oder angesichts der Herausforderungen des Lebens resignieren.“(ebda.) Aus ihrer Schwäche können sie sich nicht selbst erlösen. Dazu braucht es Christus. Seine Hingabe, sein Sterben.

 7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. 8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!

            Noch einmal setzt Paulus neu ein, um das Unglaubliche dieses Vorganges ins Licht zu rücken. Es ist selten genug, dass sich einer opfert  um eines Gerechten willen; um des Guten willen. Das sind völlige Ausnahmegestalten. Aber sie gehen diesen Weg, weil es um das Gute geht – vielleicht um das Wohl der Stadt, um die eigene Familie, um das Recht. Um einen Menschen, der es  „wert“ ist. Jeder einigermaßen gebildete Römer kannte den Spruch: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“(Horaz, Oden III,2,13) Wir mussten das als Schüler noch in den 60er Jahren auf Latein lernen! Dulce et decorum est pro patria mori!

Solche Geschichten werden gerne erzählt, um Kinder vor Augen zu malen: So weit kann die Liebe gehen. Zur Stadt, zum Vaterland. Das ist große Dichtung. Von Arnold von Winkelried wird erzählt, dass er am 9. Juli 1386 bei der Schlacht von Sempach ein Bündel Lanzen der habsburgischen Ritter gepackt und, sich selbst aufspießend, den Eidgenossen eine Bresche geöffnet habe. Sein Opfer soll der Schlüssel zum eidgenössischen Sieg gegen die Habsburger gewesen sein. Ähnliches wird gerne erzählt von Märtyrern für das Vaterland, damals Rom, später je nach Nation in Deutschland, Frankreich, Russland. An solchen Märtyrer-Geschichten ist kein Mangel – bis heute nicht. Als Kind liest man so etwas ganz aufgeregt und angerührt. Heute frage ich immer zuerst: Was ist das Interesse hinter solchen Geschichten? Wer soll dazu gebracht werden, sich zu opfern? Männer, Frauen, Kinder? Und wer hat den Gewinn davon?

Paulus dagegen spricht von der Hingabe nicht, um uns zum Nachmachen zu animieren. Die erste Christenheit war tief skeptisch gegenüber allem selbstgesuchten Märtyrertum und hat davor nicht nur gewarnt, sondern die, die das wollten, mit allen erdenklichen Mitteln davon abzuhalten versucht. Was Paulus aber will, ist bezeugen: Christus nimmt das Sterben auf sich für die, denen er nichts wert war, die auf Abstand zu ihm waren, von denen er sich nichts versprechen konnte. Für Sünder. Die Liebe Gottes, so Paulus, ist eine Liebe über den Abgrund hinweg, über den Abstand hinweg, über die Fremdheit und die Feindschaft hinweg. Eine Liebe, die sich nicht am Wertvollen entzündet, sondern an denen, die jeden Wert verspielt haben.  Es ist die Versöhnung unversöhnlicher Gegensätze.

 10 Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. 11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.

            Das aber ist zugleich ein unglaublich festes Fundament: Wenn die Liebe Gottes schon die Feindschaft überbrückt, wie viel mehr wird sie an uns festhalten, nachdem wir uns in seine Freundschaft haben rufen lassen, in das Leben mit ihm gestellt worden sind. Wenn wir mit ihm versöhnt sind. Das ist für Paulus unendlich bedeutsam: Die Versöhnung geht von Gott aus, sie ist sein Werk. Er versöhnt uns mit sich.

Es ist eine auffallende Parallele in den Wendungen: als wir noch Sünder waren – als wir noch Feinde waren. Die beiden Ausdrücke erklären sich gegenseitig. Sünder sein und Feind sein beschriebt den gleichen Sachverhalt unter verschiedenen Aspekten. Einmal steht die Trennung von Gott, die Distanz, das Sünder-Sein, im Vordergrund. Bei der anderen Wendung die innere Haltung. Sünde ist Ausdruck der Ablehnung Gottes. Nicht nur so ein bisschen Eigenwille und Eigensinn, auch nicht nur Unwissenheit, sondern schlicht: Ich will nicht so, wie du, Gott, willst. Und damit: Ich will dich nicht, dein Herr-Sein nicht. Dein Gott-Sein nicht. Ich will keinen Gott über mir: Ich bin mir selbst Gott, ich allein. Diese Haltung nennt Paulus Feindschaft.

Das ist also, was Gott tut: Er holt uns heraus aus einer Haltung, die ihm nicht traut, sich vor ihm fürchtet, die den eigenen Weg sucht und den Weg Gottes verweigert, aus Trotz, aus Eigensinn, aus Blindheit, weil sie nicht glauben kann, dass Gott uns gut ist, aus Feindschaft. Nicht Gott muss mit uns versöhnt werden – wir müssen mit Gott versöhnt werden. Ihm gegenüber neue Freiheit, neu Vertrauen gewinnen und einen neuen Zugang.

Deshalb kommt mir die theologische Debatte, die im Augenblick mancherorts geführt wird, so seltsam vor: Ob Gott Blut braucht, damit er versöhnt werden könnte? Damit er besänftigt würde? Damit er von seinem rasenden Zorn ablassen könnte? Dabei sind wir es, die sehen müssen, dass Gott in seiner Liebe zu uns so weit geht, dass er sich selbst nicht schont, damit er uns herausholt aus unserer Gefangenschaft, unserer Feindseligkeit, unserem Widerspruch und Widerstand gegen ihn. Wir nehmen offenkundig ihm die Ernsthaftigkeit seiner Liebe nicht ab, wenn sie nicht bis zum Äußersten geht.

            Wer das aber  zu sehen auch nur anfängt, diese Liebe zu spüren anfängt, ihre Tiefe zu ahnen, der kann doch gar nicht mehr anders als Gott loben, als sich dieser Liebe freuen, als sie genießen und in ihr sein Glück, sein Heil, seine Seligkeit zu empfangen.

Diese Freude, dieses Glück kann man kaum schöner sagen.

            Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.                     Hanns Dieter Hüsch

            Oder anders, ganz anders, aber nicht weniger schön

Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden, Gottes und Marien Sohn:             Dich will ich lieben, Dich will ich ehren, Du meiner Seele Freud und Kron.                                    Münster 1677 EG 403

             Oder, noch einmal anders und doch auch so in der Spur des Paulus, seinem Rühmen, seine Loben und Preisen, seinem Staunen.

  Es gibt Versöhnung selbst für Feinde und echten Frieden nach dem Streit,
Vergebung für die schlimmsten Sünden, ein neuer Anfang jederzeit.
Es gibt ein ewges Reich des Friedens. In unsrer Mitte lebt es schon:                     ein Stück vom Himmel hier auf Erden in Jesus Christus, Gottes Sohn.

Er ist das Zentrum der Geschichte, er ist der Anker in der Zeit.
Er ist der Ursprung allen Lebens und unser Ziel in Ewigkeit.                                                                                A. Frey 2000

Nie hätte ich es geglaubt, dass ich es wert bin, dass sich einer für mich gibt. Ich doch nicht mit meinen Widersprüchen, mit meinen Fehlern und Macken, meiner Trägheit und Feigheit.

Du aber, Jesus, hast Dich für mich gegeben. Dir bin ich es wert. Du willst mich in Zeit und Ewigkeit als Deinen Bruder. Dafür danke ich Dir, mein Heiland und Herr. Amen