Keine Furcht mehr vor Gott

Römer 5, 1 – 5

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; 2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

            Das ist ein erster Zielpunkt: Wir haben Frieden mit Gott. Dieser Frieden ist gestiftet, geschaffen durch Jesus Christus. Nach Korinth schreibt Paulus: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2. Korinther 5,19) Das liegt sachlich ganz nahe bei dem, was er hier den Römern schreibt.

Ich übersetze für mich: Keine Furcht mehr vor Gott. Keine Angst mehr vor Anklagen, die gegen uns vorgebracht werden könnten. Frieden – im Hintergrund steht das hebräische Wort schalom, das im Griechischen mit ερνη wiedergegeben wird. „Die heile Offenheit zu Gott, die durch Gerechtigkeit begründet ist.“(U.Wilckens, aaO. S.288) Eine Beziehung, auf die kein Schatten mehr fällt, weil Gott durch unsern Herrn Jesus Christus alles weggenommen hat, was Schatten wirft.

Er, Christus, ist das Tor, die Tür (Johannes 10,9), der freie Weg zu Gott. Das sagt  Paulus, indem er wir sagt, für sich und die Gemeinde der Römer, für alle, die an Christus glauben. Es ist ein Zugang, der sich im Glauben öffnet und im Glauben genutzt wird.

Es ist deutlich, wie auch hier das Bild vom Glauben als Weg eine Rolle spielt. Es sind Schritte, die getan werden. Es geht um Lebenspraxis, in der sich der Glaube, das Vertrauen auf die Gnade, auf den Herrn Jesus zeigt.

Aus diesem Wissen, aus diesem Glauben, aus diesem Lebensvertrauen in der Gegenwart entsteht Hoffnung. Und dieser Hoffnung kann man sich rühmen.  Hat Paulus zuvor alles Rühmen abgewiesen, das aus dem Wissen um die eigene Vergangenheit, die eigene Herkunft stammt, so redet er hier von einem Rühmen, das über die Gegenwart hinaus die Zukunft Gottes im Blick hat. Es ist also nicht ein Rühmen im Blick auf sich selbst, sondern ein Rühmen dieser kommenden Herrlichkeit. Es ist der Blick weit über die Welt hinaus, über die Zeit hinaus, der Blick in die Ewigkeit. 

Die nüchternen Worte des Paulus werden, so verstehe ich, gewissermaßen nachträglich „illustriert“ durch andere Worte in schwierigen Zeiten: „Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Offenbarung 7, 9 – 12) Das ist der großen Hoffnung nahe,  von der Paulus hier spricht, der Herrlichkeit, die er nicht in Bilder zu fassen wagt. Vielleicht ist die Zurückhaltung des Paulus an dieser Stelle ja auch eine Einladung an seine Leserinnen und Leser: Uns klar zu machen, was das Bild unserer Hoffnung ist, was wir als Herrlichkeit Gottes erwarten, wie sich das auch anfühlen wird.

3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

            Als habe er Sorge, dass man ihm Abheben unterstellen könnte, ein Überspringen der Gegenwart, ein Sich-weg-Träumen in die Zukunft, „erdet“ Paulus sofort. Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse. θλψσις, Trübsal, Bedrängnis, Druck, ist nicht gerade ein Lieblingswort des Paulus. Aber es ist ein Wort, das er oft gebraucht. Weil es die Wirklichkeit trifft, die er erlebt, die die Gemeinde erfährt. Die ersten Gemeinden sind durchweg bedrängte Gemeinden, ob in Jerusalem, in Antiochien, in der Gegend um Galatien, in Ephesus, in Griechenland oder auch in Rom. In der Auseinandersetzung mit einer Umwelt, die nicht auf sie gewartet hat, die sich durch sie in Frage gestellt fühlt – und die deshalb antwortet mit Bedrängen, Anfeinden, Verfolgen. Es wird der Gemeinde oft eng.

Daneben steht andere Bedrängnis und Enge, die Paulus auch zur Genüge kennt: Krankheit. Mühe, Leiden, innere Anfechtungen – die ganze Palette dessen, was dem einzelnen Christen, der einzelnen Christin, zu schaffen machen kann.

Das alles kennt Paulus und überspringt es in seinem Rühmen gerade nicht. Aber er sieht es verwandelt, als Glied einer Kette, eine Art Kettenreaktion, die so etwas wie geistliches Wachsen  beschreibt: Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden. Wer sich in diesen Erfahrungen halten lässt, wer sie als Herausforderung begreift, der kann an ihnen wachsen. Nicht wie von selbst, nicht automatisch. Aber dadurch, dass sich in unseren Herzen etwas ausbreitet, was wir uns nicht selbst gegeben haben – die Liebe Gottes.  Sie wirkt in uns, wirkt sich aus  – durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Auch hier wieder: Alles hängt am Geben Gottes. Seine Gabe ist der Geist. Seine Gabe ist es auch, dass diese positive Lernkette in Gang kommt, dass aus den Erfahrungen von Enge und Angst kein Untergang wird.

Mich erinnern die Worte an den Spruch, der manchen zur Weißglut ärgern kann: `Was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker.’ Das ist kein Automatismus – und es wird manchmal auch so gesagt, dass es eine Zumutung und Unverschämtheit ist, nämlich immer dann, wenn der oder die, die so reden, selbst auf der sicheren Seite sind. Paulus aber redet hier nicht vom sicheren Ufer eines behüteten und beschaulichen Daseins her, sondern als einer, der selbst in Bedrängnissen ist, der sich auskennt mit Gefängnis und Schlägen, mit Lebensgefahr und Feindschaft. Diese „apostolische Existenz“ fernab von allen äußeren Sicherheiten gibt seinen Worten Gewicht. Sind sie doch in seinem eigenen Leben eine Spur, die andere sehen können.

 

Christus, Du sagst mir, was ich von mir halten darf. Ich bin Dir recht durch den Glauben meines Herzens und sei er noch so klein. Einen Zugang zum Vater habe ich durch Dich und sei ich noch so weit davon gelaufen.Du gibst mir Hoffnung, die durch den Horizont der Welt hindurch schauen kann auf die Herrlichkeit Gottes und kein Dunkel darf mir den Blick verstellen.

Ich habe einen Halt in tiefen Ängsten und alle Lasten müssen  leicht werden, weil Du da bist, mir nah bist. So wert bin ich Dir.

Christus, Du sagst mir, was ich von Dir halten darf. Du bist mir Zuflucht und Halt, Trost und Stärke, Weg und Grund. Du bist mir voraus und ich darf Dir nachgehen.

Und wenn  ich bedrängt bin, voller Schmerzen und voller Verzagen, umstellt von Anklagen des eigenen Herzens und von fremden Stimmen – so bleibt doch Dein Wort:„Du bist mir recht. Darum komme zu mir und mit mir. Ich bringe Dich an das Ziel deines Weges – aus lauter Liebe.“ Amen