Mit leeren Händen

Römer 3, 27 – 31

27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.

            Es wirkt wie ein Rückgriff auf früher Gesagtes, wenn Paulus fragt: Wo bleibt nun das Rühmen? Offensichtlich hat er Leute vor Augen, die sich sehr wohl rühmen. Stolz sind. Sicher, auf der richtigen Seite zu sein. Die deutlich sagen können: Darauf verlasse ich mich. Darauf baue ich. Das sind meine Lebenserfolge, die ich vorweisen kann. Die denken wie der reiche Mann, von dem Jesus erzählt: „Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ (Lukas 12, 18-19) 

            Oder wie der andere Reiche, von dem in der folgenden Weise erzählt wird: Meister, was muss ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur Einer. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Da fragte er ihn: Welche? Jesus aber sprach: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter« und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“(Matthäus 19, 16 – 20) Es gibt diese Selbst-Sicherheit, gar nicht so selten auch heute. Und doch ist sie trügerisch, weil Gott anders als wir uns vermessen misst.

            Die Antwort des Paulus: Dazu gibt es keinen Anlass. Dazu hat keiner Grund. Das ist auch kein Grund, auf dem man wirklich sein Leben bauen kann. Denn es gibt keinen Standpunkt vor Gott, den man auf sich selbst zurückführen könnte, auf die eigenen Werke, die eigenen frommen, das heißt nützlichen Leistungen. Wo es nach Leistung ginge, da könnte man wohl so denken wie der reiche Mann, wie die, die sich rühmen. Aber im Bereich des Glaubens, wo das Gesetz des Glaubens gilt, geht es nicht nach Leistung. Da zählt nicht, was ich von mir selbst halte. Was ich nach meiner Sicht der Dinge vorzuweisen habe an Erfolgen.

 28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

            Es ist eine schroffe Absage, die Paulus allem Rühmen entgegen stellt, aller Selbstsicherheit, aller Berufung auf Herkunft und Frömmigkeit: Der Mensch wird gerecht allein durch den Glauben. Nun hängt allerdings alles daran, dass wir hier richtig verstehen: Auch der Glaube ist nicht die Leistung des Menschen, nicht das eine Werk, das ihn ins rechte Licht setzt. Es gibt wohl dieses Missverständnis, dass der Glaube gewissermaßen zur „Bedingung der Rechtfertigung“(A. Schlatter, aaO. S.144) wird. Und Schlatter fährt fort: „Dann war  sie (=die Rechtfertigung) erst dann geschehen, wenn auch die vom Menschen zu leistende Bedingung, einst die Buße, seit Luther der Glaube vollbracht war.“(ebda.) So wird der Glaube zum Werk und der Mensch wirkt seine Rechtfertigung durch den Glauben. Schlimmer kann man Paulus kaum missverstehen.   

Unzählige Male seit der Reformation besungen:

Es ist das Heil uns kommen her von Gnad’ und lauter Güte,
Die Werke helfen nimmermehr, Sie mögen nicht behüten.
Der Glaub’ sieht Jesum Christum an. Der hat g’nug für uns all’ getan,
Er ist der Mittler worden.                                P. Speratus 1523
EG 342

Es ist Gottes Werk, das er in Christus die Erlösung wirkt, dass er uns in sein Erbarmen stellt und der Glauben ist nun nicht mehr und nicht weniger, als dass ich dieses Geschehen an mir geschehen lasse, dass ich es mir gefallen lasse, dass Christus sein Kreuz in unsere Welt stellt und mich zu seinem Kreuz. Dass er es mir zusagt: Das tat ich für dich. So ist also der Glauben keine Leistung, die ich erbringe, sondern er ist ganz Empfangen, beschenkt Werden, leere Hände Hinhalten und sich füllen Lassen. Gnade gibt es nur gratis. Nie nach Verdienst. Nie, weil ich gut bin oder brav oder fromm.

            Drum so will ich wallen meinen Pfad dahin,
bis die Glocken schallen und daheim ich bin.
Dann mit neuem Klingen jauchz ich froh dir zu:
Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du!                                                                                        A. Krummacher 1857  EG 407

Muss man es noch sagen: Dieses allein durch den Glauben macht nicht untätig. Es macht tätig, weil ich die Hände frei bekomme von der Sorge, wie ich mir den Platz im Himmel verdienen kann. Aus der Freiheit von der Sorge um das eigene Heil kann die Freiheit zur Sorge für das Wohl anderer werden.

29 Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. 30 Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.

            Noch einmal kommt Paulus auf die Frage zurück, die er schon dauernd im Blick hat: Wie ist das mit den Unterschieden? Der unterschiedlichen Herkunft? Das weiß er ja aus seinen Gemeinden im östlichen Mittelmeer-Raum und ahnt es auch für die Gemeinde in Rom, oder weiß es auch: Da gibt es die, die aus den Juden stammen, die stolz sind auf diese Herkunft, denen das Gesetz viel bedeutet als die Wegweisung zum Leben. Und es gibt die, die Heiden waren, irgendwelchen Göttern nachgelaufen sind, in den Tempeln Roms geopfert und gebetet haben.

Darum ist die Frage dringend: Ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Machen sich die Heiden etwas vor, wenn sie an den Vater Jesu Christi glauben? Sind sie in Wahrheit doch weit weg vom Gott Israels,  von dem Gott, dessen sich manche Juden so sicher sind, dass er für sie ist? Weil ihm an der Heilsgewissheit der Heiden liegt, aber auch an der Heilsgewissheit früherer Juden, darum wiederholt er noch einmal seinen Satz – als Zusage an beide: Es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.

Keine zwei Götter. Der eine Gott. Er handelt an allen gleich, wo immer sie auch herkommen.  Die Übersetzung verschleiert ein wenig, was im Griechischen da steht. V. 30 ist genauer zu lesen: sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen (Einheitsübersetzung). Das alte Unterscheidungs-Merkmal der Beschneidung unterscheidet nichts mehr, wenn es um das Handeln Gottes geht. Der körperliche Unterschied ist nicht weg. Aber er hat keine Relevanz für das Handeln Gottes.

Ich finde eine höchst nachdenkenswerte Anregung: „Wenn wir also die Frage des Paulus in die heutige Zeit übersetzen und fragen würden: »Ist Gott nur der Gott der Christen und nicht auch der Gott der Nichtchristen?« dann müssten wir mit ihm antworten: Sicher, doch auch der Nichtchristen!“ (W. Klaiber, aaO. S.67) Und hätten dann und damit die Aufgabe, vom Glauben an Christus zu sprechen. Denn darum geht es Paulus in allen seinen Sätzen: nicht um einen Allerweltsglauben, auch nicht um so etwas wie das Grundvertrauen ins Dasein, sondern um den Glauben an den Christus, der von Gott zum Heil der Welt gemacht worden ist.

31 Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.

Gefangen! Wollen die rufen, die es immer schon geahnt haben: Paulus schafft das Gesetz ab. Paulus schafft das Gericht ab. Paulus ist lax. Das sagt er ja selbst: Menschen werden „gerecht ohne des Gesetzes Werke.“(3,28) Was bleibt da noch übrig?

Aber Paulus weiß: Genau das stimmt nicht dieser Vorwurf läuft ins Leere. Deshalb wehrt er auch entrüstet ab: Das sei ferne! μ γνοιτο· Zum dritten Mal ruft er so aus, weil er sich missverstanden sieht. Denn er spricht ja doch gerade davon, dass das Gericht Gottes vollzogen ist, dass es in Christus sein Ziel gefunden hat. Er hat doch die Gerechtigkeit erfüllt. Und weil er, Jesus Christus, das Gericht getragen hat, sind die, die zu ihm gehören frei. Aber von der Abschaffung des Gerichtes und des Gesetzes kann darum nun wirklich keine Rede sein. Sagt Paulus.

 

Jesus, ich stehe vor Dir mit leeren Händen, mit tausend Fragen, mit einem grenzenlosen Staunen. So viel bin ich Dir wert, sind wir Dir wert, dass Du diesen Weg auf Dich nimmst, ein Mensch am Kreuz wirst, ein zerbrochener Gott. So viel sind wir Dir wert, dass Du den Abstand überbrückst, unsere Nähe suchst, uns selbst, die wir doch himmelweit von Dir entfernt sind, Dir nicht entsprechen, nicht um Tun, nicht im Reden, nicht im Wesen.

Du aber willst nur dies Eine. Unser Gott sein, damit wir Deine Kinder sind, geliebt bis zum Äußersten, geschützt in Deiner Güte, frei von aller Anklage. Dafür danke ich Dir. Amen