Kein Vorsprung

Römer 3, 1 – 8

1 Was haben dann die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? 2 Viel in jeder Weise! Zum Ersten: ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat.

Gibt es Vorsprünge, wenn es um die Nähe zu Gott geht? Zeitlichen Vorsprung? Historischen Vorsprung? Oder Vorsprung lokaler Art? Das weist der Kirchenvater Hieronymus im 4. Jahrhundert zurück: „Sowohl von Jerusalem wie von Britannien aus steht der Himmel in gleicher Weise offen.“ Aber vielleicht ja Vorsprung, Vorzüge durch die Herkunft? Durch die richtige Abstammung? So wie im Bildungswesen die Herkunftsfamilie bis heute darüber entscheidet, wie es um Start-Chancen steht. Oder sind doch – wenigstens vor Gott – alle gleich?

Paulus scheut sich nicht zu sagen: Die Juden haben einen Vorzug: Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat. Sie haben die Worte des Alten Bundes, die Worte der Propheten, sie haben das Gesetz. Das macht ihre unverlierbare Würde aus. Gott hat mit den Vätern geredet. Gott hat seinen Bund mit Israel aufgerichtet. Das äußere Zeichen dieses Bundes ist die Beschneidung. Dass es diesen Vorsprung gibt, nimmt Paulus nie zurück. Darum auch immer wieder seine Formulierung: „Zuerst die Juden, danach die Griechen“(1,16; 2,9; 2,10).

Aber was Würde ist, ist zugleich auch Anspruch, Verpflichtung. Es geht um das Leben, das sich an diesen Worten orientiert, sich durch sie leiten lässt. Das ist die bleibende Verpflichtung Israels: Sich diesem Wort anvertrauen.

3 Dass aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? 4 Das sei ferne!

            An diesem Vorsprung ändert auch das nichts, dass nicht alle Juden diesem Anspruch nachkommen. Die Treue Gottes hängt nicht an der Treue der Menschen. Die Treue Gottes zu Israel hängt nicht daran, dass das ganze Volk Israel als Kollektiv Gott die Treue hält. Beispiele dafür gibt es genug: Gott hält auch nach dem Tanz um das goldene Kalb an seinem Volk fest. Gott beginnt auch nach all den Treulosigkeiten in der Königszeit mit jedem König wieder neu. Gott sucht auch nach dem Untergang im Jahr 586 einen neuen Anfang mit seinem Volk, indem er aus dem Exil zurück führt in das Land der Verheißung. Gott lässt sich nicht durch ihre Untreue „aus dem Konzept bringen“. Gott hält gegen alle Untreue an seiner Treue fest.

Es ist darum eine Erwägung, die Paulus einmal mehr weit von sich weist. μ γνοιτο· Das sei ferme! So etwas kann man allenfalls einmal theoretisch denken. In Wahrheit und Wirklichkeit geht das aber nicht. Weil es Gottes Wesen in Frage stellt. Gott ist treu.

Es bleibe vielmehr so: Gott ist wahrhaftig und alle Menschen sind Lügner; wie geschrieben steht (Psalm 51,6): »Damit du Recht behältst in deinen Worten und siegst, wenn man mit dir rechtet.« 5 Ist’s aber so, dass unsre Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit ins Licht stellt, was sollen wir sagen? Ist Gott dann nicht ungerecht, wenn er zürnt? – Ich rede nach Menschenweise. –

            „Dort, wo sich Menschen als unzuverlässig und Lügner erweisen, da stellt sich heraus, dass Gott zuverlässig und wahrhaftig ist.“(W. Klaiber, aaO. S.49) Er ist beständig und wahr – so wörtlich im Griechischen:  ληθς. Dass er wahr ist, darauf kann man sein Leben gründen. Gott ist nicht heute so und morgen anders. Das zu bezeugen, daran liegt Paulus viel.

Wieder greift Paulus Gedanken auf, die in der Luft zu liegen scheinen: Was ist daran schlimm, wenn unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit umso heller zum Leuchten bringt?  Mehrt es nicht die Ehre Gottes, weil er unvergleichlich ist, uns gegenüber? Ist der Zorn Gottes nicht darin unfair, dass er von uns fordert, was wir gar nicht leisten können? Wenn wir doch Lügner sind, alle, von Natur aus?

Wir projizieren auf Gott im Himmel, was wir selbst auf Erden nicht schaffen. So ein Grundgedanke der Religionskritik Feuerbachs im 19. Jahrhundert. Weil wir gerne gut wären, es aber nicht sind, denken wir uns einen guten Gott aus. Weil wir alle ungerecht sind, obwohl wir es für richtig halten, gerecht zu sein, denken wir uns einen gerechten Gott im Himmel aus. So hat die Kritik Feuerbachs auf ihre Weise dazu beigetragen, in Frage zu stellen, was für Paulus das Fundament seines Denkens und Glaubens ist: Dass Gott nicht ein Teil der Welt ist, nicht so, wie wir ihn uns zurecht denken, sondern dass er uns gegenüber ist und uns unbedingt fordert. Er, der heilig ist und gerecht.

 6 Das sei ferne! Wie könnte sonst Gott die Welt richten? 7 Wenn aber die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher wird zu seiner Ehre, warum sollte ich dann noch als ein Sünder gerichtet werden? 8 Ist es etwa so, wie wir verlästert werden und einige behaupten, dass wir sagen: Lasst uns Böses tun, damit Gutes daraus komme? Deren Verdammnis ist gerecht.

            Die Missverständnisse Paulus gegenüber sind so alt wie seine Briefe. Offensichtlich wird er schon damals falsch verstanden, als einer, der die Sünde verharmlost, der sagt: „Macht doch nichts, merkt doch keiner Schwamm drüber. Es dient doch der Größe Gottes, wenn er Grund zum Vergeben hat.“ – Was für eine Gotteslästerung! Aber sie hat Tradition gebildet: „Vergeben ist seine Profession“ hat Voltaire gespottet, ohne zu ahnen, wie wahr sein Spott ist. Gott braucht nicht die dunkle Folie unserer Ungerechtigkeit, damit seine Gerechtigkeit umso heller ins Strahlen kommt.

„In der `Nacht, worin alle Kühe schwarz sind’, wo der Unterschied zwischen Gerechten und Sündern hinfällt, da muss jedes Gericht sinnlos werden.“(U. Wilckens, aaO. S.166) Darauf läuft der Einwand der Juden hinaus. Gericht, wenn überhaupt, dann nur über Sünder. Über uns nicht, weil wir zum Volk Gottes gehören.

Es ist der fundamentale Einspruch gegen die Botschaft des Paulus, der hier verklausuliert zu Wort kommt. „Seit Jahren verkündet Paulus die Rechtfertigung des Gottlosen durch Gottes freie Gnade und stellt sich als Beispiel dafür dar; wie kann er da noch ernsthaft von Gottes Gericht sprechen!“ (P. Stuhlmacher, aaO.  S. 50) Wenn Paulus das aber tatsächlich behauptet, dass Gott die Gottlosen sich recht sein lässt, dann hat er „das Gericht Gottes abgeschafft.“

So denken, sagt Paulus, die, die seine Botschaft karikieren. Und schaufeln sich damit selbst das Grab. Verstellen sich den Weg in die Freiheit. Ich glaube, dass man dieses harte Urteil über seine Gegner nur dann richtig liest, wenn man darin den Schmerz des Paulus wahrnimmt. Das ist nicht triumphierend gesagt, nicht rechthaberisch. Das sagt der, der gelernt hat, dass „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“(1. Timotheus 2,2, Einheitsübersetzung) Deswegen ist er rastlos unterwegs. Deswegen schreibt er seinen Brief nach Rom. Deswegen widersteht er allem Verharmlosen von Sünde und allem Verniedlichen Gottes als des „lieben, guten Gottes.“

Das ist ja die Gefahr hinter diesem Denken, dass die Sünde es Gott erlauben würde, gut dazu stehen. Die Sünde wird in ihrer zerstörerischen Macht völlig verharmlost. Wenn ich sündige, ungerecht bin, so beschädigt das auch andere, auch Gott. Es beschädigt aber in erster Linie mich selbst, weil es meinen Boden den Grund unter den Füßen zerbricht, weil es mich vom Leben, von mir selbst entfremdet. Und weil es mir gott entfremdet.

Um des Menschen willen: Denn „wo der Unterschied zwischen Gerechten  und Sündern fällt, da fällt auch jedes sittliche Engagement zum Guten.“(U. Wilckens, aaO. S.167) Und um Gottes willen. Denn wer von Gott nur noch zu sagen weiß, dass er gut ist, lieb, nett, zu allem Ja und Amen sagt – und nichts mehr sagt von seiner Heiligkeit, seiner Gerechtigkeit, seinem Schmerz über das verfehlte Leben und die unerwiderte Liebe, der macht aus Gott einen überflüssigen Trottel. G.O.T.T. = Guter Opa, total taub. Diesen Gott braucht kein Mensch.

 

Mein Gott und Herr, Du bist heilig. Du bist gerecht. Du bist barmherzig. Du bist treu. Ich bete Dich an.

Hilf Du mir dazu, dass ich mir kein Bild von Dir zurecht mache, mit dem ich über die Runden komme, das mir die Härten der Wahrheit über mich selbst erspart, das mir schmeichelt und mich genau so ins Unheil rennen lässt, in der Sicherheit, die auf der Selbsttäuschung gebaut ist.

Zeige Du mir Dein Bild und mein Bild, das mich in Furcht und Liebe leitet, das mir den Weg der Gerechtigkeit zeigt, das mich sehen lässt, wie Deine Liebe mein Leben hält, auch wenn da kein Halt mehr zu sehen ist.

Lehre Du mich, immer wieder auf Christus zu schauen, Deine Liebe am Kreuz, die uns nachgeht bis in die tiefsten Tiefen. Amen