Vorsicht – es fällt auf mich zurück

Römer 2, 1 – 16

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

            Ich lese: „Paulus hat in 1, 18 – 32 die Sünde der Menschen (1,18) beschrieben, wie sie der Jude gewohnt ist, dem Heiden anzulasten, während er  sich selbst aufgrund des heilsgeschichtlichen Privilegs Israels als vor Gottes Zorn gesichert glaubt.“ (U. Wilckens, aaO. S.121) Demnach würde jetzt der Adressat der Worte des Paulus wechseln – und angeredet wären Juden. Wenn auch mit der etwas diffusen Anrede o Mensch. Wohl, weil die Juden die sind, die auf die lasterhaften Heiden herab blicken und sie – auch ein wenig hochmütig und selbstgerecht? – verurteilen. So der geradezu einstimmige Schluss von Bibelausgaben und Exegeten. Es geht um „die Schuld der Juden“. (Zwischenüberschrift Lutherbibel 1964)

Ich gestehe, dass ich damit Schwierigkeiten habe. Mir ist das zu klischee-mäßig gedacht. Stolze, hochmütige, „pharisäische“ Juden, die sich für etwas Besseres halten. Es mag sein, dass in der Gemeinde in Rom Menschen dabei sind, die aus dem jüdischen Volk stammen. Aber ob sie deshalb noch an das heilsgeschichtlichen Privilegs Israels glauben, sich darauf gar verlassen – woher soll ich das aus dem bisherigen Brief wissen?

Für mich haben die Sätze des Paulus auch dann Gewicht, wenn sie nicht deutlich an jüdische Heilsgewissheit adressiert sind, oder gar an jüdisch begründete Überlegenheitsgefühle. Worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Das kann auch ein Satz allgemein christlicher Überzeugung sein, der sich gegen jede Form von selbstgerechtem Urteilen richtet. Der ohne Ansehen der Person die anklagt, die Wasser predigen und Wein saufen. Er ist nicht so weit weg von einem Wort, das vom Jesus in den Evangelien überliefert ist. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3)

2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?

            Darüber gibt es keinen Streit – über die Verurteilung der Laster, wie sie sein Laster-Katalog geschildert hat. Aber daran liegt Paulus: Das ist nicht nur überführende Rede, hartes und gerechtes Urteil für irgendwelche Sünder, weit weg. Das trifft auf alle zu, die solches tun. Auch in der Gemeinde. Es gehört zu den leidvollen Erfahrungen, die Paulus mit der Gemeinde macht, dass sie kein „laster-freier Raum“ ist. Unzucht bis zum Inzest, Ehebruch, Eifersucht, Neid, Streit – das alles begegnet in der Gemeinde, nicht nur als Vergangenheit, sondern auch aktuell, unter Christen. Man muss nur lesen, mit welchen Problemen Paulus sich im 1. Brief an die Korinther herum schlägt, um zu dieser nüchternen und schmerzhaften Einsicht zugleich zu gelangen. Darum: Es wird auch in Rom nicht nur um schöne Worte gehen, sondern um Schuld und um Umkehr.

4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

Sich an dieser Stelle zu verweigern, eigene Irrwege schlicht für irrelevant zu erklären, heißt: Gottes  Güte, Geduld und Langmut verachten. Gott erwartet nicht das perfekte, fehlerfreie und sündlose Leben, aber er erwartet die Umkehr. Dass sich einer  ες μετνοιν leiten lässt, umkehren lernt, sein Leben neu aufstellen aus dem Vertrauen auf die Güte Gottes. Ein bisschen weit hergeholt mag es sein – im Griechischen heißt das Wort für Güte χρηστς – nur um einen Buchstaben unterschieden von Χριστς. Christus.

 5 Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Ungnade und Zorn aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.

            Das ist die Warnung, die es zu hören gilt: Es gibt keinen Heilsbesitz. Nicht für Juden, nicht für Heiden, nicht für Christen. Wer nicht umkehrt, der bleibt in dem, dass seine Vergangenheit gegen ihn spricht. Dass es anklagt und verurteilt, alle, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit. Dass es keine Entschuldigung gibt für Verhalten  wie Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht (1,29) keinen Freibrief für Leute, die Zuträger, Verleumder, Gottesverächter, Frevler (1,30) sind.

Gott sieht auf das, was Menschen tun. Auf das, was ihr Leben ausmacht. Und das sind nicht nur die Worte. Das ist Verhalten, Alltagspraxis. Tief eingeprägte Verhaltensmuster. Wer sich da nicht zur Umkehr rufen lassen würde, zu einer neuen Lebenspraxis, der gräbt sich selbst das Grab, häuft sich selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. Wer so lebt, versäumt seine Bestimmung. Denn unsere Bestimmung ist ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben. Es gibt keine Bestimmung zur Verdammnis, zum Verlorengehen. Es gibt nur Leben, das sich auf dem Weg des Lebens verloren geht.

Das gilt für alle – Juden und Griechen, Ich ergänze: Weise und Törichte, Arme und Reiche, Fromme und solche, die sich selbst überhaupt nicht für fromm halten.

 11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Darauf läuft es hinaus, was Paulus bis jetzt gesagt hat. Die Herkunft macht keinen Unterschied. Es gibt keine unterschiedliche Behandlung für Juden und Griechen. Keinen Bonus für Juden, keinen Malus für Heiden. Es ist das Bild, das Paulus auch sonst, positiv gewendet vertritt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28) Was für das Heil gilt, gilt auch für das Gericht. Kein Ansehen der Person, keine Relevanz von irgendwelchen Unterscheidungs-Merkmalen, seien sie sozialer, kultureller, rassischer oder  religiöser Art. Gott sieht den Menschen an.  Sein Tun, sein Lassen. Ich ergänze wieder, über den Abschnitt hier hinaus: Seine Zugehörigkeit zu Christus.

12 Alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und alle, die unter dem Gesetz gesündigt haben, werden durchs Gesetz verurteilt werden. 13 Denn vor Gott sind nicht gerecht, die das Gesetz “hören,” sondern die das Gesetz “tun,” werden gerecht sein. 14 Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. 15 Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen – 16 an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus Jesus richten wird, wie es mein Evangelium bezeugt.

            Geht Paulus auf vermutete Einwände ein, die ihm auch anderswo schon begegnet sind? Es scheint, als sei der ganze Brief nicht so im luftleeren Raum entstanden, wie das manchmal vermutet wird. So könnte ja einer fragen: „Wie können Juden und Heiden in gleicher Weise vor Gottes Gericht stehen, wo doch die Nichtjuden Gottes Gesetz nicht haben, Gottes willen gar nicht kennen können?“ (W. Klaiber, aaO. S.42) Es ist wohl wahr: Für die Juden gibt es eine klaren Maßstab des Urteils: das Gesetz. Die Weisung Gottes. Aber es genügt nicht, sie zu kennen, sie zu hören. Sondern sie muss getan werden. Man muss das eigene Leben ihr anvertrauen.

Deshalb – ein kleiner Ausflug in liturgische Praxis -, schließe ich die Schriftlesung im Gottesdienst häufiger so ab: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren und ihr Leben davon leiten lassen.“ Das bloße „Hören und Bewahren“ ist mir – manchmal – zu passiv, zu nur konservativ.     

             Was aber ist mit den Heiden? Paulus unterstellt, dass es möglich ist, dass die Heiden  doch von Natur tun, was das Gesetz fordert. Dass sie ohne Kenntnis des Gesetzes, der Weisungen Gottes, doch in seiner Spur handeln können. „Der natürlichen Erkenntnis Gottes entspricht eine natürliche moralische Erkenntnis des Willens Gottes, die inhaltlich identisch ist mit der Tora.“(U. Wilckens aaO. S. 135)

So sagt es Paulus: Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert. Daran liegt ihm, dass es so etwas gibt wie eine Ethik, auch ohne das Wissen um das Gesetz, die lebenstauglich, lebensdienlich ist. Und an der man sich vergehen kann, die man verfehlen kann. „Es gibt auch unter den Heiden Gewissensbildung und ein Ringen um den rechten Weg. Auch sie kennen die innere Instanz der Stimmen, die anklagen und verteidigen und so ein Stück klärendes Gericht vollziehen.“ (W. Klaiber, aaO. S.43) Es gibt also auch ein Scheitern jenseits des offenbarten Gesetzes, am eigenen Gewissen. In den Anklagen des eigenen Herzens.

Das alles aber ist nur Vorspiel. Wenn man so will: Geplänkel. Für Paulus geht es nur darum: Am Ende aller Tage wird jede und jeder Rechenschaft ablegen müssen, wird alles im Menschen offenbar werden – vor Christus, durch Christus. Juden und Griechen, Gelehrte und Ungelehrte, Gesetzeskenner und solche, die nur das eigene Gewissen kennen, Fromme und weniger Fromme. Alle. Dann wird sichtbar werden, was sich heute noch im Verborgen vollzieht. Im Gegenüber zu Christus. Er ist ja der, den Paulus in seinem Evangelium verkündigt.

 

Lieber Herr Jesus, es geht so rasch, harte Urteile zu fällen über andere und dabei zu übersehen, dass ich verurteile, was ich selbst tue, dass ich urteile ohne Erbarmen.

Es geht so leicht, sich über andere zu erheben, ihrer Fehler aufzulisten, ihr Versagen zu benennen und dabei die Augen zu verschließen vor der Einsicht: Ich bin nicht besser.

Vergib alles scheinheilige Getue. Decke mir alle Selbstgerechtigkeit auf. Lass es mir nicht durchgehen, andere zu verklagen und selbst im Unrecht zu verharren. Lehre mich Wahrhaftigkeit in Worten und Werken. Lehre mich Barmherzigkeit, die aus Deiner Wahrheit kommt. Amen