Aus Glauben in Glauben: Leben

Römer 1, 16 – 17

16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.

            Hat Paulus an den römischen Christen gerühmt, dass sie in ihrem Glauben erkennbar, dass er sichtbare Gestalt hat, so stellt er sich jetzt neben sie. Mit ihnen auf eine Stufe, in eine Gemeinschaft der Bekennenden. Ich ergänze für mich im Text „auch“. „Auch ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Er geht nicht auf Distanz. Er versteckt sich nicht mit seinem Christus-Bekenntnis. So hat er es ja nach Korinth geschrieben: „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“(1. Korinther 2,2)  Das Evangelium – das ist Jesus Christus. Er ist die gute Botschaft, nicht eine Lehre über ihn, nicht eine ethische Wegweisung. Er als Person.

Man kann nicht wissen, ob Paulus Worte wie diese aus den Evangelien kennt: „Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.“ (Markus 8,38) Aber seine Haltung entspricht dem, was hier angesprochen wird: Paulus bekennt sich zu Jesus. Er steht für ihn ein. Er sagt von ihm weiter. „Gemeint ist, dass der Apostel unbeirrt zum Evangelium steht.“(P. Stuhlmacher, Der Brief an die Römer, NTD 6, Göttingen 1989, S. 29)

Dabei macht sich Paulus keine Illusionen: „Wer das Evangelium verkündigt, ist einem Druck gesellschaftlicher Verachtung und Feindschaft ausgesetzt.“(U. Wilckens, aaO. S.82) Sich zu Jesus bekennen ist für andere schlicht lächerlich. „Eine Torheit.“ (1. Korinther 2,14) Kraftloses Gerede. Geschwätz. Für Paulus aber ist es anders: Kraft Gottes. Wirkendes Wort. Wort, das aus dem Abgrund reißt. Das dem Verderben entgegen steht. Das Leben auf festen Grund stellt. ες σωτηραν, zur Rettung, steht da im Griechischen. Das ist viel mehr als das, was wir hören, wenn wir „selig macht“ lesen.

Eine Kraft, die herausreißt aus einer Gefangenschaft, aus der es kein Entrinnen gibt, aus einem Ersticken an sich selbst und in sich selbst. Das ist das Gefängnis, dem Paulus sich entronnen weiß: Gefangen in sich selbst, verkrümmt in sich selbst, ausgeliefert an sich selbst, die eigenen Ängste, die eigene Unzulänglichkeit, das eigene Verlorensein. „Man lebte damals weithin in einem Grundgefühl, in der irdischen Wirklichkeit als todträchtigem Trug unendlich verloren zu sein.“(U. Wilckens,  aaO. S.83)

              Das erinnert mich an Sätze, die ich heute höre: Wir müssen uns damit abfinden, dass wir in einem sinn-leeren und sinn-losen All leben. Wir sind ins Sein geworfen, ungefragt, einfach nur da. Wer mehr will, als die paar Jahre, wer hinter ihnen noch einen Sinn sucht, womöglich ein liebendes Gegenüber zur Welt, der macht sich in den Augen vieler lächerlich. Wir haben zu lernen, in einem eiskalten, leeren All zu existieren.

Schon vor vielen Jahren dichterisch auf den Punkt gebrachtes Existenz-Verständnis des „modernen Menschen“.

 Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg’, Vogel, schnarr’
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck’ du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Weh dem, der keine Heimat hat!                   F. Nietzsche    1884

             Evangelium aber heißt: Gott hat sich in Jesus zu den Menschen gestellt. Der unfassbare, unbegreifliche Gott gewinnt Hand und Fuß, ein Gesicht in der Zeit – und überbrückt die Leere, die uns von ihm trennt. Das gilt allen, Juden und Griechen, denen aus dem Alten Bund von Abraham her und denen, die sich neu rufen lassen. Allen, die daran glauben. Dieser Satz ist keine Einschränkung, er formuliert auch keine Bedingung. Sondern er ist eine Einladung: Das Evangelium gilt allen, die sich ihm anvertrauen. „Das Evangelium entfaltet seine rettende Wirkung bei allem, die ihm Glauben schenken.“ (K. Haacker, aaO. S.38) Ich sage gerne: Es gilt allen, die es sich gefallen lassen.

17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

            Das ist die Wirkung des Evangeliums: Es macht offenbar, was vor Gott gilt, was vor Gott bestehen lässt. Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Gerechtigkeit – das ist „ein  Verhalten, das einer Gemeinschaft, einer Beziehung, einem Menschen gerecht wird“ (W. Klaiber, aaO.S.29) Mir gefällt die umschreibende Übersetzung „Durch sie zeigt Gott, wie er ist:Er sorgt dafür, dass unsere Schuld gesühnt wird und wir mit ihm Gemeinschaft haben können.“ (Hoffnung für alle) Es geht also darum, dass sich in der Gerechtigkeit etwas von Gottes „Art“ zeigt, meinetwegen auch seinem „Wesen“. Dass er festhält, dass er rettet, dass  er zurecht bringt.

Das alles schwingt mit in dem Wort „Gemeinschaftstreue“, mit dem δικαιοσνη θεο auch übersetzt werden kann. Es ist die Treue, mit der Gott zu seinem Volk und zu seinem Wort steht. Mir leuchtet das sehr ein, weil so auch verständlich wird, warum Paulus im Römerbrief wieder und wieder den Rückbezug auf Israel, zu Abraham, zum Bund Gottes sucht. Es geht im Evangelium um eine Gerechtigkeit, die sich  in der Treue Gottes erweist, nicht im Zuteilen von irgendwelchen Leistungen oder im Anrechnen von Frömmigkeits-Übungen.

Was gemeint ist mit „Gemeinschaftstreue“, hat Jochen Klepper für mich unfassbar schön ausgesagt:

Gott will im Dunkel wohnen / und hat es doch erhellt.                                           Als wollte er belohnen, / so richtet er die Welt.                                                         Der sich den Erdkreis baute, / der lässt den Sünder nicht.                                      Wer hier dem Sohn vertraute, / kommt dort aus dem Gericht.                                                      J. Klepper 1938, EG 16

            Oder, mit den Worten des sachlich-nüchternen Auslegers: Kraft des Glaubens Anteil an Gottes Gerechtigkeit zu gewinnen, heißt, im Endgericht von aller Schuld freigesprochen und in die neue Welt Gottes aufgenommen werden.“(P. Stuhlmacher,  aaO. S.32)

Das alles liegt nicht so auf der Hand, dass es immer alle wüssten. Es leuchtet auch nicht immer allen ein. Es ergibt sich nicht wie von selbst aus der Wahrnehmung der Wirklichkeit, die vor aller Augen ist. Sondern es ist ein Handeln Gottes, dass diese Art von Gerechtigkeit offenbart wird, dass sie erkannt werden kann – durch den Glauben. Eine Wirkung des Geistes Gottes. So wird es Paulus später im Brief ausführlicher zeigen.

              Aus Glauben in Glauben – so wird die Gerechtigkeit Gottes empfangen. So wird sie auch in einem Leben zur Kraft, zur Grundlage. Sie ist das Geschenk, das Gott macht und das sich der Glaubende gefallen lässt. Und indem er es sich gefallen lässt, entfaltet es seine Kraft, hinein in seinen Lebensalltag.

 

Herr Jesus Christus. Lege Du den Glauben tief in unser Herz, damit wir seine heilende Kraft erfahren. Gib Du uns lebendige Erfahrungen Deiner Gegenwart, damit wir in Dir geborgen sind. Schenke uns fröhliche Freimütigkeit von Dir zu reden, wenn unser Bekennen gefragt ist. Mache Du uns gewiss, dass wir wert geachtet und  angesehen  sind von Dir, dass Du unserem Leben eine unantastbare Würde schenkst – in dieser Zeit und für alle Ewigkeit.

Aus diesem Wissen des Glaubens lass uns den Menschen begegnen. mit denen wir es tagaus tagein zu tun haben: frei und für sie da, unaufdringlich und doch nicht gleichgültig, offen und  erfüllt von Deiner Liebe. Amen