Kein Alleingang

Römer 1, 8 – 15

8 Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass man von eurem Glauben in aller Welt spricht.

Das ist nicht nur üblicher Briefstil, dem Paulus hier folgt. Es ist für ihn ein Zeugnis der Kraft Gottes. Auch in Rom gibt es Christen. Wie anders sollte er damit umgehen können, als sich zu freuen und Gott dafür zu danken. Dass es Glauben gibt, in Rom und anderswo, ist ein Grund zur Anbetung Gottes. Dass sie ihren Glauben so leben, dass man in aller Welt von ihrem Glauben spricht, ist erst Recht Grund zur Freude. Es mag sein: „Die Rede vom „weltweiten Echo“ ist gewiss eine für die Empfänger schmeichelhafte Übertreibung.“ (K. Haacker; Der Brief des Paulus an die Römer, Theol. Handkommentar zum Neuen Testament, Bd. 6, Leipzig 1999, S. 32) Und doch: Sie verstecken sich nicht. Sie sind in einer heidnischen Umwelt als Christen erkennbar.

 9 Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene am Evangelium von seinem Sohn, dass ich ohne Unterlass euer gedenke 10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich’s wohl einmal fügen möchte durch Gottes Willen, dass ich zu euch komme. 11 Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, 12 das heißt, damit ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.

Aus dem, was Paulus gehört hat über die Christen in Rom ist bei ihm der Wunsch erwachsen, sie zu sehen, zu ihnen zu kommen, sie kennen zu lernen. Dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, darum bittet er. Auch deshalb, weil er seine Reisepläne nicht selbst ausarbeitet nach strategischen Gesichtspunkten, sondern abhängig ist vom Willen Gottes. Gott möge es fügen. Aber auch so wird deutlich: Er ist innerlich verbunden mit den römischen Christen, auch wenn er sie bislang nicht gesehen hat.

Diese Verbundenheit drückt sich auch aus in der Erwartung: Wir haben einander geistliche Gaben zu geben. Es ist eben nicht so: Nur der Apostel hat geistliche Gaben und die Gemeinde in Rom wird Empfänger dieser Gaben sein. Sondern die Begegnung mit ihnen wird dazu führen, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.

Es ist eine der großen Gefahren heute, wenn Gemeinden zu bloßen Empfängern von geistlichen Gaben der Pfarrerinnen und Pfarrer herab-gewürdigt werden. Ich für mein Teil hätte nicht Pfarrer sein können, wenn ich nicht gestärkt, ermutigt, und getragen worden wäre durch die Gemeinden, mit denen ich zu tun hatte. Mir sind so viele Dinge im Glauben erst dadurch „aufgegangen“, dass mir Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder gezeigt haben, was ihr Glaube ist, mit mir das geteilt haben, was und wie sie glauben. Darum ist es so unglaublich wichtig, dass Gemeinden, dass normale Christinnen und Christen es von sich wissen: Wir haben geistliche Gaben, nicht als unseren Besitz, aber als Geschenke Gottes an uns, die er in leere Hände und offene Herzen gibt, durch die wir andere trösten und in ihrem Glauben stärken können.

 13 Ich will euch aber nicht verschweigen, liebe Brüder, dass ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen – wurde aber bisher gehindert -, damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden. 14 Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen; 15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.

Paulus wäre, so deutet er es an, gerne schon längst nach Rom gekommen. Er hat es sich schon  oft vorgenommen, aber es ist nicht daraus geworden. Wer oder was die Pläne verhindert hat, ist nicht so wichtig, dass es präzise benannt werden müsste. Aber es ist immer noch seine Sehnsucht. Nach den lieben Brüdern. „Die maskuline Form des Wortes für „Brüder“ kann auch Frauen einschließen; und da in Römer 16 viele Frauen unter den Adressaten namentlich genannt werden, übersetzen wir es mit `Brüder und Schwestern’.“ (W. Klaiber, aaO. S. 25) 

Paulus macht sich nicht klein. Er ist vielmehr überzeugt: Seine Verkündigung, sein Evangelium würde auch in Rom Frucht schaffen. Das ist ja seine Erfahrung überall, wo er das Evangelium gepredigt hat. Es wirkt. Es erreicht Herzen. Es verwandelt Leben. Dass er so durch das Land zieht, ist nicht seine Entscheidung: Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen. Das meint: „Den Reichtum des Evangeliums, von dem er selbst lebt, ist er allen Menschen schuldig.“(W. Klaiber, aaO.  S. 25)

Es gibt ein arabisches Sprichwort, aus dem Manfred Siebald ein Lied gemacht hat:

Wer das Wasser in der Wüste kennt und es verschweigt,
der ist schuld, wenn Sterbende es übersehn.
Wer im Moor die festen Wege kennt und sie nicht zeigt,
der ist schuld daran, wenn andre untergehn.

Paulus weiß sich als einen, der das Evangelium kennengelernt hat, erfahren hat und der deshalb unter der Notwendigkeit – er nennt das  steht, es weiter zu sagen. Wie sollte man auch von dem schweigen können, was man für sich selbst als Quelle des Lebens erfahren hat. Paulus kann gar nicht anders – „Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“ (1. Korinther 9, 16) Es ist eine νγκη , eine innere Nötigung, der er unterliegt. Darum nennt er sich einen Schuldner.

„Landesgrenzen und Kulturschranken werden ihn sicher nicht zurückhalten.“(K. Barth, aaO., S.10) Unterschiedslos – Griechen, Barbaren, Kluge, Dumme. Alle sollen hören. Paulus macht und akzeptiert keinen Unterschied, auch wenn er sie um sich herum natürlich wahrnimmt. „Das Evangelium geht ohne Ansehen der Person jeden Menschen an und stellt ihn alle coram deo (vor dem Herzen Gottes) gleich.“(U. Wilckens,  aaO. S.81) Auch das ist ein Thema, das Paulus wieder und wieder beschäftigt.

 

Herr Jesus, ich danke Dir, dass ich nicht allein Christ sein muss.Da sind Menschen, die in den Jahrhunderten vor mir aus Glauben gelebt haben. Da sind Andere, die mir begegnet sind auf dem Weg meines Lebens, an denen ich gesehen habe, wie Glauben geht. Da gibt es die, die mich ermutigt haben, bestärkt, mir bei den ersten und den schwierigen Schritten geholfen haben.

Du hast mir so viele Menschen zur Seite gestellt, weil ich sie nötig hatte. Gib mir, dass ich denen zur Seite stehen, die mich für ihren Weg des Glaubens nötig haben, denen ich Helfer zur Freude sein kann. Gib, dass wir miteinander und aneinander wachsen. Amen