Am Ende ein Grab

  1. Mose 23, 1 – 20

1 Sara wurde hundertsiebenundzwanzig Jahre alt 2 und starb in Kirjat-Arba – das ist Hebron – im Lande Kanaan. Da kam Abraham, dass er sie beklagte und beweinte.

          Ein langes Leben hat sich erfüllt. Sara stirbt in Hebron. Kein Wort, wie sie stirbt. Keine Wertung ihres Lebens. Einfach nur: sie stirbt und Abraham klagt um sie. Beweint sie, mit der er das Leben geteilt hat, mit der er gewartet hat, die er aber auch aus Angst um sich selbst Missverständnissen preisgegeben hatte. Jetzt beweint er sie.

 3 Danach stand er auf von seiner Toten und redete mit den Hetitern und sprach: 4 Ich bin ein Fremdling und Beisasse bei euch; gebt mir ein Erbbegräbnis bei euch, dass ich meine Tote hinaustrage und begrabe.

          Nach dem Sterben ist so vieles zu klären. Zuallererst das Begräbnis. Das Grab. Abraham hat als ein Fremder im Land keine Grabstätte. „Als Fremdling und Beisasse darf er nur mit Zustimmung der Gemeinde Grundbesitz erwerben.“ (C. Westermann, aaO; S.241) Darum muss er sich verständigen, mit seinem Gastgeber-Volk, den Hetitern. Er kann nicht einfach sagen: Ich gehöre zu euch. Ihr seid mir das schuldig.  Er hat nichts zu fordern, nur zu bitten. 

5 Da antworteten die Hetiter Abraham und sprachen zu ihm: 6 Höre uns, lieber Herr! Du bist ein Fürst Gottes unter uns. Begrabe deine Tote in einem unserer vornehmsten Gräber; kein Mensch unter uns wird dir wehren, dass du in seinem Grabe deine Tote begräbst.

          Seine Bitte wird gehört, aber nicht gleich positiv beantwortet. Man spürt den Respekt vor Abraham: Du bist ein Fürst Gottes unter uns. Aber dennoch soll er kein eigenes Grab erhalten, sondern gewissermaßen Sara als Gast in ein vornehmes, aber fremdes Grab legen. So bleibt er ein landloser Gast und Sara über ihren Tod hinaus eine landlose Fremde.

 7 Da stand Abraham auf und verneigte sich vor dem Volk des Landes, vor den Hetitern. 8 Und er redete mit ihnen und sprach: Gefällt es euch, dass ich meine Tote hinaustrage und begrabe, so höret mich und bittet für mich Efron, den Sohn Zohars, 9 dass er mir gebe seine Höhle in Machpela, die am Ende seines Ackers liegt; er gebe sie mir um Geld, soviel sie wert ist, zum Erbbegräbnis unter euch. 10 Efron aber saß unter den Hetitern. Da antwortete Efron, der Hetiter, dem Abraham vor den Ohren der Hetiter, vor allen, die beim Tor seiner Stadt versammelt waren, und sprach: 11 Nein, mein Herr, sondern höre mir zu! Ich schenke dir den Acker und die Höhle darin und übergebe dir’s vor den Augen der Söhne meines Volks, um deine Tote dort zu begraben.

          Es ist ein Musterbeispiel ehrerbietiger Höflichkeit, das hier vorgeführt wird. Kein Einspruch  Abrahams, keine Aufregung über das Ausweichen, wohl aber eine erneute Bitte um ein Kaufrecht und diesmal ein konkretes Kaufangebot. An Efron, den Sohn Zoahars. Für die Höhle in Machpela.

         Das ist ungemein geschickt, hat Abraham doch jetzt einen konkreten Gesprächspartner. Dem er auch ein Angebot unterbreitet hat: Ich bezahle, so viel sie wert ist. Am Geld soll es nicht scheitern. Der reagiert prompt: Ich schenke dir, was du erbittest, vor aller Augen.

 12 Da verneigte sich Abraham vor dem Volk des Landes 13 und redete mit Efron, sodass das Volk des Landes es hörte, und sprach: Willst du ihn mir lassen, so bitte ich, nimm von mir das Geld für den Acker, das ich dir gebe, so will ich meine Tote dort begraben. 14 Efron antwortete Abraham und sprach zu ihm: 15 Mein Herr, höre mich doch! Das Feld ist vierhundert Lot Silber wert; was ist das aber zwischen mir und dir? Begrabe nur deine Tote!

          Warum will Abraham kein Geschenk? Warum besteht er auf einen Kauf? Warum bezahlt er diese so unglaublich hohe Summe für einen Acker samt Höhle? „Abraham ist der Erwerb des Grabplatzes so wichtig, das er jede Summe dafür hergibt.“(C. Westermann, aaO; S.242) Ich denke, es geht um mehr als den Acker. Abraham kauft sich mit diesem Acker und dem Begräbnisplatz ins Land ein.

16 Abraham gehorchte Efron und wog ihm die Summe dar, die er genannt hatte vor den Ohren der Hetiter, vierhundert Lot Silber nach dem Gewicht, das im Kauf gang und gäbe war. 17 So wurde Efrons Acker in Machpela östlich von Mamre Abraham zum Eigentum bestätigt, mit der Höhle darin und mit allen Bäumen auf dem Acker umher, 18 vor den Augen der Hetiter und aller, die beim Tor seiner Stadt versammelt waren. 19 Danach begrub Abraham Sara, seine Frau, in der Höhle des Ackers in Machpela östlich von Mamre, das ist Hebron, im Lande Kanaan. 20 So wurden Abraham der Acker und die Höhle darin zum Erbbegräbnis bestätigt von den Hetitern.

          Diese umständliche Schlussnotiz lese ich als eine Bestätigung meiner Vermutung: Es geht um den Rechtsakt, durch den Abraham Anteil am Land gewinnt. Jetzt, mit diesem Grab und dem Begräbnis gehört er „dazu“, hat er Anteil am Land gewonnen. Es ist der erste, rechtlich fassbare Schritt, in dem die Verheißung Gestalt gewinnt. „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“ (12,1) Das Grab der Sara gehört zur Erfüllung dieser Verheißung.

„Der Grabplatz Machpela, der erste Grundbesitz in dem Abraham und seinen Nachkommen verheißenen Land Kanaan war das Band, welches die Nachkommen Abrahams in Ägypten fort und fort an das Verheißungsland knüpfte.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.227) In diesem Grab finden später auch Abraham selbst (25,9), Isaak (35,29). Rebekka, Lea (49,31) und Jakob ihren Begräbnisort.   

 

Am Ende eines langen Weges – ein Grab. Ruhestätte für immer. Wartestation ins Ungewisse. Bleibt nicht mehr vom Geschenk des Lebens, das Du uns gemacht hast, mein Gott? 

Am Ende eines langen Weges das Grab und doch auch Anfang des neuen Weges – das Grab.  Du Gott, wirst aus den Gräbern rufen, den großen und prächtigen, den erbärmlichen Erdlöchern, den Massengräbern ohne Namen, den vergessenen Gräbern. Du wirst die Toten rufen, deren Asche verstreut worden ist.

Du brauchst unsere Graborte nicht. Wir brauchen sie, damit unsere Trauer einen Ort hat und unsere Hoffnung. Amen