Opfergang

  1. Mose 22, 1 – 19

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

          Nach diesen Geschichten – damit wird die folgende Erzählung eingereiht in den vorigen Weg. Sie ist eine Geschichte auf dem Weg, den Gott mit Abraham geht, Eine Prüfung. „Die rabbinischen Ausleger sprechen von zehn Prüfungen Abrahams und nennen das Gebot Gottes, Isaak zu opfern „die Krone aller Versuchungen.“(H.J. Bräumer, aaO; S.190)

          Es ist eine erschreckende, eine Forderung zum Fürchten, die hier an Abraham gerichtet wird. Und sie macht aus dem Gott, der Abraham vertraut ist, mit dem er redet, einen fremden Gott. Das wird noch einmal deutlicher dadurch, dass sichtbar gemacht wird, dass Gott weiß, was er fordert: Opfere deinen einzigen Sohn, den du lieb hast. Fehlt nur, dass Gott dazu setzte: Den, auf dem die Verheißung ruht. Den, auf den du so lange gewartet hast. Den, den ich euch gegeben habe. Mit diesem Gebot wird Abraham von Gott aufgefordert, die eigene Zukunft preiszugeben.

Es ist unheimlich, erschreckend, für uns ganz fremd, dass diese Herausforderung auf Gott selbst zurückgeführt wird. Nicht irgendeine Stimme, nicht ein Dämon, nicht eine fremde Gottheit, kein Traumgesicht. Gott selbst. Und noch unheimlicher: Mit dieser Aufforderung, selbst wenn sie nur ein „gemilderter Befehl“(H.J. Bräumer, aaO; S.191) wäre, der „ein freiwilliges Opfer  wünscht“ (ebda.), tritt Gott in Widerstreit mit seinen eigenen Verheißungen.

In der Umwelt Israels sind Kindesopfer nicht so streng verboten wie in Israel. In Israel sind sie ein Gräuel, eine Sünde gegen Gott. Umso erschreckender, dass es hier Gott ist, der dieses Opfer fordert. Als Versuchung, als Prüfung. Es stellt sich so die überaus bedrängende Frage: Was ist das für ein Gott?

Als Opferort wird  das Land Morija und dort ein Berg genannt. Später wird der Tempel auf dem Berg Morija errichtet werden. „Und Salomo fing an, das Haus des HERRN zu bauen in Jerusalem auf dem Berge Morija, wo der HERR seinem Vater David erschienen war.“ (2. Chronik 3,1) Der Tempel auf dem Berg Morija ist der Ort, wo Gott zu finden ist, sich finden lassen will, wo er sein Erbarmen aufsuchen lassen will. 

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne 5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

             Wieder einmal macht sich Abraham wortlos auf den Weg. So wie wir nichts hören von seinem Reden mit Gott, als er ihn aus Haran ruft, so hören wir hier nichts von einem Reden, Verhandeln, Fragen.  Es ist, als gäbe es nichts zu sagen angesichts dieser schrecklichen Forderung. Stattdessen wird sorgfältig geschildert, was Abraham alles mitnimmt – zwei Knechte, Holz, seinen Sohn Isaak. Und dann bricht er auf.

             Am dritten Tag sieht er das Ziel – von ferne. Nur eine Zeitangabe? Nur eine Distanzschätzung? Ja und nein. Innerhalb der Geschichte ist es nur die Angabe über die Länge der Wanderung. Drei Tage gehen sie wortlos miteinander. Ich aber – als Christ – höre und lese den dritten Tag noch einmal anders: Das ist ja der Tag der Auferstehung. Auch das von ferne lese ich durchsichtig auf späteres „von ferne“. In dieser Ferne war der Sohn, als ihm der Vater entgegen lief (Lukas 15, 20) So steht der Zöllner im Tempel (Lukas 18,13). So stehen und sehen Jesu Freunde bei seiner Kreuzigung (Lukas 23,49).  Manchmal denke ich: Es ist die einzig angemessene Nähe zu Gott, dass wir von ferne stehen und sehen.

             Jetzt erst spricht Abraham das erste Wort: Bleibt ihr hier. Der Rest des Weges ist nichts mehr für Begleiter.  Den muss Abraham alleine gehen.

          Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein:
Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein.
Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.       R. Mey, CD Leuchtfeuer

             Ist es eine Notlüge, ein letztes, verborgenes Hoffnungszeichen, dass er sagt: wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Der Erzähler lässt es offen – und lädt uns als Leser dazu ein, zu prüfen, wie wir hier hören.

 6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

             Es ist ein stockendes Gespräch, das zwischen Vater und Sohn zu Stande kommt. „Die Darstellung hat etwas Schleppendes, Umständliches; aber gerade so gibt sie dem Leser etwas von dem Quälenden dieses Weges zu spüren.“(G. v. Rad, aaO. S. 205) Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren. Abraham weicht mit seiner frommen Antwort aus. Sie ist kein Zeichen einer letzten Hoffnung, sondern eher ein: Was soll ich schon sagen?

             Immerhin: Abraham trägt, was gefährlich werden könnte, das Messer und das Feuer. So ist er dem Sohn gegenüber fürsorglich. Er will ihn nicht verletzten. Er wird ihn ja abgrundtief verletzten müssen – den Leib und die Seele.       

 9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

             Der Ort, die Stätte ist erreicht. Wieder: Kein Ton. Eine lastende Stille liegt über dem Geschehen. Handgriffe, tausendmal geübt. Abraham kennt sich aus mit Altarbauen und Zubereiten von Opfern. Es ist eine „schreckliche Genauigkeit“ (G. v. Rad, aaO. S. 206) in dieser Schilderung, an deren Ende Isaak auf dem Altar liegt. „Abraham streckt seine Hand nach dem Messer aus, um den Ritus des Durchschneidens der Halsschlagader zu vollziehen. Nichts war geschehen, um ihm diesen Augenblick zu ersparen.“(H. Seebass, aaO; S.209)

            Dass Abraham auf diesem Weg nichts sagt, ist nur zu gut zu verstehen. Dass Isaak den Vater so gut wie nichts fragt, erklärt sich auch. Aber dass Gott schweigt, das macht das Ganze schier unerträglich.

 11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

             Jetzt erst – ein Ton von Gott, ein Zwischenruf. Vom Himmel her – wie bei Hagar und Ismael (21,17) Der Engel Gottes fällt mit seinem Ruf Abraham in den Arm. Er ruft nicht Halt, nur seinen Namen, gleich zweimal. „Vater eine großen Menge“ ruft er den, der gerade seine Zukunft preisgibt.

Und: Es ist genug. Du hast die Prüfung bestanden. „Du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen“(5.Mose 6,13) Das ist die Prüfung, der Abraham unterzogen worden ist.  Seine Versuchung. Wird er seine Zukunft mehr lieben als das Gebot Gottes? Vor diese Frage wird Abraham gestellt und besteht sie.

 13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

             Statt des Sohnes sieht Abraham ein anderes Opfert, einen Widder. Und opfert ihn. Es gibt Ausleger – und vielleicht haben sie auch recht – die sagen, dass mit dieser Geschichte ein für allemal das Opfern von Kindern in Israel verboten ist. Überhaupt das Opfern von Menschen. „Stellvertretendes Durchleiden der Aufhebung von Menschenopfer“ (H. Seebass, aaO; S.197) überschreibt Seebass seine Auslegung des gesamten Textes. Nimmt er damit nicht der Erzählung ihre Härte?

Wie steht es um das Ende der Menschenopfer – bei uns?

Wir leben sehr selbstverständlich damit, dass in unserer Gesellschaft Menschen zu Opfern werden:                                                                     – zu Sozial-Opfer unserer Gesellschaft, die inzwischen zu hunderttausenden obdachlos werden                                                        – zu Drogen-Opfern unserer Gesellschaft                                                 – zu Scheidungs-Opfer auseinander fallender Ehen                                   – zu Verkehrs-Opfer unseres Auto-Wahnsinns                                        – zu Karriere-Opfer auf dem Weg zum Leistungsgipfel                           – zu Opfern auf der Flucht über das Mittelmeer                                       – zu Opfern der Waffengewalt in Syrien, der Ukraine, dem Niger, kurz: Weltweit

             Mag sein, dass Gott keine Menschenopfer mehr will – unsere Gesellschaften haben sich damit arrangiert: Es geht nicht ohne Opfer. “Opfer müssen gebracht werden.” (Lilienthal)

  14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht.

             Man spürt die Erleichterung bei Abraham am Namen, den er jetzt der Stätte gibt: Der Herr sieht. Dieser Name erinnert an die Erleichterung Hagars: „Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“(16,13) Es ist die gleiche Erfahrung, die Hagar und Abraham teilen: Der Herr sieht.

 15 Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her 16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, 17 will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; 18 und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.

             Das ist das Schlusswort – noch einmal durch den Engel des HERRN aus dem Himmel gesprochen. Eine Erneuerung der Verheißung. Begründet im Gehorsam Abrahams und in der freien Gabe Gottes. Ich will sagt Gott durch seinen Engel – und erneut den Segen, für Abraham und Isaak, die beiden jetzt hindurch gegangen sind durch den Schmerz.

 19 So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und Abraham blieb daselbst.

             So kehren sie zurück. Ende gut. Alles gut. Soll ich das so lesen? Von mir weiß ich, dass mit diesem Ende noch nicht alles gut ist. Im Ganzen der Geschichte gilt doch: Hier tritt Abraham ein Gott entgegen, der fremd ist, unheimlich, hart. Ein Gott, vor dem wir fliehen möchten. Wenn Gott so ist ‑ wie soll ich da an ihn glauben, ihm mein Leben anvertrauen? Einem Gott glauben, der Zukunft zunichtemacht, der menschliche Hoffnungen mit einem Befehlswort zerstört? Da sträubt sich in uns, in mir jedenfalls, alles, gegen diesen Gott. Das passt nicht in unser Bild vom lieben Gott. Oder auch vom guten Gott. Wie erschreckend harmlos und kraftlos sind diese Anreden, die mir in der Liturgie immer wieder begegnen angesichts dieser Erzählung von der Verschonung Isaaks.

Das ist die Herausforderung dieser Erzählung. Sie stellt allzu glatte und schöne Bilder von Gott in Frage. Sie erlaubt nicht, nur die guten Erfahrungen mit Gott zusammen zu bringen. Sie mutet uns zu, dass wir Gott auch unheimlich, fremd, zum Fürchten fremd erfahren. Und dennoch an ihm bleiben. Manchmal wortlos, verstummt, wie mechanisch nur noch tun, was zu tun ist. Mit der verzweifelten hoffnungslosen Hoffnung, es möge noch etwas anderes geschehen.

Mich beschäftigt eine Frage, die über die theologischen Deutungen hinausgreift auf ein anderes Feld. Diese Erzählung redet  auch von der Notwendigkeit, den geliebten Sohn, die geliebte Tochter loszulassen. Wir können sie nicht für immer festhalten. Wir dürfen um ihres Lebens willen nicht an unseren Bildern für sie festhalten. Diese Bilder müssen wir drangeben, sie opfern. Mehr noch: Damit sich die Verheißungen Gottes an ihnen erfüllen können, müssen wir sie loslassen. Wer seine Kinder nicht loslässt, verstellt ihnen nicht nur den Weg ins Leben, sondern auch den Weg zu Gott.

 

Mein Gott und Herr. Manchmal bin ich ganz geborgen in Dir, wie ein mutterloses Kind suche ich einen Schutz. Aber es gibt auch das andere, dass ich mich vor Dir fürchte, dass Du mir fremd bist, dass ich nicht verstehe, was Du mir zumutest, mir abverlangst.

Manchmal komme ich an Grenzen meines Glaubens, meiner seelischen Kraft, meiner Fähigkeit zu verstehen und zu ertragen. Und Du ersparst mir das nicht.

Halte Du mich fest, an mir fest, wenn ich keinen Halt mehr an Dir finde, keine Zuflucht in Dir. Ich werfe alles auf Dich, meinen Glauben und meinen Unglauben, meine Zuversicht und meinen Zweifel. Ich habe ja keinen anderen, auf den ich alles werfen könnte. Amen