Abgründige Bosheit – wunderbare Mächte

  1. Mose 19, 1 – 14

1 Die zwei Engel kamen nach Sodom am Abend; Lot aber saß zu Sodom unter dem Tor.

          Jetzt fällt die Decke, die bis dahin verhüllt hat, was ist. Es sind zwei Engel, die sich auf den Weg gemacht haben, von Abraham hin nach Sodom. So wird noch einmal in der Rückschau sichtbar, wenn Abraham bewirtet hatte: Den HERRN und seine Engel.

Es ist ein Bild wie aus der guten alten Zeit: Lot sitzt am Abend am Stadttor. Die Arbeit ist getan. Zeit zum Ausruhen, zum Verweilen.

 Und als er sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen und neigte sich bis zur Erde 2 und sprach: Siehe, liebe Herren, kehrt doch ein im Hause eures Knechts und bleibt über Nacht; lasst eure Füße waschen und brecht frühmorgens auf und zieht eure Straße. Aber sie sprachen: Nein, wir wollen über Nacht im Freien bleiben. 3 Da nötigte er sie sehr und sie kehrten zu ihm ein und kamen in sein Haus. Und er machte ihnen ein Mahl und backte ungesäuerte Kuchen und sie aßen.

          Als er die beiden Kommenden sieht – er sieht wohl nur zwei Männer und nicht zwei Engel – da lädt er sie zu Gast. Das erinnert an seinen Onkel Abraham. Er will Gastfreundschaft üben, so wie sie Abraham an der Terebinthe geübt hat. Er macht es dringlich mit seiner Einladung, so dass die Beiden schließlich nachgeben. Sie treten in das Haus Lots ein und begeben sich damit unter seinen Schutz. Es ist sicher eine naheliegende Überlegung: vielleicht weiß Lot, was ihnen ohne den Schutz seines Hauses, im Freien, blühen könnte.   

4 Aber ehe sie sich legten, kamen die Männer der Stadt Sodom und umgaben das Haus, Jung und Alt, das ganze Volk aus allen Enden, 5 und riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, die zu dir gekommen sind diese Nacht? Führe sie heraus zu uns, dass wir uns über sie hermachen.

          Noch vor der Zeit der Nachtruhe kommt es zum Auflauf vor Lots Tür. Männer der Stadt Sodom belagern sein Haus. Sie fordern die Auslieferung der Fremden, damit sie sich über sie hermachen. Das ist eindeutig der Wille zum sexuellen Missbrauch, zur Vergewaltigung. „Die Sodomiter beabsichtigten, die beiden Männer für ihre homosexuellen Praktiken zu benutzen.“ (H.J. Bräumer, aaO; S.161) Was sie vorhaben, ist eine doppelter Rechtsbruch: Sie verlangen von Lot die Verletzung des Gastrechtes und sie wollen die Männer ihrer Willkür unterwerfen.

 6 Lot ging heraus zu ihnen vor die Tür und schloss die Tür hinter sich zu 7 und sprach: Ach, liebe Brüder, tut nicht so übel! 8 Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch und tut mit ihnen, was euch gefällt; aber diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Dachs gekommen.

             Beim Lesen stockt mir der Atem. Lot bietet, als Ersatz, seine zwei Töchter, die noch unberührt sind, preis. An ihnen sollen sie sich abarbeiten, aber die beiden Männer in Ruhe lassen. Um das heilige Gastrecht zu schützen, ist er bereit, seine Töchter zu opfern. „Die Rede Lots setzt Sodoms Verkommenheit voraus, da das Angebot der Töchter sofort erfolgt und nicht als letzte Notmaßnahme gegen eine drohende nebālāh (Untat) erscheint.“(H. Seebass, aaO; S.143) 

             Jungfrauen anstatt der Männer! Für uns heutige Leser ist das ein völlig unakzeptables Angebot. Es zeigt etwas von der „Wertigkeit“ junger Mädchen. Sie können irgendwie preisgegeben werden, um des höheren Rechts willen. Die Gefühle, die der Vater Lot dabei haben wird, spielen für den Erzähler keine Rolle. Sie werden nicht reflektiert. Aber: „Man soll heraushören, wie gehetzt, wie verzweifelt Lot zu verhandeln sucht, wie sehr er alles für die Verteidigung des Gastrechts einsetzt.“ (H. Seebass, aaO; S.143) 

             Es gibt eine abgründig-gemeine Bosheit, die zynisch genug ist, um Menschen in solche Konflikte zu stürzen, ihnen nur noch die Wahl zu lassen zwischen zwei Untaten. Das ist bis heute noch so, wenn Menschen nur die Wahl gelassen wird zwischen dem eigenen Leben und dem Leben der Nächsten, unter Todesdrohung nur die Wahl zwischen zwei Werten, an denen ihre Seele hängt.

Es gibt zu dieser Erzählung aus Sodom eine Parallele im Richterbuch. Da wird von Gibea erzählt und von Bejaminitern, die sich über eine ihnen ersatzweise ausgeliefert Frau eines Leviten hermachen. „Und als ihr Herz nun guter Dinge war, siehe, da kamen die Leute der Stadt, ruchlose Männer, und umstellten das Haus und pochten an die Tür und sprachen zu dem alten Mann, dem Hauswirt: Gib den Mann heraus, der in dein Haus gekommen ist, dass wir uns über ihn hermachen. Aber der Mann, der Hauswirt, ging zu ihnen hinaus und sprach zu ihnen: Nicht, meine Brüder, tut doch nicht solch ein Unrecht! Nachdem dieser Mann in mein Haus gekommen ist, tut nicht solch eine Schandtat! Siehe, ich habe eine Tochter, noch eine Jungfrau, und dieser hat eine Nebenfrau; die will ich euch herausbringen. Die könnt ihr schänden und mit ihnen tun, was euch gefällt, aber an diesem Mann tut nicht solch eine Schandtat! Aber die Leute wollten nicht auf ihn hören. Da fasste der Mann seine Nebenfrau und brachte sie zu ihnen hinaus. Die machten sich über sie her und trieben ihren Mutwillen mit ihr die ganze Nacht bis an den Morgen. Und als die Morgenröte anbrach, ließen sie sie gehen.“(Richter 19, 22 – 24) Statt des Mannes vergewaltigen sie die Frau. Nur: Hier, in Gibea, in einem Ort innerhalb Israels, wehren keine Engel die Untat ab. Ich lerne: Sodom kann überall sein, auch in der Nachbarschaft, auch im eigenen Volk.

9 Sie aber sprachen: Weg mit dir! Und sprachen auch: Du bist der einzige Fremdling hier und willst regieren? Wohlan, wir wollen dich noch übler plagen als jene. Und sie drangen hart ein auf den Mann Lot.

Lot redet zu tauben Ohren. Vielmehr wird jetzt sichtbar, was er sich wohl zuvor nie eingestanden hat. Er war für seine Mitbewohner immer der Fremdling, immer nur geduldet., nie wirklich akzeptiert. Sein Einspruch, sein „Angebot“ bringt ihn selbst in Gefahr. Er wird hart angegangen, wohl auch körperlich attackiert.

 Doch als sie hinzuliefen und die Tür aufbrechen wollten, 10 griffen die Männer hinaus und zogen Lot herein zu sich ins Haus und schlossen die Tür zu. 11Und sie schlugen die Leute vor der Tür des Hauses, Klein und Groß, mit Blindheit, sodass sie es aufgaben, die Tür zu finden.

             Jetzt greifen Lots Gäste ein. Sie entziehen Lot dem Zugriff der wütenden Menge. Und sie schlagen sie mit Blindheit. Wie von Sinnen suchen sie den Zugang und finden keine Tür. Bis sie aufgeben. Auffallend: Immer noch spricht der Erzähler von Männern, nicht von Engeln. Es ist, als würde aus der Sicht Lots erzählt: er sieht nur zwei Männer. Den tieferen Hintergrund hat der Erzähler angedeutet, aber Lot kennt ihn nicht. Sie sind ihm nicht einmal „wunderbare Mächte“, die ihn bergen, sondern nur zwei mutige Leute.

 12 Und die Männer sprachen zu Lot: Hast du hier noch einen Schwiegersohn und Söhne und Töchter und wer dir sonst angehört in der Stadt, den führe weg von dieser Stätte. 13 Denn wir werden diese Stätte verderben, weil das Geschrei über sie groß ist vor dem HERRN; der hat uns gesandt, sie zu verderben.

             Jetzt ist endgültig Zeit für Klarheit. Die beiden Männer offenbaren Lot, was bevorsteht: das Verderben Sodoms. Aber sie sind nicht nur gekommen, um zu verderben. Sie haben auch den Auftrag zu retten. Lot und alle, die zu ihm gehören.  Söhne, Töchter, Schwiegersöhne. So wie Noah die mit in die Arche nehmen durfte, die zu ihm gehören, so darf Lot die mit auf die Flucht aus der Stadt rufen, die zu ihm gehören. Seine Sippe.

Sie sollen dem gerechten Gericht Gottes entgehen. Jetzt wird es noch einmal betont: Das Geschrei über sie groß ist vor dem HERRN. Gemeint ist: Die Anklagen gegen diese Stadt nehmen kein Ende.

 14 Da ging Lot hinaus und redete mit den Männern, die seine Töchter heiraten sollten: Macht euch auf und geht aus diesem Ort, denn der HERR wird diese Stadt verderben. Aber es war ihnen lächerlich.

             Das ist erschreckend: Lot findet keine Gehör bei denen, die mit ihm verbunden sind. Sie fühlen sich sicher. Sie finden die Drohung vom Untergang geradezu lächerlich. Es ist bis heute eine bittere Erfahrung: Warnungen werden in den Wind geschlagen. Wer warnt, wird allzu leicht als Schwarzseher, als Miesmacher, als Spaßverderber abgefertigt. Nicht nur in großen weltpolitischen Zusammenhängen, wenn es um das Klima geht, um den Weltfrieden, um das Unrecht der Vermögensverhältnisse. Auch im Kleinen, wenn so etwas zur Diskussion steht wie der freiwillige Verzicht auf lieb-gewonnene Gewohnheiten, wie altersgerechtes Verhalten, wie das Einüben eines Lebensstils, der loslassen lernt. Wir doch nicht. Uns geht es doch gut. Wir haben doch alles im Griff…..

 

Manchmal, mein Gott, erträume ich mir eine Welt, in der alles gut ist, keiner einem anderen Böses will oder tut. Aber dann werde ich wach und sehe, dass es nicht so ist, dass es Bosheit gibt, die mir das Blut erfrieren lässt, das Herz erstarren, die mir Angst macht vor der Zukunft.

Sende Du Deine Engel zu uns, meinetwegen so verkleidet, dass wir sie nicht erkennen, die schützen und bergen, die dem Bösen Einhalt gebieten, es so blenden, dass es sich verrennt und am Ende leer läuft.

Herr erbarme Dich. Amen