Fürbitte – Herzschlag des Betens

  1. Mose 18, 16 – 33

16 Da brachen die Männer auf und wandten sich nach Sodom, und Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten.

          Die Szene im Zelt ist zu Ende. Es beginnt etwas Neues, deutlich markiert dadurch, dass die Männer aufbrechen. „Sie drängen fort“ (G. v. Rad, aaO; S.176) lese ich und bin ein wenig verwundert. Das gibt der Wortlaut nicht her.  Ob es daran liegt, dass ihr Aufbruchs-Ziel genannt wird, Sodom und dass es gar nicht anders sein kann, als dass sie es eilig haben, das alles hinter sich bringen wollen, weil es eine unangenehmen Aufgabe ist.  Oder hat das Kirchenlied Pate gestanden für dieses Drängen:

Ach lieber Herr, eil zum Gericht! Laß sehn dein herrlich Angesicht,
das Wesen der Dreifaltigkeit. Das helf uns Gott in Ewigkeit.                                                               E. Alber 1542, EG 6

Abraham ist ein guter Gastgeber. Darum gibt er seinen Gästen noch Weggeleit.

In Kommentaren finden sich an dieser Stelle mancherlei Überlegungen, ob es einen Punkt gibt, von dem aus freie Sicht auf Sodom gegeben ist. Wo dieser Punkt sein könnte. Mich verblüfft das ein wenig, denn im Text ist keine Rede davon, das die Drei mit Abraham einen Aussichtspunkt suchen. Sie wandten sich nach Sodom ist eine Zielangabe und braucht in keiner Weise das, dass man dieses Ziel irgendwie sehen kann. Auch das ganze nachfolgende Gespräch ist für mich wunderbar denkbar, ohne dass die Gesprächspartner immerzu Sodom und Gomorra sozusagen vor Augen haben. Ganz im Gegenteil: Die Szene gewinnt an Bedeutung, wenn sie nicht vor der Stadt im Hintergrund spielt.

 17 Da sprach der HERR: Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will,  18 da er doch ein großes und mächtiges Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen? 19 Denn dazu habe ich ihn auserkoren, dass er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, dass sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist, auf dass der HERR auf Abraham kommen lasse, was er ihm verheißen hat.

          Nicht zum ersten Mal werden wir zeugen eines Selbstgespräches des HERRRN, eines „inner-göttlichen“ Klärungsprozesses, den er durchläuft, sich selbst zumutet. Das so zu erzählen spricht für die theologische Freiheit der Schreiber. Gott macht sich klar, dass es gewissermaßen unvermeidlich ist, Abraham ins Vertrauen zu ziehen. Es wäre Misstrauen gegenüber dem, der ein  Segen für alle Völker auf Erden werden soll, ihm die Absichten über Sodom zu verschweigen.

Was auch mitschwingt: Nur wenn Abraham versteht, was mit Sodom und Gomorra geschehen wird, kann er seine Kinder und sein Haus die Wege Gottes achten lehren. Er braucht die Innensicht, den Durchblick durch die Gründe für das Schicksal Sodoms, damit er sein „Lehramt“ (G. v. Rad,      aaO; S.178) den nachfolgenden Generationen gegenüber ausüben kann. Sonst würde er ja womöglich „nur“ eine Naturkatastrophe sehen.

Wer von Gott in Beschlag genommen wird, wer zu ihm gehört, der bekommt Anteil an dem Sehen Gottes, der wird eingeweiht von ihm in seinen Weg und seine Pläne. Das ist nicht ein Mitteilen irgendwelchen Geheimwissens, sondern es ist ein Anteilgewinnen an dem, wie Gott die Welt sieht, die Menschen sieht. Ich könnte auch sagen: Gottes Blick auf die Welt färbt ab – die Glaubenden werden durch seine Weltsicht geprägt in ihrer Weise, die Welt zu sehen. Dieser Zusammenhang steht auch hinter einem Wort Jesu: „Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?“ (Lukas 9,55) Wir lernen die Welt mit den Augen Gottes zu sehen – als seine geliebte Welt, geliebt auch mit all ihren Ungereimtheiten und Verstrickungen,Lasten und Lastern.

20 Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind.  21 Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse. 22 Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom.

             So also wird nun Abraham ins Vertrauen gezogen. Es geht um einen „Prüfbescheid“ über Sodom und Gomorra. Was vor ihn gekommen ist an himmelschreiendem Unrecht, an Schuldgeschichten, an Sünde – das will er selbst prüfen. Gott handelt nicht auf Hörensagen hin. Er lässt sich nicht zu raschen Reaktionen durch irgendwelche Ankläger verleiten. Gott will sich ein eigenes Bild machen. Darum bleibt er nicht auf Abstand zu Sodom und Gomorra. Einen „Vernichtungsbeschluss“ (C. Westermann, aaO; S.202) vermag ich in diesen Worten noch nicht zu sehen. Das ist eher eine Sicht, die sich vom Ausgang der Geschichte her begründet: Es musste ja so kommen.

Ob ich diesen Weg des HERRN nach Sodom auch als „durchsichtig“ für den Weg Jesu lesen darf? In ihm gibt Gott ja auch den Sicherheitsabstand zur Welt auf. In ihm lässt er sich leibhaftig ein auf diese Welt mit ihren Schuldgeschichten, ihrem Hass, ihrer Machtgier. Er macht sich ein eigenes Bild von ihr, bis er selbst aus tausend Wunden blutet. Kein Prüfbescheid vom Himmel her, aus sicherer Distanz,sondern einer, der aus dem Hingehen leidend, mitleidend gewonnen wird.

Die Begleiter Gottes setzen ihren Weg nach Sodom fort. Zurück bleiben Abraham und der HERR. Zufällig? Oder ist das not-wendig im wahrsten Sinn des Wortes?

 Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN 23 und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? 24 Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? 25 Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?

             Merkwürdig, dass Abraham „weiß“ oder spürt, was da mit Sodom und Gomorra geschehen könnte. Es ist ja bislang noch kein Wort darüber gefallen, welche Konsequenzen das Hinsehen Gottes haben könnte. Gott kündigt sein Hinsehen an und Abraham „weiß“: Das wird Konsequenzen haben, die nicht schön sind für Sodom. Schon die bloße Prüfung ist demnach eine Gefahr für die Stadt.

Hier aber wird erzählt, dass Abraham sich in ein Gespräch mit dem HERRN wagt, sich in den Plan, den er doch gar nicht kennen kann, einmischt. Fast ist es so, als würde er etwas ahnen und aus dieser vagen Ahnung heraus Einspruch erheben. Sein Einspruch ist ein Appell an Gottes Rechtsempfinden. Es entspricht Dir nicht, Deinem Wesen nicht, den Gerechten mit dem Gottlosen umzubringen. Das bist doch nicht Du, der so handeln könnte. Der Tod macht alle gleich, aber Du, Gott, doch nicht.

            Die Zahlen, auch die, die folgen werden, fünfzig, fünfundvierzig, vierzig., dreißig, zwanzig, zehn, sind diesem inhaltlichen Argument gegenüber völlig zweitrangig. Es geht zentral um diese eine Frage: Verträgt sich das Gericht Gottes, das trifft, wen es trifft, mit seiner Gerechtigkeit? Kann Gott es sich leisten, es sich vor sich selbst leisten, den Gerechten mit dem Gottlosen umzubringen?

Es ist nicht entscheidend, in meinen Augen, ob das eine späte Debatte ist, die hier nach vorne, in die Frühgeschichte, eingetragen wird. Ich glaube, dass diese Debatte immer schon Menschen bewegt, seit es Glauben gibt, seit es die Anrufung Gottes gibt. Wie bekommen wir das zusammen, dass es Unglücksfälle gibt, Naturereignisse, Kriege, in denen der Gerechte mit den Ungerechten untergeht, es nicht nur die Bösen trifft, sondern auch die Guten? Ich vermag nicht zu denken, dass die biblischen Autoren nicht schon bei der Sintflut-Erzählung die gleiche Frage mit im Sinn hatten. Dann könnte es durchaus so sein, dass die Fürbitte Abrahams so etwas wie eine inner-biblische Kritik an der Sintflut-Erzählung ist.

Mir ist es zu sehr Schreibtisch-Theologie, die in theologischen Schulen denkt, die an dieser Stelle den Einwand erheben: Das geht doch erst zu der Zeit, in der das Hiob-Buch diese Frage aufwirft. Das kann nicht im Umfeld der alten Abrahams-Erzählungen entstanden sein. Ich denke vielmehr, dass diese Frage geradezu zwangsläufig entstehen muss, wenn Abraham der Gesegnete wird, der eine, mit dem Gott seine Geschichte verbindet – und viele andere verschwinden im Dunkel der Geschichte.

26 Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben. 27 Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. 28 Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben. 29 Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte vielleicht vierzig darin finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. 30 Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun. 31 Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. 32 Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen.

Es wird wunderbar erzählt, mit einer unglaublichen inneren Freiheit, wie Abraham handelt, meinetwegen auch schachert und wie Gott, der HERR, sich darauf einlässt. Es spricht für das Gottesbild der Erzähler, dass sie nicht glauben, durch diese Geschichte Gott zu beschädigen. Gott lässt mit sich handeln – ja, ja, ja. Als wäre er ein alter Jude. Ja! Der Gott, der hier mit Abraham handelt, ist nicht der unbewegliche, unnahbare, unberührbare Gott der Philosophen und mancher Theologen, der Gott der dogmatischen Konstrukte, der so weltfremd ist, dass ihm jede menschliche Regung abgeht. Hier ist wirklich anthropomorph (= menschlich, menschenähnlich) von Gott geredet. Ja – aber wie bitte sehr, sollen wir sonst von Gott reden, so dass es das Herz berührt und nicht nur Denksport-Aufgaben stellt.

Zugleich – das fällt mir erst beim wiederholten Lesen auf: Es wird streng vermieden, dass Abraham in seinen Anreden den Namen des HERRN verwendet. Nicht JAHWE, nicht Elohim, sondern nur einfach „Herr“, als stünde Abraham vor einem Menschen, vielleicht, wahrscheinlich einer gewichtigen Persönlichkeit, aber doch einem Menschen. Darin wahrt der Erzähler in einer subtilen Weise den Abstand, der doch zwischen Gott und Mensch ist, auch zwischen dem HERRN und Abraham.

Ich finde es großartig, wie Abraham hier in diesen Verhandlungen zum Muster wird: So dürft ihr mit Gott reden. So dürft ihr vor Gott für andere eintreten, die euch am Herzen liegen. Nicht nur für die Guten. Nein, auch für die Bösen, auch für die Sünder. Die Guten, wenn es sie denn geben sollte, haben doch diese Art Fürbitte gar nicht nötig. Aber die Bösen, die es in unserer Welt überreichlich gibt, die sind doch darauf angewiesen, dass für sie gebetet, gebettelt, mit Gott gehandelt wird. Wenn doch jeder Terrorist und jeder IS-Kämpfer, meinetwegen auch jeder, der Ausländer nicht mag, der homophob ist, der ein Macho ist, wenigsten einen hätte, der an seiner Stelle mit Gott in Verhandlungen tritt: Herr, wenn es nur zehn sind… Und vielleicht finden sich ja auch welche, die in gleicher Weise für die Guten bitten: für Lesben und Schwule, für Banker und Soldaten, für Politiker und Polizisten,  für Gläubige, für Gottesfürchtige, für Ungläubige, für ewig Gestrige und Leute, die heute schon von morgen sind.

Fürbitte – das ist der Herzschlag dessen, was wir vor Gott zu bringen haben. Es hat eine kaum hoch genug einzuschätzende Bedeutung, dass von Abraham diese Fürbitte erzählt wird. Sie macht ihn, in meinen Augen, zum Vater des Glaubens.

Sie stellt ihn neben Mose, der das Angebot Gottes ausschlägt: „Der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.“ (2. Mose 32, 9-10) Statt dessen tritt Mose für das Volk vor Gott ein – und kann ihn umstimmen!  „Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? …Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.“ (2. Mose 32, 11. 13-14)

Seine Fürbitte stellt Abraham auch neben Jesus, der am Kreuz betet: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23, 34) Sie stellt ihn neben den erhöhten Herrn Jesus Christus, von dem Paulus glaubt, dass das seine „Beschäftigung“ ist, heute, an allen Tagen der Zeit der Welt: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer 8, 33-34)

Es ist ein Herzstück meines Glaubens: Diese Welt besteht nur deshalb, weil es die Fürbitte von ein paar Gerechten – nach einer alten jüdischen Legende sind es Zehn in jeder Generation -, gibt, die vor Gott für die Welt einstehen. Ich gehe einen Schritt weiter: Weil der eine Gerechte, Jesus Christus, vor dem Thron des himmlischen Vaters für uns einsteht und so dem gerechten Gericht in den Arm fällt.

Das ist das, was das Gericht bis heute aufhält: Gott richtet nicht nach der Bosheit der Vielen, der tief Schuldigen, sondern nach der Unschuld des einen Gerechten. Davon lebt die Welt. Ich. Die Kirche.

33 Und der HERR ging weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.

Was für ein Abschluss: Beide gehen ihres Weges. Der HERR ging weg.  Wenn Gott weggeht, sich abwendet, sich entzieht, dann ist es mit dem Leben vorbei. Ist das damit angedeutet? Und auch Abraham geht zurück, ab seinen Ort. Meine Frage, die die Erzählung nicht beantwortet: Ist Abraham nach diesem Gespräch noch der Gleiche, wie vorher? Und ist Gott noch der Gleiche wie vorher? Oder sind sie beide anders geworden? Wie anders wird sich noch zeigen müssen, bei Abraham auf seinem Weg. Bei Gott auf dem Weg bis ans Ende der Zeit:

 

Mein Heiland und Herr, Du stehst vor dem Vater und trittst ein für uns. Du redest gut für uns, über uns, auch wenn wir schon lange nicht mehr gut über uns denken. Du wehrst alle Anklagen ab, verbannst den Ankläger, damit wir frei sein können.

Gib Du doch, dass wir auch so eintreten vor den Menschen und vor Gott für die, gegen die so Vieles spricht, für die, die nicht mehr für sich selbst sprechen können, die ihr Leben verklagt.

Gib Du mir, dass ich Dein Erbarmen erflehe ohne wenn und aber für Schuldige und Unschuldige, Gerechte und Ungerechte. Gib Du mir, dass ich so Dein Herz suche. Amen