Nur im Geist gebunden

Römer 7, 1- 6

 1 Wisst ihr nicht, liebe Brüder – denn ich rede mit denen, die das Gesetz kennen -, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt? 2 Denn eine Frau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet. 3 Wenn sie nun bei einem andern Mann ist, solange ihr Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin genannt; wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie nicht eine Ehebrecherin ist, wenn sie einen andern Mann nimmt.

            Nun wendet sich Paulus dem zu, was schon lange mit Thema ist: dem Gesetz. Und beginnt, wie gute Redner das gerne tun, mit einem Umweg, einem Beispiel. Das kennen sie alle, die lieben Brüder und auch die lieben Schwestern. „Damit meint er vor allem die Judenchristen, aber nicht nur sie. Auch die aus dem Kreis der „Gottesfürchtigen“ stammenden Heidenchristen kannten die Tora.“ (W. Klaiber, aaO. S.116) Wobei es wohl nicht nur um ein äußeren Kennen der Weisungen Gottes gehen wird, sondern vor allem um ein Vertrauen darauf, dass sie wirklich Wegweisung zum Leben und darum auch bindend sind.

Jetzt also das Beispiel: Eine Ehe bindet die Ehepartner, solange sie leben. So ist das im Gesetz geregelt. Du sollst die Ehe nicht brechen. Nicht aus der Ehe ausbrechen. Wenn aber der Ehepartner tot ist, gibt es keine Verpflichtung mehr ihm gegenüber. Das ist der feste Boden, auf dem Paulus steht: Die Ehe gilt lebenslänglich, aber nicht darüber hinaus. Das trennt ihn von aller laxen Scheidungspraxis damals und auch heute.

Frei von der Bindung ist der, die, dessen Ehepartner verblichen ist. Dann gibt es andere Möglichkeiten, eine neue Wahl. Dieses Bild nun wendet Paulus auf das Verhältnis der Christen zum Gesetz an, auf ihre Bindung an das Gesetz.

 4 Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, sodass ihr einem andern angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen.

Was sofort auffällt: Paulus erklärt nicht das Gesetz für gestorben! Das Gesetz – Paulus verwendet im Abschnitt fast durchgängig das Wort νμος für das Gesetz, eher selten das Wort ντολ, Weisung, Gebot, das bei ihm stärker positiv besetzt ist – ist in seiner Sicht auch weiterhin höchst lebendig. Aber die Christen sind gestorben – und damit frei von der Bindung des Gesetzes. Sie sind dem Gesetz gegenüber getötet durch den Leib Christi.

Das ist, so denke ich, doppelt zu hören. Einmal meint Paulus gewiss „konkret den Leib des Gekreuzigten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/2, Neukirchen1980, S.65) Daneben aber klingt auch das mit an, dass Paulus die Gemeinde der Christen als den Leib Christi bezeichnen kann. „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“(1. Korinther 12, 27) Das kann nur bedeuten: Durch die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu betreten Menschen einen Raum, in dem sie dem anklagenden und verurteilenden Zugriff des Gesetzes gestorben, entzogen sind. Kein gesetzesfreier Raum, aber ein Raum, in dem die tödlichen Wirkungen des Gesetzes aufgehoben sind. Weil die andere Kraft, die Kraft der Gnade Christi, stärker ist. „Es geht Paulus um die Freiheit gegenüber dem Gesetz als Kehrseite der Bindung an Jesus Christus.“ (K. Haacker; aaO. S.137) Das ist kein Freiheitskonzept, das die Autonomie des Menschen behauptet, sondern eines, das die Bindung an Jesus Christus als Freiheit sieht.

 5 Denn solange wir dem Fleisch verfallen waren, da waren die sündigen Leidenschaften, die durchs Gesetz erregt wurden, kräftig in unsern Gliedern, sodass wir dem Tode Frucht brachten.

Vorher war das anders, erinnert Paulus seine Leserinnen und Leser. Vorher gab es keine Freiheit, sondern nur eine totale Bindung,  verfallen sein. Geknechtet, könnte ich auch sagen. Ausgeliefert an die „unkontrollierte Emotionalität“ (K. Haacker; aaO. S.138) Nicht mehr Herr seiner selbst, sondern unterworfen. Das wirkt das Gesetz! Es ist, als würden durch das Gesetz diese Leidenschaften erst richtig entfesselt. So wie es der Volksmund weiß und sagt: „Was verboten ist, macht uns erst richtig scharf.“

 6 Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

Jetzt aber, einmal mehr folgt das von Paulus geliebte νυνὶ δὲ, bindet das Gesetz die Christen nicht mehr. Wir Christen sind, weil wir mit Christus gestorben sind, unerreichbar für das Gesetz, ihm entzogen. „Nicht das Gesetz wird verwandelt, sondern der Mensch wird neu gemacht.“ (A. Schlatter, aaO. S.230) Der Tod wird hier zur erfolgreichen Flucht vor der Verfolgung! Frei vom Gesetz beginnt ein neues Dienen. Einmal mehr taucht mit dem Wort δουλεύειν das Bild des Knechts, des Sklaven auf, seines unbedingten Gehorsams. Aber jetzt ist es ein Dienen im Wesen des Geistes. Nach dem Geist, nicht nach dem Buchstaben. Man muss also nicht das Gesetz des Mose unter dem Arm haben, sondern das Wesen des Geistes in Kopf und Herz und Seele.

Ist es weit her geholt, hier Worte Jesu mitzuhören: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“(Johannes 4,24) Nicht ein vorschriftsmäßiges Leben, so kann das Wort γρμμα auch gedeutet werden, sondern ein Leben, das aus der Kraft der Liebe geleitet ist, entspricht der Freiheit, zu der die Christen befreit sind. Die Liebe wird euch leiten. Darauf dürfen sie vertrauen, damals in Rom und wir heute.

 

Jesus, Du öffnest uns in Deiner Gemeinde den Raum der Freiheit. Wir dürfen leben als Deine Brüder und Schwestern, wir dürfen uns Deinem Leiten anvertrauen, Deiner Güte Raum geben, Deinem Trösten unseren Schmerz und alle Traurigkeit hinhalten. Du willst, dass wir frei sind

Wir aber machen aus dem Raum der Freiheit so wenig, wir machen ihn eng. Alle sollen so sein wie wir sind. Alle sollen so glauben wie wir glauben. Alle sollen unsere Formen zu singen und zu beten übernehmen. Aus dem Raum der Freiheit wird so leicht die Enge unserer Vorstellungen.

Gib Du, dass wir uns Deinem Geist anvertrauen, lernen uns leiten zu lassen von seinem Wehen, die Furcht verlieren vor dem unbekannten Land der Zukunft. Mache uns stark im Wehen Deines Geistes. Amen

Im Leben herrschen

Römer 6, 12 – 23

 12 So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, und leistet seinen Begierden keinen Gehorsam. 13 Auch gebt nicht der Sünde eure Glieder hin als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin als solche, die tot waren und nun lebendig sind, und eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit.

Nach den vielen Grundgedanken kommt jetzt eine erste Aufforderung, wohl begründet: So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe. Lasst euch auch nicht instrumentalisieren für irgendwelche Ungerechtigkeiten. Das ist die Konsequenz aus der Freiheit, aus der Gerechtigkeit, aus der Gnade, die ihnen zugeeignet ist: Die Christen können anders leben. Sie müssen nicht mehr zwangsläufig sündigen.

So erklärt der Tübinger Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein in einem Artikel über „Sündigen auf Lateinisch“: „Wohl wird sie (die Sünde) auch die Glaubenden immer wieder zu Verfehlungen verleiten, sie kann sie aber nicht mehr grundsätzlich und bleibend von der Liebe und dem Anspruch Christi trennen. Wenn dies aber stimmt, dann gilt für die an Christus Glaubenden nicht nur das posse peccare (sündigen können) der Geschöpfe und nicht mehr nur das non posse non peccare (nicht nicht sündigen können) der Sünder, sondern in Christus und in Gemeinschaft mit ihm das posse non peccare (nicht sündigen müssen) der Erlösten. Denn durch die Erlösung in Christus haben die Glaubenden bereits die Freiheit und das Vermögen, nicht zu sündigen“. Der Zwang zur Sünde ist aufgebrochen. Ihre Herrschaft ist am Ende. Sie führt im Leben der Christen allenfalls noch aussichtslose Nachhut-Gefechte.

14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

            Das liegt daran, dass die Christen gewissermaßen in einen neuen Lebensraum hinein versetzt sind, in eine neue Lebenswirklichkeit. In die Lebenswirklichkeit der Gnade. Unter der Gnade leben ist mehr als ab und zu erfahren, dass jemand gnädig ist. Die ganze Existenz wird davon bestimmt. Im Empfangen und im Weitergeben.

15 Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! 16 Wisst ihr nicht: wem ihr euch zu Knechten macht, um ihm zu gehorchen, dessen Knechte seid ihr und müsst ihm gehorsam sein, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?

            Einmal mehr ergreift Paulus als Seelsorger das Wort. Warnt vor Leichtsinn, vor Missverständnis. Dann ist ja alles nur noch halb so schlimm. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ Nein, wer sich mit der Sünde einlässt, der riskiert Infizierung. Er unterwirft sich ihr, diesmal nicht mehr gezwungen, sondern freiwillig. Der macht sich selbst zum „Knecht der Sünde.“

            In meinen Worten: Die Sünde gewinnt eine Macht über mich, der ich mich nicht mehr entziehen kann. Mir hilft zum Verstehen, wenn ich ähnliche Mechanismen beobachte, zum Beispiel im Suchtverhalten. Es ist nichts schlimm am Bier, am Wein, auch nichts schlimm am ersten Rausch. Aber er kann der Anfang eines Lebensstiles werden, an dessen Ende die Krankheit Alkoholismus steht. Die Gefangenschaft unter „König Alkohol“ (Jack London). „Im Leben herrschen“ weiterlesen

Getauft

Römer 6, 1 – 11

1 Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? 2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?

            „Wir bleiben nicht bei Paulus, wenn uns nur die Frage bewegt, wie aus dem Menschen ein Glaubender werde, nicht auch die, was aus dem Glaubenden werde.“(A. Schlatter, aaO. S.196) Das ist das Thema, das Paulus bewegt: Wie wirkt sich das ins Leben hinein aus, dass wir gerecht gemacht sind durch den Glauben. Wie gewinnt diese Gerechtigkeit gestaltende Kraft im Leben?

Eine Antwort  die ihm vielleicht vorgehalten worden ist, wehrt er ab: Sie ist kein Freibrief. Einmal mehr: Das sei ferne! Ich übertrage: Um Himmels willen! Das wäre ja ein Rückfall in das alte Leben, wenn einer sagen würde, Ich bin so frei! Ich sündige tapfer! Damit würde ja die Freiheit verspielt, in die Gott die Glaubenden gestellt hat.  Denn in der Sünde leben wollen, ist ja nicht weniger als ihr wieder Macht im eigenen Leben einräumen.

Jetzt benennt Paulus eine Voraussetzung, die er zuvor im Brief noch nicht gemacht hat: Christen sind der Sünde, ich ergänze: weg- gestorben. Wenn die Sünde den Tod mit sich bringt, dann  haben die Christen diesen Tod schon hinter sich. Im Tod Christi sind sie der Sünde weggestorben.

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

Um zu erklären, wie er darauf kommt, greift Paulus auf die Taufe zurück. Damit auf eine Erfahrung, die die Christinnen und Christen in Rom aus dem eigenen Leben kennen. Es geht um  untergetaucht werden und das aus dem Wasser Steigen, das in der Taufe erlebt wird. Das geschieht in der Taufe:  Das Untertauchen in das Wasser entspricht dem  begraben durch die Taufe in den Tod. Das Aufsteigen aus dem Wasser ist die neue Wirklichkeit, in einem neuen Leben zu wandeln. „Getauft“ weiterlesen

Durch den Einen wird alles anders

Römer 5,12 – 21

12 Deshalb, wie durch „einen“ Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. 13 Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet. 14 Dennoch herrschte der Tod von Adam an bis Mose auch über die, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte.

Ich gestehe mir ein: Das ist schon im Ansatz weit weg von dem, wie ich denke. Aber es ist der Versuch, die Bedeutung des Todes Jesu auszusagen – als eine grundsätzliche Wende: Durch den einen Menschen – gemeint ist Adam – ist die Sünde in die Welt gekommen und mit ihr der Tod. Das ist nicht spezifisch christlich gedacht – diese Gedanken gibt es auch in der jüdischen Tradition: Alle, die nach Adam leben, sind von dieser Sünde Adams und ihren Wirkungen infiziert. „Es gibt für Paulus zwar keine `Erbsünde‘, wohl aber eine `Ursünde‘, in der sich alle Menschen vorfinden. Ihre Macht behält sie dadurch, dass alle durch ihr Sündigen diese Macht bestätigen.“ (W. Klaiber,  aaO. S.93) In diesem Denken bleibt der einzelne Mensch verantwortlich für sein Tun und ist nicht nur hilfloses Opfer der Sünde Adams in grauer Vorzeit.

Eine Nebenbemerkung fällt auch noch ab: Die Sünde ist älter als das Gesetz. Es gibt schon Sünde, als es noch kein Gesetz gab, noch nicht die Gebote und die Weisungen der Tora. Diese Einsicht ist schlicht der Reihenfolge der biblischen Texte in den ersten beiden Büchern Mose abgewonnen. Die Sünde ist vor dem Gesetz da, das heißt auch: Sie wird nicht durch das Gesetz gemacht, produziert. Aber sie wird erst durch das Gesetz angerechnet. „Registriert.“ (K. Haacker;  aaO. S.119) Dennoch wirkt sie sich schon aus in die Lebenswirklichkeit.

Bleibt der rätselhafte Satz über Adam: welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Wessen Bild ist Adam? Das Bild Christi? Als Sünder? Oder muss man so reduzieren: Als der eine Mensch, der das Geschick der Menschheit beeinflusst, wendet? Aber wie unterschiedlich der Einfluss  Adams und der Einfluss Christ sind, das wird sich ja im Folgenden zeigen.

 15 Aber nicht verhält sich’s mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn durch die Sünde des Einen die Vielen gestorben sind, um wie viel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den Vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus. 16 Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist. Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt, die Gnade aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. 17 Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wie viel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. 18 Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. 19 Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.

Jetzt folgt eine vielfach variierte Gegenüberstellung: Hier Adam, dort Christus. Auch wenn die beiden Namen nicht ständig wiederholend genannt werden. Durch die Sünde des Einen kommt das Sterben der Vielen, die Verdammnis. Er reißt sozusagen alle mit – unter die Herrschaft des Todes. Dem steht Christus gegenüber – er reißt alle heraus aus diesem Herrschaftsbereich und stellt sie in den Wirkungsbereich der Gnade. Die wird allen zuteil als Rechtfertigung, als Weg, der zum Leben führt. „Durch den Einen wird alles anders“ weiterlesen

Gottlob

Römer 5, 6 – 11

6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.

            Dieser Satz ist für mich Evangelium in Rein-Kultur. Christus ist seinen Weg ins Sterben für die gegangen, die gott-los waren. Ob sie es sind aus freier Wahl, aus Trotz, aus Missverständnis, spielt keine Rolle. Er geht seinen Weg für die, die auf Abstand sind. Und Paulus scheut sich nicht, sich selbst mit diesen Gottlosen in eins zu setzen: für uns Gottlose. Der gleiche Paulus, der sich einmal so sicher war, dass er ganz genau weiß, wie Gott ist. So sicher, dass er alle verfolgt hat, die anders glaubten als er.  Der gleiche Paulus, der jetzt mit letzter Hingabe das Evangelium unter die Leute bringt. Es bleibt für ihn dabei: Ich weiß um mein Gottlos-sein. Nicht nur als Vergangenheit. Sondern auch als eine Wirklichkeit meines Lebens, die ich, Paulus, nicht von mir aus aufbrechen kann.

Dem entspricht ja auch: als wir noch schwach waren. Das kennt Paulus aus seinem Leben, dieses ängstliche Schauen darauf, ja alles richtig zu machen, nichts Falsches zu essen, keinen Fehltritt zu tun, keine Grenze Gottes auch nur unbewusst zu überschreiten. Das spielt im Römerbrief auch später eine wichtige Rolle: „Die Schwachen, das sind nach Römer 14 Christen, deren Glaube bestimmte Konsequenzen christlicher Freiheit noch nicht mittragen kann.“ (W. Klaiber, aaO.S. 87) Davon ist hier aber nicht die Rede. Sondern hier werden die Gottlosen als schwach gesehen: „Sie sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurande kommen, hilflos der Macht der Sünde ausgeliefert sind oder angesichts der Herausforderungen des Lebens resignieren.“(ebda.) Aus ihrer Schwäche können sie sich nicht selbst erlösen. Dazu braucht es Christus. Seine Hingabe, sein Sterben.

 7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. 8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!

            Noch einmal setzt Paulus neu ein, um das Unglaubliche dieses Vorganges ins Licht zu rücken. Es ist selten genug, dass sich einer opfert  um eines Gerechten willen; um des Guten willen. Das sind völlige Ausnahmegestalten. Aber sie gehen diesen Weg, weil es um das Gute geht – vielleicht um das Wohl der Stadt, um die eigene Familie, um das Recht. Um einen Menschen, der es  „wert“ ist. Jeder einigermaßen gebildete Römer kannte den Spruch: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“(Horaz, Oden III,2,13) Wir mussten das als Schüler noch in den 60er Jahren auf Latein lernen! Dulce et decorum est pro patria mori! „Gottlob“ weiterlesen

Keine Furcht mehr vor Gott

Römer 5, 1 – 5

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; 2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

            Das ist ein erster Zielpunkt: Wir haben Frieden mit Gott. Dieser Frieden ist gestiftet, geschaffen durch Jesus Christus. Nach Korinth schreibt Paulus: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2. Korinther 5,19) Das liegt sachlich ganz nahe bei dem, was er hier den Römern schreibt.

Ich übersetze für mich: Keine Furcht mehr vor Gott. Keine Angst mehr vor Anklagen, die gegen uns vorgebracht werden könnten. Frieden – im Hintergrund steht das hebräische Wort schalom, das im Griechischen mit ερνη wiedergegeben wird. „Die heile Offenheit zu Gott, die durch Gerechtigkeit begründet ist.“(U.Wilckens, aaO. S.288) Eine Beziehung, auf die kein Schatten mehr fällt, weil Gott durch unsern Herrn Jesus Christus alles weggenommen hat, was Schatten wirft.

Er, Christus, ist das Tor, die Tür (Johannes 10,9), der freie Weg zu Gott. Das sagt  Paulus, indem er wir sagt, für sich und die Gemeinde der Römer, für alle, die an Christus glauben. Es ist ein Zugang, der sich im Glauben öffnet und im Glauben genutzt wird.

Es ist deutlich, wie auch hier das Bild vom Glauben als Weg eine Rolle spielt. Es sind Schritte, die getan werden. Es geht um Lebenspraxis, in der sich der Glaube, das Vertrauen auf die Gnade, auf den Herrn Jesus zeigt.

Aus diesem Wissen, aus diesem Glauben, aus diesem Lebensvertrauen in der Gegenwart entsteht Hoffnung. Und dieser Hoffnung kann man sich rühmen.  Hat Paulus zuvor alles Rühmen abgewiesen, das aus dem Wissen um die eigene Vergangenheit, die eigene Herkunft stammt, so redet er hier von einem Rühmen, das über die Gegenwart hinaus die Zukunft Gottes im Blick hat. Es ist also nicht ein Rühmen im Blick auf sich selbst, sondern ein Rühmen dieser kommenden Herrlichkeit. Es ist der Blick weit über die Welt hinaus, über die Zeit hinaus, der Blick in die Ewigkeit.  „Keine Furcht mehr vor Gott“ weiterlesen

Der aus den Toten ruft

Römer 4, 13 – 25

13 Denn die Verheißung, dass er der Erbe der Welt sein solle, ist Abraham oder seinen Nachkommen nicht zuteil geworden durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens. 14 Denn wenn die vom Gesetz Erben sind, dann ist der Glaube nichts und die Verheißung ist dahin. 15 Denn das Gesetz richtet nur Zorn an; wo aber das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung.          

Paulus argumentiert weiter, aber mit neuen Gedanken: Es geht jetzt um die Verheißung an Abraham und seine Nachkommen: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. (1. Mose 12, 2) Bei Paulus wird daraus: dass er der Erbe der Welt sein solle.

           Das hört sich, zumal wenn man es „politisch“ verstehen wollte, gefährlich an, „auf den ersten Blick imperialistisch“.(W. Klaiber, aaO. S.74) Und mag auch gefährlich gewesen sein in einem Brief, der in die Hauptstadt des römischen Weltreiches geht. Obwohl ich nicht glaube, dass sich irgendwer in Rom für diesen kleinen Haufen von Christen schon zur Zeit der Abfassung dieses Briefes ernsthaft interessiert hat. Jedenfalls kein römischer Geheimdienst. Das ist zu sehr aus der Sicht heutiger Verhältnisse gedacht.

Vielleicht hat ja Paulus auch diesen Satz Jesu schon gekannt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,5) Gewiss kein Programm zur Welteroberung, sondern eines, dass den Besitz der Welt , das Erbe der Welt konsequent mit dem Frieden verbindet und der Erwartung Gottes.

Im Kern geht es Paulus aber darum: Die Verheißung ist nicht an das Gesetz gebunden, auch nicht an Abrahams Treue zum Gesetz. Die Verheißung gewinnt ihre Kraft durch den Glauben. Es ist ein hartes Entweder-oder, das sich hier auftut: Entweder Erben um der Treue zum Gesetz willen oder aber Erben auf Grund des Glaubens. Und dann es klingt wie ein Absage an das Gesetz: Das Gesetz richtet nur Zorn an. Es ist seine Wirkung, dass es Übertretung geradezu provoziert, hervorbringt. Es ist kein Weg zum Leben.  „Der aus den Toten ruft“ weiterlesen

Glauben und Gnade

Römer 4, 1 – 12

1 Was sagen wir denn von Abraham, unserm leiblichen Stammvater? Was hat er erlangt? 2 Das sagen wir: Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott.

            Einmal mehr scheint es, als würde Paulus auf Argumente eingehen, die irgendwie in der Luft liegen. Wen hat er dabei vor Augen? Juden, die ihn für einen Ketzer halten? Oder Judenchristen, die  glauben, dass die Botschaft des Paulus gefährlich verkürzt ist, weil sie die Notwendigkeit der Werke leugnet? „Offensichtlich spricht Paulus damit vor allem zu Gesprächspartnern jüdischer Herkunft und nennt Abraham deshalb unseren Vorvater nach dem Fleisch.“ (W. Klaiber, aaO. S.69) Das heißt aber auch, dass er betont: Ich bin einer von euch. Auch mein leiblicher Stammvater ist Abraham.

Paulus greift auch deshalb jetzt auf Abraham zurück, weil es ihm um die Einheit des Evangeliums, das er verkündigt, mit den Worten und Wegweisung des Glaubens der Väter geht. Darum hat er ja schon früher betont: Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Paulus liegt unendlich viel daran, dass er nicht eine neue Lehre oder gar einen neuen Gott verkündigt, sondern dass das, was er sagt, Erfüllung der alten Schriften ist. Darum auch greift er auf Abraham nicht nur aus taktischen Gründen zurück. Es geht ihm vielmehr darum, dass er an Abraham genau das sieht, was er durch Christus glaubt..

Sie alle, Juden und Judenchristen aber auch Christen aus den Heiden, stehen vor der Frage: Was ist der Ruhm Abrahams? Sind es die Werke? Besteht er damit vor Gott? Vor Menschen mag er so großartig dastehen – wer wäre nicht beeindruckt von diesem Mann und seinem Weg. Aber vor Gott?

 3 Denn was sagt die Schrift? »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.« (1.Mose 15,6) 4 Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. 5 Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.

Jetzt zitiert Paulus – wörtlich. Und hält sich an den Worten fest, wie ein Biblizist unserer Tage. „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.“ Es ist der Glauben, der Abraham ins rechte Gottesverhältnis gesetzt hat. Besser gesagt: Durch den er in das rechte Gottesverhältnis gesetzt worden ist. Paulus hängt offensichtlich an dieser Wendung: Das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden. Denn das stellt ja heraus: Es ist Gott, der hier aktiv ist, der zurechnet, der den Abraham zu etwas macht, der ihn als gerecht sieht. Es ist nicht Abraham, der tut, macht, handelt. Auch der Glaube Abrahams ist hier nicht ein Handeln, das ihn gerecht sein lässt.  „Glauben und Gnade“ weiterlesen

Mit leeren Händen

Römer 3, 27 – 31

27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.

            Es wirkt wie ein Rückgriff auf früher Gesagtes, wenn Paulus fragt: Wo bleibt nun das Rühmen? Offensichtlich hat er Leute vor Augen, die sich sehr wohl rühmen. Stolz sind. Sicher, auf der richtigen Seite zu sein. Die deutlich sagen können: Darauf verlasse ich mich. Darauf baue ich. Das sind meine Lebenserfolge, die ich vorweisen kann. Die denken wie der reiche Mann, von dem Jesus erzählt: „Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ (Lukas 12, 18-19) 

            Oder wie der andere Reiche, von dem in der folgenden Weise erzählt wird: Meister, was muss ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur Einer. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Da fragte er ihn: Welche? Jesus aber sprach: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter« und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“(Matthäus 19, 16 – 20) Es gibt diese Selbst-Sicherheit, gar nicht so selten auch heute. Und doch ist sie trügerisch, weil Gott anders als wir uns vermessen misst.

            Die Antwort des Paulus: Dazu gibt es keinen Anlass. Dazu hat keiner Grund. Das ist auch kein Grund, auf dem man wirklich sein Leben bauen kann. Denn es gibt keinen Standpunkt vor Gott, den man auf sich selbst zurückführen könnte, auf die eigenen Werke, die eigenen frommen, das heißt nützlichen Leistungen. Wo es nach Leistung ginge, da könnte man wohl so denken wie der reiche Mann, wie die, die sich rühmen. Aber im Bereich des Glaubens, wo das Gesetz des Glaubens gilt, geht es nicht nach Leistung. Da zählt nicht, was ich von mir selbst halte. Was ich nach meiner Sicht der Dinge vorzuweisen habe an Erfolgen.

 28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

            Es ist eine schroffe Absage, die Paulus allem Rühmen entgegen stellt, aller Selbstsicherheit, aller Berufung auf Herkunft und Frömmigkeit: Der Mensch wird gerecht allein durch den Glauben. Nun hängt allerdings alles daran, dass wir hier richtig verstehen: Auch der Glaube ist nicht die Leistung des Menschen, nicht das eine Werk, das ihn ins rechte Licht setzt. Es gibt wohl dieses Missverständnis, dass der Glaube gewissermaßen zur „Bedingung der Rechtfertigung“(A. Schlatter, aaO. S.144) wird. Und Schlatter fährt fort: „Dann war  sie (=die Rechtfertigung) erst dann geschehen, wenn auch die vom Menschen zu leistende Bedingung, einst die Buße, seit Luther der Glaube vollbracht war.“(ebda.) So wird der Glaube zum Werk und der Mensch wirkt seine Rechtfertigung durch den Glauben. Schlimmer kann man Paulus kaum missverstehen.    „Mit leeren Händen“ weiterlesen

Frei gesprochen mit erwiesener Schuld

Römer 3, 21 – 26

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

            Nun aber – das ist bei Paulus das Signal für einen Neueinsatz. Einen neuen Gedanken. Einen Grundsatzwechsel. Mit den gleichen Worten Νυν δbeginnt sein jubelndes Zeugnis von der Auferstehung: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“(1. Korinther 15,21) Hier also: Nun aber, jetzt ist auf ganz neuer Basis von der Gerechtigkeit die Rede, die vor Gott gilt. Das ist eine Gerechtigkeit jenseits des Gesetzes. Jenseits der Spielregeln, durch die wir meinen, Gottes Willen gerecht zu werden, ihm zu entsprechen. Über das Gesetz hinaus. Von dieser Gerechtigkeit reden die Propheten und redet das Gesetz, also die ganze Schrift.   

            Dieser Neueinsatz aber geht nicht auf Gedankenspiele des Paulus zurück – nach dem Motto: Ich denke einmal. Sondern er kommt von daher, dass Gott neu gehandelt hat, dass er eine neue Wirklichkeit ins Spiel gebracht hat. Offenbart. πεφανρωται Sichtbar gemacht. Im Griechischen wird hier das Wort gebraucht, dass auch verwendet wird, um die Erscheinungen des auferstandenen Christus zu bezeichnen. Ein Geschehen, das in der Gegenwart geschieht und die Gegenwart verwandelt – und damit auch die Zukunft, das Gericht Gottes, verwandeln wird.

Auch daran liegt Paulus: Was er hier sagt und weiter sagen wird, das ist keine Neuerfindung, sondern es ist bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Dieser dürre Satz behauptet nicht mehr und nicht weniger als dies: Diese Gerechtigkeit, die allem Gesetz voraus ist, ist von Anfang an das Thema der Schriften des Alten Bundes. Ins Bild gesetzt sieht das so aus: „Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.“(Matthäus 17,2-3) „Frei gesprochen mit erwiesener Schuld“ weiterlesen