Nur im Geist gebunden

Römer 7, 1- 6

 1 Wisst ihr nicht, liebe Brüder – denn ich rede mit denen, die das Gesetz kennen -, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt? 2 Denn eine Frau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet. 3 Wenn sie nun bei einem andern Mann ist, solange ihr Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin genannt; wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie nicht eine Ehebrecherin ist, wenn sie einen andern Mann nimmt.

            Nun wendet sich Paulus dem zu, was schon lange mit Thema ist: dem Gesetz. Und beginnt, wie gute Redner das gerne tun, mit einem Umweg, einem Beispiel. Das kennen sie alle, die lieben Brüder und auch die lieben Schwestern. „Damit meint er vor allem die Judenchristen, aber nicht nur sie. Auch die aus dem Kreis der „Gottesfürchtigen“ stammenden Heidenchristen kannten die Tora.“ (W. Klaiber, aaO. S.116) Wobei es wohl nicht nur um ein äußeren Kennen der Weisungen Gottes gehen wird, sondern vor allem um ein Vertrauen darauf, dass sie wirklich Wegweisung zum Leben und darum auch bindend sind.

Jetzt also das Beispiel: Eine Ehe bindet die Ehepartner, solange sie leben. So ist das im Gesetz geregelt. Du sollst die Ehe nicht brechen. Nicht aus der Ehe ausbrechen. Wenn aber der Ehepartner tot ist, gibt es keine Verpflichtung mehr ihm gegenüber. Das ist der feste Boden, auf dem Paulus steht: Die Ehe gilt lebenslänglich, aber nicht darüber hinaus. Das trennt ihn von aller laxen Scheidungspraxis damals und auch heute.

Frei von der Bindung ist der, die, dessen Ehepartner verblichen ist. Dann gibt es andere Möglichkeiten, eine neue Wahl. Dieses Bild nun wendet Paulus auf das Verhältnis der Christen zum Gesetz an, auf ihre Bindung an das Gesetz.

 4 Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, sodass ihr einem andern angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen.

Was sofort auffällt: Paulus erklärt nicht das Gesetz für gestorben! Das Gesetz – Paulus verwendet im Abschnitt fast durchgängig das Wort νμος für das Gesetz, eher selten das Wort ντολ, Weisung, Gebot, das bei ihm stärker positiv besetzt ist – ist in seiner Sicht auch weiterhin höchst lebendig. Aber die Christen sind gestorben – und damit frei von der Bindung des Gesetzes. Sie sind dem Gesetz gegenüber getötet durch den Leib Christi.

Das ist, so denke ich, doppelt zu hören. Einmal meint Paulus gewiss „konkret den Leib des Gekreuzigten.“ (U. Wilckens, Der Brief an die Römer, EKK VI/2, Neukirchen1980, S.65) Daneben aber klingt auch das mit an, dass Paulus die Gemeinde der Christen als den Leib Christi bezeichnen kann. „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“(1. Korinther 12, 27) Das kann nur bedeuten: Durch die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu betreten Menschen einen Raum, in dem sie dem anklagenden und verurteilenden Zugriff des Gesetzes gestorben, entzogen sind. Kein gesetzesfreier Raum, aber ein Raum, in dem die tödlichen Wirkungen des Gesetzes aufgehoben sind. Weil die andere Kraft, die Kraft der Gnade Christi, stärker ist. „Es geht Paulus um die Freiheit gegenüber dem Gesetz als Kehrseite der Bindung an Jesus Christus.“ (K. Haacker; aaO. S.137) Das ist kein Freiheitskonzept, das die Autonomie des Menschen behauptet, sondern eines, das die Bindung an Jesus Christus als Freiheit sieht.

 5 Denn solange wir dem Fleisch verfallen waren, da waren die sündigen Leidenschaften, die durchs Gesetz erregt wurden, kräftig in unsern Gliedern, sodass wir dem Tode Frucht brachten.

Vorher war das anders, erinnert Paulus seine Leserinnen und Leser. Vorher gab es keine Freiheit, sondern nur eine totale Bindung,  verfallen sein. Geknechtet, könnte ich auch sagen. Ausgeliefert an die „unkontrollierte Emotionalität“ (K. Haacker; aaO. S.138) Nicht mehr Herr seiner selbst, sondern unterworfen. Das wirkt das Gesetz! Es ist, als würden durch das Gesetz diese Leidenschaften erst richtig entfesselt. So wie es der Volksmund weiß und sagt: „Was verboten ist, macht uns erst richtig scharf.“

 6 Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

Jetzt aber, einmal mehr folgt das von Paulus geliebte νυνὶ δὲ, bindet das Gesetz die Christen nicht mehr. Wir Christen sind, weil wir mit Christus gestorben sind, unerreichbar für das Gesetz, ihm entzogen. „Nicht das Gesetz wird verwandelt, sondern der Mensch wird neu gemacht.“ (A. Schlatter, aaO. S.230) Der Tod wird hier zur erfolgreichen Flucht vor der Verfolgung! Frei vom Gesetz beginnt ein neues Dienen. Einmal mehr taucht mit dem Wort δουλεύειν das Bild des Knechts, des Sklaven auf, seines unbedingten Gehorsams. Aber jetzt ist es ein Dienen im Wesen des Geistes. Nach dem Geist, nicht nach dem Buchstaben. Man muss also nicht das Gesetz des Mose unter dem Arm haben, sondern das Wesen des Geistes in Kopf und Herz und Seele.

Ist es weit her geholt, hier Worte Jesu mitzuhören: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“(Johannes 4,24) Nicht ein vorschriftsmäßiges Leben, so kann das Wort γρμμα auch gedeutet werden, sondern ein Leben, das aus der Kraft der Liebe geleitet ist, entspricht der Freiheit, zu der die Christen befreit sind. Die Liebe wird euch leiten. Darauf dürfen sie vertrauen, damals in Rom und wir heute.

 

Jesus, Du öffnest uns in Deiner Gemeinde den Raum der Freiheit. Wir dürfen leben als Deine Brüder und Schwestern, wir dürfen uns Deinem Leiten anvertrauen, Deiner Güte Raum geben, Deinem Trösten unseren Schmerz und alle Traurigkeit hinhalten. Du willst, dass wir frei sind

Wir aber machen aus dem Raum der Freiheit so wenig, wir machen ihn eng. Alle sollen so sein wie wir sind. Alle sollen so glauben wie wir glauben. Alle sollen unsere Formen zu singen und zu beten übernehmen. Aus dem Raum der Freiheit wird so leicht die Enge unserer Vorstellungen.

Gib Du, dass wir uns Deinem Geist anvertrauen, lernen uns leiten zu lassen von seinem Wehen, die Furcht verlieren vor dem unbekannten Land der Zukunft. Mache uns stark im Wehen Deines Geistes. Amen

Im Leben herrschen

Römer 6, 12 – 23

 12 So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, und leistet seinen Begierden keinen Gehorsam. 13 Auch gebt nicht der Sünde eure Glieder hin als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin als solche, die tot waren und nun lebendig sind, und eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit.

Nach den vielen Grundgedanken kommt jetzt eine erste Aufforderung, wohl begründet: So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe. Lasst euch auch nicht instrumentalisieren für irgendwelche Ungerechtigkeiten. Das ist die Konsequenz aus der Freiheit, aus der Gerechtigkeit, aus der Gnade, die ihnen zugeeignet ist: Die Christen können anders leben. Sie müssen nicht mehr zwangsläufig sündigen.

So erklärt der Tübinger Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein in einem Artikel über „Sündigen auf Lateinisch“: „Wohl wird sie (die Sünde) auch die Glaubenden immer wieder zu Verfehlungen verleiten, sie kann sie aber nicht mehr grundsätzlich und bleibend von der Liebe und dem Anspruch Christi trennen. Wenn dies aber stimmt, dann gilt für die an Christus Glaubenden nicht nur das posse peccare (sündigen können) der Geschöpfe und nicht mehr nur das non posse non peccare (nicht nicht sündigen können) der Sünder, sondern in Christus und in Gemeinschaft mit ihm das posse non peccare (nicht sündigen müssen) der Erlösten. Denn durch die Erlösung in Christus haben die Glaubenden bereits die Freiheit und das Vermögen, nicht zu sündigen”. Der Zwang zur Sünde ist aufgebrochen. Ihre Herrschaft ist am Ende. Sie führt im Leben der Christen allenfalls noch aussichtslose Nachhut-Gefechte.

14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

            Das liegt daran, dass die Christen gewissermaßen in einen neuen Lebensraum hinein versetzt sind, in eine neue Lebenswirklichkeit. In die Lebenswirklichkeit der Gnade. Unter der Gnade leben ist mehr als ab und zu erfahren, dass jemand gnädig ist. Die ganze Existenz wird davon bestimmt. Im Empfangen und im Weitergeben.

15 Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! 16 Wisst ihr nicht: wem ihr euch zu Knechten macht, um ihm zu gehorchen, dessen Knechte seid ihr und müsst ihm gehorsam sein, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?

            Einmal mehr ergreift Paulus als Seelsorger das Wort. Warnt vor Leichtsinn, vor Missverständnis. Dann ist ja alles nur noch halb so schlimm. „Wir kommen alle, alle in den Himmel“ Nein, wer sich mit der Sünde einlässt, der riskiert Infizierung. Er unterwirft sich ihr, diesmal nicht mehr gezwungen, sondern freiwillig. Der macht sich selbst zum „Knecht der Sünde.“

            In meinen Worten: Die Sünde gewinnt eine Macht über mich, der ich mich nicht mehr entziehen kann. Mir hilft zum Verstehen, wenn ich ähnliche Mechanismen beobachte, zum Beispiel im Suchtverhalten. Es ist nichts schlimm am Bier, am Wein, auch nichts schlimm am ersten Rausch. Aber er kann der Anfang eines Lebensstiles werden, an dessen Ende die Krankheit Alkoholismus steht. Die Gefangenschaft unter „König Alkohol“ (Jack London). „Im Leben herrschen“ weiterlesen

Getauft

Römer 6, 1 – 11

1 Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? 2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?

            „Wir bleiben nicht bei Paulus, wenn uns nur die Frage bewegt, wie aus dem Menschen ein Glaubender werde, nicht auch die, was aus dem Glaubenden werde.“(A. Schlatter, aaO. S.196) Das ist das Thema, das Paulus bewegt: Wie wirkt sich das ins Leben hinein aus, dass wir gerecht gemacht sind durch den Glauben. Wie gewinnt diese Gerechtigkeit gestaltende Kraft im Leben?

Eine Antwort  die ihm vielleicht vorgehalten worden ist, wehrt er ab: Sie ist kein Freibrief. Einmal mehr: Das sei ferne! Ich übertrage: Um Himmels willen! Das wäre ja ein Rückfall in das alte Leben, wenn einer sagen würde, Ich bin so frei! Ich sündige tapfer! Damit würde ja die Freiheit verspielt, in die Gott die Glaubenden gestellt hat.  Denn in der Sünde leben wollen, ist ja nicht weniger als ihr wieder Macht im eigenen Leben einräumen.

Jetzt benennt Paulus eine Voraussetzung, die er zuvor im Brief noch nicht gemacht hat: Christen sind der Sünde, ich ergänze: weg- gestorben. Wenn die Sünde den Tod mit sich bringt, dann  haben die Christen diesen Tod schon hinter sich. Im Tod Christi sind sie der Sünde weggestorben.

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

Um zu erklären, wie er darauf kommt, greift Paulus auf die Taufe zurück. Damit auf eine Erfahrung, die die Christinnen und Christen in Rom aus dem eigenen Leben kennen. Es geht um  untergetaucht werden und das aus dem Wasser Steigen, das in der Taufe erlebt wird. Das geschieht in der Taufe:  Das Untertauchen in das Wasser entspricht dem  begraben durch die Taufe in den Tod. Das Aufsteigen aus dem Wasser ist die neue Wirklichkeit, in einem neuen Leben zu wandeln. „Getauft“ weiterlesen

Durch den Einen wird alles anders

Römer 5,12 – 21

12 Deshalb, wie durch “einen” Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. 13 Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet. 14 Dennoch herrschte der Tod von Adam an bis Mose auch über die, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte.

Ich gestehe mir ein: Das ist schon im Ansatz weit weg von dem, wie ich denke. Aber es ist der Versuch, die Bedeutung des Todes Jesu auszusagen – als eine grundsätzliche Wende: Durch den einen Menschen – gemeint ist Adam – ist die Sünde in die Welt gekommen und mit ihr der Tod. Das ist nicht spezifisch christlich gedacht – diese Gedanken gibt es auch in der jüdischen Tradition: Alle, die nach Adam leben, sind von dieser Sünde Adams und ihren Wirkungen infiziert. „Es gibt für Paulus zwar keine `Erbsünde’, wohl aber eine `Ursünde’, in der sich alle Menschen vorfinden. Ihre Macht behält sie dadurch, dass alle durch ihr Sündigen diese Macht bestätigen.“ (W. Klaiber,  aaO. S.93) In diesem Denken bleibt der einzelne Mensch verantwortlich für sein Tun und ist nicht nur hilfloses Opfer der Sünde Adams in grauer Vorzeit.

Eine Nebenbemerkung fällt auch noch ab: Die Sünde ist älter als das Gesetz. Es gibt schon Sünde, als es noch kein Gesetz gab, noch nicht die Gebote und die Weisungen der Tora. Diese Einsicht ist schlicht der Reihenfolge der biblischen Texte in den ersten beiden Büchern Mose abgewonnen. Die Sünde ist vor dem Gesetz da, das heißt auch: Sie wird nicht durch das Gesetz gemacht, produziert. Aber sie wird erst durch das Gesetz angerechnet. „Registriert.“ (K. Haacker;  aaO. S.119) Dennoch wirkt sie sich schon aus in die Lebenswirklichkeit.

Bleibt der rätselhafte Satz über Adam: welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Wessen Bild ist Adam? Das Bild Christi? Als Sünder? Oder muss man so reduzieren: Als der eine Mensch, der das Geschick der Menschheit beeinflusst, wendet? Aber wie unterschiedlich der Einfluss  Adams und der Einfluss Christ sind, das wird sich ja im Folgenden zeigen.

 15 Aber nicht verhält sich’s mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn durch die Sünde des Einen die Vielen gestorben sind, um wie viel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den Vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus. 16 Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist. Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt, die Gnade aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. 17 Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wie viel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. 18 Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. 19 Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.

Jetzt folgt eine vielfach variierte Gegenüberstellung: Hier Adam, dort Christus. Auch wenn die beiden Namen nicht ständig wiederholend genannt werden. Durch die Sünde des Einen kommt das Sterben der Vielen, die Verdammnis. Er reißt sozusagen alle mit – unter die Herrschaft des Todes. Dem steht Christus gegenüber – er reißt alle heraus aus diesem Herrschaftsbereich und stellt sie in den Wirkungsbereich der Gnade. Die wird allen zuteil als Rechtfertigung, als Weg, der zum Leben führt. „Durch den Einen wird alles anders“ weiterlesen

Gottlob

Römer 5, 6 – 11

6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.

            Dieser Satz ist für mich Evangelium in Rein-Kultur. Christus ist seinen Weg ins Sterben für die gegangen, die gott-los waren. Ob sie es sind aus freier Wahl, aus Trotz, aus Missverständnis, spielt keine Rolle. Er geht seinen Weg für die, die auf Abstand sind. Und Paulus scheut sich nicht, sich selbst mit diesen Gottlosen in eins zu setzen: für uns Gottlose. Der gleiche Paulus, der sich einmal so sicher war, dass er ganz genau weiß, wie Gott ist. So sicher, dass er alle verfolgt hat, die anders glaubten als er.  Der gleiche Paulus, der jetzt mit letzter Hingabe das Evangelium unter die Leute bringt. Es bleibt für ihn dabei: Ich weiß um mein Gottlos-sein. Nicht nur als Vergangenheit. Sondern auch als eine Wirklichkeit meines Lebens, die ich, Paulus, nicht von mir aus aufbrechen kann.

Dem entspricht ja auch: als wir noch schwach waren. Das kennt Paulus aus seinem Leben, dieses ängstliche Schauen darauf, ja alles richtig zu machen, nichts Falsches zu essen, keinen Fehltritt zu tun, keine Grenze Gottes auch nur unbewusst zu überschreiten. Das spielt im Römerbrief auch später eine wichtige Rolle: „Die Schwachen, das sind nach Römer 14 Christen, deren Glaube bestimmte Konsequenzen christlicher Freiheit noch nicht mittragen kann.“ (W. Klaiber, aaO.S. 87) Davon ist hier aber nicht die Rede. Sondern hier werden die Gottlosen als schwach gesehen: „Sie sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurande kommen, hilflos der Macht der Sünde ausgeliefert sind oder angesichts der Herausforderungen des Lebens resignieren.“(ebda.) Aus ihrer Schwäche können sie sich nicht selbst erlösen. Dazu braucht es Christus. Seine Hingabe, sein Sterben.

 7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. 8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!

            Noch einmal setzt Paulus neu ein, um das Unglaubliche dieses Vorganges ins Licht zu rücken. Es ist selten genug, dass sich einer opfert  um eines Gerechten willen; um des Guten willen. Das sind völlige Ausnahmegestalten. Aber sie gehen diesen Weg, weil es um das Gute geht – vielleicht um das Wohl der Stadt, um die eigene Familie, um das Recht. Um einen Menschen, der es  „wert“ ist. Jeder einigermaßen gebildete Römer kannte den Spruch: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“(Horaz, Oden III,2,13) Wir mussten das als Schüler noch in den 60er Jahren auf Latein lernen! Dulce et decorum est pro patria mori! „Gottlob“ weiterlesen