Gott inkognito – Abraham macht sich Umstände

  1. Mose 18, 1 – 15

 1 Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war.

            Wenn dieser Satz nicht wäre, würde man die ganze nachfolgende Szene als ein Geschichte aus dem Kapitel „Gastfreundschaft“ lesen. So aber wird mit den ersten Worten klar gestellt: Es geht um mehr, um mehr auch, als Abraham gleich zu sehen vermag. Aber: wir als Leser wissen durch diesen Satz mehr, als Abraham wissen kann. Der HERR erschien ihm im Hain Mamre. Gott besucht Abraham. Zuhause. Es gibt ein Sprichwort aus Afrika: „Gott besucht uns oft. Aber wir sind so selten zu Hause.“ Hier aber ist es so, dass Abraham zu-hause ist. Kein vernünftiger Beduine verlässt mitten in der Hitze des Tages seine Behausung.

  2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.

          Was Abraham sieht, ist normal, nichts Ungewöhnliches. Drei fremde Männer stehen vor seinem Zelt. Ihr „Stehenbleiben entspricht dem bittenden Anklopfen“ (HJ.Bräumer, aaO; S.147) Sie sehen, ihnen entgegengehen, sie zu Gast bitten, ist eines. Wer auch immer sie sein mögen – sie sind es wert, sie zu ehren und ihnen Gastfreundschaft zu gewähren.

Ahnt Abraham, wen er vor sich hat? Man könnte er neigte sich zur Erde so lesen, auch die folgenden Worte: Habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen. Aber es ist genauso sinnvoll, darin nur die Höflichkeitsformel dessen zu sehen, der nicht weiß, wen er vor sich hat. Paulus wird schreiben: „Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.“ (Römer 12,9) Genauso verhält sich Abraham. Er erweist seinen fremden Gästen alle Ehre, derer sie wert sein könnten, die er ihnen bieten kann.

Seine Vermutung, die er auch ausdrückt: Sie wollen nicht ihn besuchen, sondern sind auf der Durchreise. Er ist nicht ihr Ziel. Dennoch will er ihnen wohltun, ihr Herz laben. Und findet mit allen seinen Absichten und Ansagen Zustimmung. Seltsam knapp fällt diese aus: „Mach, was du willst“, würden wir heute sagen. Vielleicht auch: Mache Dir keine Umstände.

 6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feinstes Mehl, knete und backe Kuchen. 7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. 8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum und sie aßen.

             Abraham aber macht sich Umstände. Nicht zu knapp.- Es ist ein geradezu fürstliches Mahl, dass er diesen drei anonymen Durchreisenden zuteil werden lässt. Kuchen, Butter, Milch, vom Kalb – alles und alles reichlich. In dieser Schilderung zeigt sich „eine einzigartige, uns fremd gewordene Kultur der Gastlichkeit“.(C.Westermann, aaO; S.198) Heiliges Recht und bei den Ländern des Südens und des Orients heute noch mehr im Brauch als im kühlen Norden und in Mitteleuropa.

Ehrfürchtig steht Abraham da und bewirtet seine Gäste. Übernimmt den Tischdienst, während sie essen. Gott zu Gast beim Menschen, Am Tisch des Menschen? Eine schwache Erinnerung daran ist das Tischgebet, das ich von kleinauf gelehrt worden bin.

 Komm Herr Jesus sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.

             Auf manche Fragen komme ich nicht von selbst. Die drei Männer essen – und Ausleger in der alten Kirche haben sich daran gestört. Weil sie es sich nicht vorstellen können: Der HERR (18,1) am Tisch eines Menschen und er langt zu, bei Butter und Milch, Kuchen und Kalb. Der Erzähler der alten Geschichte hat damit offensichtlich kein Problem. Es mag daran liegen, dass manche Probleme in Texten erst auftauchen, wenn sich fromme Menschen der Texte bemächtigen, und Gott sich ihren Vorstellungen gefälligst beugen soll. Der Erzähler der alten Geschichte macht Ernst damit, dass Gott, der HERR, sich Menschen in Menschengestalt menschlich naht. Eine Einsicht und Erfahrung, die wir an Jesus dann noch einmal anders sehen lernen.

 9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Herr ist auch alt!

Das Essen ist vorüber. Zeit für Gespräche. Die Drei erkundigen sich – nach Sara, der Frau des Hauses. Sie ist, wie es sich gehört, nicht anwesend beim Gastmahl. „Noch im späten Judentum gibt es die Vorschrift, dass es einer Frau verboten ist, bei einem Gastmahl zu Tisch zu dienen.“ (HJ.Bräumer, aaO; S.150) Vielleicht fällt deshalb auch die Antwort Abrahams auf die Frage nach dem Wo Saras so knapp aus: Drinnen im Zelt.

            Jetzt findet ein Wechsel statt. Nicht mehr sie sprechen, sondern Er sprach. Aus dem Plural der Drei wird der Singular des Einen. „Unter den Dreien gibt sich Jahwe zu erkennen.“ (H.Seebass, aaO; S.123) Was er sagt, ist eine Erneuerung des Versprechens, das schon in 17, 21 berichtet worden ist. Übers Jahr wird Sara einen Sohn haben.

Und wieder gerät der Satz in Konflikt mit der Wahrnehmung, die Abraham und Sara von sich selbst haben. Sie wissen, dass die Zeit des Kinderkriegens vorbei ist, ja wohl auch die Zeit „die Liebe zu pflegen“ Was für ein schöner, zarter Ausdruck ist das. Was für einen Vorsprung an Zartgefühl, an Empfinden hat hier Luther vor anderen Übersetzungen! „Nun, da ich verbraucht bin, soll ich noch Liebeslust empfinden? Und mein Herr ist alt!“ (HJ.Bräumer, aaO; S.150) Oder: „Tritt mir Liebeswonne ein, nachdem ich  verbraucht bin und mein Gemahl alt ist?“(H.Seebass, aaO; S.115)  Sara empfindet sich alt, verwelkt, verbraucht. Ist es da nicht ein geradezu lächerliches Versprechen, das der fremde Gast gibt, das sie, ungewollt, hört? Zelte sind oft genug störend hellhörig.

13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich doch alt bin? 14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.

Jetzt fällt in der Erzählung die Decke: Da sprach der HERR zu Abraham. Jetzt erst wird für Abraham sichtbar, mit wem er es zu tun hat in seinem Besuch. Merkwürdig: auf diese Offenbarung wird uns keine Reaktion Abrahams mitgeteilt. Nur die Bekräftigung des Versprechens. Lachen hin oder her, Alter hin oder her, auch abgelaufene Zeiten des Gebärens hin oder her – des Herren Wort wird sich erfüllen.

            Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Das ist die Frage, die über die Fakten hinaus nach dem Glauben sucht. Abraham und Sara werden durch diese Frage in Frage gestellt. Worauf trauen sie, wovon lassen sie sich leiten? Von den Möglichkeiten des eigenen Leibes? Von dem Sehen auf die verflossenen Zeiten, die verpassten Jahre? Oder folgen sie dem Wort? Trauen sie Gott, der sie bis an diesen Ort geführt hat, aus Haran gerufen, in Ägypten bewahrt, der den Sieg über die Übermacht geschenkt hat. Wem glaube ich? Auf wen vertraue ich?

Es gibt Werbesprüche in unserer Zeit, denen wir glauben: „Nichts ist unmöglich. Toyota.“ Aber wenn wir von Gott hören: Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? dann sind da auf einmal Fragezeichen über Fragezeichen im Spiel. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, heißt es. Aber wenn es darum gehen soll, dass der Wille Gottes geschieht, wie im Himmel, so auf Erden, dann sind wir auf einmal auf der Seite der Skeptiker. Die Herausforderung an uns heute ist die gleiche wie die an Abraham und Sara. Trauen wir Gott zu, dass er Wort hält? Nicht leere Worte macht?

15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Auch Abraham hatte gelacht. So wird es zuvor (17,17) kommentarlos knapp erzählt. Dieses Lachen Abrahams wird in der Erzählung nicht ausdrücklich problematisiert. Das Lachen der Sara dagegen wird breit dargestellt und in Frage gestellt. Unfair, weil es jetzt die Frau trifft? Oder einfach erzählerisch notwendig, um die Zumutung dieses Versprechens noch einmal deutlich werden zu lassen Es ist doch einfach lächerlich, dass zwei Alte, hundertjährig und neunzigjährig noch einmal Eltern werden sollen. Alt und hoch betagt. Selbst wenn sie der Liebe pflegen würden.

Es ist Furcht, die Sara über diesen Worten packt. Nicht die Furcht vor dem Lachen, auch nicht vor dem Bloßgestellt-werden mit dem fehlenden Respekt. Schon gar nicht die Furcht, als Lauscherin enttarnt zu werden. Sie hat nicht gelauscht, sondern einfach nur gehört, weil das Zelt dünnwandig ist. Was sie aber packt, ist die Furcht vor diesem Unbegreiflichen, das da angesagt ist. Und, auch das ist wichtig: Ihr Lachen wird dem Handeln Gottes nicht im Weg stehen. Vielleicht ist es aber auch wie eine andere Ankündigung: Du, Sara, wirst übers Jahr wieder lachen. Aber das wird ein ganz anderes Lachen sein.

Merkwürdig: Von Abraham ist zum Schluss keine Rede mehr und er hat offensichtlich auch nichts mehr zu sagen. Wie dieses Schweigen zu deuten ist, steht dahin. Vielleicht ist es eine bewusste Leerstelle in der Erzählung, die uns Lesende dazu einlädt, uns in Abraham hinein zu versetzen. Was geht in ihm jetzt vor?

Die Geschichte liest sich wie eine viel frühere erzählerische Untermalung der Mahnung in der frühen Christenheit: „Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben! Denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen.“ (Hebräer 13,2) Wahrscheinlich hat der Schreiber des Hebräerbriefes bei seinen Worten auch diesen Besuch von Mamre im Sinn. Schließlich kennt er die Schrift gut.

 

Mein Gott, wenn wir es wüssten, dass Du es bist, der unser Gast sein will, uns in dem Kranken begegnet, in dem Bettler vor uns steht, in dem Flüchtling in unserem Land Schutz sucht, in dem Gefangenen auf unseren Besuch wartet – wir wären längst schon auf dem Weg.

Weil wir es nicht wissen, in welcher Gestalt Du vor uns stehst, auf uns wartest, uns bittest, das Wort an uns richtest, darum lass uns jedermann und jedefrau begegnen, als wärest Du unser Gegenüber.

Lehre uns Gastfreundschaft und Achtung, Aufmerksamkeit und Respekt, dass wir die Liebe nicht versäumen. Amen