Ein neuer Name: Abraham

  1. Mose 17, 1 – 14

1 Als nun Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm. 2 Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir schließen und will dich über alle Maßen mehren. 3 Da fiel Abram auf sein Angesicht.

          Die Zeit vergeht. Gott aber begegnet neu. Einem immer mehr gealterten Abram – jetzt neunundneunzig Jahre alt. Die Initiative aller folgenden  Worte und Taten liegt allein bei Gott.  So stellt er sich ja auch vor. El Schaddai. Der allmächtige Gott. Bis heute ist die Herkunft dieser Gottesbezeichnung ungeklärt. Vielleicht klingt in dem Wort ein ägyptisches Wort mit, das auf „Erlöser, Retter“ hindeutet. Aber sicher ist auch das nicht.

Der Vorstellung Gottes folgt eine Aufforderung an Abram: So zu leben, wie es diesem Gott entspricht. Sich an ihm auszurichten, mit ganzen Herzen ihm zugewandt zu sein. Statt „fromm“, was bei uns leicht allzu religiös, nach Frömmigkeit klingt, kann man auch übersetzen: „sei ganz.“ (H.Seebass, aaO; S.96) Ungeteilt in der Hingabe, einfältig und nicht gespalten, nicht innerlich zerrissen.  So heißt es später, fast wortgleich, in der Anrede an ganz Israel: „Du sollst dich ungeteilt an den HERRN, deinen Gott, halten.“ (5. Mose 18,13) Zu dieser Haltung wird Abram hier als Erster gerufen.

Es ist die Lebenshaltung, die dem Bund entspricht, in den Gott ihn hineinstellen will. Schon hier wird also deutlich: Der Bund ist Beistands-Zusage  und Lebensverpflichtung in einem. Gott verspricht seine Treue und der in den Bund hinein gerufene Mensch soll mit seiner Treue, seinem ungeteilten Herzen antworten. Darauf liegt die Verheißung Gottes.

Was ist das für ein Hinfallen Abrams? Aus Ehrfurcht? Aus Erschrecken vor Gott? „Wenn der Mensch vor Gott niederfällt, so bejaht er Gottes Weg.“ (HJ.Bräumer, aaO; S.133) Abram unterwirft sich diesen Worten, überlässt sich ihnen und damit Gott.  

Und Gott redete weiter mit ihm und sprach: 4 Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden. 5 Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker. 6 Und ich will dich sehr fruchtbar machen und will aus dir Völker machen und auch Könige sollen von dir kommen. 7 Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin. 8 Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz und will ihr Gott sein.

          Es folgt eine lange Gottes-Rede. Eine, die den Inhalt des Bundes einmal mehr auf den Punkt bringt. Die Rede hat in ihrem Anfang  eine Namensgebung – jetzt an Abram. Hat sich Gott als El Schaddaivorgestellt“, so stellt er jetzt Abram als Abraham vor sich. Wenn man so will: Gott „macht“ mit dem neuen Namen einen neuen Abraham. Abraham – Vater vieler Völker. Das ist sein Name und seine Bestimmung in einem. So ist es oft in der Bibel: Der Name sagt, was und wie einer ist. Was ihm von Gott als Lebensweg zugedacht ist. Namen sind so schon in sich selbst Botschaften.

          Ein Vater vieler Völker. Einer, aus dem Könige kommen vorgehen werden. Einer, der selbst mit Gott verbunden ist und dessen Nachkommen dadurch vor allem und zuerst bestimmt sind, dass sie mit Gott verbunden sind. Einer, der das Land empfangen wird, in dem er selbst jetzt  noch als Fremdling lebt. Es gehört zur Eigenart biblischer Verheißungen, dass sie an bestimmte Menschen ergehen, aber ihre Erfüllung weit über ihn oder sie hinausgreift, dass sie die Folge der Generationen mit im Blick hat.

          Das ist für eine Zeit, die nur das als wirklich anzusehen vermag, was jetzt ist, eine schwierige Botschaft. Wo das Leben „die letzte Gelegenheit“ (M. Gronemeyer) ist, die einzige Zeit, die uns gehört, da hören sich solche Verheißungen wie Vertröstungen an. Es gilt für uns neu zu lernen, dass die Verheißungen Gottes nicht Augenblicks-Zusagen sind, sofort einzulösen, sondern dass sie einen weiten Horizont eröffnen, uns hineinstellen in die Generationenabfolge, noch genauer: In einen Heilsweg Gottes mit unseren Generationen.

          Was Abraham hier zugesagt wird, wird sich erfüllen in David und seinem Königshaus, in der Landnahme Josuas, im Messias Jesus, in der Gabe des Erdreichs an die Sanftmütigen. So weit ist der Horizont, der sich hier öffnet.   

 9 Und Gott sprach zu Abraham: So haltet nun meinen Bund, du und deine Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht. 10 Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; 11 eure Vorhaut sollt ihr beschneiden. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. 12 Jedes Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen.

             Kein Bund ohne Bundeszeichen. So wie der Bund mit Noah als Zeichen den Regenbogen hat, so erhält der Bund Gottes mit Abraham seinerseits ein Zeichen: Die Beschneidung am achten Tag. Es ist das Zeichen, das Gott setzt, nicht das Zeichen, das sich Abraham oder das Judentum ausdenken. „Hier wird also von Abraham eine Stellungnahme zu der Setzung Gottes gefordert.“ (G.v.Rad, aaO; S.170) Leibhaftig spürbar und unwiderruflich. Nicht nur irgendwie symbolisch. Sondern tief eingeprägt in die Existenz.

             Vielleicht darf ich zugespitzt sagen: Dass ich getauft bin, kann ich vergessen, weil das Taufwasser ja nicht wie eine zweite Haut an mir haftet. Dass ich aber beschnitten bin, ist ein Leben lang unvergesslich, weil es an dem fehlenden Stück Vorhaut immer zu spüren ist.     

 Desgleichen auch alles, was an Gesinde im Hause geboren oder was gekauft ist von irgendwelchen Fremden, die nicht aus eurem Geschlecht sind. 13 Beschnitten soll werden alles Gesinde, was dir im Hause geboren oder was gekauft ist. Und so soll mein Bund an eurem Fleisch zu einem ewigen Bund werden.

             Dieses Zeichen des Bundes ist nicht exklusiv für „reinrassige“ Hebräer. Es wird sozial ausgeweitet. Auf alles, was an Gesinde im Hause geboren oder was gekauft ist. Ich weiß nicht, ob das wirklich so gehandhabt worden ist. Aber ich lese diese Worte als eine „Öffnungsklausel“ über Israel hinaus: Wer mit Israel sozial verbunden ist, auch durch seine Abhängigkeit, der soll in diesen Bund mit hineingezogen werden.

             Die Beschneidung ist in erster Linie kein religiöser Akt. Aber sie ist Zeichen für die Zugehörigkeit, zum Volk und zum Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Als in der Katastrophe von 586, dem Untergang Jerusalems, der Tempel zerstört wird, das Königtum des Hauses David erlischt und das Land im Exil verloren geht, wird das Zeichen der Beschneidung zum überragenden Kennzeichen Israels. Es wird das „Zeichen der Zugehörigkeit zum Jahwevolk, Bekenntniszeichen“(C.Westermann, aaO; S.192) schlechthin.

             Es ist ein übles Zeichen fehlender religiöser Sensibilität, wenn in der Bundesrepublik eine Debatte losgetreten werden konnte, die darauf hinauslief, Juden und Muslimen die Beschneidung zu untersagen. Ein Signal für die Geschichtsvergessenheit und für eine völlig fehlgeleitete Verabsolutierung eigener Sichtweisen, die die fremde Sicht, die sich aus der Religion der Väter speist, glaubt, mit einem simplen Gerichtsurteil kippen zu können. Was durch Jahrhunderte hin zum status confessionis einer Religion und einer Glaubensgemeinschaft gehört, kann und darf nicht so durch vermeintliche Rechtsprechung ausgehebelt werden, gar: verboten. Der Schutz solcher Praxis  des Glaubens darf nicht niedriger stehen als der jetzt gerade viel beschworene Schutz der Presse – und Meinungsfreiheit.

 14 Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat.

Das ist kein Vernichtungsbefehl, schon gar nicht der Befehl, Unbeschnittene zu töten. Es ist wohl eher eine Ausschluss-Klausel: Man kann nicht zu Israel gehören, nicht an seinem Gottesdienst teilhaben, wenn man dieses erste und unwiderrufliche Zeichen der Zugehörigkeit verweigert. Dieser Bann freilich ist für den Juden so etwas wie ein sozialer Tod.

 

Gib mir, mein Gott und Herr, das Vertrauen auf Deine Verheißungen, dass ich mich berge in sie, dass ich mich leiten lasse durch sie, dass mein Leben von ihnen geformt wird, geprägt, gehalten. 

Gib mir, dass ich mich an Deine Verheißungen klammere, auch wenn ihre Erfüllung lange auf sich warten lässt.  Gib mir die Geduld, die sich aus Deiner Treue nährt und stärkt. Amen