Eigenmächtige Lösungen – und Gott sieht

  1. Mose 16, 1 – 16

 1 Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind.

          Abram hat es schon Gott geklagt: Er ist kinderlos. Dieser knappe Satz zeigt den gleichen Sachverhalt aus der Perspektive Sarais. Sie gebiert ihrem Mann kein Kind. Keinen Sohn, keine linder. Das ist nicht nur einfach bedauerlich. Es stellt Sarai radikal in Frage: „Ihr kinderlosen Leben hat für Sarai keinen Sinn.“ (HJ.Bräumer, aaO.: S.108) Wahrscheinlich  vermögen wir heute gar nicht mehr zu ermessen, was das für eine Frau wie Sarai bedeutet: sozialer Abstieg, innere Isolation, Verzagen an der unerfüllten Aufgabe, den Fortbestand der Familie zu sichern.  Kurz: dieser Satz ist wie eine Bankrott-Erklärung des ganzen Lebens.

 Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar. 2 Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais. 3 Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem sie zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatten.

          Bemerkenswert ist zunächst: Sarai gibt nicht auf, gibt nicht klein bei. Sie greift – höchst modern! – zur Lösung ihres Problems durch eine „Leihmutter“. Es ist eine legitime Aktion, die Sarai startet. Sie nützt ein rechtliches  Institut, das ihr zur Verfügung steht, indem sie ihre Magd Hagar ins Spiel bringt. „Gab sie bei Kinderlosigkeit ihre Leibmagd ihrem Mann, so galt das von jener geborene Kind als das Kind der Herrin. Die Sklavin „gebar auf den Knien“ der Herrin, wodurch dann das Kind symbolisch wie aus dem Schoß der Herrin selbst kam.“ (G.v.Rad, aaO.:  S.161)

Was hier von Sarai erzählt wird, wird sich später bei Lea und Rahel mit ihren Mägden Silpa und Bilha wiederholen (30, 1 – 13). Man sieht: Die moderne Weise, durch Leihmütter zu einem Kind zu kommen, hat frühe Vorläuferschaft. Ob diese Beobachtung dazu führt, mit harschen Urteilen über Leihmutterschaft ein wenig vorsichtiger umzugehen?

Sarai also gibt ihre Sklavin Abram. Gewiss für sie kein leichter Schritt, aber nach zehn Jahren vergeblichen Mühens doch auch irgendwie verständlich. Er setzt voraus, dass Sarai sich dabei ihres Status als Herrin der Hagar sicher ist. Die Sklavin ist keine Konkurrenz. 

 4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering. 5 Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der HERR sei Richter zwischen mir und dir. 6 Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir’s gefällt.

         Es kommt, wie es kommen muss. Hagar wird schwanger und empfindet ihre Schwangerschaft wie einen Triumph. Es wird nicht gesagt, worin sich das zeigt, dass sie ihre Herrin gering achtet. Überhört sie Befehle? Hält sie sich für besser als Sarai? Sucht sie den Kontakt zu Abram, ohne ihre Herrin? Der Text schweigt dazu.

          Umso mehr redet Sarai. Sie klagt Abram an. Sie sieht ihn als den Verantwortlichen. Sie will, dass er ihr Recht sichert, wieder herstellt, sie Hagar gegenüber als die Herrin bestätigt. Sie ist doch seine Frau, auch wenn sie ihm  bislang keine Kinder geboren hat. Und nach dem geltenden Recht ist das ungeborene Kind ihrer Magd ihr Kind.

          Abram aber entzieht sich. Er gibt, so mein Empfinden, eine schwache Figur ab. Er überlässt Sarai die Lösung der Situation. Tu mit ihr, wie dir’s gefällt. Man könnte auf die Idee kommen: Er will mit der ganzen Angelegenheit nichts zu  tun haben.

          Dabei muss man doch nüchtern festhalten: Abram ist an dieser Lage durchaus beteiligt. Es stimmt schon: „Abraham musste annehmen und hat angenommen, dass Sara die Mutter des Verheißungserben werden würde. Dem stellt sich aber ein Hindernis entgegen, das nach menschlichen Urteil unüberwindlich ist. Diese schwere Erkenntnis löst nun menschliche Aktivität aus; menschliches Gutdünken bemächtigt sich der Angelegenheit; die Ungeduld hilft nach und sie findet auch einen Ausweg.“  (G.v.Rad, aaO.: S.166)

          Es ist nicht sonderlich schwer, in diesen Worten die Missbilligung des Exegeten zu hören. Der Text als solcher erzählt einfach nur von der sich verkomplizierten Lage im Hause Abram. Und fordert gerade durch seinen offensichtlichen Verzicht auf Beurteilung des Lesenden heraus, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Womöglich auch sich selbst zu fragen: Wie hättest Du Dich an Stelle Abrams und Sarais verhalten?

Als nun Sarai sie demütigen wollte, floh sie von ihr. 7 Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. 8 Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen.

            Sarai will es Hagar spüren lassen, wer das Sagen hat. Darum flieht Hagar. Aber wohin sie auch flieht, sie entgeht der Aufmerksamkeit Gottes nicht. Es ist wie eine Illustration zu den so geläufigen Worten:

 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,                     so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.                                            Psalm 139, 9-10

             Der Engel Gottes findet Hagar in der Wüste. Weit weg, auf dem Weg nach Süden, in Richtung Ägypten. Er stellt sie zur Rede, fragt sie nach dem Woher und Wohin. Er fragt sie damit nach der Perspektive ihres Lebens. Was hat sie für eine Zukunft als entlaufene, schwangere Sklavin? Und Hagar antwortet mit der Wahrheit: Ich bin einen entlaufene Sklavin. Das ist ihre Vergangenheit. Über ihre Zukunft weiß Hagar nicht zu sagen – wohl auch deshalb, weil sie keine hätte. Allein, schwanger, entflohen, in der Wüste.

9 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand. 10 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. 11 Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört. 12 Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz.

             Der Engel hört und antwortet, weist Hagar den Weg. Es wird ihr nicht erspart bleiben, sich unter die Hand ihrer Herrin zu demütigen. Es gibt für sie keinen Ausweg an diesem Gehorsam vorbei. Aber es gibt für ihr Kind, das sie trägt, eine Zukunft. Keine einfache, aber eine Zukunft unter der Obhut Gottes. Denn der HERR hat dein Elend erhört. Das ist das entscheidende Wort:  Die Flucht Hagars wird wie eine Hilferuf zu Gott gesehen. Und sie hat mit diesem Hilferuf Gehör gefunden.

             Daneben tritt eine Verheißung: Das Kind, dessen Namen Ismael schon vorgeburtlich festgelegt wird, wie bei Johannes und Jesus im NT! (Lukas 1,13;1,31), von Gott her, wird der Stammvater eines großen Volkes sein. Kein einfacher Mensch, aber ein Starker. Einer, der Widerspruch und Widerstand übt und auslöst. Einer, mit dem nicht einfach auskommen ist.

             Mir unvergessen ist eine Begegung mit Hesekiel Landau, einem jüdischen Friedens-Aktivisten aus der Arbeit „open house“ in Ramla, auf einer Reise nach Israel im Jahr 1994. Als wir ins Gespräch kamen über die Abrahams-Verheißungen, da fragt er: Und was ist mit den Verheißungen an Ismael? Mit seinen Nachfahren, unseren arabischen Brüder? Mit den zwölf Fürsten (17,20) aus ihm? Überhaupt zum ersten Mal kam es mir ins Bewusstsein: Auch dieses Wort des Engels Gottes ist ein Wort mit Langzeitwirkung bis heute. Bei aller Parteinahme für Israel darf man die Frage nicht vergessen: Was ist mit Ismael?

 13 Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat. 14 Darum nannte man den Brunnen »Brunnen des Lebendigen, der mich sieht«. Er liegt zwischen Kadesch und Bered.

             Hagar spürt: Hier habe ich Großes erlebt. Eine Gottesbegegnung. „Der Engel Jahwes ist eine Erscheinungsform Jahwes.“ (HJ.Bräumer, aaO.: S.112) Selbst wenn sie ihn nur von hinten gesehen hat. Aber sie selbst ist von Gott gesehen worden. In ihrem Elend, ihrer inneren Zerrissenheit. In ihrem wilden, selbstzerstörerischen Trotz. Sie ist ein angesehener Mensch.  Daraus gewinnt sie einen Namen für Gott: Du bist ein Gott, der mich sieht. El roi. Wie viel Lob und Dankbarkeit schwingt in diesem Namen mit. Ich, eine entlaufene Sklavin, einsam in der Wüste – und Gott sieht mich.

             Der Ort des Geschehens bekommt von diesem Geschehen her seinen Namen. Er erinnert so an diese Geschichte, die den Schreibern des Mosebuches doch so wichtig ist, dass sie sie erzählen, aufbewahren. Als ein Zeugnis dafür, dass Gott sieht, auch die sieht, die sich verrannt haben, bis in eine weglose Wüste hinein.

15 Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael. 16 Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar.

          Hagar ist zurück gekehrt. Sie ist dem Wort des Engels gefolgt. Und sie gebiert Abram den Sohn. Einen Sohn. Bemerkenswert: Abram gibt ihm den Namen, den der Engel Hagar genannt hatte.  Erkennt damit den Sohn der Hagar als seinen Sohn Ismael an. Der Name Ismael bedeutet „Gott hat erhört“.

Die abschließende Bemerkung über das Alter Abrams bei der Geburt Ismaels dient wohl zur Vorbereitung auf die kommenden Geschichten. Es wird darum gehen, dass von Gott her möglich und wirklich  wird, was bei den Menschen unmöglich ist.

 

Wie oft, mein Gott, sind wir feige, weichen Konflikten aus, suchen Lösungen auf unsere Art und wenn daraus Schwierigkeiten erwachsen, ducken wir uns weg.

Du aber gehst Deinen Weg, gehst denen nach, die wir sich selbst überlassen, siehst nach denen, von denen wir weggesehen haben, bewahrst, die wir preisgegeben haben. Lass uns lernen von Dir, dem Gott der sieht, dass wir auch mit offenen Augen sehen und uns erbarmen, uns in Anspruch nehmen lassen. Amen