Gottes Feigling

  1. Mose 12, 10 – 20

 10 Es kam aber eine Hungersnot in das Land.

          Israel, – oder muss ich sagen: Palästina oder hier: Kanaan? – ist ein Land, das immer wieder von Hungersnot bedroht ist. Wenn der Regen ausbleibt, wenn die Dürre zu lange dauert, wenn das Wasser knapp wird, wenn es Missernten gibt. Es gibt viele Wanderungsbewegungen, die aus solcher Hungersnot entstehen. Wir nennen diese Leute heute ein wenig leichtfertig und von oben her und abwertend: Wirtschaftsflüchtlinge. Ja, Abram begegnet uns in der folgenden Erzählung als Wirtschaftsflüchtling. Er sucht ein neues Auskommen für sich und seine Leute.

Da zog Abram hinab nach Ägypten, dass er sich dort als ein Fremdling aufhielte; denn der Hunger war groß im Lande.

          Er macht sich auf einen weiten Weg. Nach Ägypten. Da gibt es alles. So erzählt man sich, nicht nur in Kanaan. Ägypten ist das „gelobte Land“ der damaligen Flüchtlinge, fruchtbar, mit Wasser gesegnet, mit einer gut funktionierenden Landwirtschaft und einer hochstehenden Kultur.  Es ist für Leute wie Abram höchst attraktiv, in dieses Sozialsystem einzuwandern. Salopp gesprochen: Ägypten ist die BRD der damaligen Zeit.

 11 Und als er nahe an Ägypten war, sprach er zu Sarai, seiner Frau: Siehe, ich weiß, dass du eine schöne Frau bist. 12 Wenn dich nun die Ägypter sehen, so werden sie sagen: Das ist seine Frau, und werden mich umbringen und dich leben lassen. 13 So sage doch, du seist meine Schwester, auf dass mir’s wohlgehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe um deinetwillen.

          Wie viel Angst meldet sich in diesen Worten. Angst eines Flüchtlings, der weiß, dass er rechtlos ist im fremden Land. Der ahnt, wie leicht es zu Übergriffen kommen kann gegen den, der anders aussieht, eine andere Sprache spricht, der fremd ist. Der auch weiß: seine Frau kann Begehrlichkeiten wecken. Es kann gefährlich sein, der Mann einer allzu schönen Frau zu sein. Es möchte sein – die Männer der Mehrheitsgesellschaft schrecken vor nichts zurück. Der Bruder aber, so ist wohl der Gedanke Abrams, der könnte in ihren Augen ja eine Brücke zu der Schönen sein. Und deshalb sicher.

          Was Sarai von diesem Gedankenspiel und Ansinnen hält, erfahren wir nicht. Hier wird, wie oft in der Bibel, aus der Männer-Perspektive erzählt. Frauen schweigen. Schweigt Sarai, weil sie einverstanden ist, weil sie diesen Weg als ihre Aufgabe akzeptiert? „Nach altorientalischem Loyalitätsverständnis war sie als Ehefrau daran orientiert, ihren Mann und seine Familie mit Nachkommen, d. h. Fortleben zu versehen…. Solche Treue Saraijs muss belohnt werden – und sie wird belohnt.“ (H.Seebass, aaO; S.26) Das ist mir zu heldenhaft und zu sehr in das Schweigen der Sarai hinein irgendwie erschlossen.

          Erst in unserer Zeit fangen wir vorsichtig an, nach ihren, der Frauen ungesagten Sätzen zu fragen. Auch das Urteil des Exegeten ist noch allein der Männer-Perspektive verhaftet: „Abraham weiß, dass er mit der Preisgabe seiner Frau schwere Schuld auf sich lädt.“ (C.Westermann, aaO;  S.153) Im Text steht davon nichts. Da lese ich nur, dass Abram das eigene Leben schützen will – und sei es dadurch, dass er Sarai preisgibt. Wenn ich hart urteile, so sage ich: Hier habe ich einen Abram vor mir, der schwach ist, nicht sonderlich glaubensstark, der nur nach Auswegen sucht, um fast jeden Preis. 

Man kann schon fragen: wo bleibt das Gottvertrauen, das ihn aus Haran hat aufbrechen lassen? Wo bleibt die Zuversicht, dass Gott seinen Weg kennt und mit ihm ist? Seine Trickserei, seine Halbwahrheiten – vielleicht ist Sarai ja tatsächlich Abrams Halbschwester: „Auch ist sie wahrhaftig meine Schwester, denn sie ist meines Vaters Tochter, aber nicht meiner Mutter Tochter; so ist sie meine Frau geworden.“ (1. Mose 20,12) –  das alles ist kein Zeichen für Gottvertrauen, sondern nur für Angst und für den Versuch, die eigene Haut zu retten. Es geht darum, dass sein Handeln hier in Ägypten im krassen Gegensatz zu dem steht, was Gottvertrauen sein könnte. Das hieße ja noch lange nicht, dass er die Hände in den Schoß legen müsste, komme, was da wolle. Wohl aber ist das doch auch ein Zeichen für die Tragkraft des Glaubens, dass er hilft, im Reden und Tun bei der Wahrheit zu bleiben. Nicht so rasch in Notlügen und Halbwahrheiten und beredetes Schweigen z flüchten.

 14 Als nun Abram nach Ägypten kam, sahen die Ägypter, dass seine Frau sehr schön war. 15 Und die Großen des Pharao sahen sie und priesen sie vor ihm. Da wurde sie in das Haus des Pharao gebracht.

             Es kommt, wie es Abram ahnte. Die Schönheit Sarais fällt ins Auge. Sie wird gerühmt. Und so wird sie ohne größere Umstände und ohne langes Nachfragen oder gar Verhandeln in das Frauenhaus des Pharao gebracht.

 16 Und er tat Abram Gutes um ihretwillen; und er bekam Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele. 17Aber der HERR plagte den Pharao und sein Haus mit großen Plagen um Sarais, Abrams Frau, willen.

Erst als sie dort ist, als der Pharao klare Verhältnisse, Fakten geschaffen hat, wendet er sich dem vermeintlichen Bruder gönnerhaft zu. Es wirkt, als würde Abram im Nachhinein so etwas wie einen „Kaufpreis“ für seine „Schwester“ Sarai erhalten. Die Lüge lohnt sich für Abram. Sein Leben ist sicher, sein Reichtum wächst. Alles gut.

Nur der HERR spielt nicht mit. Er mischt sich ein. Offensichtlich aus dem einen Grund: Sarai spielt für die Pläne Gottes eine Rolle als Ehefrau Abrams und nicht als Ausstattungsstück in einem Harem des Pharao.  Was das für große Plagen sind, die den Pharao und sein Haus treffen, erfahren wir nicht. Auch nicht, wie der Pharao dazu kommt, den Zusammenhang herzustellen zwischen den Plagen und dem neuen Haremsmitglied.

18 Da rief der Pharao Abram zu sich und sprach zu ihm: Warum hast du mir das angetan? Warum sagtest du mir nicht, dass sie deine Frau ist? 19 Warum sprachst du denn: Sie ist meine Schwester –, sodass ich sie mir zur Frau nahm? Und nun siehe, da hast du deine Frau; nimm sie und zieh hin.

            Wir wissen also nicht, wie es dazu kommt, dass der Schwindel auffliegt. Wir hören nur, wie der Pharao Abram zur Rede stellt. Und man muss sagen:Jetzt kommt Abram wirklich glimpflich davon. Denn jetzt ist ja am Tage, dass er den Pharao in eine Ehebruchs-Situation gebracht hat. Abram ist der Betrüger – müsste er jetzt nicht erst recht um sein Leben fürchten? Aber: „Mit all seinen Machtmitteln tut der Pharao nichts weiter als dass er Abraham zitiert und zu ihm redet… Der Vorwurf des Pharao ist berechtigt und Abraham wird durch ihn beschämt.“  (C.Westermann, Am Anfang, 1. Mose. Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1986, S.154)

Ich könnte es auf die Spitze treiben: Die Erzählung zeigt, dass der Pharao mehr Respekt vor der Unantastbarkeit der Ehe und der Ehefrau hat als Abram, der doch von Gott mit dem Segens- und Verheißungswort bedacht ist. Verkehrte Welt.

Der Pharao will diesen Kerl, diesen listigen, ja hinterlistigen Wanderer aus den Augen haben. Deshalb stellt er ihn vom Platz.  Nimm, was Dir gehört und geh!

  20 Und der Pharao bestellte Leute um seinetwillen, dass sie ihn geleiteten und seine Frau und alles, was er hatte.

          Um ganz sicher zu sein, dass Abram verschwindet, wird er aus dem Land eskortiert. Abgeschoben. Nicht mit leeren Händen. Er darf mitnehmen, was er hatte, wohl auch, was ihm der Pharao für Sarai als Geschenk übergeben hatte. Die Frage, die mich beschäftigt: Ist Abram von dieser großmütigen Aktion beschämt? Und wird es ihm zur Mahnung werden, sich zukünftig nicht mehr auf solche listigen Spiele einzulassen? Der Wirtschaftsflüchtling Abram ist zwar in Sicherheit, auch reicher geworden, aber irgendwie doch moralisch gescheitert.

 

Furcht und Angst, mein Gott, sind schlechte Ratgeber. Das habe ich gelernt. Aber sie greifen oft nach mir. Du kennst mich, mein verzagtes Herz, meine Scheu vor Konflikten, die Angst um mich selbst. Wenn Du einen tapferen Helden brauchst, bin ich nicht der richtige für Dich.

Darauf vertraue ich, dass Du auch mit denen Deinen Weg gehst, die nicht tapfer sind, sich oft genug nicht trauen, manchmal feige nach merkwürdigen Auswegen suchen. Danke, dass Du mein Ratgeber bist, mein Halt, der stärker ist als alle Furcht und Angst. Amen