Ins Land der Verheißung aufbrechen

  1. Mose 12, 1 – 9

 1 Und der HERR sprach zu Abram:

         Mit dem unscheinbaren und wird die nun beginnende Abrahams-Geschichte mit allem vorangehenden verbunden. Aus der Urgeschichte wird jetzt Geschichte, zunächst scheinbar die Geschichte eines Einzelnen und seiner Familie. Der Anfang dieser Geschichte ist, dass der HERRR sprach. Die Parallele dazu ist der Anfang der Schöpfung: „Und Gott sprach.“(1,3) So wie die Welt aus Gottes Wort wird, so wird der Weg Abrams aus dem Wort, aus dem Anruf Gottes.

Wir wüssten gerne, wie das ausgesehen, sich angefühlt hat, dieses „der HERR sprach“. Darüber schweigt sich der Text aus. So wie sich die ganze Bibel darüber ausschweigt, wie das sich anfühlt, welche äußere Gestalt dieses Sprechen Gottes hat. Genug, dass es geschieht und dass der, der so angesprochen wird, es spürt, vernimmt und weiß: Jetzt bin ich gefordert.

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

         Das ist der Inhalt: Ein Ruf zum Aufbrechen. Aus Haran, wo sich die Sippe unter Tarah auf ihrem Weg aus Ur in Chaldäa (11, 31-32) niedergelassen hatte. Wohin? Seltsam unbestimmt: in ein Land, das ich dir zeigen will. Keine Landkarte, kein Zielort. Von Anfang an wird Abram abhängig von dem wegweisenden Gott. Und seine Zukunft wird gleichfalls abhängig von ihm, der ihn ruft. Ein großes Volk – hebräisch goij – soll aus ihm werden und Segen – hebräisch berāchā – soll auf ihm liegen.

Damit sind in dieser Verheißung zwei große Themen schon genannt, die für die ganze Heilsgeschichte von Bedeutung sind: Das Volk – hier ist deutlich auf Israel angespielt, nicht nur auf das Wachsen einer Sippe, dafür steht das Wort goij  – und der Segen. „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Was sich so fromm anhört, ist in Wahrheit der Realismus, den die Bibel lehren will.  

Weiter noch: An der Stellung zu Abram entscheidet sich der Weg derer, die ihm begegnen. Er ist wie ein Prüfstein für den eigenen Lebensweg. Fluch oder Segen – das wird sich im Verhalten ihm gegenüber zeigen. Spätere Erzählungen werden dieses Wort sogleich bildhaft ausgestalten (12, 10 – 20).

Es ist ein Hinweis, der leicht überlesen werden kann. Schon in diesem Segenswort an Abram wird ein exklusives Heilsverständnis aufgebrochen. Was Abram zugesagt wird als Segen, soll sich weltweit, wir sagen heute global, auswirken. Es ist zu kurz gedacht, wenn einer daraus macht: allein Israel. Auch wenn einer daraus macht: Allein die Christen. „Im rückschauenden Blick der neutestamentlichen Zeugen ist die universale Geltung der Segensverheißung an Abram von besonderer Wichtigkeit..“ (HJ.Bräumer, Das erste Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1987; S.51) Sie, diese Christen der ersten Generation wissen sich über alle Zeiten hinweg eingezeichnet in diese Verheißung.

Es gibt theologische Entwürfe, die sagen: Von dieser Verheißung an Abram her ist die ganze Schrift des Alten und des Neuen Testaments zu lesen. Es geht um eine Segensgeschichte, die mit ihm anfängt und Generation um Generation weitergeführt wird bis in die Zeit des Glaubens an Jesus. Die Wendung „abrahamitische Religionen“ für den christlichen Glauben, für das Judentum, auch für den Islam sucht diesem Gedanken Rechnung zu tragen. Ein Fünkchen Wahrheit steckt darin – und dennoch bin ich nicht ganz zufrieden damit. Weil die Segenslinie, die mit Abraham beginnt, nur die eine Seite des Handelns Gottes beschreibt. Die andere ist sein Rettungshandeln – am Schilfmeer, aus den Händen der Feinde, aus dem Unglauben, aus der Sünde, durch das Kreuz. Dieses Rettungshandeln Gottes wird nicht aus der Segensverheißung abgeleitet. Es ist immer neu Geschenk, unverhofft, Gnade ohne jeden Grund.  Freie Gabe Gottes.

4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. 5 So nahm Abram Sarai, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Leute, die sie erworben hatten in Haran, und zogen aus, um ins Land Kanaan zu reisen. Und sie kamen in das Land, 6 und Abram durchzog das Land bis an die Stätte bei Sichem, bis zur Eiche More; es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande.

Das ist die Antwort Abrams. Er zieht los, bricht auf. Wortlos. Nicht ein redender Abram wird uns gezeigt,sondern ein gehorchender Abram. „Nur der Gehorsame glaubt und nur der Glaubende gehorcht.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1937; S.42) Mit diesem Aufbrechen ist wortlos alles gesagt. Es wird sich auch später noch zeigen: Dass Abram ein „Vater des Glaubens“(Römer 4) ist, liegt nicht an seinen klugen und weisen Worten über Gott, sondern zeigt sich in seinem Tun.

Das Aufbrechen Abrams ist kein Alleingang, kein einsamer Akt. Lot, sein Neffe, zieht mit ihm und seine Frau Sarai. Mit ihnen die, die sie erworben hatten. Es ist kein armer Mann, der sich da aus Haran auf den Weg macht. Abram ist reich an Leuten und an Habe – vor allem aber – reich an Gott.

Was fange ich mit der Altersangabe an? Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. Meine Kommentare schweigen sich dazu aus. Ausnahmslos. Mich bewegt das, wird doch hier einer zum Aufbruch gerufen, für den das Leben, nach unseren Maßstäben, schon fast gelaufen ist. Statt Warten auf das Ende Aufbruch in die Zukunft. Es gibt kein Lebensalter, in dem Gott nicht mehr zu neuen Schritten rufen könnte. Es gibt kein Lebensalter, in dem alles gelaufen ist, nicht in der Perspektive Gottes.

So kommt Abram in das Land – noch immer wird der Name nicht genannt – und durchwandert es. Findet einen ersten Ort, wenn auch noch keine Bleibe bei Sichem, der Eiche More. Ein Fremder unter ihm Fremden. Ein Wanderer im fremden Land.

7 Da erschien der HERR dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Und er baute dort einen Altar dem HERRN, der ihm erschienen war.

             In dieser Fremde hat Abram eine Gotteserscheinung. An der Eiche More, einer Terebinthe, wohl einem Orakel-Baum. Es ist wichtig, was der Wanderer hier hört: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Die Worte weisen über Abram hinaus. Nicht ihm wird der Landbesitz versprochen, wohl aber denen nach ihm. Mich erinnert das an Mose, der das Land der Verheißung vom Berg Nebo aus sehen darf, aber es nicht betreten wird. Abram wird in diesem Land ein Fremder bleiben. Das hindert ihn nicht, an diesem Ort einen Altar zu errichten, für den HERRN, der ihm erschienen war. Es ist ein Erinnerungsort, für Abram, aber nicht nur für ihn. So entstehen heilige Orte: Sie markieren den Platz, an dem Menschen eine Erfahrung mit Gott gemacht haben.

 8 Danach brach er von dort auf ins Gebirge östlich der Stadt Bethel und schlug sein Zelt auf, sodass er Bethel im Westen und Ai im Osten hatte, und baute dort dem HERRN einen Altar und rief den Namen des HERRN an. 9 Danach zog Abram weiter ins Südland.

             Weiter geht die Wanderung. Jetzt werden Orte mit Namen angegeben, die die ersten Leser dieser Schriften kennen. So lernen sie: Wir leben in dem Land, in dem unser Vater Abram wandernd unterwegs war, in dem er seine Erfahrungen mit dem HERRN gemacht hat, in dem er ihm Altäre aufgerichtet hat. Und hier auch: Er rief den Namen des HERRN an. Das kann Doppeltes heißen: Er betet zu Gott und er redet von Gott. Anbeten und ausrufen, zu Gott reden und von Gott reden. Beides gehört untrennbar zusammen.

             Ich lese diese Notiz von den Altären für den HERRN auch als eine Aufforderung an die ersten Leser dieser Worte, sich klar zu werden: Wer ist der Gott, dem wir Altäre errichten? Es gab ja im geschichtlichen Israel nicht nur die Altäre für den HERRN, es gab auch Altäre für den Baal und für andere Gottheiten. Umso dringlicher die Frage: Wem bauen wir unsere Altäre?

             Das ist zugleich auch die Frage, die ich mir in unsere Zeit hinein stelle: Welche Opferstätten, welche Altäre bauen wir? Welche Gottheiten beten wir an?

 

Gib mir, mein Gott, dass ich höre, wenn Du mich zum Aufbrechen rufst, dass ich gehe, wenn Du mir einen Weg öffnest, dass ich unterwegs bleibe zu den Menschen, zu Dir, weil Du mich auf Deinen Weg rufst und leitest und mich ans Ziel bringen wirst in das Land Deiner Verheißung. Amen