Es ist genug – nie mehr

  1. Mose 8, 13 – 22

13 Im sechshundertundersten Lebensjahr Noahs am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden.

            Es ist immer noch das sechshundertundersten Lebensjahr Noahs. Mich lässt diese Alterangabe ratlos. Ich lese sie als Hinweis darauf, dass Noah hochbetagt, langlebig ist. Aber nicht als reale Angabe seiner Lebensjahre. Immerhin: Jetzt sind die Wasser vertrocknet. Der Weg in neues Leben ist frei.

Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war. 14 Und am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken.

 

            Noah fängt an, die Arche zu öffnen, zunächst das Dach. Als er sieht, dass der Erdboden trocken ist. So wie er ihn aus der Zeit vor der Sintflut kennt.

 15 Da redete Gott mit Noah und sprach: 16 Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. 17 Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.

            Daran liegt dem Erzähler: So wie Noah auf Befehl Gottes in die Arche gegangen ist, so verlässt er sie jetzt mit allem Getier auf das Geheiß Gottes hin. Auch das fällt auf: Nicht als Zusage, wohl aber als Perspektive des Ausgangs aus der Arche wird der Segen aus der Schöpfungsgeschichte ins Gedächtnis gerufen:  dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden. Es ist der Wille Gottes, der sich hier zeigt, dass das Leben weiter geht, einen neuen Anfang nimmt. „Es war also nicht menschliche Vitalität und Eigenmächtigkeit, die die frische, vom Chaotischen freigegebene Erde in Beschlag nehmen ließ; Gott selbst hat die Erde für die Überlebenden frei gegeben.“  (G.v.Rad, Das Erste Buch Mose, ATD 2/4; Göttingen 1967, S.106)   

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, 19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

            Vor dem inneren Augen bildet sich eine schier endlose Prozession: Tierpaar um Tierpaar verlässt die Arche – und zerstreut sich – eiligst? – in die Umgebung.

 20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

Noah aber bleibt vor Ort. Er weiß, dass er sein Leben verdankt, nicht sich selbst, seiner Weitsicht, seiner Vorsicht, auch nicht seiner Frömmigkeit. Er dankt durch sein Opfer Gott. Das verwirkte Leben kann neu beginnen.

21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Das ist der Satz, den ich persönlich an dieser ganzen Erzählung für den wichtigsten Satz überhaupt halte. Hatte Gott noch seinen Vernichtungsbeschluss damit begründet, dass er sah und sagte: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. so wird jetzt der gleiche Satz zur Begründung für sein Nie mehr! Es ist, als hätte Gott in das Herz des Noah geschaut und gesehen: Auch da, bei ihm, der Gnade vor meinen Augen gefunden hat, sehe ich die gleichen Abgründe wie bei allen Anderen. Noah ist nicht der Anfang einer neuen, besseren Menschheit. Dennoch macht Gott einen neuen, bleibenden Anfang.

Der Satz markiert den Anfang der Geduld Gottes als den Lebensraum, der uns eröffnet ist. Es gibt jetzt im Handeln Gottes „das Ertragen des Menschen, so wie er ist, mit seinem Hang zum Bösen in Geduld.“ (C.Westermann, Am Anfang, 1. Mose. Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1986, S.97) Nicht, weil jetzt nach der Flut alles gut wäre. Aber Gott legt sich fest auf den Verzicht, eine neue, bessere Menschheit zu schaffen durch eliminieren der Bösen und des Bösen.

Das ist auch eine starke Kritik an allen späteren Vorstellungen, man könne den guten, den neuen Menschen schaffen – durch Zucht, durch Erziehung zum Sozialismus, durch was auch immer. Nein, sagt die Schrift: Gott „lernt“ mit den Menschen zu leben, wie sie sind – und wir haben genau diese Aufgabe auch: Uns nicht den perfekten, guten Menschen zu erträumen, sondern mit den Menschen leben zu lernen, wie sie sind.  Zum Guten fähig und in gleicher Weise zum Bösen.  Diesen Menschen soll ich bei mir einen Raum der Treue, der Geduld eröffnen.

Aber, das ist die Warnung, die es auch zu beherzigen gilt: Nur nicht missbrauchen. Die Geduld Gottes nicht als  Freibrief zur Bosheit nehmen. Darum mahnt Paulus: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Römer 2,4)

Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Es ist Wohltat für uns, dass Gott sich selbst und seinem Zorn in den Arm fällt. Dass er sich festlegt auf die Geduld, auf die Treue zu seiner Schöpfung. Wohl wissend, was er tut. Diesen Beschluss Gottes nimmt Jesus mit seinen Worten auf:  „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,44-45) Jesus leitet aus dieser Geduld seine ethische Forderung der Feindesliebe ab. Ich lerne daraus: Die Geduld Gottes ist kein beliebig freier Spielraum, sondern sie sucht mein Verhalten, das seiner Geduld zu entsprechen sucht.

Was bleibt? Der Ernst, dass Gott richten wird. Dass er der Sünde ein Ende macht. Und die Botschaft, dass er die Sünder nicht lässt. Dass er Geduld übt, Gnade schenken will, unsere Umkehr sucht. Es mag sein, dass sich in der Erzählung von der Sintflut menschheitliche Erinnerungen an eine große Flutkatastrophe vor langer, langer Zeit spiegeln. Aber ihr innerstes Anliegen ist nicht, diese Erinnerung unvergessen zu bewahren, sondern der Ruf, den Freiraum der Geduld Gottes zu nützen, die Zeit, in der Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören zu nützen, um ein Leben im Raum der Geduld Gottes zu leben, dass auf seine rettende Güte antwortet.

 

Lieber Herr, ich danke Dir für Deine Geduld, für Deine Treue, für Dein Erbarmen. Ich danke Dir, dass Du uns immer wieder Wege öffnest, obwohl wir Deinen Weg so oft verweigert haben, dass Du gnädig bist, obwohl wir zu stolz sind, Deiner Gnade unser Leben zu lassen.

Ich danke Dir, dass ich in Jesus das Bild Deiner Gnade, Deiner Treue, Deines Erbarmens unauslöschlich vor Augen habe, dass ich üben darf, mich ihm anzuvertrauen, durch ihn den Weg zu Dir zu suchen. Heute. Morgen, alle Tage bis an das Ende meines Lebens. Amen