Im Chaos bewahrt

  1. Mose 7, 11 – 24

11 In dem sechshundertsten Lebensjahr Noahs am siebzehnten Tag des zweiten Monats, an diesem Tag brachen alle Brunnen der großen Tiefe auf und taten sich die Fenster des Himmels auf, 12 und ein Regen kam auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte.

Eine Zeitangabe, die keine ist. Zumindest keine Zuordnung nach unserem Kalender erlaubt. In dem sechshundertsten Lebensjahr Noahs am siebzehnten Tag des zweiten Monats. Aber sie signalisiert dennoch Genauigkeit, weil sie präzise ist, bezogen auf die Hauptfigur der Erzählung, auf Noah. Es regnet –  vierzig Tage und vierzig Nächte. Das ist ein Zeitraum, der immer wieder einmal in der Bibel auftaucht. Mose „war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser.“(2. Mose 34,28) „Allda“ meint auf dem Berg Sinai. Und Elia „stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.“ (1. Könige 19, 8) Von Jesus heißt es, dass er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte.“ (Matthäus 4, 2) Es ist eine volle Zeitspanne, an der nichts fehlt.

13 An eben diesem Tage ging Noah in die Arche mit Sem, Ham und Jafet, seinen Söhnen, und mit seiner Frau und den drei Frauen seiner Söhne; 14 dazu alles wilde Getier nach seiner Art, alles Vieh nach seiner Art, alles Gewürm, das auf Erden kriecht, nach seiner Art und alle Vögel nach ihrer Art, alles, was fliegen konnte, alles, was Fittiche hatte; 15 das ging alles zu Noah in die Arche paarweise, von allem Fleisch, darin Odem des Lebens war. 16 Und das waren Männchen und Weibchen von allem Fleisch, und sie gingen hinein, wie denn Gott ihm geboten hatte. Und der HERR schloss hinter ihm zu.

            Es wird aufgezählt, wenn auch nicht im Detail, was und wer alles mit Noah in die Arche ging. Seine Leute und die Tiere. Noah nimmt alle mit, wie es ihm Gott geboten hatte. Darauf kommt es dem Erzähler wohl an . Und auf den Satz, der die Fürsorge Gottes ins Licht stellt. Und der HERR schloss hinter ihm zu. Gott selbst schirmt die Arche durch dieses Verschließen der Türen von dem Wasser des Verderbens ab. Es ist sein Handeln, das Noah und die Arche bewahrt.

Die Kehrseite dieser Fürsorge: Noah hat keine Kontrolle mehr. Er ist ausgeliefert, sein Handlungsspielraum ist gleich Null. Diese Arche hat ja auch kein Steuer-Ruder – davon ist nirgends die Rede. Sie wird auf dem Wasser einfach dahintreiben, richtungslos, ziellos. Noah ist eingeschlossen. Es verlangt ihm eine Menge Zutrauen ab, dieses Eingeschlossen-sein so zu sehen: Gott meint es gut mit mir. Mit uns.  

Ein Beter bringt etwas von dem Empfinden, das hier mit im Schwang ist, auf den Punkt:

Nähme ich Flügel der Morgenröteund bliebe am äußersten Meer,                       so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken                                                                und Nacht statt Licht um mich sein -,                                                                            so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,                                                             und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.                                     Psalm 139, 9 – 12

             Es ist beides ineinander vermischt im Spiel: Das Verlieren der eigenen Souveränität, das Preisgegeben-sein in der Gegenwart Gottes und eben das Geborgen-sein in dieser Gegenwart. Manchmal möchte man ihr entfliehen. Aber mindestens genauso oft möchte ich mich in ihr geborgen wissen, sicher sein: er schließt hinter mir zu. Er ist mir Schutz und Schirm vor allem Argen.

17 Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. 18 Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden, und die Arche fuhr auf den Wassern. 19 Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen so sehr auf Erden, dass alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden. 20 Fünfzehn Ellen hoch gingen die Wasser über die Berge, sodass sie ganz bedeckt wurden.

Noch heute reden wir von Sintflut, wenn es weltweit zu Überschwemmungen kommt. Dahinter steckt wohl das Empfinden angesichts der Wassermassen, die es manchmal gibt: sie nehmen überhand. Es gibt nichts, was sie aufhalten kann. Und es ist beängstigend bis auf den Tag heute, wie die Schutzmaßnahmen von uns Menschen manchmal einfach weg-gespült werden. Die Macht des Wassers hat eine unheimliche Seite – Erinnerung an die Chaosfluten, von denen in der Schöpfung die Rede ist.

 21 Da ging alles Fleisch unter, das sich auf Erden regte, an Vögeln, an Vieh, an wildem Getier und an allem, was da wimmelte auf Erden, und alle Menschen. 22 Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb. 23 So wurde vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel; das wurde alles von der Erde vertilgt.

In dieser Flut geht alles unter. Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen. Grauenvoll. Nicht nur eine Menschheitskatastrophe, sondern eine, die alles Leben trifft. Hervor gerufen aber durch das Dichten und Trachten der Menschen.

Für mich ist das Unheimliche an dieser Erzählung, dass es nicht so weit weg ist, dass aus dem Handeln der Menschen nicht nur Katastrophen für uns Menschen, sondern für die ganze Schöpfung erwachsen können. Meistens bleiben sie noch in einem begrenzten Rahmen, aber sie sind zugleich wie ein Hinweis darauf: Wenn ihr so weiter macht… Die Sprache der Klimaforscher  ist nicht sonderlich bildhaft, sondern von Zahlen, Kurven und Meßdaten bestimmt. Aber sie malen mit ihren nüchternen Fakten das Bild einer globalen Sintflut.

Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war. 24 Und die Wasser wuchsen gewaltig auf Erden hundertundfünfzig Tage.

Mitten im Chaos bleibt Noah bewahrt. Alleine übrig geblieben. Um ihn herum nichts als Wasser. Ein Kasten, der auf den Fluten treibt. So ist Noah den Elementen, dem Element Wasser ausgeliefert.  „Die Beschreibung der Flut ist eine schreckliche Gerichtsszene mit einem winzigen Funken Hoffnung.“ (HJ.Bräumer, aaO; S.177) Wenn ich diese Schilderung lese, bedroht mich ein Gefühl absoluter Einsamkeit. Und wirft mich zurück auf Gott, der Noah bewahrt.

 

Mitten im Chaos bewahrt. Mein Gott und Herr, wie oft habe ich das erfahren, dass Du bewahrst, rettest, im letzten Augenblick aus Gefahr hilfst. Es muss nicht gleich eine Sintflut sein. Es reicht das ganze normale Chaos, das sich Tag für Tag abspielt und oft genug nach meinen Herzen greift, mir die Luft zum Atmen zu nehmen droht.

Ich danke Dir, dass ich sehen darf in der Geschichte des Glaubens, wie oft Du bewahrt hast, gerettet, aus dem Untergang heraus geholfen. Darauf vertraue ich. Amen