So weit das Auge Gottes sieht – Frevel.

  1. Mose 6, 5 – 22

5 Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, 6 da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen 7 und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.

             Manchmal überschreiten die biblischen Autoren Grenzen. So auch hier. „Wir lesen eine Mitteilung über das Urteil Gottes über den Menschen und hören von einem Entschluss des göttlichen Herzens.“ (G.v.Rad, aaO; S.95) Ich glaube, dass man die Schreibe, den Schreiber, nicht fragen darf: Woher weißt du das? Sondern: Es ist der Anspruch des Erzählers, zu „offenbaren“, was nicht offenbar ist, nicht sichtbar auf der Hand liegt. Er behauptet nicht weniger als zu sehen, was im Herzen Gottes vor sich geht, angesichts dessen, dass die Welt ist, wie sie ist.

Das geht Hand in Hand mit einem Urteil über die Menschen, die Menschheit. Ihre Bosheit ist groß. Dabei bleibt das Urteil nicht im Feststellen des Äußeren hängen. Alles Dichten und Trachten ihres Herzens war nur böse immerdar. Es ist eine grundlegende Verderbnis, nicht nur ein gelegentliches Abweichen vom richtigen Weg. Es ist die scharfe und schmerzhafte Analyse: Erst kommt das falsche Fühlen und Denken, dann das falsche Handeln. Das wehrt die so gerne gebrauchte Entschuldigung ab: Ich denke doch nur laut. Aus Gedanken werden Taten.  Das Urteil Gottes aber richtet sich gegen beides – das Trachten und das Handeln.

Die Reaktion Gottes: Reue, Kummer im Herzen. Es tut Gott weh. Von den ersten Seiten der Bibel an ist das das Zeugnis: Gott steht der Welt nicht gleichgültig gegenüber. Was wir tun, betrifft ihn, schmerzt ihn, kümmert ihn, verwundet ihn. Der verwundete Gott ist nicht erst am Kreuz zu finden – er zeigt sich schon in dem Schmerz des Anfangs, in der Reue Gottes. Es geht Gott nahe, dass die Dinge so aus dem Ruder gelaufen sind, dass die Bosheit der Menschen so angewachsen ist.

Denke ich zu menschlich, zu klein von Gott, wenn ich so rede? Aber so „menschlich“ denkt der Schreiber dieser Zeilen von Gott. Ihm liegt daran, dass wir lernen: Gott ist nicht unbewegt, nicht unberührt von dem, was wir tun.  Gott leidet an den Leiden, an dem Unrecht, an der Gewalt in der Welt. Andere Religionen mögen daran scheitern, sich das nur vorzustellen: einen leidenden Gott. Es ist die Eigenart des jüdischen und des christlichen Glaubens an Gott, dass wir an den Gott glauben, der sich das Leiden nicht erspart, sondern sich ihm aussetzt, der es auf sich nimmt, schon in der Erschaffung der Welt und der es  durchsteht bis dahin, dass er sich von den Menschen verwerfen lässt. Gott, wie ihn die Schrift zeigt, will keine Gotteskrieger, die Karikaturisten umbringen, die seine Ehre mit Gewalt verteidigen und die Erde das Blut seiner Geschöpfe trinken lassen.

Solche Gewalt als Willen Gottes zu behaupten, ist vielmehr ein letzter Hinweis darauf, „dass das Übel der Menschheit auf Erden vielfältig und alles Ergebnis der Planungen ihres Herzens nur böse war alle Tage. (Übersetzung: H.Seebass, aaO;, S.200)  

Es ist zu spüren, wie sich der Schreiber heran tastet, wie er in seinen Worten sichtbar werden lässt, dass es Gott schwer fällt, die Schöpfung „rückgängig“ zu machen. Darauf läuft es hinaus: Wenn Mensch und Tier vernichtet werden, widerruft Gott das Werk des sechsten Schöpfungstages! Das „Siehe, es  war sehr gut!“ wird aufgehoben.

 8 Aber Noah fand Gnade vor dem HERRN. 9 Dies ist die Geschichte von Noahs Geschlecht. Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten; er wandelte mit Gott. 10 Und er zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet.

             Es wirkt wie ein Szenenwechsel. Nicht mehr der große Scheinwerfer, der alles Dunkel erfasst, sondern jetzt ein Suchscheinwerfer, der in allen Dunkel doch noch Hoffnung entdeckt. Eben noch: alles vernichten – und jetzt: Aber Noah fand Gnade vor dem HERRN. Mitten in der verderbten Menschheit einer, der anders ist, einer, an dem Gott anderes sieht. Einer, an dem sich die Gnade Gottes entzündet und erweisen wird. Eine neue Geschichte. Schon vor der Vernichtung hebt der Schreiber hervor: Mit Noah wird ein Neu-Anfang gesetzt. Aus Gnade.

„Die Welt blieb nicht dank der von den Söhnen Kains entwickelten Kultur der Zivilisation erhalten. Die Welt besteht auch nicht deshalb, weil die Menschen es verstanden, sich fortzupflanzen und auszubreiten. Schon gar nicht überlebt die Welt, weil es in ihr Riesen, Männer mit berühmten Namen, großen Gestalten und mächtigem Einfluss gibt. Die Welt besteht, weil Gott einem einzigen Menschen seine Gnade schenkt.“ (HJ.Bräumer, aaO; S.159)

  11 Aber die Erde war verderbt vor Gottes Augen und voller Frevel. 12 Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden.

             Noch einmal wird es wiederholt und wiederholt. Fast so, als müsste Gott entschuldigt werden. Es kann aber auch so sein, dass die Schreiber der Texte ein Empfinden dafür haben, dass sie hier etwas erzählen, was unser Bild von Gott – geduldig, gnädig und von großer Treue – fundamental in Frage stellt. Aber das gibt es wirklich: Gotteserfahrungen, die die früheren Erfahrungen bis ins Mark erschüttern. Mir will es so scheinen: In diesen zögerlichen Wiederholungen wird spürbar, dass die Erzähler genau diese Spannung empfinden:  Sie glauben an den barmherzigen Gott und erzählen hier eine Geschichte, die von einem auf den ersten Blick unbarmherzigen Gericht handelt.

So weit das Auge Gottes sieht – Frevel. Da ist nichts anderes mehr zu sehen. Aus tausend Wunden blutet diese Erde, die doch Gottes gute Schöpfung sein soll. Und da, wo Menschen miteinander umgehen sollen in der Fürsorge Gottes, die Welt bebauen und bewahren, herrschen Gewalt und  Eigensucht, Willkür und Anmaßung. Ist es verwunderlich, dass wir in solchen Worten unsere eigene Zeit beschrieben finden? Erschrecken darüber, dass die Welt auch nach der Sintflut noch ist, wie sie ist?

 13 Da sprach Gott zu Noah: Das Ende allen Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde.

             Jetzt, wie nach langem Zögern, in einem knappen Satz an Noah, der Vernichtungs-Beschluss. Gott macht das nicht mit sich selbst und den himmlischen Heerscharen ab. Was bei mir beschlossen ist, teilt er doch mit – vergleichbar dem Satz: „Lasset uns Menschen machen.“ (1,26) Er zieht einen Menschen ins Vertrauen.

Was für eine Last aber für Noah. Er wird zum „Mitwisser“ davon, dass Gott ein Ende machen wird. Merkwürdig: Kein Wort darüber, dass Noah aufgefordert wird zu warnen! Zur Umkehr zu rufen. Das könnte heißen: Es gibt ein Ende, das nicht mehr abzuwenden ist. Nicht mehr durch Umkehr aufzuhalten.  Was für eine Last auch für Gott! Glaube doch keiner, dass es Gott nicht berührt, nicht schmerzt, nicht bis ins Innerste verwundet.

14 Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und außen. 15 Und mache ihn so: Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. 16 Ein Fenster sollst du daran machen obenan, eine Elle groß. Die Tür sollst du mitten in seine Seite setzen. Und er soll drei Stockwerke haben, eines unten, das zweite in der Mitte, das dritte oben.

          Der Ansage des Endes folgt die Aufforderung zu lebenserhaltenden Maßnahmen. Einen Kasten soll Noah bauen. Und es ist nicht nur hier so: Gott geht ins Detail. Bis in die kleinsten Kleinigkeiten gibt er vor, wie die Arche genbaut werden soll. Als würde er auf Nummer Sicher gehen wollen, das Noah auch alles richtig macht und der Kasten nicht absäuft.  Oder kentert.

Es ist diese Liebe zum Detail, zum Kleinsten, das bei uns so leicht übersehen wird, die Gott leitet. Diese Liebe lässt ihn ja auch in der verderbten Menschheit den einen sehen, der anders ist, der seinen Willen sucht. Gott hat nicht nur den Blick für das große Ganze – er hat den Blick der Liebe, der immer auch das Kleinste, Übersehbare, scheinbar Unwichtige ins Auge nimmt und wert achtet.

  17 Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin Odem des Lebens ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen. 18 Aber mit dir will ich meinen Bund aufrichten, und du sollst in die Arche gehen mit deinen Söhnen, mit deiner Frau und mit den Frauen deiner Söhne.

             Jetzt wird das Verderben konkretisiert: Eine Sintflut auf Erden. Alles wird untergehen, was atmet. Alles Fleisch. Die Ausnahme: Noah und seine Sippe. Seine Frau, seine Söhne, seine Schwiegertöchter.

             Diese Entscheidung Gottes ist der Anfang eines Bundes, den Gott aufrichten will mit Noah. Berit – das Wort Bund meint eigentlich „Zusage“. Gott sagt Noah zu, dass es weitergehen wird, mit ihm, mit seiner Sippe – und durch den Untergang, die Sintflut hindurch, mit der Welt.  Damit es weitergeht, hat Noah zu gehorchen: du sollst in die Arche gehen. Es ist so: „Gott rettet, indem er gebietet; was er gebietet, führt zur Rettung.“ (C.Westermann, aaO;S.85) Es gibt also so etwas wie einen rettenden Gehorsam!

 19 Und du sollst in die Arche bringen von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir. 20 Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art und von allem Gewürm auf Erden nach seiner Art: von den allen soll je ein Paar zu dir hineingehen, dass sie leben bleiben. 21 Und du sollst dir von jeder Speise nehmen, die gegessen wird, und sollst sie bei dir sammeln, dass sie dir und ihnen zur Nahrung diene.

             Damit es aber weitergehen kann, wird Noah zum Tierwärter berufen. Er bekommt Reisegefährten für die Arche: von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir. Das Leben soll weitergehen. Liest man das im Zusammenhang nach vorne, so wird deutlich, der tödliche Ernst, die Radikalität des Vernichtungsbeschlusses: Alles Fleisch soll verderbt werden, wird hier schon durchbrochen, durch die die Vorsorge, die Gott mit der Arche trifft, mit Noah. Es wird noch oft so sein: Gott ist gnädig inkonsequent in seinen Gerichten. Das lässt hoffen.

 22 Und Noah tat alles, was ihm Gott gebot.

            Die Antwort Noahs: Er tut, was Gott ihm sagt. Das ist die Spur, der wir folgen sollen. Das ist der Weg der Menschheit, der Verheißung hat.

 

Heiliger Gott, ich will dich lieben und fürchten, mich unter Deine Gerichte beugen und meine Zuflucht bei Dir suchen. Heiliger Gott, ich begreife Deine Wege so oft nicht, die mit mir nicht, auch nicht die mit der Welt.

Ich halte mich daran, dass ich vertrauen darf. Auch Durch Deine Gerichte hindurch suchst Du uns, willst Du uns. Du lässt uns nicht los. Amen