Meines Bruders Hüter – Ich?

  1. Mose 4, 1 – 16

1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.

Es ist ein wundervolles Wort – Adam erkannte seine Frau Eva – für miteinander Schlafen. „Beiwohnen“ nannte man das auch in früheren Zeiten. Nicht zum ersten Mal erkannte er sie, sonst müsste ein anderes Wort verwendet werden. „Der Ausdruck erkennen, jada‛‹ umfasst das Empfinden, Fühlen und Bekanntwerden dessen, was Mann und Frau bindet und scheidet.“ (HJ.Bräumer, aaO;3 S.110) Wenn zwei Menschen miteinander  „Geschlechtsverkehr“ haben, Sex, wie „man“ heute so sagt, dann geht es um mehr. Um mehr als Befriedigung animalischer Bedürfnisse, um mehr als um Triebe oder um Abbau von Triebstau. Die beiden geben sich einander hin und geben sich darin zu erkennen. Sie werden einander vertraut. Dieses Vertraut-werden braucht Dauer, Beständigkeit, Treue.

Ich glaube zutiefst: Es braucht auch die Beschränkung auf den einen Menschen. Für mich ist das eine der Begründungen der monogamen Ehe: Damit es wirklich zum Erkennen kommt, braucht es das einseitige Tiefenwachstum in der einen, exklusiven Ehe. Braucht es die dauerhafte Koexistenz. Irgendwo bei K. Barth heißt es einmal: „Koitus ohne Koexistenz ist dämonisch.“ Ein Satz, der heute weithin wohl nur noch Gelächter auslösen dürfte. Aber dennoch Wahrheit in sich trägt. Das Leben und die Liebe entfalten sich in der einseitigen, existenziellen Hingabe an den Einen, die Eine. Nicht anders.

Es kommt zu Schwangerschaften und Geburten. Sie sind nicht die Rechtfertigung dieser Beziehung. Sie entstehen einfach in ihr. Erst Kain. Eva weiß: Dieser Sohn ist Gabe des HERRN.   Es werden, auch im 1. Buch Mose, viele Erzählungen folgen, die davon zu berichten wissen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass Kinder aus der geschlechtlichen Vereinigung hervorgehen. Auf Kain folgt Abel als Zweitgeborener. Kains Name bedeutet„Lanze“. Er klingt kämpferisch. Der Name Abel dagegen ist im Hebräischen lautmalerisch nahe bei „häbäl“ , Hauch, Windhauch – dem Wort, das im Predigerbuch ein Leitmotiv ist: „Es ist alles ganz eitel“(Prediger 1,2) oder eben „Windhauch, Windhauch“ (Einheitsübersetzung). „Eine düstere Anspielung auf das Folgende“ (G.v.Rad, Das Erste Buch Mose, ATD 2/4; Göttingen 1967, S.84)   

Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.

            Die beiden Brüder gehen unterschiedliche Wege. Es ist der Beginn einer differenzierten Entwicklung von Tätigkeiten, aus denen viel später unterschiedliche Berufe erwachsen werden. Wobei das Wort „Berufe“ viel zu hoch gegriffen ist und ja erst seit Luther „in der Welt“. Deshalb: unterschiedliche Tätigkeiten. Kain Ackerbauer, Abel Schäfer. Ein Hirte. Beide wissen, dass sie für ihre Arbeit und für die Früchte ihrer Arbeit auf Gott angewiesen sind, dass sie seinen Segen nötig haben und ihm Dank und Ehre schulden. So bringen sie Opfer dar, Früchte ihrer Arbeit.      

Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

Kein Wort verliert der Text über die Frage, die uns Kopfzerbrechen bereitet. Warum Gnade für das Opfer Abels, aber kein gnädiges Ansehen des Opfer Kains? Wir erfahren nichts. Kein Hinweis auf irgendeinen Fehler den Kain gemacht haben könnte.  Was er als Gabe vor Gott bringt, kommt „irgendwie“ nicht an. Dahinter steht wohl, dass seine Arbeit, mühsam, fruchtlos ist, während die Arbeit des Schäfers „gesegnet“ ist. Als ob Gottes Strafwort an Adam – verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang (3,17) – sich allein in der Mühe des Kain spiegeln würde. „Es gehört zur Urerfahrung der Menschheit, dass Gelingen und Misslingen nicht rational erklärt werden können.“ (C.Westermann, aaO;S.53)

Woran dem Schreiber mehr liegt, ist die Reaktion des Kain. Er wird zornig, ergrimmt sehr und senkt finster seinen Blick. Fast könnte man sagen: Die Wut übermannt ihn. Dass es unter Geschwistern Rivalitäten gibt, ist „normal“. Dass es das Gefühl gibt, benachteiligt zu werden, übersehen, missachtet, ist alltägliche Erfahrung. „Zurücksetzungsgefühle können zu Dämonien geraten.“ (H.Seebass, aaO; S.164) Eltern mögen beteuern, alle Kinder gleich zu lieben. Theologen mögen es in großen Buchstaben schreiben: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Für den Einzelnen stellt sich das oft genug anders dar: Er, sie fühlt sich abgehängt, zurück gesetzt, als Kind zweiter Wahl.

Ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                                                      als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                                          Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib……                     Als es mir wehe tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren,                        da war ich ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor dir.                                                                         Psalm 73, 3.21-22

             Wie von Sinnen erlebt sich der Beter. Genau so lese ich die Reaktion des Kain. Gott stellt ihn zur Rede. „Es ist eine väterliche Rede, die, ehe es zu spät ist, dem Bedrohten einen Rückweg zeigen möchte.“ (G.v.Rad, aaO; S.85) Das gefällt mir: Kain ist bedroht, bedroht von der Übermacht seiner Emotionen. Davor möchte ihn der HERR bewahren, dass er ein Opfer seiner Emotionen, seiner Gefühle wird. Überwältigt von Zorn und Wut. Nicht mehr Herr seiner selbst. „Es geht um die so entscheidende Spanne zwischen der Entstehung einer Verfinsterung und dem Umgang mit ihr, also um die ethische Prüfung im Konflikt.“(H.Seebass, aaO;  S.152) 

            In den letzten Wochen ist mir gleich mehrfach ein Text begegnet, der für mich wie ein Kommentar zu diesen Worten Gottes ist.

Ein Indianerhäuptling erzählt seinem Sohn folgende Geschichte: “Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen. Der eine Wolf ist böse.Er kämpft mit Ärger, Eifersucht, Neid, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut.Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.” Der Sohn fragt: “Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?” Der Häuptling antwortet ihm: “Der, den du fütterst.”

Der biblische Text sieht Kain nicht unfrei. Er sieht ihn nicht determiniert. Er sagt mit keiner Andeutung: Kain hat keine Wahl. Es ist auch nicht so, dass man an Kain sieht, dass der Mensch dazu verurteilt ist, zu sündigen. Der Satz Gottes: Du aber herrsche über sie ist ein Satz, der die Verantwortung aufrechterhält, der Kain heraus fordert. Wir können uns nicht herausreden, dass wir ja gar nicht anderes können, dass wir zur Sünde verdammt sind, verurteilt, dass über uns steht: non posse non peccare – nicht nicht sündigen können. Das ist ein Teil auch meiner theologischen Tradition. Aber sie wird nicht hier begründet. In der Sprache der Indianer-Geschichte steht Kain – und stehen wir wie Kain – vor der Frage: Welchen Wolf füttere ich?

Es gibt keinen biblischen Spielraum für die billige Ausrede: ich konnte gar nicht anders. Für den  trivialen Satz: Wir sind alle kleine Sünderlein. Wir sind gefordert, über die Sünde zu herrschen, unsere Emotionen in Zaum zu halten, nicht allem freien Lauf zu lassen, was aus uns heraus will.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

            Kain aber hört die Warnung Gottes nicht. Mit lapidarer Kürze wird der Sachverhalt festgestellt: er schlug seinen Bruder Abel tot. Als ob es kein Halt gegeben hätte. Kein Gespräch, kein Zögern. „Der Weg von der inneren Regung zur Tat ist nur ein ganz kurzer.“ (G.v.Rad, aaO; S.85) Es ist nackte Gewalt, die keine Grenze kennt. Kain hat den falschen Wolf gefüttert.

 9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

Gott aber stellt ihn zur Rede. Bei Adam hieß die Frage noch: „Wo bist du, Adam?“ (3,9) Jetzt heißt sie: Wo ist dein Bruder Abel? Es ist die Frage nach der sozialen Verantwortung. Der Mensch ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für seinen Brüder, seine Nächsten.  Wir können uns nicht herausreden, so wie Kain es versucht.

Mich erschüttert und macht betroffen, dass die Gegenfrage Kains sozusagen gesellschaftsfähig wird – als Angst vor dem eigenen Zu-kurz-Kommen, als Fremdenfeindlichkeit, als Hass auf alles, was anders ist als man selbst. Gepaart mit der Bereitschaft, tödliche Gewalt zu üben. „Wenn alle an sich selbst denken, ist an alle gedacht.“ – So reden die späten Nachfahren Kains und entziehen sich der Verantwortung. Nennen das womöglich noch „liberal“.

Gott verstellt Kain seinen Fluchtweg. Er macht ihn haftbar. Das Blut dessen, den Kain für immer zum Schweigen gebracht hat, schreit zum Himmel. „Was für ein Wort angesichts der Überfülle der allein in diesem Jahrhundert Erschlagenen, systematisch Vernichteten und täglich weiter zu Tode Gebrachten! (H.Seebass, aaO; S.155)  Es ist eine Frage, die bange machen kann: Stehen wir nicht Seit an Seit mit Kain? Wir Zuschauer der Flüchtlingsdramen, der Bürgerkriege, der Morde weltweit.

            Die Hände, die den Tod gebracht haben, werden von nun an die Folgen zu tragen haben. Kain wird die Vergeblichkeit erfahren – seiner Arbeit, auch seiner Fluchtversuche. Er wird es erleben, wie seine Mühe ins Leere läuft.

Unser Leben währet siebzig Jahre,                                                                                   und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,                                                   und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe;                             denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.             Psalm 90, 10

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

            Erst als er mit den Folgen seiner Tat konfrontiert wird, die ihn treffen werden, scheint Kain zu sehen, was er getan hat. Dass ihm die Heimat, die Heimstatt entzogen wird, dass er zum Flüchtling werden wird, rechtlos preisgegeben, das erst lässt Kain aufwachen. Und er ahnt: Wer so preisgegeben ist, der ist schutzlos. Wer kein Zuhause mehr hat, keine Zuflucht, dem droht jeden Tag der Tod.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

            Wieder zeigt sich Gott als der, der in Fürsorge treu bleibt. Auch Kain treu bleibt. Der Brudermörder bekommt ein Schutz-Zeichen. Das Kainsmal ist kein Straf-Zeichen, sondern ein Schutz-Zeichen. Auch Kain steht unter Gottes Schutz. Das hätte all die Verfechter der Todesstrafe, auch die christlichen Verfechter unter ihnen, die so laut schreien können: „Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einen Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun.“ (3. Mose 24,20) in ihren Forderungen wohl hindern können, ja müssen. Es gibt von diesem Wort kein christlich mögliches Argument für die Todesstrafe: Auch Kains Leben steht unter dem Schutz des HERRN.

 16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Kain geht. Aus den Augen Gottes. In das Land jenseits von Eden. Mit dem Namen Nod. Land des Elends. Flüchtig. Wer aus den Augen Gottes gerät, für den wird jedes Land zum Land des Elends – und wenn er in Milch und Honig baden oder sich im Gold wälzen könnte. Oder alle Schätze der Welt gewönne.

Wer das Angesicht Gottes verliert, für den gibt es keinen gesegneten Weg mehr. So geht Kain seines Weges, geschützt, aber allein. Was für ein Abgang. Für’s erste.

 

Mein Gott, ich erschrecke über mich. Wie kurz ist der Weg, der von bösen Gedanken zu schlimmen Taten führt. Und wie kaltblütig wende ich mich ab, gehe zur Tagesordnung über, wenn ich Gewalt sehe, frei Haus in der Tagesschau geliefert.

Ich schütze mich selbst vor den Bildern, vor den Herausforderungen, weil ich nicht weiß, was ich tun soll, was es heißen könnte, in dieser Welt Hüter meines fernen Bruders zu sein.

Ich bringe Dir, hilflos wie ich bin, Deine Welt mit all den Gewalttaten in ihr. Herr erbarme Dich. Amen