Das Paradies – anvertraut

  1. Mose 2,4b – 17

 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.

             Ich beginne mit einer Beobachtung, die jeder aufmerksame Leser der Bibel wohl wie von selbst macht. Es ist gegenüber den vorangegangen Worten des 1. Kapitels eine völlig andere Sprache, eine völlig andere Form der Darstellung. In 1,1 – 2,4 haben wir Worte, die einem feierlichen  Rhythmus folgen, die gewichtig sind, von hoher gedanklicher Dichte.

Hier wird der Sprachklang völlig anders. Hier wird erzählt. Bilder werden gemalt, Situationen angedeutet. Nicht weniger dicht, aber eben anders. Auch irgendwie zeitlos, unbestimmt. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Das ist eine Zeitangabe, die sich aber sogleich einer historischen Fixierung entzieht. Die Zeit, von der hier die Rede ist, ist innerhalb der Geschichte nicht fassbar. Sie ist aber Teil des schöpferischen Tuns Gottes.

            Die Anfangssituation: eine nackte, unbewachsene Erde. Irgendwie unwirtlich. Weil es noch nicht geregnet hat. Weil Gott der HERR noch nicht hatte regnen lassen auf Erden. Ganz nebenbei: Der Regen ist eine Wohltat Gottes für die Erde. Das weiß man in einem Land wie Israel, in dem es oft monatelang nicht regnet. In einem Land, in dem das jahrelange Ausbleiben des Regens als eine Verweigerung erzählt werden kann, hinter der Gott steht: „Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“ (1.Könige 17, 1) So wartet am Anfang die Erde noch auf den Regen, die Gabe Gottes. Über dieser wartenden Erde liegt Nebel.

 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Was sehe ich vor mir, wenn ich diesen Satz lese: Einen Gott, der Menschen formt? So wie ein Kind aus Sand etwas formt? „Deine Hände haben mich gebildet und bereitet.“ (Hiob 10,8) „Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.“ (Psalm 139,15) Zwei Worte, die darauf hindeuten, dass hier eine Vorstellung aufgegriffen wird, die über die engere Sicht der Erschaffung des Menschen hinausgeht. Der Mensch – ’ādām – gehört zusammen mit der ’ādāmah, der Erde. Er ist aus dem Stoff, aus dem auch die Erde ist. Uraltes Wissen, bis heute aufbewahrt in der Liturgie bei Beerdigung: „Erde zur Erde, Asche zur Asche, Staub zum Staub.“ 

Dass aus diesem Erdklumpen ein lebendiges Wesen wird, dazu braucht es den Odem, den Anhauch Gottes. Das, so will mir scheinen, ist der eigentliche Akt der Erschaffung des Menschen.  Dieser Anhauch, Odem Gottes, nešāmāh wird exklusiv für den Menschen gebraucht. Vom Tier wird, wie vom Menschen gesagt, dass es ein lebendiges Wesen ist, ausgestattet mit einer Kehle, die bedürftig ist. So die Ursprungsbedeutung des hebräischen Wortes næpæš.

Ich überlege: Diese Erzählung hält die gemeinsame Basis fest – Mensch und Tier haben einen gemeinsamen Ursprung ihrer Lebendigkeit. Sie kommen, entstammen auch beide der Erde.  Und doch gibt es eine Differenz – im Anhauch des Menschen. Davon ist beim Tier keine Rede.

Ich übertrage für mich: Wohl wahr, dass es so etwas wie eine animalische Triebstruktur im Menschen gibt, die wir mit den Tieren teilen. Dafür steht das Wort næpæš. Insoweit sind wir wohl tatsächlich mit den Affen verwandt, auch mit dem Schwein, dem Kamel, dem Esel. Aber daneben und darüber hinaus gibt es eben diese andere Bestimmung des Menschen durch den Odem Gottes. Das stellt uns aber die Frage, die über unsere Humanität entscheidet: Bestimmt uns ausschließlich unsere Triebstruktur oder darf der Odem Gottes uns auch leiten? Und wer hat die Oberhand? Wem geben wir die Oberhand? Wem vertraue ich mich an?

 8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Diesem Menschen, den Gott so geschaffen hat, dem er Anteil an seinem Odem, seiner Lebendigkeit schenkt, ohne ihn dadurch aber zu vergöttlichen, dem bereitet Gott jetzt einen Ort: einen Garten in Eden. So sorgt Gott von Anbeginn an für den Menschen. Die Menschheit. Er überlässt ihn nicht der nackten Erde, der Wüstenei, dem tohuwabohu. Der Garten, auf Griechisch: παράδεισος, ein Ort der Lebenslust. Hier ist gut sein. Eden, der „geographische Ort“ des Gartens, heißt Wonne. Und so ist der Garten auch – eine Wonne.

Wie ein Vorgriff auf die folgende Erzählung: In der Mitte des Gartens zwei Bäume –  der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Beide sind wie ein Versprechen: Leben in Fülle.

10 Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. 11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; 12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. 13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. 14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.

Geographie, die mehr sagt als nur Ortsangaben zu geben: „Aus dem Strom., der den Garten durchfließt, kommen die Ströme, die der Welt Fruchtbarkeit geben.“ (C.Westermann, aaO; S.34) Trotz der Namen Euphrat und Tigris – wo Eden liegt, können wir nicht (mehr) sagen. Wir, jenseits von Eden.

15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16 Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

Es folgt ein Auftrag an den Menschen und ein Gebot. Genauer ein Verbot. Der Auftrag: Gartenarbeit. Diesen Garten hegen und pflegen. Seine Schönheit erhalten. Der Mensch ist – schon im Pardies! – eingebunden in die Arbeit. „Die Arbeit ist als Bestimmung des Menschen auch in seinem Urstand bezeichnet.“ (G.v.Rad, aaO; S.64) Sie ist nicht erst nachträglich erfundene Strafe! Es gehört von Anfang an zur Würde des Menschen, dass ihn Gott seiner Mitarbeit würdigt.

Aber nun ist das Paradies nicht nur überborderdende Fülle. Es gibt auch eine Grenze, die durch das Verbot Gottes markiert wird. Unter all den Bäumen ist einer „verboten“. Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Wo wir Moral hören, ist anderes gemeint: Gut und böse ist schlicht: Alles. „Allwissenheit im weitesten Sinn des Wortes.“ (G.v.Rad, aaO; S.65) Das Streben nach dieser Allwissenheit birgt in sich tödliche Gefahren. Muss man das wirklich heute noch ausdrücklich sagen, wo es doch vor aller Augen ist, wohin uns Allmachtswahn und Sucht nach Allwissenheit gebracht haben und bringen – bis an den Rand des Abgrundes.

            Was hat es mit der Todesdrohung auf sich? Ist das nicht übertrieben für das Essen nur einer Frucht? Maßlos? Aber: „Die Frucht ist nicht eine beliebige, sondern sie hat es mit Tod und Leben, Förderlichem und Schädigendem, Moral und Unmoral zu tun. Ihr Verbot dient dem Leben.“ (H.Seebass, aaO; S.114) Es ist ein Verbot, das vor dem Übel bewahren möchte: Der Versuch, alles zu wissen, alles zu können, alles in den Griff zu bekommen, wird tödlich enden. Der Alleskönner Mensch wird am Ende über Leichen gehen, weil er ja alles kann, alles darf, sich selbst allein Maß und Ziel ist. Dieser Gefahr tritt das Verbot entgegen. Gott zeigt sich auch in seinem Verbot als der fürsorgliche Gott.

           Kein Zweifel. Diese Verse sind zugleich eine Brücke zu der später nachfolgenden Erzählung.

 

Mein Gott, Du öffnest uns den Weg zum Leben. Du gibst reichlich. Du suchst in Deinem Geben unser Vertrauen. Du suchst das gleiche Vertrauen auch in den Grenzen, die Du uns setzt.

Ein Paradies vertraust Du uns an, geborgen sein in Deiner Güte, gehalten durch deine Liebe, geschützt durch Deine Grenzen.

Gib Du mir, dass ich es Dir glaube, dass ich mich einfügen kann in Dein Gebot, dass es gut für mich ist, nicht weiter greifen zu wollen als Du es gibst. Amen