Zu guter Letzt: Menschen

  1. Mose 1, 26 – 2,4a

 26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Jetzt setzt der Text neu ein, am sechsten Tag, gewissermaßen in seiner Mitte. Mit einer Selbstaufforderung:  Lasset uns Menschen machen.  Eine Anrede an sich selbst, aber im Plural: uns. Wenn das nicht ein sinnendes sich über den eigenen Plan klar Werden ist: Ich könnte…. wie ist dieser Plural dann zu verstehen? Die naheliegendste Deutung: Es ist der Plural Majestatis. Die Verwendung eines Plurals, wie er hoch gestellten Personen, Königen zumal, zu eigen ist. „Wir haben beschlossen. Es hat uns gefallen.“ – so redet die Queen bis heute.

Wenn das zu grammatisch klingt: „Der merkwürdige Plural (Lasst uns) soll verwehren, die Ebenbildlichkeit allzu direkt auf Gott, den Herrn, zu beziehen. Gott schließt sich mit den himmlischen Wesen seines Hofstaates zusammen und verbirgt sich damit doch auch wieder in dieser Mehrzahl. Das ist u.E. die einzigmögliche Erklärung dieser auffallenden Stilform.“ (G.v.Rad, aaO; S.45)   

Es ist, trotz des so bestimmten Wortes des Alttestamentlers, nicht die einzig mögliche Deutung gewesen. Es gibt auch in der Christenheit andere: Es sei ein Selbstgespräch des trinitarischen Gottes, des Vaters mit dem Sohn und dem Geist, das in diesem Uns anklingt.  Zumal es ja biblische Texte gibt, die die Beteiligung des Christus an der Schöpfung aussagen. „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.“(Johannes 1,10) Oder: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (Kolosser 1, 15-16) Das sind Deutungen, die über die Worte des Textes hinaus gehen, die aber dem Rechnung tragen, dass der Glaube die Einheit des Vaters und des Sohnes von Anfang an bekennt, vor aller Schöpfung.

Und: Das Kolosser-Wort ist zugleich eine Ausdeutung dessen, was die Selbstaufforderung ja auch sagt: Der Mensch ist gedacht und gemacht als Bild, das uns gleich sei. Ebenbildlichkeit. Imago Dei. Es geht um Entsprechung „in dem einfachen Sinne, dass dieses Bild dem Urbild entsprechen, dass es ihm ähnlich sein solle.“ (G.v.Rad, aaO; S.45)  

Wenn ich die Ebenbildlichkeit zu verstehen suche, so suche ich sie nicht im „Leiblichen“, sondern im Verhalten: Die, die jetzt geschaffen werden, die Menschen sollen herrschen. Dabei gilt: „Sie sind nicht dazu da, die Erde zu unterwerfen und die Tiere zu beherrschen, um die Götter zu versorgen, sondern zur Wohlordnung, zum Leben.“ (H.Seebass, aaO; S.81) Das macht sie Gott ähnlich. Die Art und Weise, wie sie den Mitgeschöpfen gegenüber treten.

27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Zum dritten Mal das Wort  bārā für schuf. Im Planen stand noch „machen“. Jetzt aber ist es wieder ein Handeln, das nur Gott zukommt. Für mich eine Grenzziehung. „Menschen machen“ geht gar nicht. Nur Gott kann Menschen schaffen. Es ist seine Gabe, die er schenkt, auch in der Fruchtbarkeit, die aus dem Miteinander von Mann und Frau erwachsen kann, nicht muss. Und es ist die einmalige Würde dieses Miteinander, dass es wie von weitem Anteil gewinnen kann an diesem göttlichen Schaffen.

 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

             Wie bei den Tieren zuvor heißt es:  Und Gott segnete sie. Der Segen ist verbunden mit einem Auftrag. „Dominium terrae“ wird das in der theologischen Tradition genannt. Der Mensch hat die Aufgabe, über die Erde zu herrschen. Über all die Tiere, die die Erde bevölkern.

Die Frage, die sich mit diesem Auftrag stellt, ist eine doppelte: Macht erst die Herrschaft die Ebenbildlichkeit des Menschen aus? Und wie muss dieses Herrschen inhaltlich gefüllt werden?  Meine erste Antwort: Die Ebenbildlichkeit ist kein Ziel, das erst durch die Herrschaft erreicht wird, sondern sie ist der Ausgangspunkt für diesen Auftrag und auch für den Segen. Und damit ist auch die zweite Antwort klar: das Herrschen des Menschen muss seinen Maßstab haben im Herrschen Gottes. Sein Herrschen aber ist Wohltat, Fürsorge, Ermöglichung von Leben. Oder, anders gesagt: „Die Erd- und Tierherrschaft des Menschen gehört in den Rahmen des Segens.“  (G. Liedtke, Im Bauch des Fisches. Ökologische Theologie, Stuttgart 1979, S. 138)

Dieses Herrschen des Menschen soll, so ist es vom Anfang her gedacht, ein Segen sein, kein Fluch. Man kann wohl mit Fug und Recht danach fragen, ob die Menschheit dieser Absicht Gottes entsprochen hat oder in ihrem aktuellen Handeln heute entspricht. Gehen wir mit der Welt, mit unseren Mitgeschöpfen so sorgsam um, dass wir ein Segen für sie sind? Oder ist der homo sapiens, der kluge Mensch, in Wahrheit der Virus, der der Welt zu schaffen machen wie sonst nichts, der Krankheitskeim der Erde? So zu fragen ist auch ein Fragen danach, ob wir uns nicht alle, im Kollektiv der Menschheit, vom ursprünglichen Auftrag Gottes an uns entfremdet haben – und in diesem Sinn eben auch alle, ausnahmslos, Sünder sind. Eine Botschaft, die heute nicht gerne gehört wird und oft genug weggedrückt wird, weil sie „klein macht“. Aber in Wahrheit ist sie ein Ruf zur Umkehr.

 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. 30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Bis ins Detail haben die Verfasser dieser Worte den Akt der Schöpfung meditiert. Über den Zeitraum von Jahrhunderten ist der Wortlaut entwickelt, geformt worden. Zeit, in der viele Lebensfragen bedacht werden konnten, vorbedacht bis in unsere Zeit hinein. Wie steht es um die Lebensgrundlagen für Menschen und Tieren? Wovon ernähren sie sich?  Wenn ich es überspitzt sage: Nach diesen Worten sind Mensch und Tier Veganer. Sie nähren sich von pflanzlicher Nahrung. In unterschiedlicher Weise – so dass für die Menschen und die Tiere genug da ist. So, dass man sich bei der Suche nach Nahrung nicht in die Quere kommen muss. Diese unterschiedliche Zuweisung von Nahrungsmitteln ist ein Teil des „paradiesischen Friedens“.

Am Ende des sechsten Tages sieht Gott auf die ganze Schöpfung, alles, was er gemacht hatte. Und es findet seine Zustimmung, seine Billigung. Sie ist gelungen. Nicht ein erster Versuch, der auf Verbesserung wartet. Nicht eine Prototyp, dem es noch fehlt zur Serienreife. Nein: Siehe, es war sehr gut.

Ob das nicht dazu führen könnte, dass wir die Versuche einstellen, die Schöpfung zu verbessern, ihr jetzt erst so richtig auf die Sprünge zu helfen? Ob das nicht auch zur Selbstbescheidung führen könnte: Dem Geheimnis dieser Schöpfung aus dem Wort werden wir nie auf die Spur kommen, so dass wir es entschlüsseln und nachahmen können?

2,1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Das liest sich wie eine Zusammenfassung, wie ein Schluss-Statement. Die Worte laden regelrecht ein zum Verweilen. So wie der Schöpfer am siebten Tag ruht, so darf der Leser dieser Worte ruhen, das Geheimnis der Schöpfung bestaunen und es bewahren. Zweimal steht da – in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta das Wort: συνετέλεσεν, er vollendete. Kann danach nichts mehr kommen?

Nach dieser Vollendung kommt die Ruhe Gottes. Sie ist das Ziel, auf das alles zuläuft. „Es ist die Rede von einer Ruhe, die vor dem Menschen da war und die durchaus auch, ohne dass der Mensch sie wahrnimmt, vorhanden ist.“ (G.v.Rad, aaO; S.48) Es geht hier nicht, obwohl das so naheliegend erscheint darum, den Ruhetag in der Zeit, ob Sabbat oder Sonntag, schon in der Schöpfungs-Ordnung begründet zu finden. Das ist eher ein „Abfall-Produkt“. Für mich ist wichtiger, dass diese ganze Schöpfung, die ja immer auch vom tohuwabohu, vom Chaos bedroht ist, doch in der Ruhe Gottes aufgehoben ist. Am Ende der Schöpfung, auch am Ende der Zeit wird also dies stehen: Die Ruhe Gottes. Und in ihr findet die Schöpfung zur Ruhe.

 

Du, schöpferischer Gott, einen Augenblick lang hältst Du inne im Werk Deiner Schöpfung,gehst mit Dir zu Rate und dann sagst Du wie im Selbstgespräch: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.

Das ist zum Staunen, unfassbar, unauslotbar – wir – wie wir sind, ich – wie ich bin, Abbild Gottes, ihm ähnlich. Das gilt von uns, von mir. Geschaffen aus Lust zum Leben, gewollt mit Gaben und Grenzen, gesegnet dem Leben zu dienen.

Wie groß denkst Du, Gott, von uns. Wie viel Vertrauen liegt in Deinem Auftrag an uns. Die ganze Welt, uns anvertraut, uns übergeben, damit wir in ihr Dein Abbild sind, Deine Lust an den Geschöpfen, Deine Freude am Leben, Deine Fürsorge widerspiegeln.

Leite Du mich, das zu glauben mit meinem Verstand, zu erfassen mit meinem Gemüt und zu bestaunen in allem Tun, dass ich mit allem Leben aus Deiner Güte geschaffen bin und zur Fülle Deiner Güte hin unterwegs sein darf, zusammen mit allem Leben. Amen