Und Gott sprach

  1. Mose 1, 1 – 13

1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

So einfach gesagt und doch so unfassbar weit und tief. Es gibt Sätze, vor denen stehe ich und weiß: Du kannst sie nie ausschöpfen, du wirst sie nie begreifen. Das ist so ein Satz. Er nimmt mir den Atem, ähnlich wie tausend Jahre später: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ (Johannes 1, 1 – 3)

Wer auch immer diesen Satz am Anfang geschrieben hat, er wollte keine Erklärung abgeben. Nicht sein Wissen demonstrieren. Er wollte nur eines: Sagen, dass diese Welt, in der wir leben, nicht aus sich selbst zu begreifen ist. Sich nicht selbst ins Leben gerufen hat. Sie verdankt sich. Gott. Er ist ihr Anfang. Berēschīt. Die Welt kommt von Gott her. Sie ist aber kein Ausfluss, kein Teil  Gottes. Er ist ihr immer gegenüber. Er hat sie geschaffen. Das Wort bārā für schaffen „ist ausschließlich zur Bezeichnung des göttlichen Schaffens aufbehalten.“ (G.v.Rad, Das Erste Buch Mose, ATD 2/4; Göttingen 1967, S. 37) Es ist unvergleichbar mit aller Kreativität, zu der Menschen fähig sind. Es ist nicht das handwerkliche Schaffen eines Uhrmachers, eines genialen Erfinders, eines wundervollen Komponisten. Es ist von völlig anderer Art. Das alles geht über mein Begreifen hinaus.     

 2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

            „Ursuppe“ sagen heute Forscher, wenn sie nach dem Ursprungsort des Lebens gefragt werden – und zucken, so denke ich, ein wenig hilflos mit den Schultern. „Urflut“, „Chaosmeer“ übersetzen andere, was bei Luther Tiefe heißt. Tohuwabohu  – wüst und leer, noch ohne jede Gestalt ist die Erde. Aber eben: Nicht nichts. „Während das absolute Nichts alttestamentlich nicht recht vorstellbar wird, vermitteln die Hinweise auf eine grausige Öde erst den rechten Eindruck von dem, was Schöpfung bedeutet: Wohlgestalt, Wohlordnung, Rhythmus. Leben.“ (H. Seebass, Genesis I, Urgeschichte (1,1-11,26), Neukirchen 1996, S. 66)  

Mit diesen sparsamen, kargen Worten wird angedeutet, dass die Erde immer auch von chaotischen Kräften bedroht ist. „Zu der grauenhaften Wüste und Öde kommt noch die unheimliche Finsternis, choschäch. Finsternis ist hier kein objektives Naturphänomen, sondern ebenfalls das Unheimliche.“ (HJ.Bräumer, Das 1. Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1983 S. 41) Die Erde ist nicht „heile Welt“, schon ganz am Anfang nicht. Da ist eben, als Teil der Wirklichkeit von Himmel und Erde chaotische Wirklichkeit, tohuwabohu, wie es sich im Tsunami, im Erdbeben, im Vulkan-Ausbruch, im Hurrikan oder Taifun oft genug Bahn bricht.  

Dass aber aus diesem Chaos, dieser Öde Leben wird, das mag auch damit zusammen hängen: der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Es ist ein Schweben, kein Ruhen, das eine Nähe zum Zittern hat, zum Vibrieren, auf Bewegen aus ist. Der Geist will nicht verharren bei dem, wie es jetzt ist.

 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Es ist der Satz, der sich durch die ganze Erzählung – oder ist es nicht vielmehr doch eine Art Liturgie? – hindurch zieht: Und Gott sprach. Alles, was jetzt folgt, was wird, ist Schöpfung aus dem Wort. In der prophetischen Botschaft klingt das so: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55, 10 – 11) Es ist die buchstäbliche Eigenart des Wortes Gottes, des Redens Gottes, das es Folgen hat, dass es wirkt, dass es zustande bringt, was es sagt. Schöpferwort, das die Welt ins Leben ruft.

Die Verbindung zwischen Gott und der Welt ist das Wort, nicht eine Wesensgleichheit. Auch nicht, dass die Welt oder der Stoff, aus dem sie gemacht ist, göttlich wäre. „Die einzige Kontinuität zwischen Gott und seinem Werk ist das Wort.“(G. v. Rad, aaO; S.39) Damit wird aber auch vom Anfang her festgehalten: Diesem Wort wird die Welt Antwort zu geben haben. Sie entsteht aus seinem Sprechen und bleibt auf sein Ansprechen angewiesen bis an das Ende der Zeit.

„In drei Werken der Scheidung entsteht die Welt, in der die Menschen leben; sie ermöglichen das Leben der Kreaturen auf der Erde.“ (C.Westermann, Am Anfang, 1. Mose. Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1986, S. 18) Hier also die Scheidung von Licht und Finsternis. Tag und Nacht. Es zeigt Gott als den Herrn der Schöpfung, dass er die Namen verleiht: Tag und Nacht. Die Namensgebung ist Herrenrecht.

Ohne Licht kein Leben. Das ist Wissen neuzeitlicher Naturwissenschaft so gut wie es das Wissen der alten Welt ist. Aber das Licht des Tages braucht als Gegenüber die Dunkelheit der Nacht. Das Licht wird aller Göttlichkeit entkleidet. Es ist von Gott „ins Leben gerufen“. Aber eben auch die Nacht. Ist die Finsternis noch bedrohlich, mit dem Chaos irgendwie verwandt, so ist die Nacht auch Zeit Gottes. Nicht nur, weil er sie so benennt. Sondern weil er ihr eine Aufgabe zuweist:

Du machst Finsternis, dass es Nacht wird;                                                                    da regen sich alle wilden Tiere,                                                                                         die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub                                                              und ihre Speise suchen von Gott.                                                                                     Wenn aber die Sonne aufgeht,                                                                                        heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.                                                 So geht dann der Mensch aus an seine Arbeit                                                          und an sein Werk bis an den Abend.                         Psalm 104, 20 – 23

Die Nacht ist die Zeit der Ruhe für den Menschen. Zeit, die Arbeit aus der Hand zu legen. Zeit, sich und die Welt Gott anzuvertrauen. Seiner Obhut.

Schließlich – auch das eine Wendung, die sich durch die ganze Schöpfung zieht: Und Gott sah, dass das Licht gut war. „Billigungsformel“ heißt das bei Exegeten. Gott ist einverstanden mit dem, was er sieht. Er hat sein Gefallen daran. Darum benennt er es auch. Erst mit dem Namen ist es gewissermaßen „fertig gestellt“. Mit dem Wechsel von Tag und Nacht, Nacht und Tag ist der Rhythmus der Zeit geboren, in Kraft gesetzt, in Gang. An diesem Rhythmus können wir nichts ändern, selbst wenn wir die Nächte taghell erleuchten.

 Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang.                                                       Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.                                                                    Dank für die Lieder, Dank für den Morgen,                                                                  Dank für das Wort, dem beides entspringt.                                                           J. Henkys 1987, EG 455

6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. 7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. 8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.

            Jetzt wird das Weltbild altertümlich. Es sind die Zeichnungen, die jedes Schulkind kennt, die hier Klarheit schaffen sollen: Die Erdscheibe und über ihr wie eine Art „Käseglocke“ der Himmel, die Feste, die das Wasser fernhält. Worauf es aber wohl ankommt: Die Erde ruht sicher auf dem Wasser unter ihr und behütet vor dem Wasser über ihr.

Wir sehen das anders. Die Welt ist uns keine Scheibe mehr. Wir haben gelernt, Weltbild und Bild des Glaubens zu trennen. Für uns gilt nicht mehr: „Glaube und Weltbild ruhen hier in einzigartiger Weise spannungslos ineinander. Es kann aber kein Zweifel sein, dass die Sätze in Genesis 1 primär Glaubensaussagen sind.“ (G.v.Rad, aaO; S.36) Aber: Auch wenn uns die Kosmologien unserer Zeit zu einem winzigen Sandkorn in der unendlichen Welt der Galaxien machen, wir bleiben darauf angewiesen, dass die Erde sicher ruht, dass den Wassern Grenzen gesetzt sind, dass der Erde Stabilität eignet.

Das ist das Zeugnis dieser Scheidung der Wasser und der Feste: „ Dass das Weltall nicht zusammenbricht, wie die Antike befürchtete, liegt am einzigartigen Gott und seinem Wort. Indem man bei ihm geborgen ist, ist man im Weltall geborgen.“ (H.Seebass, aaO; S.69) Mit dieser Scheidung ist auch der zweite Tag vollendet.

 9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. 10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.

Es folgt die dritte Scheidung – auf der Erde. Die Scheidung von Erde und Meer. Wenn man so will: Der Kreis der Handlung wird enger, konkreter, bestimmter. Die Wirklichkeit der Welt, in der wir leben, rückt immer mehr ins Blickfeld. Festland und Meer – so kennen wir die Welt. So ist es gut. In den Augen Gottes.

 11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. 12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Wieder steht am Anfang das Reden Gottes. Und Gott sprach. Dieses Reden aber löst jetzt Aktivität aus, Aktivität der Erde. „Sie ist zu einer mütterlichen Selbstbeteiligung an diesem Schöpfungsakt aufgerufen und ermächtigt. Hier mögen in der Tat uralte Gedanken über die Mutter Erde hineinragen.“ (G.v.Rad, aaO; S.42) Sie soll aufgehen lassen und sie lässt aufgehen. Einmal mehr: Wirksames Wort. Gras und Kraut und Bäume. Und, naturkundlich genau beobachtet: In den Früchten der Bäume ist ihr Same. Ein Prozess ist in Gang gesetzt. Entwicklung. Evolution. „Erschaffen und Entstehen schließen sich nicht gegenseitig aus.“ (C.Westermann, aaO; S.20) 

Auch hier wieder: Gut. Dass die Erde auf die Anrede Gottes hört und antwortet durch ihr Hervorgehen lassen, findet Gottes Zustimmung. Das Werden auf der Erde findet bei ihm Wohlgefallen. So wird der dritte Tag vollendet.

 

Gott, Du am Anfang, Du und Dein Wille, Du und Deine Lust am Leben.

Gott, ich lebe gerne. Ich wache gerne auf. Ich liebe den ersten Schritt eines neuen Tages. Ich freue mich am Licht der Sonne, am Glanz des Mondes, am Wind, der weht, am Regen, der erfrischt, am festen Boden unter den Füßen.

Gott, wie viel Lust am Leben hast Du hinein gegeben in Deine Schöpfung. Aber auch: Wie viel Schmerz ist hinein verwoben. Du hast von Anfang an gewusst,dass Du auch leiden wirst an Deiner Welt – und doch:Siehe –  gut.

Lehre uns, die Güte deiner Schöpfung zu entdecken und in ihr gütig zu leben, mit allem was lebt, aus Deiner Güte. Amen