Versucht – härter als wir

Matthäus 4, 1 – 11

 1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.

Matthäus erzählt nicht einfach vor sich hin. Er treibt in seinem „Erzählen“ Theologie. Er will uns verstehen lassen, wer Jesus ist. Was es mit ihm auf sich hat. Vor diesem Abschnitt steht die Proklamation durch die Himmelsstimme: „Dies ist mein lieber Sohn.“ (3,17) Jetzt wird es sich zeigen müssen, wie sich das verhält mit dem Sohn-Sein. Es ist der Geist, Gottes Geist, der ihn diesen Prüfungen aussetzt.

Der Teufel, διαβλος, ist nur der Ausführende. Er ist, wie auch sonst, kein gleichberechtigter, gleichwertiger Gegenspieler Gottes. „Matthäus denkt ihn sich als sichtbare Person…. Freilich wird er wie im ganzen Neuen Testament weder näher geschildert noch als Herr der Hölle vorgestellt. Auch bei Matthäus hört man den Teufel. Das Sehen wird nicht betont.“ (E.Schweizer, aaO.; S.33) Es ist ein Rechnen mit der Realität des Bösen, ob als Struktur, als überpersönliche Macht oder eben als Wirklichkeit, der sich der Einzelne gegenüber sieht, die mit dieser Vorstellung vom Teufel zum Ausdruck kommt.

damit er … versucht würde. Wir hören so etwas wie die Ankündigung eines Tests mit offenem Ausgang. Muss man diesen Weg so verstehen? Oder ist es nicht anders: Der Ausgang ist nicht offen. Der Weg, der mit der Taufe begonnen hat, soll bestätigt werden. Jesus auf dem Weg gestärkt. Durch das Bestehen dieser Versuchungen.

 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

            Es passiert erst einmal – nichts. Jesus fastet. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Wozu dieses Fasten dienen soll, wird nicht gesagt. Ob es ein Reinigungsfasten, ein Vorbereitungsfasten, ein Fasten in der Spur des Mose ist –  „Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte“(2. Mose 34,28) – zu allem schweigt Matthäus. Kein Wunder, dass ihn hungert, dass ihn dürstet. Es ist ein elementares Lebensbedürfnis, das hier sein Recht fordert.

Das ist der Gesprächseinstieg des Teufels: Er nimmt das Lebens-Bedürfnis auf und nimmt zugleich Jesus fragend bei dem, was er ist: Du bist doch der Sohn Gottes. Die tragende Wahrheit des Glaubens wird hier zum Ausgangspunkt gemacht. Nicht in Frage gestellt. Es wird verbunden mit der Behauptung: Du müsstest nicht hungern.

Modern gesprochen: Nimm doch deine Macht in Anspruch. Schöpfe dein Potential aus. Es ist doch nicht zum Ansehen: Da hat einer die Mög1ichkeit, aus Steinen Brot zu machen – und er hungert. Nimm doch deine Macht, die du als der Sohn Gottes hast und gebrauche sie ‑ zum Kampf gegen den Hunger, den eigenen und womöglich auch den der Menschheit.

 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Die Antwort Jesu geht an der Herausforderung vorbei. Keine Debatte über das richtige Verstehen der Gottes-Sohnschaft. Keine Korrektur: Ich bin das doch nicht. Auch keine Zustimmung: Du hast Recht. Sondern ein schlichtes Wort der Schrift. Er wehrt sich so, wie sich ein frommer Mensch wehrt, einer, der Gott vertraut. „Gott kann den Menschen erhalten, auch wenn das Brot gebricht. Durch Gottes Wort, Befehl und Willen.“(J. Schniewind, aaO.; S.30) Israel hat das erfahren in der Gabe des Manna, Elia durch die Raben am Bach Krit.

5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«

Wieder geht es um ein Lebens-Bedürfnis. Es ist nichts, was der Versucher erfindet. Gott hat uns so geschaffen, dass wir auf die Zustimmung anderer Menschen angewiesen sind, dass uns die Anerkennung anderer wohl tut. Und: Es gibt Taten, durch die man Anerkennung gewinnt. Taten, die andere zum Staunen bringen.

So eine Tat soll Jesus vollbringen mit dem Sprung von der Tempelzinne. Unglaublich werden alle sagen und niederfallen. Darauf rechnet der Versucher: Nimm doch deine Macht, die du als der Sohn Gottes hast und gebrauche sie ‑ zum Kampf gegen den Unglauben. Du brauchst doch nur das eine, unüberbietbare Wunder zu tun ‑ und alle Welt, wird Dir zufallen. Es ist die Verlockung des „missionarischen Erfolges“, die hier aufleuchtet. Das Wunder dient doch einem guten Zweck.

Der Versucher kennt sich in der Schrift aus. Er zitiert korrekt. Schriftkundig. Ganz nebenbei belehrt Matthäus seine Gemeinde: Nicht jedes Schriftzitat ist legitim. Und nicht jeder, der die Schrift zitiert, gebraucht sie richtig, ist deshalb „bibeltreu“. „Bibeltreu“ ist keine besondere geistliche Kategorie. Es geht um die Treue zu Gott. Und um den einfältigen Gehorsam.

7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Das zeigt die Antwort Jesu. Auch er zitiert die Schrift. Aber anders. Der Versucher will Jesus einreden, dass er alles an sich bringen kann ohne Gott. Er löst den Zusammenhang auf zwischen Gott und der Welt. Er tut so, als  könnte und müsste Jesus in dieser Welt ohne den Vater leben. Er tut so, als sei Jesus auf den Vater gar nicht angewiesen. Jesus dagegen bleibt in dem schlichten Gehorsam. Sich das Leben auf eigene Faust nehmen, sich das Ansehen auf eigene Faust sichern – das ist Gott versuchen. Sich als der Sohn Gottes darstellen ohne die Frage: Vater, was willst du? Das ist Gott versuchen.

8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Noch einmal ein Versuch, eine Versuchung. Diesmal unverhüllt. Der Fürst der Welt lässt die Maske fallen. Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Es ist sein Anspruch: Ich gebe dir die Welt. Seine Lüge. Spielt er sich doch auf, als sie die Schöpfung sein eigen. Als könne er darüber verfügen. Es ist die Versuchung der Macht, die sich hier zeigt. Verfügungs-Gewalt. Gestaltungs-Spielraum. Gestalten können nach dem eigenen Wunsch und Willen. Nicht erst fragen müssen nach dem Willen des Vaters. Sich selbst das Maß sein.  

10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

            Jesu Antwort: Gott allein genügt. Jesus will kein Leben an dem Vater vorbei. Jesus will kein Ansehen an dem Vater vorbei. Jesus will keine Macht an dem Vater vorbei. Er lebt aus der Klarheit und Wahrheit des Vaters. Er geht seinen Weg in diesem festen Willen: Ich will nichts tun als was der Vater will. Ich will nichts an mich bringen als was der Vater mir gibt. Ich will keinen anderen Weg gehen als ihn mir der Vater zeigt. Anbetung allein Gott. Wieder ist es eine Antwort, wie sie jeder Jude geben kann, der sich in der Schrift gebunden weiß, der in ihr seine Wegweisung findet. Jesus begegnet, so könnte ich sagen, dem Versucher als frommer Jude.

Dreimal wehrt er ab – und  in allen drei Antworten Jesu geht es nur um eines: Jesus wehrt die Versuchungen ab, weil sie das 1. Gebot zerstören würden.  „Der „wahre Gott“ begegnet uns also in dem, der die Menschenmaß übersteigende Versuchung, „wie Gott zu werden“, Macht zu besitzen und Erfolg zu buchen, abgewiesen und sich damit als „wahrer Mensch“ erwiesen hat.“ (E. Schweizer, aaO.; S.35) Er will nicht Sohn  Gottes auf Kosten Gottes sein!

11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Der Teufel räumt das Feld. Da traten die Engel zu ihm und dienten ihm. Als Jesus sich so in den Willen Gottes geborgen hat, erfährt er die Gegenwart der Engel Gottes. Ihren Dienst. Er bekommt, was er braucht: Das Leben und das Ansehen und auch die Macht – die Macht, die schließlich den Tod zerbricht.

Ich lese vor allem diesen letzten Vers wie ein Versprechen für uns. Wo wir den Versuchungen standhalten, das Leben auf eigene Faust an uns zu bringen, da werden wir es auch erfahren: Die Engel Gottes treten in unser Leben hinein und dienen uns. Wir kommen nicht zu kurz, wenn wir Gott vertrauen und auf das eigenmächtige Leben verzichten.

Was sich in diesen drei Begegnungen abspielt, das ist nur ein Auftakt: Die Versuchungen wiederholen sich im Leben Jesu – in der Speisung der 5000, wo in den Menschen der Wunsch entsteht: Jesus soll unser König werden. Dann ist das Brotproblem der Welt gelöst. Sie wiederholen sich in der Aufforderung an den Gekreuzigten: Steig vom Kreuz herab und wir wollen dir glauben. Sie wiederholen sich in der Erwartung der Jünger: Richte dein Reich auf, in dem Frieden und Gerechtigkeit regieren, in dem die Macht der Welt zum Guten gewendet wird.

Die Frage an Jesus: Bist Du der gehorsame Sohn oder bist du der, der seine Möglichkeiten verwirklicht, aus der eigenen Machtentscheidung heraus – sie geht mit ihm mit und sie muss immer neu von ihm beantwortet werden.

 

Du Jesus, hast widerstanden. Du hast Dich nicht verführen lassen. Du bist der gehorsame Sohn geblieben, der nichts sucht als den Willen des Vaters, die Ehre des Vaters, die Einheit mit dem Vater.

Du Jesus, hast Dich nicht von Gott weg locken lassen durch das Versprechen eigener Größe, durch den Appell an den eigenen Glanz, durch das Versprechen der Macht für Dich allein.

Du hast die Ehre des Vaters gewahrt. Du bist der Sohn, der in der Einheit mit ihm bleibt, der sich durch nichts von ihm trennen lässt.

Deshalb auch kann ich es glauben: Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, die Du uns zugesagt und zugewendet hast. Amen