Kindermord damals wie heute

Matthäus 2, 13 – 23

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach:

              Die Weisen sind gegangen. Josef, von dem in der Begegnung mit den Weisen keine Rede war, ist aber da. Es fällt mir auf, dass in der Geburtserzählung des Matthäus Josef eine weitaus aktivere Rolle einnimmt als Maria, im Unterschied zum Lukas-Evangelium. Josef also empfängt erneut einen Traum und im Traum einen Engel. Nicht irgendeinen Allerwelts-Engel, sondern den Engel des Herrn. Diese so bestimmte Formulierung wirkt wie ein Rückverweis in alt-testamentliche Erzählungen. “Und der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Eiche bei Ofra; die gehörte Joasch, dem Abiësriter. Und sein Sohn Gideon drosch Weizen in der Kelter, damit er ihn berge vor den Midianitern. 12 Da erschien ihm der Engel des HERRN” (Richter 6,11-12) Es hat also Tradition: Gott selbst nimmt sich durch seinen Boten seiner Leute an, hier des Josef und seiner Maria und des Kindes.

 Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. 14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Ein Befehl zur Flucht. Zum Ausweichen vor dem Unheil. Ausgerechnet nach Ägypten. Dorthin, wo Israel 400 Jahre in der Knechtschaft war. Dorthin, wo die Flucht von Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 in einem Desaster geendet ist. Aber angesichts der Mordpläne des Herodes ist sogar Ägypten besser als tapferes, aber sinnfreies Bleiben.

Und wieder der Gehorsam aufs Wort und auf der Stelle. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten. Keine Diskussion, kein Warum, kein Wenn und Aber. Schlichter Gehorsam. Noch in der gleichen Nacht.

Es wird eine lange Zeit in Ägypten. Bis nach dem Tod des Herodes. Matthäus deutet diesen Weg und dieses Bleiben mit Hilfe des Hosea-Zitates. Das bezieht sich ursprünglich auf Israel als den „Sohn Gottes“ auf den Auszug aus Ägypten. Matthäus aber sieht es als eine Prophetie, die nicht schon mit dem Auszug unter Mose erfüllt worden ist, sondern die über die Zeit der Jahrhunderte hinweg hindeutet auf den Weg Jesu.

Es ist der Plan Gottes, der sich hier erfüllt. Das signalisiert das griechische Wort πληρόω. Kein Zufall, sondern schon vor langer Zeit im Blick Gottes. Auch das ist wichtig: Hier ist vom „Sohn“ die Rede. υἱός. Das ist der einzige „Hoheitstitel“ Jesu, den Matthäus in diesem Kapitel verwendet. Von daher hat er besonderes Gewicht. „In Jesus wiederholt und vollendet sich der Auszug aus Ägypten“(U. Luz, aaO.; S.129) Der Sohn Jesus vollendet den Weg des Sohnes Israel.

16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. 17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): 18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Jesus ist in Sicherheit. Der Blick wird jetzt wieder nach Bethlehem gerichtet. Herodes fühlt sich betrogen. Ist er es denn wirklich? Aber er wütet und lässt seinem Wüten freie Bahn. „Die Grausamkeit des Herodes ist sprichwörtlich gewesen. Drei Söhne ließ er hinrichten und zu seinem Begräbnis hätte aus jeder Familie einer getötet werden sollen, damit man auch wirklich trauere.(E. Schweizer, aaO.; S.21) So einem Scheusal ist alles zuzutrauen, wenn es darum geht, den eigenen Thron zu sichern. Auch wenn wir für diesen Kindermord keine außerbiblischen Quellen haben. Herodes macht aus dem Brothaus Bethlehem ein Klagehaus.

Es fällt auf: Matthäus erzählt, durch sein Zitat, von der Klage um diese Kinder. Aber er scheint keine Frage damit zu verbinden. Was das denn ist, dass Jesus gerettet wird und so viele unschuldige Kinder sterben? Womöglich sterben müssen an seiner Statt? Ist das nicht wie eine absurde Umkehrung dessen, was später von ihm gesagt und erzählt wird: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“( 20,28)

Es könnte aber auch sein, dass es genau das ist, was Matthäus sagen will: Wo immer Menschen diesem Werk der Erlösung, das Gottes Werk ist, aus eigenem Interesse widersprechen, da fließen Ströme von Blut, von unschuldigem Blut.

Ich lese diese Worte am Stephanus-Tag, dem Tag der unschuldigen Kinder. In einem Jahr, in dem Boko Haram hunderte Mädchen verschleppt hat. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt.  Ich lese die Worte in dem Jahr, in dem im Gaza-Streifen Kinder zu Opfern von israelischen Raketen geworden sind. In dem Jahr, in dem die IS Kinder vor den Augen der Eltern ermordet hat, aus dem einen Grund, weil sie Kinder von Christen waren. In dem Jahr, in dem weltweit immer noch Millionen verdient werden mit dem Geschäft, das mit Nackt-Bildern von Jungen und Mädchen gemacht wird, in dem Jungen und Mädchen verkauft werden, versklavt. Ermordet an Leib und Seele. Herodes hat viele Nachfolger gefunden bis in unsere Zeit heute.

19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten 20 und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.

Es folgt der dritte Traum des Josef. Die dritte Botschaft des Engels des Herrn an ihn. Ich wüsste keine andere biblische Gestalt, die so häufig dieser direkten Wegweisung gewürdigt wird.  Josef ist einer, der in besonderer Weise durch den Engel geleitet wird. Diesmal mit dem Befehl zur Rückkehr. In das Land Israel. Nur hier begegnet im ganzen Neuen Testament dieser Ausdruck. Jesus kehrt „in das Land des Volkes zurück, dem seine Sendung gilt.“(U. Luz, aaO.;S.130) 

 

            Die Gefahr ist vorüber. Herodes ist tot. Was für ein nüchterner Satz: Sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben. Es werden sich später andere finden, die ihm nach dem Leben trachten. Die Rückkehr nach Israel ist keine Rückkehr in eine harmlose Idylle.

21 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land 23 und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.

               Auch die Ortswahl bei der Rückkehr erfolgt auf göttliche Weisung. Ein letztes Mal empfängt Josef einen Traum, der ihm hilft, seinen Weg zu finden. Diesmal ins „Galiläa der Heiden“ (Jesaja 8,23). Wieder geht es darum, dass sich alte Worte erfüllen.

Welche Propheten-Worte das sind, ist schwierig zu entscheiden. „Möglich ist, dass das (griechische) Wort „Nazoräer“ an unserer Stelle aus dem Anklang an das griechische nasiraios gebildet ist, welches den Gottgeweihten, den „Nasiräer“ (Richter 13,5.7) bezeichnet, während es gleichzeitig für den jüdischen Hörer die Wiedergabe des aramäischen nasrājā , abgeleitet von Namen der Stadt Nazareth (aramäisch nāsrat), bedeutet.“ (J. Schniewind, aaO.; S.20)

Alle diesen etwas komplizierten Überlegungen zeigen: Matthäus zitiert nicht nach unseren heutigen Regeln, sondern folgt den Zitat-Regeln seiner Zeit, die wir nur zum Teil kennen.

 

Jesus, Du Flüchtlingskind, vor dem Wüten des Königs geschützt, in Ägypten verborgen, aus Ägypten gerufen, zurück in das Land der Väter, Heimkehrer.

Jesus, Du stehst unter dem Plan Gottes von Anfang an, geschützt, erwählt, verschont, bis die Zeit kommt, in der Du zum todgeweihten Gottgeweihten wirst, preisgegeben und doch auch im Sterben noch aufgehoben.

Jesus, ich sehe Dich an. Ich danke Dir für Deinen Weg. Amen